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Die Top 20 Alben 2012 - Platz 5-1
5. The Weeknd - Trilogy
Als ich letztes Jahr über die Musik von The Weeknd gestolpert bin, war ich ziemlich verwirrt. Die Vocals waren absolut makellos, die Instrumentals genial ausproduziert, der Sound war allgemein sehr sehr ausgereift. Hinzu kam die Ästhetik des Blogs, die zerkratzten Fotos und die Anonymität der mitwirkenden Musiker. Ein so ausgereiftes Gesamtbild von bisher komplett unbekannten Künstlern? Fast schon zu gut um wahr zu sein, oder? Ist es aber nicht. 2012 ist das Geheimnis um The Weeknd halbwegs gelüftet, es handelt sich um Abel Tesfaye an den Vocals und die Stammproduzenten Illangelo und Doc McKinney. Die Tapes sind zwar schon 2011 als kostenlose Downloads veröffentlicht worden, sind jetzt aber mit 3 Bonussongs und neuem Mix im Boxset neu erschienen. Streng genommen müsste man diese Box also eigentlich in die 2011-Schublade packen, doch bei so viel guter Musik kann ich gar nicht anders, als dem Projekt hier einen Platz zu geben. The Weeknd ist düstere, verführerische Musik, die sich um Frauen, Drogenexzesse und allgemein den Hang zur Selbstzerstörung dreht. Klingt generisch? Nicht, wenn es so verpackt wird. Wenn Drake tatsächlich singen könnte, dope Texte schreiben würde und ein wenig selbstreflexiver wäre, würde dabei genau solche Mucke herauskommen. Wer von Abels unbestritten genialer Singstimme einmal angefixt wurde, kommt nur schwer wieder davon los. Songs wie High for This, Rolling Stone oder Initiation zeichnen ein Bild von einer manipulativen, egoistischen Persönlichkeit, der man dabei zuhören kann, wie sie sich bewusst selbst zerstört - und genau das ist auch der Grund warum diese Musik so viel Spaß macht. Die erzählten Geschichten wirken stets extrem authentisch und sind genial erzählt. Wenn Wiz Khalifa Songs über die heftigsten Party-Abstürze macht, schreiben The Weeknd den Soundtrack für den Morgen und die Nacht danach. Seit einem Jahr lecke ich mir nun schon die Finger nach neuer Musik dieses Trios und ich kann nur hoffen, dass höchstens die Hälfte von dem, was Abel in seinen Songs erzählt wahr ist, denn sonst haben wir nicht mehr allzu lang unseren Spaß an ihm. He's about that life.
4. Flying Lotus - Until The Quiet Comes
Verwandt mit John Coltrane, Connections zu Thom Yorke und Erykah Badu, auf dem eigenen Label sind Mr. Oizo und der Gaslamp Killer. Allein die Kombination von Leuten, mit denen man Steven Ellison in Verbindung bringt, spricht schon für sich. Der Musiker aus L.A. ist weit über den Status eines Beatmakers hinausgeschossen und darf getrost als Instrumentalmusiker verstanden werden, der mit Cosmogramma eines der interessanten Instrumental-Alben der letzten Jahre abgeliefert hat. Doch was sollte nach seinem persönlichen Gamechanger-Moment, der ihn zum aktuell meistkopierten Producer gemacht hat, noch kommen? FlyLo bleibt entspannt und veröffentlicht ein nicht minder spannendes Album, das teils vielleicht sogar als sein persönlicher Dilla-Tribute gesehen werden kann. Stechende Synthies, raschelnde Drumsounds und butterweiche Rhodes-Patterns vereinen sich zu der so verstörenden wie angenehmen Klangerfahrung, die Until The Quiet Comes ist. Die Idee hinter dem Album ist das Bild von einem Kind, das in seinem Bett des Nachts über die Stadt fliegt und sowohl die Schönheit als auch die Grausamkeit erblickt, die eine solche Perspektive ermöglicht. Sicherlich ist das eine der treffendsten Beschreibungen, um dieses Album in Worte zu fassen. Wer sich davon auch visuell ein Bild machen will, dem empfehle ich den genialen Kurzfilm, der den selben Titel trägt und die Stimmung der vorgestellten Tracks traumhaft gut einfängt. Until The Quiet Comes ist sicherlich kein Album, das jedem gefällt, doch ich persönlich war schon allein dafür dankbar, mal wieder etwas zu hören, was ich so noch nicht kannte.
3. Nas - Life is Good
Nachdenklich sitzt er da in seinem weißen Anzug. Auf seinem Schoß das Brautkleid seiner Exfrau Kelis, das Einzige, was ihm blieb, nachdem sie beschlossen hatte zu gehen. Bei all den Tochter-Twitter-Skandalen, Frauengeschichten und komplett uninteressanten Alben könnte man glatt vergessen, was Nasir Jones eigentlich für Rap ist: eine lebende Legende. Niemandem haftet das Debüt-Stigma so sehr an wie Nas, der mit Illmatic die Blaupause für unzählige kommende Rap-Alben zeichnete. Böse Zungen behaupten, danach wäre nie wieder ein gutes Album gekommen ist, doch zwischen Disaster-Platten wie Nastradamus und I Am... kamen auch stets wieder Karriereretter wie Stillmatic, die dem Queensbridge-MC wieder auf die Beine halfen. Nach Untitled (das ursprünglich Nigger heißen sollte) und einem soliden Kollabo-Album mit Damian Marley wurde es endlich wieder Zeit für eine Solo-Platte. Der erste Track No Introduction unternimmt den Versuch, fulminant zu eröffnen, was auf dem überladenen Justice League-Instrumental aber nur bedingt gelingt, da es etwas gewollt klingt. Loco-Motive bringt den Sound für die "trapped in the 90s niggas" und auch A Queens Story kann mit seinem cineastischen Beat und soliden from-rags-to-riches-Raps überzeugen. Höchstform erreicht Nas jedoch eher auf den Tracks, auf denen er Queens mal beiseite lässt und persönlich wird. Wie auf Daughters, wo er die Vorbildfunktion von Gangster-Rappern (bzw. die eigene) in Frage stellt und die bisherige Erziehung seiner Tochter reflektiert - wie oft gibt es sowas im Rap? Auch der zentrale Track Bye Baby gibt Nas' Thug-Image eindeutig die Dreidimensionalität, die es braucht und die ihm oft gefehlt hat. Natürlich hat dieses Album auch seine Wermutstropfen, wie etwa ein vollkommen überflüssiger Rick Ross, der auf Accident Murderers gnadenlos am Thema vorbeirappt und wahrscheinlich nur hier platziert wurde, um Maybach Music-Fans anzuziehen. Auch Summer on Smash hätte das Album nicht gebraucht, Swizz Beatz sollte sich auf produzieren und Miguel sich auf Singen beschränken. Die vieldiskutierte Frage, ob hier ein Klassiker vorliegt ist für mich recht schnell beantwortet: Nein. Nichtsdestotrotz scheint Nas endlich in der Lage zu sein, kontinuierlich Qualität abzuliefern und macht erneut klar, dass sein fester Platz im Rap-Adel nicht unberechtigt ist.
2. Frank Ocean - Channel Orange
In einem Interview nach Channel Orange sagte Frank Ocean mal, dass er ein dermaßen gutes Album machen wollte, dass ihm niemand vorwerfen kann, sein Erfolg sei nur auf dem Brief über sein Coming Out gegründet. Dass ihm das mit Bravour geglückt ist, muss eigentlich kaum noch erwähnt werden. Neben den ebenfalls in dieser Liste erwähnten The Weeknd und Miguel ist Frank Ocean einer der interessantesten R&B-Newcomer. Channel Orange vereint klassisch-organische Soul-Sounds mit clubtauglichen Synthie-Linien, ohne dabei jemals in peinliche Sellout-Versuche abzudriften. Wo Nostalgia/ultra noch unfertig und etwas holprig klang, ist das Erstlingswerk auf CD wunderschön rund ausproduziert und hat dank großer Fülle an Details auch nach dem x-ten Hören noch Überraschungen auf Lager. Ähnlich wie good kid, m.A.A.d. city zieht Channel Orange den Hörer in einen Sog, der nicht mehr loslassen will. Spätestens ab dem genialen Crack Rock ist alles zu spät, denn der Song geht nahtlos in das unskippbare 10-Minuten-Werk Pyramids über. Ab hier wird das ohnehin schon sehr gute Album nur noch besser und wischt mit Songs wie Bad Religion und Pink Matter ein für allemal sämtliche Zweifel beiseite. Auch die spärlich platzierten Features machen eine sehr gute Figur, wie der nach wie vor genial klingende André 3000, der neben einem Rap-Part auch noch auf ein Gitarrensolo vorbeischaut. Als ich das Album das erste Mal gehört habe, war ich zuerst mal ein wenig skeptisch und konnte nicht viel damit anfangen. Doch man kommt für ein oder zwei Songs zurück, die einem gefallen haben und die Platte wächst und wächst und wächst und wächst... Bis man nicht mehr loskommt. Mit Channel Orange hat der Sänger ein frühes Meisterwerk abgeliefert. Vor kurzem ließ Ocean verlauten, dass er nicht garantieren kann, dass es noch mal ein Album von ihm geben wird, was mich ziemlich geschockt hat. Im nächsten Satz sagte er jedoch, dass er dafür darüber nachdenkt, ein Buch zu schreiben - Egal wie es mit Mr. Ocean weitergeht, solange wir mehr von diesem Talent zu sehen bekommen, bin ich zufrieden.
1. Kendrick Lamar - good kid, m.A.A.d. city
Ich gebe zu, es war vorausschaubar. Aber wer, wenn nicht er? HipHop hat einen seiner seltenen gemeinschaftlichen Momente Kendrick Lamar zu verdanken, denn auf dieses Album konnten sich alle einigen. Wer den Instant-Classic noch nicht gehört hat, sollte das schleunigst nachholen, denn eine Platte auf diesem Niveau erscheint nicht nur im Rap, sondern allgemein in der Musik nicht alle Tage. Kendrick vereint Zeitgeist und Nostalgie auf einem Konzeptalbum, dass sich trotz Section.80 wie ein Debüt anfühlt und zeigt, wie es gemacht wird - ich könnte jetzt noch Zeilen um Zeilen damit füllen, warum man dieses Album lieben sollte, aber da ich das schon einmal gemacht habe, lege ich jedem ans Herz, sich mal ein Stündchen Zeit zu nehmen und den 12 Tracks langen Kurzfilm zu genießen.
