UND ICH HALTE AN MIR FEST
Eyh, lasst mal euren Abriss sein, ich hol’ dafür die Segel ein.
Die in tausend grün- braunen Farbtönen erscheinende, ledrig und von tiefen Furchen durchzogene Rinde erinnert an das gezeichnete Gesicht jener Matrosen, die so lange freie Gefangene des Meeres waren, dass sie auf dem Land uneingeschränkt als fremd gelten. Es erscheint ironisch, dass der Baum, der sich auf der Ebene so mächtig auftut, der Welt so schutzlos ausgeliefert ist. Während sich die Krone, aus tausenden kleinen Blättern bestehend, wie ein Sternhimmel, ganz sanft im Wind der einkehrenden Nacht wiegt und sich scheinbar ausbalanciert, schleichen sich am Horizont die täglich wiederkehrenden Gewitterwolken an. Die Luft riecht nach einem merkwürdigem Nichts, man erahnt höchstens einen metallischen Hauch und es ist einer dieser Momente, in denen alles zu vibrieren scheint, der Baum aber dennoch in verzweifelter Hoffnung in die Höhe ragt. In der Ferne, am höchsten Punkt des vor mir liegenden, seltsam diesig erscheinenden Hügel, scheint sich die Gewitterfront in den Armen der tausend schwarzgrünen Fichten, die vollkommen teilnahmslos und gleichgültig erscheinen, zu verfangen und aus ihnen Kraft zu saugen. Auf merkwürdige Art trübt der Baum, der sich vielleicht sogar seines Störfaktors bewusst ist, die glatte Postkartenidylle, so sind seine Äste doch so merkwürdig geformt und irgendetwas scheint das Blätterdach nach unten zu ziehen, entgegen der sich ins unendliche wiederholende Form der Fichten, die so kerzengerade gen Himmel gewachsen sind. Und dann segelt, wie in Zeitlupe, ein winziges Blatt, durchzogen von tausend Adern, ganz langsam vor meine Füße. Die Träne verklebt den staubigen Boden. Und ich halte an mir fest.
Erwachsen sein heißt auch hinfallen, verwachsenen Konflikten verfallen,
manchmal im Chaos der Welt verhallen, niemandem unbedingt gefallen.
Sich im strukturellen Niemandsland bewähren, vor allem sich selbst beweisen,
dass Entgleisen zu neuen Wegen führen kann, auf niemals endenden Reisen.
Das Wissen, dass wir keiner Formel folgen, ein Plus gleichzeitig Minus sein kann,
unser Konstruktivismus zu inneren Explosionen führt, wir Gefangene im ewigen Bann
der Selbstzweifel unter aufgezwungenen Erwartungen sind, die Unendlichkeit entlang.
Während des Gewitters ist der Himmel einerseits ganz rot und unendlich, aber anderseits fast schwarz und flüchtig, und ich stehe im stürmischen Regen, irgendwie verlegen. Was ist denn gerade beobachtete Natur und was nur noch konstruiertes Motiv? Der Nässe trotze ich alleine, das ist gewiss, aber du, gestehe dir doch mal deine Illusionen ein. Alle versuchen nur laut zu schreien, um die Stille zu füllen und dann irgendwann, wenn diese nicht übertönt werden kann, dann ist es soweit: es donnert, blitzt und alles bricht über dir zusammen. Bis dahin betrachtest du mich mitleidig, wie meine Krone vom Wind gepeitscht, vom Hagel zerschlagen und sich meine eigentlich so starken Wurzeln einen verzweifelten Kampf mit dem immer stärker werdenden Wind liefern. Aber ich weiß, wie der Löwenzahn niemals zufrieden ist, sein sattgelbes Kleid aufgibt, um danach in tausend Stücke gerissen zu werden und ich dann nur dabei zusehen kann, wie seine Hoffnung auf fruchtbaren Boden enttäuscht wird. Ich erscheine vielleicht rational, aber das gibt Kontrolle, denn so weiß ich, wer ich bin. Bin ich wirklich ein Baum? Und ich halte an mir fest.
Doch ein Sonnentanz, den man alleine tanzt, ist ein trauriges Vergnügen,
denn pflanzt du glücklich eine Saat, die nicht keimt, musst du dich schon selbst betrügen,
um von einem Erfolg zu sprechen, denn es erfordert Kraft, etwas umzupflügen,
in dem Hoffnung liegt und so tendiert man zu verlogenen Höhenflügen.
Und alle Vernunft verstummt unter euren Blicken, neue Keime beginnen einzuknicken,
sämtliche Unabhängigkeit erscheint mir erlogen und in eurer Anwesenheit zu ersticken,
ich bin plötzlich so verdammt verletzlich und schaffe es nur, mir selbst hinterherzublicken.
Der Himmel bricht auf, die einzelnen Sonnenstrahlen werden plötzlich sichtbar, erscheinen mattweiß, aber leuchten dennoch und teilen den weiten Himmel in symmetrische Felder. Den vor mir liegenden Bergen wird eine dunkle Schattenseite verliehen und irgendwo dort stehst du, deine hölzern erscheinenden Arme ganz demonstrativ, als müsstest du dir selbst beweisen, dass du kein Schatten bist, ragen empor. Stille füllt das Tal, nur gelegentlich ergreifen Grillen mit blechernem Applaus das Wort, während ich mir einrede, dass dies nur Ironie ist: nur weil du deinen Berg erklommen hast, heißt das nicht, dass du mich sehen kannst, vielleicht schwebe ich in Wirklichkeit ja über den Wolken und du kommst in deinem beschränkten Horizont nur darauf, dass ich ganz klein am Fuße des Berges stehe. In der Baumkrone fehlt manchmal ein bisschen Sonnenlicht und in ihrer Dunkelheit ist es wie in einer Höhle, manchmal fühlt man sich geborgen und dann, im nächsten Moment, gefangen. Es fühlt sich für mich ganz merkwürdig an, dass die Luft hier zwar so klar aussieht, mich aber flach und schnell atmen lässt, alles voller verdammten Fichten ist, die Natur aber den Laubbäumen das Leben verwehrt, die Bergspitze der Sonne am nächsten, aber vom Schnee bedeckt bleibt. In all diesem Gewirr wachse und lebe und fühle ich und in mir drin, da weiß ich, dass kein Gewitter stark genug ist, den Kampf gegen meine Wurzeln zu gewinnen. Und so zieht der Sturm an uns vorbei, bye, bye. Und ich halte an mir fest.
Ein Moment ist selten leuchtend, vor allem aus der Retroperspektive, weil wir dazu neigen,
uns einem „hätte, wenn“ – Fall zu verneigen, so sollten wir doch lernen, mal die Feigen
der Realität zu verspeisen, uns als einsame Wanderer in Bergen zu verstehen, die Eigen-
heiten zu umarmen, die zwar aufstoßen, aber es macht so unglücklich, diese zu vermeiden.
Selbstschutz ist nicht Arroganz und gelegentliches Mauern schützt vor den Hauern
der Menschen, die ganz unbeabsichtigt lauern, mit ihrer verzerrten Wahrnehmung verkauern
sie sich in beliebigen Filmen, lasst uns mal versuchen, die Eiszeit voll Wärme zu überdauern.
Eyh, lasst mal euren Abriss sein, ich hol’ dafür die Segel ein.