Das Privileg, schlank zu sein
Ich mache selten Sport, quasi nie. Im letzten halben Jahr war ich vielleicht 4 oder 5 mal joggen, das war’s. Ich gehe nicht mal oft spazieren. Ich bin in keinem Sportverein. Mit Bällen kann ich überhaupt nicht umgehen. Kraftsport ist mir zu anstrengend. Schwimmen zu aufwändig. Tanzen zu teuer. Ich habe meistens keine Lust, mich großartig zu bewegen. Ich habe null Interesse daran, irgendwelche Muskeln aufzubauen. Und das, obwohl ich meistens den ganzen Tag vor dem Computer sitze – erst zum Arbeiten, dann zur Entspannung. Am Abend bin ich meistens trotzdem müde.
Anders gesagt: Ich bin faul! All diese Verhaltensweisen sind gesellschaftlich absolut akzeptiert – weil ich schlank bin. Tip: Lies den oberen Absatz zweimal, und stell dir dabei einmal eine schlanke und eine dicke Frau vor.Tatsächlich sind die meisten Leute absolut überrascht, wenn sie von meiner Unsportlichkeit erfahren, da sie automatisch annehmen, dass ich irgendwas tue, “für meine Figur”. Tatsächlich ist mein Körperbau jedoch genetisch bedingt und hat mit Fitness nichts zu tun.
Dies ist bei vielen dicken Menschen auch so. Bei ihnen wird es gesellschaftlich jedoch nicht akzeptiert, wenn sie nie Sport machen und stattdessen am liebsten vor dem PC oder TV sitzen. Oder sich normal ernähren, was eben auch Chips und Eiscreme mit einschließt. Noch dazu tritt der gleiche Effekt auf wie bei mir: Die Menschen sind überrascht, wenn sie hören, dass eine dicke Person Sport treibt. Denk mal über den Klang der Worte “faul und schlank” und “faul und dick” nach.
Wir leben in einer Welt, in der theoretisch jede.r schlank sein kann, er/sie muss nur etwas dafür tun. Wir denken, dass Menschen schlank sind, weil sie Sport machen, und dick sind, weil sie keinen Sport machen. Das gleiche gilt natürlich für die Ernährung. Aber ich denke mir: Wenn es Menschen gibt, die einfach so schlank sind, ohne “was dafür zu tun”, gibt es auch Menschen, die einfach so dick sind, egal wie viel “sie dagegen tun”.
Nun ist es aber eigentlich egal, ob der Körperbau genetisch bedingt ist. Auch wenn wir in einer Welt leben würden, in der die Figur zu 100% durch Fitness und Ernährung beeinflussbar wäre, haben dicke Menschen trotzdem nicht die “Pflicht”, abzunehmen.
Nicht ihrer Gesundheit zuliebe.
Nicht wegen Beziehungspartner.innen.
Nicht wegen der Gesellschaft.
Dicke Menschen haben das Recht, so dick zu sein, wie sie sind. Dünne Menschen haben das Recht, so dünn zu sein, wie sie sind. Alle haben das Recht, mit dem Körper, den sie haben, unbehelligt herumzulaufen, und dafür nicht kritisiert oder diskriminiert zu werden.
Diese Diskussion habe ich sogar mit progressiven Freund.innen. Oft wird zwar das Argument akzeptiert, dass es ja Menschen gibt, die zb. auf Grund von Medikamenten (Antidepressiva, Hormone etc) zunehmen. Das sind dann “tolerierte Dicke”, denn die können ja nichts dafür. Klasse Einstellung! Welche Ursachen ihrer Figur zugrundeliegen, wusstest du aber nicht, als du dich über die fette Frau im Edeka lustig gemacht hast.
Deshalb ist es auch scheißegal, warum jemand die Figur hat, die er/sie hat. Was zählt, ist, wie wir uns gegenseitig behandeln. Und dass sich schlanke Menschen bewusst werden, welches große Privileg sie haben.