Die Top 20 Alben 2012 - Platz 10-6
10. Schoolboy Q - Habits and Contradictions
Viele der großen Newcomer dieses Jahres haben ihre eigene Crew mit sich hochgezogen, sei es Kendrick Lamar, A$AP Rocky oder auch Joey Bada$$. Doch während Pro Era noch wortwörtlich in den Kinderschuhen steckt und im A$AP Mob bisher keiner in der Lage war, Rocky das Wasser zu reichen, scheint mit dem Black Hippy Camp um Kendrick Lamar die wohl vielversprechendste Gruppe vorzuliegen. Abseits von Kendrick haben dieses Jahr noch Ab-Soul und Schoolboy Q ihre Solo-Alben veröffentlicht. Doch wenn ich abwägen muss, wem ich den Vorzug geben sollte, fällt meine Wahl definitiv auf Q. Die Mixtur aus Sozialkritik und leichter Unterhaltung in Form von weniger anstrengenden Beats und Partytracks macht Habits & Contradictions - verglichen mit Control System - zu einem wesentlich zugänglicheren Album. Das heißt jedoch nicht, dass Q's zweites Album das stumpfere von beiden ist. Die von Schoolboy vorgestellte Hustler-Persona mit Vorliebe für vergebene Frauen wird dem Hörer nie einfach kommentarlos vorgeworfen, sondern kommt stets mit einer gesunden Portion Selbstreflexion. Je mehr man das Album hört, umso konsistenter und dreidimensionaler wird das Bild des Compton-MCs. Herzuheben ist, ebenso wie bei Kendrick, Q's Stimmeinsatz. Seine extrem präsente Stimme wird auf jedem Track adäquat an den Beat angepasst und bleibt zu jedem Zeitpunkt wahrscheinlich sein charakteristischstes Merkmal. Auch seine Raptechnik ist nicht unteriridisch, doch wenn man ihn neben einen MC vom Kaliber A$AP Rocky stellt, ist schnell klar, wer die Hosen an hat. Habits & Contradictions ist bei weitem kein so gutes Album wie good kid, m.a.a.d. City und klingt oft noch unausgegoren und mixtapig. Davon abgesehen versprüht dieses Album mit seiner düsteren Grundatmosphäre jedoch einen interessanten Vibe, der auf viel Potential hinweist und neugierig macht, was man von Q noch erwarten kann.
9. Celo & Abdi - Hinterhofjargon
Als ich gehört habe, dass Haftbefehl sein eigenes Label gründen wird, habe ich mir zuerst mal die Hand vor den Kopf geschlagen. Es ist mir stets ein Rätsel, wie es die allgemeine Rapper-Logik sein kann, nach dem ersten Album ein paar Flachpfeifen unter Vertrag zu nehmen, die als Abklatsch der eigenen Kunstfigur absolut nichts innovatives ins Spiel bringen und genau KEINEN Erfolg einfahren. Nicht so mit den Azzlackz. Ich muss ehrlich zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass dieses Konzept aufgeht. Doch allein durch die vom Labelboss abweichende Nationalität können Celo & Abdi mit ihrem endlosen Fundus an Slang-Ausdrücken dem Azzlackz-Konzept noch eine völlig neue Seite hinzufügen. Raptechnisch macht dieses Album riesigen Spaß: die Flows sind extrem abwechslungsreich, die MCs harmonieren extrem gut miteinander, haben aber dennoch jeweils vollkommen individuelle Charakteristika, die sie voneinander abheben. Celo verliert nie den Druck in der Stimme, bleibt aber grundsätzlich eher laidback, während Abdi flink seine verschachtelten Flows um den Beat herumbaut. Thematisch haben die zwei natürlich nichts neues zu bieten. Das Leben ist hart, Frankfurt der Dschungel, trau' keinem. Doch im Gegensatz zu den restlichen (vermeintlichen) Ghettopoeten in Deutschlands Meer aus trashigem Straßenrap macht es durchaus Spaß, den zweien zuzuhören. Nicht nur wegen der dem Camp eigenen Authentizität, sondern auch wegen der Instrumentals auf Hinterhofjargon. Das Album wurde komplett von M3 produziert, der verbleibenden Hälfte des ehemaligen Produzentenduos. Und dieser hat den zwei Rappern einige der besten Beats des Jahres zur Verfügung gestellt: Vom boombappigen Soul-Sampling auf "Über Wasser halten" bis zu den knallharten Synthie-Bangern, die den Großteil der Platte ausmachen. Ein Wermutstropfen der bleibt ist der Eindruck, dass man zwar kaum ein Track skippen muss, doch dass oftmals auch mehr gegangen wäre. Besonders Songs wie "Über Wasser halten" hätten durchaus ein bisschen mehr als zwei magere Verses vertragen können - besonders bei einem so guten Beat. Nichtsdestotrotz überschatten Celo & Abdi dieses Jahr nicht nur in Sachen Chartplatzierung ihren Mentor Hafti, sondern liefern auch bei weitem das bessere Album ab. Immer eine Nasenlänge voraus, nicht nur im Straßenrap sondern durchaus im deutschen Rap allgemein.
8. El-P - C4C
Gut Ding will Weile haben. Und so ließ sich El-P auch dieses Mal wieder 5 Jahre Zeit, um den Nachfolger von I'll Sleep When You're Dead zu veröffentlichen. Doch scheinbar hat es sich gelohnt, auch hier wieder so viel Zeit zu investieren, denn mit Cancer for Cure liegt eines der exzentrischsten und kompromisslosesten Rap-Alben dieses Jahres vor. El-P selbst hat in einem der Promo-Interviews zu C4C über seine Produktionen gesagt "play this shit in yo' stereo and you'll absolutely murder everyone around you". Und ich muss sagen, er hat recht auf allen Ebenen. Verzerrte Bässe und dreckige Breakbeats fliegen dem Hörer ab dem ersten Track um die Ohren, was das Album ähnlich herausfordernd wie Aesop Rock's Skelethon, wenn auch mit einem noch stärkeren The Prodigy-artigen Vibe. Nicht nur, dass Bomb Squad auf solche Beats stolz gewesen wären, sie unterstreichen auch perfekt die aggressive Vortragsweise des MCs, der mit seiner absolut charismatischen Stimme seine Rapskills demonstriert, obwohl er sicherlich zu der Riege Rapper gehört, die sich wenig bis nichts mehr zu beweisen haben. Müsste ich mich festlegen, welches Attribut ich diesem Album primär zuordnen würde, wäre meine Wahl eindeutig: Wut. Der Tod von Camu Tao hat nicht nur auf Aesop Rock's neuem Album seine Wellen geschlagen, auch El-P lässt seinem Zorn gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens freien Lauf. Natürlich ist diese Platte auf Dauer ganz schön anstrengend und weiß mit seiner Auf-die-Fresse-Ästhetik nicht unbedingt jeden zu überzeugen. Doch letztendlich ist das pure Geschmackssache. Eine möglichst große Gruppe an Hörer zu erreichen ist nicht das Ziel von El-Ps Kunst und künstlerisch kann man dem Produzenten und Rapper nur schwerlich etwas anderes als eine glatte Eins Attestieren. Pump this shit, like they do in the future.
7. Miguel - Kaleidoscope Dream
Als D'angelo mit seinem legendären Debüt "Brown Sugar" in die Szene platze, präsentierte er einen radikalen Gegenentwurf für den damals omnipräsenten Plastik-R&B. In Form von Erykah Badu, Maxwell und Lauryn Hill wurde der Markt die nächsten Jahre vom analog-warmen Neo-Soul dominiert, der heute jedoch schon wieder an Relevanz verloren hat. Lauryn Hill beließ es lieber bei einem Album, D'angelo hat sich grade erst wieder aus dem Drogensumpf gezogen, lediglich Miss Badu verfolgte weiter konsequent ihren Weg. Umso erfreulicher ist die Welle an neuen R&B-Künstlern, die das Vakuum füllt, das besagtes Movement hinterlassen hat. Bei genauerem hinsehen fällt jedoch auf, dass die tatsächlich relevante Menge an Künstlern doch recht überschaubar ist, im Spannungsfeld zwischen (den großartigen) The Weeknd und Frank Ocean scheint es nicht allzu viele Alternativen zu geben. - Wäre da nicht Miguel, dem mit seiner neuen Platte der Sprung vom Untergrund-Erfolg in den Mainstream geglückt ist. Kaleidoscope Dream liefert genau den Sound, den Cover und Titel schon suggerieren: das Schweben von Miguels sphärischer Stimme über weitläufige Synthie-Flächen verströmt die Atmosphäre bizarr-ästhetischer Traumlandschaften, die den Hörer erst 13 Tracks später wieder in die Realität entlassen. Zwar lehnt sich das Projekt teilweise deutlich an die Weeknd'schen Drogenhymnen an, ist dabei aber nie so rabenschwarz und nihilistisch wie bei dem Kollegen aus Toronto, sondern versprüht vielmehr eine erfrischende Lebensfreude. Zudem finden sich auf Kaleidoscope Dream immer wieder Sounds, mit dem das Album seine Individualität demonstriert. Das reicht von den bombastischen Drums auf "Do you", die klingen, als hätte man einem Tech-Metal-Drummer das Set geklaut, bis hin zu der Integration von Metronom-Klicken und blubbernden Moog-Basslines. Kaleidoscope Dream lege ich jedem ans Herz, der R&B grundsätzlich nicht abgeneigt ist, da die Themen genretypisch stark auf das weibliche Geschlecht fokussiert sind. Für alle anderen, die sich dafür erwärmen können, findet sich hier das wohl interessanteste und kreativste R&B-Release, das dieses Jahr auf die Charts losgelassen wurde und sich abseits der beiden großen Newcomer bewegt.
