Steig
Der Parabolensteig ist ein Meisterwerk der Architektur und Ingenieurskunst. Das hebt ihn in nichts unter den tausend kleinen Meisterwerken hervor, die wir täglich in die Hand nehmen, zerstören, und wegwerfen, aber seine schiere Größe ist eine Tatsache, die ein ganzes Wulst an Instinkten weckt: Verblüffung. Respekt. Interesse. Verlorenheit. Bewunderung. Namenloser, stummer Terror. All das und mehr, manchmal selbst bei Leuten, die ihn täglich sehen. Wäre der Steig eine Brücke, so wäre er sicherlich die größte der Welt, reicht er doch von einem der Tore bis zum Konzentrischen Rathaus. Aber alle Flussläufe der Stadt sind, natürlich, seit langem unter die Erde verlegt worden, sodass der Parabolensteig gar keinen Versuch unternehmen muss, diesen Titel zu beanspruchen. Er ist einfach, eine Unmenge von Stahl und gehärtetes Messing, die, nur an zwei winzigen Punkten mit der Erde verknüpft, die trotz und wegen seiner schieren Ungeheuerlichkeit aus einiger Entfernung so fein wirkt wie ein Spinnenfaden. Als Transportweg ist der Steig von begrenzter Nützlichkeit. Seine Form macht zwei steile Treppen an jedem Ende notwendig, die fast unmerklich abflachen, bis es in der Nähe des Gipfelpunkts schwierig wird, zu bestimmen, ob man sich noch aufwärts oder schon abwärts bewegt, ob die Konstruktion schwankt oder man selbst, ob es nicht Sünde ist, so hoch zu steigen.... da setzt man Fuß auf den höchsten Punkt und die Helligkeit und die Höhe und die Aussicht dringt unter Hammerschlägen auf einen ein und für einen langen Moment scheint es, man ist der Schwerkraft entkommen und wird für immer fliegen. Und was für eine Aussicht das ist! Wenn auf den neurotischen Stadtbewohner die schützende Stadtmauer sonst wie ein Pferch wirkt, die allzu vertrauten Straßen wie der Boden tiefer Schluchten, die Häuser wie undurchdringliche Festungen und die Fabriken wie überlriechende Ungetümer, so wirkt aus dieser Höhe alles wie Uhrwerk, wie eine feine Maschine aus feineren Teilen, jedes gefertigt für einen geheimen und nun offensichtlichen Zweck, ineinandergreifend, voneinandergehend, miteinanderwirkend... Oh, die nadelfeinen Rauchsäulen aus den Bienenstöcken, in denen sich die Menschheit schichtweise in schwach pulsierenden Träumen wiegt! Oh, die Mäuler der unterirdischen Schlachthöfe, aus denen sich ein unregelmäßiger Strom aus Wagen schiebt, in die bereits stockenden Venen der Stadt pumpt! Oh, die Industriestraßen, wo selbst das Straßenpflaster noch ein Dach für eine Fertigungshalle ist, wo die Schornsteine sich mit Straßenlaternen abwechseln! Oh, die tausenden verlorenen Gestalten in den Straßen und ihr sorgsam gelenkter Schritt! Oh, die ausgebrannte Öde jenseits der Stadtmauern! Oh, die ewig wechselnden Zeichen, die die flackernde Straßenbeleuchtung in die verwinkelten Gassen unter dem Bogen schreibt! Bevor man aber sich diese Zeichen näher ansehen kann, sind die Hintermänner und -frauen auf dem Parabolensteig so dicht herangekommen, dass sie einem schon fast in die Hacken treten. Der Steig ist auch gar nicht weit, gerade breit genug, dass zwei, drei Leute nebeneinander laufen könnten. Also stolpert man weiter, und nun geht es bergab, erst langsam, dann steil, das aufregende Gefühl in eine Stadt hineinzutauchen, in die schmutzigeren Lichter und das schmutzigere Pflaster. Und etwas später steht man wieder auf besagtem Pflaster, mit schmerzenden Knien und außer Atem und so voller unspezifischer Emotionen, dass man am besten nicht zu lange allein bleibt. Apropos Sicherheit, das hüfthohe Geländer des Steigs macht ihn, verglichen mit anderen architektonischen Wundern der Stadt, sehr sicher. Für den gelegentlichen Selbstmord (oder gar Mord) ist ein Auffangsystem auf Drahtbasis vorgesehen, dass leider seiner Aufgabe nicht völlig angemessen ist, ja sogar von jemandem entworfen worden sein muss, der wenig Ahnung von menschlicher Anatomie oder vielleicht Humor hat. Anwohner verlassen ihre Häuser selten ohne einen soliden Regenschirm.















