Entschlackung
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*trommelwirbel*
Entschlackung!
Gut, es waren gerade mal sieben zu vier Stimmen. Wenigstens weiß ich jetzt, dass zumindest elf Leute aktiv mein Geschreibsel verfolgen. Außerdem müssen Fans der Reflexzonenmassage jetzt nicht traurig sein. Ich werde mich selbstverständlich demnächst auch diesem Thema widmen. Aber zuerst:
Entschlackung: Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal von Schlackenstoffen und Entschlackungskuren gehört habe. Ich weiß aber, dass das schon lange her ist. Auf jeden Fall war das schon vor meinem Studium und da auch Ärzte irgendwelche Fastenkuren zur Entschlackung anbieten, war ich sehr wohl daran interessiert, im Medizinstudium mehr über diese mysteriösen Schlackenstoffe zu erfahren. Erstes Semester, Anatomie: Naja man erfährt was von der Lymphe und dass es dafür extra Leitungen und Bahnen gibt, die letztendlich in unserem Venensystem Enden. Also werden das wohl nicht die Schlacken sein, die man über irgendwelche Darm- oder Schwitzkuren loswerden soll. Zweites Semester, Präparierkurs und Biochemie: Mehr Anatomiewissen und mehr Wissen über die ganzen Stoffe in uns drin und wie sie auf molekularer Ebene funktionieren. Ich lernte zwar, dass wir verschiedene Stoffe erst in der Leber umwandeln müssen, damit wir sie losbekommen. Auch, dass das mal leicht, mal schwerer ist. Aber Schlacken und Giftstoffe, die der Körper alleine nicht losbekommt? Fehlanzeige! Fünftes Semester, Toxikologie: Wieder nur Gifte, die eventuell von außen kommen, die aber unser Körper meist von alleine losbekommt. Okay, es gibt Schwermetalle und Stoffe die sich in unserem Körper ablagern und die Probleme verursachen können, wenn wir zu viel davon abbekommen. Aber wird man sie mit einem Einlauf oder der richtigen Diät in zwei Wochen los? Nein, dazu braucht es schon andere Kaliber, Stichwort: Chelatbildner. Außerdem sind wir nicht flächendeckend von irgendwelchen Metallvergiftungen bedroht, auch wenn das manche, sogar Ärzte, gerne behaupten. Aber wieso foltern sich dann Menschen freiwillig (Ja, ich finde ekelhafte Getränke, Darmeinläufe und extreme Diäten sind Selbstfolter) um diese nicht vorhandenen Schlacken loszuwerden? Mein Antwort auf diese Frage, ermittelt durch die Kombination von Erfahrung und Recherche: Geldmache durch Leichtgläubigkeit und fehlende Bildung! Der Begriff Schlacke stammt aus der Industrie. Verbrennungsrückstände, insbesondere von Kohle und Koks (Nicht die Droge Kokain), werden so genannt. Im Englischsprachigen Raum spricht man häufig von "Detox" und meint dasselbe. Auch das alte hinduistische Ayurveda kennt das "Panchakarma" bei der es um die Reinigung des Körpers geht. Aber nur weil ein Konzept sehr alt ist, heißt das nicht, dass es richtig ist. Leider haben das unglaublich viele Menschen auf der Welt noch nicht verstanden. Es wird auch seltenst genau definiert, was denn diese Schlacken sein sollen. Man liest meist nur was von "Giftstoffen", "Abbaustoffen" und "Stoffwechsel-Müll". Otto Buchinger, der Erfinder einer Fastenkur, verwendete vermutlich das Wort "Schlacke" als erster in Verbindung mit vermeintlich schwer auszuscheidenden Stoffen. Und da haben wir es auch schon. Wenn man eine Fastenkur erfindet, will man für dieses "Wissen" ganz sicher eine Gegenleistung. Ob das Ganze überhaupt etwas