6. Macklemore & Ryan Lewis - The Heist
Es gibt wenige Künstler, denen ich den Erfolg so gönne wie Macklemore & Ryan Lewis. Kein großes Label, kein Industriekonstrukt, kein garnichts. Komplett auf eigenen Beinen stehend haben sich diese zwei aus ihrem Homestudio in Seattle bis auf Platz 2 der Billboard 200 gehustlet. Die bescheidene Attitüde, die Dankbarkeit den Fans gegenüber, das exzessive Touring, die Themensongs fernab vom üblichen Mainstream-Rap-Nonsens - es gibt nur Weniges, was man an diesen Zwei nicht mögen könnte. Manchen mag die Vortragsweise von Macklemore ein bisschen zu voll von Pathos sein oder die Beats zu pianolastig. Doch rein objektiv betrachtet ist es eine enorme Leistung, ein Projekt von dieser Qualität zu veröffentlichen, das vor allem eins zeigt: Es ist möglich. Möglich, allein etwas auf die Beine zu stellen, möglich, dass sich kommerzieller Erfolg und intelligente Musik nicht ausschließen und dass gute Musik im Zweifel immer gegen die Industrie gewinnt. My, oh my.
Attention, Attention
Ich bitte für einen kurzen Moment um ihre hochgeschätzte Aufmerksamkeit!
Leider werde ich den dritten Teil des Jahresrückblicks erst Morgen veröffentlichen können, ich bitte um Verzeihung.
In der Zwischenzeit empfehle ich, sich den neuen A$AP Rocky-Track reinzuziehen, der mit Sicherheit einer der Besten dieses Jahres ist.
Die Top 20 Alben 2012 - Platz 15-11
15. Mac Miller - Macadelic
Komplett aus dem Nichts wurde Mac Miller zum wahrscheinlich größten Hype der letzten zwei Jahre. Mit "Blue Slide Park" schrieb er Independent-Geschichte und der Name ist inzwischen jedem ein Begriff. Und jetzt? Die stabile Fanbase ist immer noch da, Macadelic wurde über 800.000 Mal runtergeladen und die Konzerte sind nach wie vor ausverkauft. Und trotzdem schießen plötzlich Hater ohne Ende aus dem Boden - aber warum denn eigentlich? Der Junge kann nicht nur spitten, sondern macht auch seine eigenen Beats und ist HipHop-Fan to the fullest. Und auch, wenn die Musik teilweise ziemlich oberflächlich geraten ist, grade jetzt scheint er den Pop-Appeal vergangener Projekte abzuschütteln und sich auf die Suche nach einem komplett neuem Sound zu begeben. Wenn man Macadelic mit den vorherigen Projekten vergleicht, muss man unweigerlich an den Werdegang der Beatles denken, die sich nach einer musikalischen Sackgasse Inspiration im LSD suchten. Der junge Malcom widmet sich lieber dem lila Hustensaft, was in Sachen Verstrahltheit aber in etwa auf das Selbe hinausläuft. Das Mixtape klingt über weite Strecken extrem psychedelisch mit seinen Synthieflächen und schrägen Samples. Auch die Themenwahl überrascht, stellenweise versucht man sich sogar vorsichtig an Sozialkritik und stellt sogar die eigene Existenz in Frage. Dass man bei so einem vergleichsweise intellektuellen Ansatz neben Kendrick Lamar dann trotzdem alt aussieht, muss ich wahrscheinlich nicht erwähnen. Macadelic ist absolut nicht das Beste, was bisher aus dem Hause Mac Miller kam, aber es gibt eigentlich wenige Gründe, dieses Mixtape nicht zu mögen - das Soundbild ist ziemlich rund, die Raps sind gewohnt treffsicher und im Verhältnis zu den älteren tracks gibt es sogar einige Gaststars mehr am Mic, als man es von dem Jungen aus Pittsburgh gewohnt ist. Alles in allem wesentlich besser als der 0815-Kram, der sonst so an Mixtapes rauskommt. Stop the hatin', der Junge ist schließlich nicht Soulja Boy.
14. G.O.O.D. Music - Cruel Summer
Es war die wahrscheinlich größte Enttäuschung des Jahres. Twisted Fantasy machte 2010 sämtliche Kritiker feucht im Schritt, Watch The Throne war der größte Blockbuster des letzten Jahres. Und so schielte auch dieses Jahr wieder alles und jeder in Richtung GOOD Music. Und was kommt? 5 Brettharte Singles und 7 Tracks unausgegorener Bohemian-Rap. Und trotzdem hat dieses Album in jedem Fall seine Berechtigung auf dieser Liste, denn einen Crew-Sampler auf diesem Niveau hätte man jeder anderen Truppe wahrscheinlich getrost als Opus Magnum durchgehen lassen.
13. Raf 3.0 - Raf 3.0
Kunst als Therapie ist eines der vorherrschenden Motive in der mittlerweile recht großen Diskografie von Raphael Ragucci. Und so redet sich der inzwischen-Berliner auch auf Raf 3.0 einigen Frust von der Seele. Doch wo es auf den Camora-Alben noch der Blick ins eigene Innere war, der die Texte dominierte, wechselt Raf auf diesem Album den Fokus. Denn 3.0 ist ein waschechtes Konzeptalbum. Ein Album, das einen Blick auf die Welt durch den Laptop-Bildschirm wirft und Bilanz zieht, wie weit es schon gekommen ist. Genauso wie Twitter, Facebook und Wikipedia in unserem alltäglichen Leben schon omnipräsent sind, behandelt auch auf 3.0 jeder Track auf seine Art einen Aspekt des von digitalen Medien beherrschten Alltags. Natürlich gibt es auch Tracks, auf denen persönlichere Themen behandelt werden wie "Tumor" oder dem einzigen wirklichen Reggae-Song "Nichts verletzt so", doch auch hier verliert man nie den Blick auf das große Konzept. Allein die Herkunft von diesem Mann sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Halb Österreicher, halb Italiener, geboren in der französischsprachigen Schweiz, aufgewachsen im jugoslawisch-dominierten Fünfhaus-Bezirk Wiens. Verwirrend? Ähnlich vielschichtig sind auch die Wurzeln des Albums selbst: Dubstep-Wobbles, Offbeat-Reggae-Rhythmen, 808-Drums, Grunge-Gitarren und Guetta-eske Sägezahn-Synthies sind die charakteristischen Sounds, die der Platte in dieser Zusammensetzung ihre Eigenständigkeit geben. Wie viele Details in diesem Album wirklich stecken, erschließt sich eigentlich erst nach dem dritten oder vierten Durchhören, denn beim ersten Kontakt dürfte man gnadenlos überfordert sein. Ziemlich avantgardistisch und anstrengend, das Ganze. Doch das sollte einen nicht davon abhalten, mal einen Blick auf diese Platte zu werfen. Denn so cool wird lange keiner mehr "Eyy" sagen.
12. Aesop Rock - Skelethon
Wer ist dieser Aesop Rock eigentlich? Der vollbärtige Halbphilosoph sieht seltsam aus, lässt sich Zitate aus uralten Sci-Fi-Schinken tätowieren und verwendet auch gern Worte und Floskeln, die selbst Muttersprachler erst mal nachschlagen müssen. Aber damit passt er im Grunde hervorragend in das Roster der jetzigen Labelheimat Rhymesayers, auf der auch Künstler wie Brother Ali und Atmosphere stattfinden, die ihre Hörer ähnlich herausfordern. Auch auf "Skelethon" hat sich nichts an Aesop Rocks eigenwilliger Art, Musik zu machen geändert. Die Vorwürfe, lediglich unverständliche Textfragmente aneinanderzureihen werden auch mit diesem Album nicht verschwinden, sondern sich höchstens noch vermehren. Auch die Tatsache, dass der Mann inzwischen im sonnigen San Francisco wohnt, kann ihn nicht davon abhalten, weiterhin den Soundtrack für alle an der Welt gescheiterten Rap-Intellektuellen zu liefern. Genau wie bei Ex-Labelboss El-P hat der Tod des engen Freunds Camu Tao tiefe Narben hinterlassen, die verarbeitet werden müssen. Der im ganzen Album anzutreffende Grundton ist die Depression in ihrer ganzen Destruktivität. Ein gnadenloser Seelenstrip über 15 Tracks, der in seiner Gründlichkeit nur von der Agression übertroffen wird. Und so könnte das Cover des Albums kaum treffender sein: ein Raubtier, blank bis auf die Knochen, setzt mit eingezogenem Schwanz zum Biss an. Kaum eine Metapher bietet sich für eine eindeutige Interpretation an, die Wortspiele sind so wohlplatziert wie an den Haaren herbeigezogen und sein Wissen über Underground-Popkultur scheint schier unerschöpflich. Für die altbewährte Frage, was uns der Künstler damit sagen will, kann ich leider auch keine Universallösung bieten, doch wer sich mit diesem Album lange genug auseinandersetzt, wird mit Sicherheit mehr als nur einen Schatz entdecken.
11. MoTrip - Embryo
Bevor MoTrip tatsächlich auch etwas veröffentlichte, gab es erstmal Features quer durch jedes Camp: egal ob Samy Deluxe, Kool Savas, Silla oder JokA - der junge Libanese war überall am Start. Auch bei Cover my Song konnte man überzeugen, doch erst nach "Albtraum" war alles vorbei. Sämtliche Labels liefen Sturm und wollten MoTrip in die Finger bekommen. Zwischenzeitlich gab es sogar Gerüchte, dass der Aachener auf Flers Maskulin gesignt werden sollte. Inzwischen hat sich der erste große Hype wieder gelegt, Fler hat sich mit MoTrip zerstritten und letzterer hat seinen Namen unter einen Universal-Vertrag gesetzt. Anfang dieses Jahres ist es schließlich soweit und das Album, auf das alle gewartet haben, klettert auf Platz 9 der Charts. Dass Motrips Rapskills schier unschlagbar sind und auch Storytelling ihm liegt ("Du kannst nicht immer 17 sein" / "Immer tiefer in den Dreck"), stand schon vorher fest, demnach hätte man sich fragen können, was man auf dem Debütalbum noch neues zu erwarten hat. Doch der MC hat alles richtig gemacht und liefert einfach mal das persönlichste Rap-Album seit XOXO. Wie bei einem guten Selbstportrait erschließt sich Stück für Stück immer mehr der Charakter des Künstlers. Wer "Embryo" gehört hat, weiß, was Mohamed El Moussaoui für ein Mensch ist: grundanständig, nachdenklich und freundlich präsentiert sich der Aachener auf seinen Songs. Solche Attribute können einem im Rap auch gerne mal als Schwäche ausgelegt werden, doch MoTrip ist vor allem eins: Rapper. Und so werden auf jedem der Ansagentracks nach allen Regeln der Kunst die Beats zersägt, die Paul NZA und Marek Pompetzki zur Verfügung gestellt haben. Diese sind meisterhaft produziert und bewegen sich in ihrem Sound zwischen modernstem Synthie-Sound und organischem Band meets MPC-Ausflügen. Besser hätte man den ersten offiziellen Schritt in die Rap-Welt nicht machen können. "Embryo" präsentiert MoTrip vollkommen authentisch und schlägt eine Brücke zwischen Straßenbezug ohne Klappmesser und bodenständigem HipHop. Eine zeitgemäße Platte, die vielleicht das deutscheRap-Album des Jahres 2012 sein könnte.
Die Top 20 Alben 2012 - Platz 20-16
Hallo und herzlich willkommen zum musikalischen Jahresrückblick auf Rapkritik! Bevor ich euch auf die Liste loslasse, noch eine Anmerkung: Normalerweise erhalten die Alben, die ich rezensiere eine Wertung auf einer Skala von 0.0 bis 5.0. Da jedoch jedes der hier aufgeführten Alben für sich gesehen werden muss und eine Bestenliste in Sachen Bewertungen ziemlich eintönig ausfallen würde, habe ich entschieden, dass eine Rangliste Bewertung genug ist. Doch jetzt erst mal viel Spaß mit dem ersten Teil meiner Jahresendliste und ein Danke an alle Leser!
20. Marteria / Yasha / Miss Platnum - Lila Wolken
Warum nur Platz 20? Naja, weil das hier eigentlich eine Liste der besten Alben sein soll und Lila Wolken nunmal eine EP war. Warum dann trotzdem ein Platz in dieser Liste? 5 Songs hin oder her, man kann gar nicht anders, als das Trio wenigstens zu erwähnen da ein Großteil des Rests nicht mal auf 3 gute Songs pro Album kommt. Mit "Lila Wolken" zauberte das Traumtrio im Spätsommer 2012 einen der Hits des Jahres und auch der Rest der EP muss sich nicht verstecken. Ob man in dieser Konstellation noch mal ein Album zu hören bekommt, bleibt fraglich, doch die Nachfrage ist in jedem Fall da.
19. Marsimoto - Grüner Samt
Marsi ist genervt. Genervt Von Casper, von Marteria, von Hypes allgemein. Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Gutes Gras, Becks, Absinth, Kermit den Frosch und überhaupt alles, was sonst noch grün ist. Halloziehnation wurde zum Instant Classic in der Weedhead-Gemeinde, während Zu zweit allein einen Schuss zu viel Marteria hatte und auch die Fans in zwei Lager spaltete. Grüner Samt kann also durchaus als das Marsi-Manifest verstanden werden, mit dem das dauerbenebelte grüne Männchen endgültig klar macht, wer es ist und wo es steht - nämlich auf der Seite der Außenseiter! Das gesamte Album wird regiert von der bereits im großen Juice-Interview angepriesenen "Outness". Die ist wahrscheinlich am treffendsten thematisiert in der Versagerhymmne "Für Uwe", äußert sich aber auch in Solidaritätsbekundungen gegenüber Indianern, Zigeunern und allerlei anderen Minderheiten wie auch Walen. Robben außen vor, weil zu Mainstream. Entsprechend von Amnesia Haze und Co beeinflusst sind auch die Instrumentals: Beats aus Störgeräuschen, Dubstepwobbles und riesigen Synthieflächen bilden die musikalische Untermalung für die Paranoia-Stories straight from Mars. Doch wie man dem Juice-Interview bereits entnehmen konnte, sind die Beats natürlich nicht so gut, weil Dead Rabbit, Kid Simius und Nobody's Face gute Arbeit gemacht haben, sondern weil Marsi sie gepickt hat. Auf die Dauer kann das Gebräu aus verkifften Stonergeschichten und Grime-Brettern auch durchaus Anstrengend werden, doch seien wir mal ganz ehrlich: wie viele Musiker halten denn wirklich gänzlich daran fest, gegen den Strom zu schwimmen? Ich für meinen Teil war schon glücklich, mal wieder etwas gehört zu haben, was man so nicht alle Tage auf die Ohren bekommt. Schlussendlich muss man sagen, dass Marsi sich wirklich alle Mühe gegeben hat, die Anti-Haltung konsequent durchzuziehen: ein einziges Promo-Interview, Vinylplatten, gnadenlos absurde Instrumentals und haarsträubendes Storytelling. Und trotzdem konnte ihn nichts vor Platz 3 in den Charts retten. Traurige Welt?
18. Meek Mill - Dreams and Nightmares
M-M-M-Maybach Music! Man kann sich noch so sehr über die frei erfundene D-Boy-Karriere von Rick Ross aufregen, eins muss man ihm lassen: seine Arbeit als Labelboss macht er mehr als gründlich. Nachdem er letztes Jahr schon die vor sich herdümpelnde Karriere von Wale auf Vordermann brachte, war 2012 nun Meek Mill an der Reihe. Diverse Studiologs, Features, Beiträge auf dem Labelsampler und das Dreamchasers 2-Mixtape, das allein auf Datpiff über 2 Millionen (!) mal runtergeladen wurde, brachten den Hype ausreichend zum kochen. Natürlich hat man die vorweg geäußerte Fehleinschätzung, einen Klassiker zu machen, nicht ernst nehmen können. Dennoch deutete alles darauf, dass mit Dreams and Nightmares kein vollständig generisches Streetrap-Album in die Läden kommen wird. Und tatsächlich ist die Platte zwar durchwachsen, wartet aber durchaus mit einigen Highlights auf. Mixtape-B-Ware wie "Freak Show" oder "Believe It" braucht man natürlich genauso wenig wie ein Kirko Bangz-Feature, doch wenn Meek Milly Jahlil Beats von den Reglern verscheucht und den Guntalk auf ein Minimum reduziert, weiß dieses Album durchaus zu gefallen. Wie etwa auf dem konzeptionell hervorragenden Titeltrack "Dreams and Nightmares" oder der pompösen Soul-Posse "Maybach Curtains", die als Anspieltipps auf jeden Fall genannt werden sollten. Und auch wenn Nas in Sachen Storytelling von niemandem geschlagen wird (wenn er grade einen guten Lauf hat), sind auch die Erzählerqualitäten des Rick Ross-Schützlings nicht zu verachten, wie es auf "Tony Story Pt.2" und "Traumatized" deutlich gemacht wird. Ob der Name Meek Mill noch eine Weile in den Billboard-Charts stattfindet, hängt davon ab, ob der Rapper in der Lage ist, sich künstlerisch weiterzuentwickeln, denn mit Dreams and Nightmares scheint er bereits an die Decke gestoßen zu sein. Für den Moment liegt mit dem Debüt allerdings ein solides Stück Futter für Itunes vor. I like this Maybach Music.
17. Odd Future - The OF Tape Vol. 2
"Odd Future: Rap's Jackass or True Genius?" ...betitelte das XXL-Magazine die OF-Coverstory im Mai. Ich sage: Bullshit. Schließt es sich etwa aus, Rap's Jackass und gleichzeitig wirklich genial zu sein? Wann war Jackass denn mal nicht... Okay, okay, kein gutes Argument. Aber nichtsdestotrotz: Wie kann sich diese Frage überhaupt noch stellen, wenn Earl Sweatshirt wieder am Start ist, Frank Ocean das Album des Jahres rausbringt und Tyler nach wie vor nichts von seinem Charisma eingebüßt hat. Wirf einen Blick auf den weißen Hintergrund dieser Seite. Siehst du die Ficks, die OF geben? Richtig! OFWGKTA gibt es jetzt zwar auch schon eine Weile, aber das ändert nichts daran, dass man nach wie vor konsequent seinen eigenen Film fährt und sich von außen nichts sagen lässt. Sollen die Majors doch betteln wie sie wollen. Natürlich klingt dann auch das zweite Tape nach Kraut und Rüben: Disses an alle Crewmitglieder im ersten Track, Ballade von Frank Ocean, vollkommen absurde Punchlines, zehnminütige Crew-Posse und so simpel wie geniale Titel - "We Got Bitches". Aber das ist im Grunde auch alles egal, wer bei der Chaoscrew nach wie vor nur spätpubertäre Allüren sieht, wird das Talent auch weiterhin übersehen, wer sie vorher geliebt hat, wird sie auch weiterhin lieben - denn man bekommt genau das, wofür man sich verliebt hat. Und auch wenn nur die Hälfte der Songs wirklich hörbar ist: man muss die Wolf Gang einfach lieben. Wäre ich 15, würde ich wahrscheinlich nichts anderes hören als den gnadenlos überzeichneten Fickfinger-Soundtrack aus LA.
16. Haftbefehl - Kanackis
Ende 2011 stürzen dank "Easy" sämtliche Chimperator-Server ab, bis 2012 auch noch der letzte Dorftrottel den Cro tanzt. Umso mehr Spaß hatte ich also an der zweiten Haftbefehl-Platte, von der ich mir erhofft hatte, dass es wieder richtig zur Sache geht. Und ich wurde nicht enttäuscht: 15 Tracks abgedrehte Hoodtales und Koksnasen-Humor, wie man ihn nur vom Offenbacher Baba bekommt. Ironischerweise hat das Album seinen absolut gruseligsten Moment, wenn Haft bei "Ich und meine Sonnenbrille" den Slang mal beiseite lässt und eine Hook auf Hochdeutsch einrappt. When you hear it, you'll shit bricks. Und da auch Haftbefehl mittlerweile nicht mehr ganz so abgebrannt ist, inzwischen in Darmstadt wohnt und es sich verhältnismäßig gut gehen lässt, hört man das "Kanackis" auch durchaus an. Denn im Gegensatz zum ersten Album ist die Welt nicht mehr ausschließlich schlecht und zwischen den brettharten Streetbangern wird es auch mal sehr entspannt. Etwa, wenn Hafti es sich mit dem hauseigenen Chaotenduo Celo und Abdi auf einem lässigen G-Funk-Beat gut gehen lässt oder sich mit Jan Delay im Studio zudröhnt. Textliche Kritik hin oder her, der Mann macht schlussendlich Gangsta-Rap, der seine Berechtigung hat. Nach einem schwer zu toppenden Erstlingswerk liefert Haftbefehl ein solides zweites Album ab, das sich durchweg gut hören lässt. Die Diskussionen über Glaubwürdigkeit von Gangster-Image und Nullen auf dem Konto überlasse ich dann doch lieber der Realness-Polizei.