bringt, ist oft erst einmal zweitrangig. Ich will Buchinger nicht als einzige Motivation unterstellen, Geld zu verdienen. Er war selber von seiner Therapieform überzeugt, sie soll ja bei ihm selber auch Wunder gewirkt haben. Das waren damals auch noch andere Zeiten, vor allem in Bezug auf die Medizin. Da steckte man selbst Anfang des 20. Jahrhunderts noch halb im Mittelalter. Aber genau deswegen ist - und ich schreibe es gerne nochmal - vor allem in der Medizin, etwas Altes selten besser als das Aktuelle. Heutzutage werden unglaublich viele und meist teure Produkte und Kuraufenthalte mit dem Versprechen verkauft, das einzig wahre Entschlackungsmittel zu sein. Meist wird das dann eben mit Sprüchen wie "Schon Oma Heidrun wusste…", "Vor tausenden Jahren im Takatukaland…" oder "Unsere Vorfahren in der Steinzeit…" beworben. Ihr versteht, was ich meine! Auch werben die Erfinder und Hersteller von Entschlackungsprodukten meist mit der Linderung von ziemlich unspezifischen Symptomen, die jeder mal hat: Wer ist nicht, immer mal wieder, ein bisschen Aufgebläht? Wacher könnte man eigentlich auch sein und mir fallen manchmal die einfachsten Worte nicht mehr ein. Schlimmer wird es da, wenn ernsthafte Erkrankungen wie Krebs und Rheuma mit einem Zuviel an Schlacken erklärt werden. Absoluter Bullshit und ethisch ein No-Go, hier mit den Sorgen und Ängsten von ernsthaft erkrankten Menschen, Geld machen zu wollen!
Der gesunde Mensch, kriegt eigentlich alles, was er loswerden muss, um gesund zu bleiben, auch wieder los. Es gibt Stoffwechselstörungen, die dafür sorgen, dass manche Menschen bestimmte Stoffe nicht richtig ausscheiden können und/oder sich die Stoffe dann an bestimmten Orten ablagern. Ebenso gibt es Ablagerungen von Kalk und Cholesterin in den Gefäßen, von Harnsäure bei der Gicht oder diversen Stoffen im Nervensystem bei sogenannten neurodegenerativen Erkrankungen. Dies sind - wie bereits erwähnt - entweder angeborene Stoffwechselerkrankungen oder haben eher damit etwas zu tun, was wir konsumieren bzw. wieviel wir uns bewegen. Ob Entschlackungskuren gegen diese Ablagerungen helfen, ist aber weder bewiesen, noch wahrscheinlich. Es gibt Hinweise für positive Effekte von Fastenkuren. Dazu ein paar Gedanken: Die meisten Fastenkuren beinhalten eine geringe Kalorienzufuhr. Dass bei einigen Menschen (leider zu vielen, BMI >25) eine negative Kalorienbilanz (sprich: Abnehmen) Gutes bewirkt, sollte klar sein. Leider hat eine kurze Fastenkur, ohne wirkliche Lebensstiländerung, auf Dauer ziemlich wenig Effekte. Außerdem, verlieren die Fastenden am Anfang ihrer Strapazen vor allem Eines: Wasser. Dass man sich während einer Fastenkur besser fühlt, kann durch mehrere Effekte erklärt werden: Zum einen, befindet sich der Körper im Stress und das kann dabei die Hirnchemie und dadurch die Stimmung ganz schön durcheinanderbringen. Bei sehr vielen entsteht eine positive Grundstimmung. Zum anderen, sind viele professionelle Fastenkuren mit Achtsamkeitsübungen und weiteren Programmpunkten wie z.B. Wanderungen gespickt. Diese haben an sich schon positive Effekte auf die Gesundheit und das psychische Wohlbefinden. Mein Fazit zu Fastenkuren: Wieso nur ein kurzer Urlaub vom schlechten Leben, wenn man gute Aspekte wie gesunde Ernährung, genügend Bewegung und Achtsamkeit auch einfach in sein alltägliches Leben einbauen