Retrospektive
Der Blog geht in Serie! 2012 war in Sachen Rap alles andere als schwach auf der Brust - und um das Revue passieren zu lassen, wird es einen musikalischen Jahresrückblick in Form einer Bestenliste geben. Beginnend mit diesem Freitag werde ich jede Woche 5 der besten Alben / Mixtapes des Jahres vorstellen. Wie immer gab es natürlich auch die eine oder andere Peinlichkeit die von mäßig qualitativ ("We on top like some stairs") bis zu völliger Selbstdemontage gereicht hat ("Mr. Money Boy ist flyer als Möwen"). Um auch diesen Exemplaren gebührenden Respekt zu zollen, wird es als besonderes Schmankerl noch eine Hall of Shame zum Jahresende geben. Ein Danke an alle Leser, bis zum Freitag!
Good Kid, m.A.A.d. City - Review
Bevor ich zur Rezension komme, möchte ich an dieser Stelle eine Warnung aussprechen. Um das Album in seiner Gänze zu bewerten, lässt es sich wohl nicht vermeiden, weite Teile der Handlung vorwegzunehmen. Wer die Platte also noch nicht gehört hat, möchte es an dieser Stelle vielleicht lieber tun und sich meinen Text lieber später zu Gemüte führen.
Der volle Titel des Albums lautet „Good Kid, m.A.A.d. City: A Short Film by Kendrick Lamar“ – und diesem Untertitel macht die LP auch alle Ehre. Es gibt keine Lückenfüller, jeder Track ist als Szene einer durch Skits miteinander verbundenen Rahmenhandlung angelegt. Selbst der auf den ersten Blick stumpf erscheinende "Backseat Freestyle" reiht sich vollkommen schlüssig in das Gesamtkonzept ein.
Wer das Album gehört hat, wird den Untertitel schnell verstehen. Die folgende Geschichte ist so einnehmend erzählt, dass man schon nach wenigen Minuten das Gefühl hat, mit K-Dot durch Comptons Straßen zu ziehen, so dass sich nach und nach mehr das Gefühl eines Blockbuster-Dramas als das eines Albums einstellt. Wie sollte es unter der Regie von Dr. Dre auch anders sein?
Der Hörer begleitet den jungen Kendrick, auf seinem Weg durch die Adoleszenz hin zu einem selbstbestimmten jungen Mann. Man kann förmlich zusehen, wie die zahlreichen Versuchungen und Gefahren des Alltags in Compton die Gruppe Jugendlicher mehr und mehr in ihren Sog ziehen. Die Bande um den 17-jährigen K-Dot begeht Raubüberfälle, kifft und trinkt sich besinnungslos und sinniert auf dem Höhepunkt jugendlichen Leichtsinns darüber, wie cool ein Drive-by-shooting eigentlich wäre.
Bis auf die Tatsache, dass das alles hervorragend erzählt ist, allerdings nichts Neues. Ihren dramatischen Klimax erfährt die Geschichte jedoch im Skit nach "Swimming Pools", in dem Kendricks Kumpel Dave sein Leben lassen muss. Doch in dieser Schlüsselszene, in der Dave von den Kugeln getroffen wird, wird auch alles, was bisher geschehen ist in ein gänzlich neues Licht gerückt.
Die Gruppe ist gezwungen, sich mit den Folgen ihres Handelns auseinanderzusetzen und steht vor einer Entscheidung: Rache nehmen und ungeachtet aller Konsequenzen weiter den selben Lebensstil zu verfolgen oder den Versuch unternehmen, den Teufelskreis zu durchbrechen?
Das epochale Herzstück des Albums "Sing About Me, I'm Dying of Thirst" gibt die Antwort darauf. Man ist das Leben als gehetzter Kleinkrimineller leid, ist nicht willens noch mehr geliebte Personen zu verlieren und wendet sich dem sicheren Hafen der Familie und dem Glauben zu.
Und genau diese Entscheidung ist alles andere als ein käsiges Happy End, sondern ein Loblied auf die Selbstbestimmung. Man findet sich nicht einfach damit ab, ein Produkt seiner Umwelt zu sein, sondern macht klar, dass die Entscheidungsgewalt schlussendlich beim Menschen selbst liegt.
Mr. Lamar vereint Nas' erzählerischen Qualitäten mit der technischen Sicherheit eines Eminem. Um drei Ecken gedachte Wortspiele, Doubletimepassagen und ein Stimmeinsatz, der seinesgleichen sucht - und doch wirkt nichts fehl am Platz. Etwa auf "m.A.A.d. City", wenn der junge MC in einer hysterisch-gehetzten Stimmlage dem Hörer vor Augen führt, wie es um seine Stadt bestellt ist - nur um in der darauf folgenden Anti/Pro-Alkohol-Hymne "Swimming Pools" Flows abzuliefern, bei denen selbst Bone-Thugs-and-Harmony beeindruckt dreinschauen würden.
Das Album endet fulminant, indem auf einem mörderischen Just Blaze-Beat Kendricks Krönung zu Comptons neuem König zelebriert wird. Normalerweise wäre das schlichtweg großkotzig, doch wenn man dafür den Segen von The Game, Dr. Dre und Snoop Dogg bekommt, kann man ruhigen Gewissens das Zepter in die Hand nehmen.
Schlussendlich bleibt mir gar nichts anderes übrig, als in den Tenor der übrigen Kritiker einzustimmen. Dieses Album ist ein handwerklich meisterhaftes Stück Kunst, das auch entsprechend gewürdigt werden muss. Wenn der junge Mr. Lamar nicht zu Rap gekommen wäre, wäre er inzwischen wahrscheinlich ein gefeierter Autor, denn ein derartiges erzählerisches Talent kommt nicht alle Tage vor. Ob dieses Album als Meilenstein Bestand haben wird, kann nur die Zeit zeigen, doch das Zeug zu einem Klassiker der Moderne hat es in jedem Fall.
5/5
The Heist - Review
"Doing the math, it's fair to say that we spent about eight- to ninehundred days in this room." - Wer auf Independent-Basis arbeitet, hat zwar alle Freiheiten, ist aber auch komplett auf sich gestellt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Macklemore und Ryan Lewis bis zum ersten Projekt auf voller Länge viel Zeit gelassen haben. Die vorab veröffentlichten Songs waren allesamt top notch, entsprechend gespannt bin ich gewesen, als ich endlich die gesamte Scheibe zu hören bekam. The Heist begins.
Das Album lässt an keiner Stelle daran zweifeln, dass es sich um eine Kollaboration zwischen Rapper und Producer handelt. Man hat nicht einfach ein paar Beats auf Loop-Basis produziert, sondern handfeste Musik gemacht. Produzent Ryan Lewis zieht alle Register: XX-Gitarren, Streicherflächen, Jazz-Drums, 808-Kicks und unzählige weitere Einflüsse vermengen sich zu einem originellen Sound-Potpourri, das es trotz allem galant meistert, eine Einheit zu bilden. Fernab von idiotensicheren Verse-Hook-Verse-Hook-Schemata und anderen Pop-Unarten ist dieses Projekt durch und durch musikalisch, ohne dem Rapper je die Show zu stehlen.
Denn der macht einen glänzenden Job. Materialismus, Drogensucht, Schwulenhass, Gesellschaftszwänge - in Macklemores wütendem Rundumschlag bekommt alles seinen Platz, um ausführlich durchdiskutiert zu werden. Doch der erhobene Zeigefinger verurteilt nie den Hörer. Der erhobene Zeigefinger gehört zu Ben Haggerty, der auf sich selbst zeigt und unmissverständlich klarmacht, wozu all das führen kann. Er ist kein Conscious-Apostel, der leere Phrasen drischt, sondern jemand, der selbst ganz unten war und aus seinen eigenen Erfahrungen erzählt.
Und man ist geneigt, ihm zuzuhören. Macklemore ist nicht weit von dem entfernt, was man einen kompletten MC nennen würde: nicht nur eine prägnante Stimme und mehr als saubere Technik, sondern auch die eindringlichen Bilder, die der Rapper mit seiner Sprache zeichnet, machen ihn zu einem der stärksten MCs der amerikanischen Szene. Echter Lyricism, wie man ihn schon länger vermisst hat, schleicht sich endlich wieder zurück in den Mainstream.
Ein Blick auf die Feature-Liste legt den Gedanken nahe, dass die Platte, besonders für ein Debüt, gnadenlos überladen ist. Nach einem ersten Durchhören kann ich jedoch Entwarnung geben, denn man lässt hier nicht etwa einen Haufen halbgarer Rapper die Hälfte der Arbeit machen. Vielmehr scheint es so, als wären Hooklines nicht grade Macklemores Steckenpferd, weshalb man diese lieber einer Schar Sänger überlässt - was ich für absolut legitim halte, da diese allesamt gute Parts abliefern und sich stets in die Songkonzepte einfügen.
"On some Malcom Gladwell, David Bowie meets Kanye shit"- Anderswo wäre diese Selbsteinschätzung nur das Produkt eines künstlich aufgeblähten Rapper-Egos, wie sie zu hunderten durch die Szene streunen. Doch in diesem Fall hat man damit sehr gut getroffen, worum es auf "The Heist" geht. In einem schillernden musikalischen Gewand verpackt widmet man sich schwer verdaulichen Themen, ohne dabei je die Zugänglichkeit zu verlieren. Erfrischend originell und frei von Plattitüden ist diese Platte ein angenehm erwachsenes Stück Rap-Kultur. Vielleicht kein Instant Classic, aber ein verdammt gutes Album.
4.0/5
Solange mein Herz schlägt - Review
Seit einiger Zeit geistert das Deepness-Gespenst durch die deutsche Rapszene: Straßenrapper kotzen sich auf Pianobeats wahlweise über ihren Liebeskummer oder das harte Leben aus. In der Regel passiert sowas höchstens auf 3-4 Tracks pro Platte, aber da Exzess schon immer das Fachgebiet von Massiv war, knallt man der Hörerschaft lieber gleich ein ganzes Album voll Herzschmerz vor den Latz.
In der Promophase verkündet man dann auch gerne mal, dass der Ethik-Unterricht deshalb langweilig war, weil man das schon alles wusste oder stellt sich in eine Reihe mit Ché Guevara, Martin Luther King und Ghandi. Aber latenter Größenwahn ist unter Rappern ja nichts Neues, also hören wir uns das erst mal an, bevor wir urteilen.
Die Tracks, die vorab veröffentlicht wurden, lassen Schlimmstes befürchten und wenn man ein wenig in die Platte reinhört, bestätigt sich dieser Eindruck leider nur allzu sehr. Die Fremdscham-Kurve schlägt gleich im zweiten Track auf einen unerwarteten Höhepunkt, wenn Massiv sich, ohne rot zu werden, zur zentralen Figur des deutschen Immigrantenraps hochstilisiert und dabei sämtliche Straßenrap-Pioniere außer Acht lässt.
Weiter geht es direkt mit dem Titeltrack des Albums, auf dem so tiefgründig an der Oberfläche gekratzt wird, wie schon lange nicht mehr. Wie fast alle Anspielstationen folgt auch dieser dem Deutschrap-eigenen Deepness-Rezept, nach dem Klavierläufe und Streicher unverzichtbar für vermeintlich tiefgründige Texte sind. Aber damit nicht genug , denn hier wird absolut JEDES noch so abgedroschene Klischee für halbgare Straßenrap-Rumheulerei erfüllt, auf das man vielleicht warten könnte. Inklusive im Regen stehen, Fliegen mit Engelsflügeln, Seen aus Tränen und "Aufstehen" auf "Rausgehen" zu reimen.
Dass der Gute im Ethik-Unterricht nicht aufgepasst hat, glaube ich ihm auf's Wort, wenn ich mir "Hassan vs. Teufel" anhöre, wo man dem Menschen sämtliche Selbstbestimmung abspricht, um dann alles auf den Teufel zu schieben. Macht ja Sinn, denn der war schließlich auch schon im Mittelalter der Böse.
Doch all die naive Bordsteinromantik hält den Rapper natürlich nicht davon ab, wie üblich dafür zu sorgen, dass BOOM-Adlibs, runtergepitchte Hooklines und "Kryptonitsteine, die deine Lunge zerfetzen" (-> "Al Massiva Beutejagd") ihren Platz auf dem Album finden, was einem stimmigen Gesamtbild nicht grade zuträglich ist. Letzteres leidet auch unter Massivs schizophren-anmutenden Anfällen, wenn er erst vom Leben geliebt wird und ihn wenige Zeilen später das Leben plötzlich krank macht (-> Solange mein Herz schlägt Pt. 2).
Nach einmaligem Durchhören der Platte gelange ich schnell zu meinem Fazit. Diese 15 Anspielstationen ersaufen im eigenen Schmalz, sind absolut oberflächlich und transportieren rein gar nichts. Die oberflächlich versuchte Sozialkritik hat weder Hand noch Fuß und die Gefühlsbetonte Schiene berührt kein Bisschen. Im Grunde genommen ist dieses Album schon so, wie man es von Massiv gewohnt ist: gnadenlos über's Ziel hinausgeschossen. Und das ist kein Kompliment. Wer den Massiv'schen Motivationshymmnen auf Steroiden grundsätzlich etwas abgewinnen kann, ist hiermit gut bedient.Mir persönlich ist das Ganze dann doch ein bisschen laut und ein bisschen viel Pathos.
2.0/5
Cruel Summer - Review
Wenn es um Amirap geht, werde ich ganz schnell zum Yeezy-Groupie. Dementsprechend groß war die Freude über das Release des GOOD Music-Crew-Albums, das ja schon seit Ewigkeiten angekündigt war. Unter der Regie von Kanye kann da ja eigentlich nicht viel schiefgehen. Mal schauen, was das Ding taugt.
Allein das Lineup des Labels ist gelinde gesagt einschüchternd. Gesignt sind gestandene Legenden wie Common, Mos Def und Pusha-T, aber auch Newschooler mit bahnbrechenden Erfolgen à la Kid Cudi, Big Sean oder dem Überproduzenten Hit-Boy haben hier unterschrieben. Einigermaßen verwirrt bin ich also, wenn ich einen Blick auf die Tracklist werfe und ein paar bekannte Gesichter vermisse. Warum taucht Common nur einmal auf? Wo No I.D.? Mos Def? Und warum zum F*** ist 2Chainz stattdessen ganze drei Male vertreten? Aber gut, versuchen wir mal ganz unvoreingenommen an die Sache ranzugehen.
Die nächste Verwirrung folgt gleich im Intro der Platte. Die Erinnerung, dass es R. Kelly auch noch gibt, hätte ich nicht unbedingt gebraucht, vor allem nicht, wenn er einen derart enervierenden Gesangspart abliefert (und ganz nebenbei nicht mal auf dem Label gesignt ist). Während Kelly ein wenig deplaziert wirkt, machen die Wu Tang-Features durchaus Sinn, da insbesondere Raekwon immer wieder auf GOOD-Releaeses auftaucht und stets Qualität abliefert. Sogar Mase gibt sich die Ehre und tauscht kurzfristig das Kruzifix wieder gegen das Mic ein.
Auch sonst wirken die Fremdfeatures durchaus gut gewählt. Das Einzige, was mich hier stört ist die schiere Anzahl an Labelfremden Musikern, die auf dem Album vertreten sind. The-Dream, Cocaine 80s, Marsha Ambrosius, Jadakiss, etc. Ist ja alles schön und gut, aber heißt Crew-Album nicht auch, dass hauptsächlich die Crew darauf vertreten ist? Grade mal die Hälfte der Songs wurde von Label-internen Künstlern produziert. Mein Gott, wenn ihr schon Hit-Boy habt, dann lasst ihn gefälligst auch mehr als nur 3 mal auf die Beats los. Genauso wie Q-Tip und No I.D., die auf dem gesamten Projekt nicht einmal auftauchen.
Nichtsdestotrotz gehen die Beats zwar größtenteils klar, doch weiß das Album in seiner Gänze nicht so recht zu überzeugen. Besonders, wenn ein Kid Cudi, von dem man eigentlich Qualität gewohnt ist, plötzlich jegliche Kreativität über Bord wirft und beschließt, einfach drei Minuten Nonsens zu reden ("If I had one wish, it'd to have more wishes / Fuck tryin' to make it rhyme").
Natürlich findet sich auf "Cruel Summer" nicht nur Schlechtes. Wenn die Jungs plötzlich mit so brettharten Posse-Tracks wie "Clique" um die Ecke biegen, ist alles vorbei. Big Sean gibt seine leicht komödiantische Ader zum Besten, Jay-Z flext den Beat kaputt und Kanye startet den nächsten Ego-Overkill. Auch "Mercy" kann überzeugen, hier schafft es nicht mal 2Chainz den Track zu ruinieren, wenn Pusha-T auf einem der besten Beats des Albums zu Höchstform aufläuft.
Schlussendlich gewinne ich dennoch den Eindruck, dass Kanye bei der Qualitätskontrolle geschlafen hat. Hier liegt bei weitem kein vollständiges Fiasko vor, doch waren die Tracks, die vorab bekannt gewesen sind auch durchaus die Besten des Albums. Mit einem zweiten Twisted Fantasy hätte natürlich niemand gerechnet. Doch wenn man die Platte einmal komplett durchhat, bleibt man mit einem Gefühl zurück, das man am ehesten mit dem eines uneingelösten Versprechens vergleichen könnte. Zu viele Köche? Wer weiß. Für den Moment bin ich ein wenig enttäuscht und warte gespannt auf Watch The Throne 2 und den versprochenen Film zu Cruel Summer.
2.5/5
Lila Wolken - Review
Endlich ist es angekommen, das lang erwartete Lebenszeichen von Marteria & Co. Ich lege die CD ein und 5 Tracks später weiß ich wieder, warum ich "Zum Glück in die Zukunft" so gnadenlos abgefeiert habe. Warum Kate Moskau Liebe auf den ersten Blick war und ich seit gefühlten drölftausend Jahren auf das Yasha-Album warte.
Denn was diese Drei auf "Lila Wolken" so veranstalten, könnte in solcher Qualität gerne öfters im deutschen Rap passieren. Spätestens, wenn die Multikulti-Hymne "Kreuzberg am Meer" mit seinen sanften House-Flächen und knarzenden Synthie-Bässen Einzug in die heimische Stereo-Anlage erhält, hat man das Gefühl, direkt im Green Berliner Spätsommer gelandet zu sein. Das leicht ravige Soundbild, das die Krauts dem Trio auf den Leib geschneidert haben, liegt stilistisch noch nahe bei Marterias letzter Solo-Platte, fühlt sich aber nie wie ein Plagiat seiner selbst an. Eher stellt das Produzentengespann um Dirk Berger einmal mehr seine Vielseitigkeit unter Beweis und gibt sich gerne mal verträumt poppig, klotzt dann aber auch wieder mit brutalen Synthies, wie auf der ersten Videoauskopplung.
Dass Marteria Nachts mit Maske Whack-MCs verprügeln geht, dürfte seit "Grüner Samt" eigentlich jedem klar sein, kriegt aber mit "Bruce Wayne" noch mal einen eigenen Song gewidmet. Hier holt Mr. Mar überraschend den "Base Ventura" wieder aus der Versenkung und macht (beinahe schon untypisch für ihn) eine lässige Rapper-Ansage nach der anderen. Sonst begnügt man sich wie üblich mit Wortspielen en masse, wie auf "Feuer", wo sämtliche Gummis auf Miss Platnums Asphalt wegbrennen (pun intended).
Selbige tritt zusammen mit Yasha angenehmerweise auch nicht einfach als die Hookbitch auf, wie man es des Öfteren von den restlichen Kollegen aus dem Rapgeschäft auf die Ohren bekommt. Alle drei stehen als gleichberechtigte Partner nebeneinander und jeder hat seine Berechtigung, auf der EP gelandet zu sein.