kann? Eine Kur bring langfristig sehr wenig. Eine Lebensstiländerung ändert sehr viel! Andere sogenannte "Ausleitende" Verfahren werden auch oft zur "Entschlackung" verwendet. Beispiele: Selbst herbeigeführte Durchfälle durch Abführmittel (auch durch "natürliche" Quellstoffe wie Flohsamenschalen), Einläufe, blutiges Schröpfen, Aderlässe und so weiter. Auch wenn dem Mikrobiom (Also der Gesamtheit und Zusammensetzung unserer Bakterien) im Darm viele Funktionen und auch Krankheitsauslösung zugesprochen werden, werde ich daran durch Einläufe und Durchfälle wenig ändern können. Die Zusammensetzung unserer Darmkeime ist sehr komplex. Das Mikrobiom reagiert schon auf äußere Einflüsse, hierbei langfristig aber eher darauf, was wir essen. Vereinfacht gesagt: Wenn ich den richtigen Bakterien ihr Lieblingsessen serviere, vermehren die sich besser, als die Anderen. Das kann nachweislich positive Effekte haben und diese "Methode" - also gesunde Ernährung - ist doch deutlich angenehmer als irgendwelche Selbstfolter. Von Aderlässen (bis auf bei zwei bestimmten Erkrankungen) oder dem blutigen Schröpfen halten ich und auch die moderne Medizin ziemlich wenig. Sie schwächen den Körper und basieren auf alten, absolut falschen Vorstellungen unserer Körperfunktionen (Stichwort: Säftelehre). Wieso schwören dennoch viele auf solche Selbstgeißelungen? Jedes Verfahren, jede Therapie hat einen Placeboeffekt. Ob es nun die Betablocker Therapie bei Bluthochdruck, die Knie-OP oder der Darmeinlauf ist. Bei Allen bewirken - einfach gesagt - körpereigene Regulationsmechanismen, gesteuert durch die Psyche und Erwartung, einen Effekt auf die wahrgenommenen (z.B: weniger Schmerzen) oder messbaren (z.B. niedrigerer Blutdruck) Symptome. Der Placeboeffekt ist übrigens bei invasiven Methoden, also zum Beispiel eben ein Einlauf, eine Operation oder alles mit Piksen und Schneiden, deutlich stärker, als bei einer Medikamententherapie. Von Detoxprodukte, die meist ziemlich teuer sind, die ihr dann täglich zu euch nehmen sollt, mit allerlei Inhaltstoffen aus allem Möglichen, rate ich auch entschieden ab. Mal davon abgesehen, dass sie meist keinen echten wissenschaftlichen Nachweis für irgendwelche positiven Effekte auf die Gesundheit haben, also im Endeffekt nur euren Gelbeutel erleichtern. Diese Heiltees, Pulver oder Tabletten können langfristig auch schaden. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung und wenn ich unbedacht irgendwelche "Wirkstoffe" in mich hineinschlürfe, laufe ich Gefahr, dass mein "Detox-Drink" auf Dauer selber toxisch wird.
Übrigens: Ihr merkt, dass das ganze Thema "Entschlackung" wissenschaftlich gesehen kompletter Blödsinn ist. Hinzu kommt aber, dass die Fans das ganze meist auch noch mit einem anderen, ebenso pseudomedizinischen, Thema, nämlich der "Übersäuerung", munter durcheinandermischen. Dazu hier mehr Informationen.
Also, bevor ihr euch das nächste Mal denkt: "Ach, mir könnte es auch besser gehen!" Reagiert ihr nicht mit: "Ich glaub, ich kauf mir jetzt einen Detox-Shake und geh auf eine Fastenkur!" Sondern: "Ich gehe jetzt eine Runde Spazieren oder Laufen und gönne mir danach was Gesundes und Leckeres und überlege mir in aller Ruhe welche gute Gewohnheit ich in mein Leben einbauen könnte!" Kostet weniger und bringt - nachweislich - deutlich mehr!
Grüßle und bleibt gesund! Mark