Auch musikalisch macht das Trio unheimlich viel Spaß und räumt endlich mit eklig bis peinlichen BEP-auf -Deutsch-Versuchen wie Culcha Candela auf und zeigt, wie es richtig geht. Der einzige leicht bittere Nachgeschmack der bleibt, ist die Kürze der EP, aber ich denke, dass ich nicht unbedingt falsch liege, wenn hiermit das Intro zu den Soloprojekten der Drei vorliegt (Meine Prognose für die Reihenfolge der Releases: 1. Miss Platnum, 2. Yasha, 3. Marteria). Zwar reist Marty McFly im zweiten Teil von "Zurück in die Zukunft" ins Jahr 2015, doch ich bin zuversichtlich, dass Mr. Mar noch nächstes Jahr mit neuem Solomaterial um die Ecke biegen wird. Bis dahin tanzen wir weiter auf Lila Wolken.
3.5/5
Mein Kauftipp: Morgen erscheint Cruel Summer, der Sampler von Kanye West's Label GOOD MUSIC. Mit "Mercy, Cold, New God Flow, I Don't Like" und "Clique" sind bereits 5 Tracks erschienen, an denen man sich überzeugen kann, dass das Album einschlagen wird wie eine Bombe. Weiterhin wird ein Kurzfilm im Stil von "Runaway" erscheinen. Wer Letzteren gesehen hat, weiß, was auf einen zukommen könnte.
Ich wünsche schon mal viel Spaß mit dem Album, eine Review wird die Tage kommen!
HRNSHN - Review
Hier ist er, der CD-gewordene feuchte Traum eines jeden Spätpubertären, der auf den nächsten geschmacklosen K.I.Z/Favorite-Bite nach Trailerpark gewartet hat: die 257ers!
Tatsächlich gibt es die Truppe schon seit 2005 und durch dezente inhaltliche Parallelen zum Rapkollegen Favorite war schon immer eine gewisse Nähe zur jetztigen Labelheimat Selfmade vorhanden. 2012 ist es nun soweit und das große Label-Debüt HRNSHN steht in den Läden. Ausgestattet mit einer unsagbar unsympathischen Interview-Attitüde, einem Sack voll käsiger Synthie-Beats und modischen Geschmacksverirrungen wie karierten Dreiviertelhosen zieht das Trio nun in den Kampf, um die Charts zu erobern.
Rapskills sind ja durchaus vorhanden, die Punchlines sind stellenweise witzig, die Flows sind variantenreich und die Doubletimes mehr oder weniger sauber. Mein Problem mit diesen drei: das alles gab es schon! Man nehme K.I.Z, entferne sämtlichen subtilen Witz, politische Attitüde und Sozialkritik und übrig bleibt die Rohmasse, aus der sich dieses Manifest des Vorstadt-Proletentums formt.
Besonders auf Albumlänge halte ich das Ganze dann für eindeutig zu anstrengend, wenn man sich nicht auf auf den Essener Flachzangenhumor einlassen kann. Rap muss nicht immer JAW / Casper / Prinz Pi sein, Rap darf auch gern mal einfach nur bescheuert sein und auf die Kacke hauen, aber dann bitte nicht als derart grenzdebiles Plagiat. Ja, Fluchen ist erlaubt. Nein, zehn Mal “Hurensohn” auf einem Track zu sagen gilt nicht als herausragend humoristische Leistung.
Auch die rar gesäten Features auf dem Album schlagen in eine ähnliche Sparte wie die 257ers selbst – so sind lediglich zwei absehbare Favorite-Features und einmal Alligatoah vertreten. Dieser liefert auf “Über alle Berge” einen unspektakulären Part und eine unspektakuläre Gesangsleistung ab, die wahrscheinlich sogar ich besser hinbekommen hätte.
Insgesamt kann ich mit dieser Platte rein gar nichts anfangen. Alle, die auf Mittelstufenhumor stehen und noch ein Kichern hervorbringen können, wenn jemand PENIS sagt, sind mit dem Album wahrscheinlich gut bedient. Ich möchte den 257ers weder Rapskills noch Intelligenz absprechen, wem's gefällt, der soll's hören. Was ich ihnen allerdings schon absprechen möchte ist die Daseinsberechtigung, denn um die zu haben muss man entweder etwas Bestehendes herausragend gut machen oder ein völlig neues Genre begründe – ich sehe hier keins von beidem.
1.5/5
Nazar - Narkose Review
Da liegt es nun auf meinem Schreibtisch, das lange erwartete Narkose-Album von Nazar. Die Fakkeredition war leider ausverkaut, also muss ich mich mit der regulären Version begnügen und auf die vier Bonustracks verzichten. Album rein und narkotisieren lassen!
Was auf den Videoauskopplungen nicht sehr deutlich hervorging, sticht umso mehr heraus wenn man das Album in seiner Gesamtheit hört: der Sound geht stark in Richtung amerikanische 808-Beats. Schwer nachzuvollziehen ist die Aussage, dass der eine oder andere Track aus dem Album im Club laufen könnte, da viel mit dissonanten Melodien experimentiert wird, für die sich der durchschnittliche Dorfdisco-DJ nur bedingt begeistern wird.
Und hier sind wir auch schon beim grundsätzlichen Problem einer Bewertung des Albums: die Beats sind pure Geschmackssache. Jeder Track ist sehr professionell ausproduziert, der Sound ist rund und konsequent durchgezogen, aber zumindest bei mir möchten die Instrumentals nicht wirklich zünden. Etwa habe ich das "O.Z. Interlude" schon beim ersten hören skippen müssen, da mir nach der Hälfte des Tracks schlichtweg der Nerv gefehlt hat, an diese unhörbare Beatkonstruktion noch eine weitere Minute meines Lebens zu verschwenden. Wer mutige Produktionen auf Rap-Alben hören möchte, dem empfehle ich die Backpacker-Legenden El-P und Aesop Rock, doch hier geht die Rechnung nicht auf. Die Kombination aus zittrigen Snare-Rolls, chromatischen Tonleitern und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelter Vocal-Fetzen ist für meinen Geschmack etwas zu viel, um das auf Albumlänge zu zelebrieren.
Umso mehr hervorzuheben ist natürlich die Tatsache, dass der Großteil von Nazars Rapkollegen mit derart verspulten Instrumentals heillos überfordert wäre, während der Wiener fast mühelos alle paar Takte neue Flows zum Besten gibt und dabei stets perfekt auf dem Beat bleibt. Dies zeigt sich auch an der knappen Featureliste: Ausnahmespitter Motrip und Rapveteran Sido sind die einzigen Rapper die sich auf der Standard-Edition die Ehre geben und das ist vermutlich auch gut so. Besonders das Duo Trip / Nazar bleibt eines der wenigen Highlights des Albums, hier zeigen beide, warum sie zu Deutschlands technischer Elite gezählt werden (Fun Facts: O.Z. benutzt hier scheinbar die selbe Soundlibrary wie Ahzumjot, siehe das Outro von Jack Shepard).
Weiterhin sind zwei Sänger gefeaturet, von denen ich Gary Howard als englischsprachigen Gast nicht unbedingt gebraucht hätte, da mir schon das Thomas Aizer-Feature auf dem XOXO-Album sauer aufgestoßen ist. Was bei Manuellsen hingegen immer wieder auffällt, ist die Tatsache, dass er zu gesanglichen Höchstformen aufläuft, sobald Nazar seine Goldkehle an die Leine nimmt und so mag auch "Tristesse" gefallen.
Insgesamt ist Narkose zwar kein schlechtes Album, das durchaus einige Lichtmomente hat, doch der Großteil der Tracks bleibt bei dem halbgaren Versuch, amerikanische 808-Bretter zu adaptieren, was lediglich auf dem Titeltrack gelungen ist, welcher ironischerweise nicht von O.Z. produziert wurde. Nazars raptechnische Hochleistungen können da leider auch nicht mehr viel rausreißen aber so kommen zumindest Fans von komplexen Flow- und Stimmvariationen à la Nicki Minaj voll auf ihre Kosten, sofern sie mit den Instrumentals etwas anfangen können. Ich hingegen bleibe lieber bei Amirap, wenn ich Amibeats hören will.
2.5 / 5
Hallo Welt! - Review
Max Herre greift wieder zum Mic. Drei Jahre nach dem Akustikalbum, auf das eigentlich niemand gewartet hatte, ist jetzt wieder HipHop im Haus. Was im letzten Jahr auf dem "Niemand"-Remix mit Samy Deluxe und Megaloh schon angedeutet wurde, ist jetzt in Form eines Albums zu bestaunen. Vorhang auf für "Hallo Welt!".
In den Staaten machen in die Jahre gekommene Größen wie Jigga, Common und Nas schon seit einiger Zeit erfolgreich vor, dass erwachsener Rap auch erfreulich unpeinlich über die Bühne gehen kann. Diesen Beweis auch in Deutschland zu bringen, liegt jetzt in den Händen von MCs wie Max Herre.
Kurz gesagt klingt dieses Album wie Max Herre aussieht - vintage, bodenständig und mit einem Swagger gesegnet, den man so nur einmal findet. Organische Drumsounds, schwebende Rhodes-Flächen und Akustikgitarren dominieren den Großteil des Albums. Lediglich "Wolke 7", das gleichzeitig auch die einzige Singleauskopplung ist, tanzt mit seinem glattgebügeltem Pop-Sound aus der Reihe, rutscht aber zum Glück nur beinahe auf seinem eigenen Schmalz aus.
Produziert wurde ausschließlich von Kahedi, dem Produzententeam (bestehend aus Max Herre, Roberto Di Gioia und Samon Kawamura), das bereits Joy Denalanes "Maureen" seinen Klangteppich verleihen durfte. Der Bezug auf Max' heiß geliebte goldene Ära des Raps ist unüberhörbar. So finden sich in "1992" treibende ATCQ-Basslines, an Scratches mangelt es nicht und auf "Nicht vorbei" wird sogar Lenny Kravitz weggesamplet.
Textlich schafft es Max Herre einmal mehr, politisches und soziales Geschehen zu kommentieren, ohne dabei wie der Politik-Ersti rüberzukommen, der er seinem Aussehen nach auch jetzt noch sein könnte. Und auch wenn er vielleicht nicht der stärkste Spitter Deutschlands ist, wird Max auch von einem Kaliber wie Samy Deluxe nicht auf seinem eigenen Scheiß gekillt. Inhaltlich sind die 15 Tracks abwechselnd clever und emotional, man zitiert George Orwell und Fettes Brot und lässt an der eigenen Souveränität keinen Zweifel, ohne damit je überheblich zu wirken. Auch 2012 bringt Max nix für'n Index und bleibt der "conscious Muterff-", der er auch schon auf Quadratur des Kreises gewesen ist.
Von den insgesamt 13 (!) Features auf 15 Songs hätte vielleicht nicht unbedingt jedes sein müssen, aber gut gewählt sind sie allemal. Größen des Deutschrap geben sich hier mit Newcomern und international erfolgreichen Künstlern wie Aloe Blacc die Klinke in die Hand, während der Protagonist der Platte auch immer derselbe bleibt und neben niemandem untergeht.
Wie auch der Titel der Platte endet das Album mit einem Ausrufezeichen. Zusammen mit Megaloh macht man auf dem Ansagentrack "Rap ist" dem Spitten eine Liebeserklärung und vernichtet nebenbei noch lässig die Konkurrenz. Gleichzeitig kann man dieses Outro auch als Einleitung zum bevorstehenden Werk Megalohs verstehen, der erst kürzlich bei Nesola, Max Herres Label, gesignt wurde.
Insgesamt bietet "Hallo Welt!" das würdige Rap-Comeback eines MCs, der sich eigentlich nichts mehr zu beweisen hatte. Die Synthese aus New- und Oldschool, die auf "Kahedi Dub" mit Marteria direkt angesprochen wird, ist durchweg gelungen - Max nimmt die Kultur und den Sound, mit dem er 1997 schon unterwegs war und übersetzt ihn 2012 in ein Album, das unabhängig vom Zeitgeist funktionieren kann und sich vor Generation SupremeSwagXO nicht verstecken muss.
3.5/5
Fakkermusik
Während Money Boy weiterhin als Running Gag der Österreichischen Szene den Swag aufdreht und Mixtape nach Mixtape raushaut, muss man nach einem Gegenbeweis für Ösi-Rap gar nicht lange suchen. Nazar ist zurück und hat ein Album im Gepäck. Drei Tracks wurden samt Video als Vorgeschmack veröffentlicht, den Titeltrack "Narkose" gab es bislang nur als Audio zu hören. Ein Kommentar zum Vorgeschmack auf das Album.
Vor wenigen Tagen musste die Nazar/Raf-Fangemeinde erfahren, dass das Duo ab jetzt getrennte Wege geht, was nicht nur heißt, dass man mit Artkore 2 vorerst nicht rechnen muss - Denn es bedeutet auch, dass mit Raf Camora / 3.0 der wichtigste Soundarchitekt der Erfolgsalben Artkore und Fakker verloren geht und Nazar in Sachen Beats jetzt völlig neue Wege einschlagen könnte.
Und diese Erwartung scheint sich zu erfüllen: Bereits im ersten Videoblog zu Narkose stellt Nazar das Produzententeam vor, das sich für die Beats verantwortlich zeichnet. Mit 11 Tracks am häufigsten vertreten und somit auch für den roten Sound-Faden zuständig ist der Newcomer OZ Beats, der bis auf einen Beat auf Summer Cems Sucuk und Champagner noch keine nennenswerten Referenzen aufweisen kann. Weiterhin als Producer sind auf dem Album Mike Knight, Juh-Dee, Joshimixu, STI, X-Plosive und Geefuturistic vertreten. Zudem hatte DJ Paul Blaze seine weedbedingt roten Adleraugen über den Studiosessions und erteilte produktionstechnische Ratschläge für den Feinschliff der Beats. Denn die sollen, so Nazar, sehr in Richtung amerikanische 808-Beats gehen und nach Sidos Aussage auch durchaus clubtauglich sein. Soso, wir sind gespannt.
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Die erste Videoauskopplung des neuen Albums ist Stilles Meer. Als ich das Video das erste Mal sah, war ich zunächst erleichtert, dass ich nicht das befürchtete Brick Squad-808-Geballer à la Lex Luger vorfinden musste. Melancholische Synthie-Flächen wabern unter Nazars Stimme vor sich hin, im Hintergrund sind Chöre zu hören, die offensichtlich von Manuellsen eingesungen wurden. Nazars Stimmlage auf diesem Song ist eher ungewohnt, der Thematik aber angemessen und fügt sich gut in das Gesamtbild des Tracks ein.
Auch das Video ist in dunklen Farbtönen gehalten und geht Hand in Hand mit der Ästhetik des Textes und der musikalischen Untermalung. Einen Überraschungsauftritt hat KITT, Michael Knights intelligenter Wagen aus Knight Rider, der David Hasselhof zum Glück zuhause gelassen hat und Nazar das Steuer überlässt. Ein wenig schmunzeln musste ich auch ein paar Tage später, als der erste Videoblog veröffentlicht wurde, in dem Nazar Stilles Meer als Streetvideo bezeichnet. Für manch anderen Rapper wäre das schon genug für eine offizielle Single-Auskopplung...
Insgesamt finde ich, dass sowohl Beat als auch Raps besser gegangen wären. Die musikalische Untermalung hat zwar durchaus ihre Momente, bleibt aber leider fast ohne nennenswerte Höhepunkte, wozu auch die simple Form Verse - Hook - Verse - Hook beiträgt. Das alles macht den Track leider ein wenig eintönig und er plätschert eher seicht vor sich hin, statt den Hörer wirklich zum zuhören zu bewegen. Auch textlich redet Nazar zwar keinen pseudophilosophischen Bullshit, wie es andere MCs in vermeintlich "deepen" Tracks tun, schafft es aber auch nicht wirklich, eine Verbindung zum Hörer aufzubauen und zu Berühren. Im Gesamteindruck eher ein durchschnittlicher Song, was aber auch in Ordnung ist, da hier etwas für Nazar völlig Neues ausprobiert wurde. 2.5 / 5
Eine Videoauskopplung später und Nazar dreht auf. Mit Lost in Translationzeigt der Wiener, dass er wieder zurück ist und Dynamit im Gepäck hat. Alles, wofür er als Rapper bekannt ist, wird hier in Bestform präsentiert: Flowvariationen ohne Ende, Punchline jagt Punchline und sein charakteristisches Spiel mit der Stimme kommt ausreichend zur Geltung. Ebenfalls positiv fällt auf, dass der MC sein Raptalent auf drei Strophen zelebriert, die allesamt ihre Highlights haben. Besser gegangen wäre lediglich die Hook, da das hier gesamplete Kauderwelsch nicht zu verstehen ist und man diesen Teil des Songs insgesamt vielleicht eher als Break statt als Hook verstehen sollte.
Der Beat wartet mit einem eher ungewöhnlichen, orientalisch anmutenden Vocal-Sample auf und ich bin mir nicht ganz so sicher, ob das auch für alle Fans so "[...]traumhaft klingt[...]" wie für Nazar. Interessant finde ich hier auch das Arrangement, da die im Intro vorgestellten Einzelelemente des Beats eher absurd klingen, sich aber zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen.
Nicht nur der Beat sondern auch das Video hat wieder einige Überraschungen parat. Als ich den Titel sah, ging mein erster Gedanke an den gleichnamigen Film mit Bill Murray, mit dem der Clip aber eher weniger zu tun hat. Nazar als reitender Desperado, der im Wilden Westen per Revolver gründlich aufräumt. Warum nicht. Die Qualität des Videos ist wie immer top notch, Kulisse und Darsteller wirken vollkommen überzeugend, die Kameraeinstellungen sind gut gewählt und die Bilder gestochen scharf. Auch hier wieder ein Gastauftritt, diesmal ist es Sido, der für zwei Sekunden verwirrt gucken darf und die Frage offen lässt, ob es Armani-Brillen auch schon im Wilden Westen gab. Im Outro des Videos zeigt Nazar einmal mehr seine Haltung zum Rassismus, die auch in früheren Songs mit Seitenhieben an die FPÖ immer wieder demonstriert wurde.
Wer darauf gewartet hat, dass Nazar mal wieder auf die Kacke haut, kommt voll auf seine Kosten und auch ich bin durchaus überzeugt von dem Produkt, das hier abgeliefert wird. Alle drei Parts sind Raptechnisch auf hohem Niveau und lassen keine Wünsche offen. Mutig finde ich, dass er sich weiter an Neuem versucht und auch diesmal wieder ein Konzept ausprobiert, das man in dieser Form in Deutschland noch nicht gesehen hat. 3.5 / 5
Zwei Wochen später die nächste Auskopplung. Sandsturm behandelt das Thema der Vergänglichkeit und erinnert nicht nur vom Titel her an Stilles Meer, auch textlich und im Beat lassen sich deutliche Parallelen ausmachen, die vermutlich auch so gewollt sind. Auch hier wird wieder auf Synthies und Backingvocals von Manuellsen gesetzt, was ich im Gesamtpaket jedoch wesentlich gelungener finde. Was bei Stilles Meerzu wenig Kraft hatte, kommt hier sehr präsent daher und besonders die Hook kann hervorstechen, was in den Tracks zuvor nicht unbedingt gegeben war.
Weiterhin präsentiert Nazar sich hier lyrisch wesentlich stärker als in Stilles Meer. Zwar sind Sand-Metaphern zur Darstellung von Vergänglichkeit gelinde gesagt ausgelutscht, doch der Wiener schafft es, diese so zu umspielen, dass er nicht in Klischees abdriftet. Doch auch abseits der Sand-Metapher findet Nazar hier seine eigene, sehr schöne und bildhafte Sprache:
"Dir geht es so wie allen anderen davor Als Oma starb, hat Mutter ihre Mama verloren [...] Ich will zurück in diese Zeiten als der Schmerz weg war Doch Kalenderseiten wehen weg wie Herbstblätter"
Für einige Diskussion unter den Fans sorgten die Zeilen "[...]Freunde für immer, das sind Kindergedanken / Heute sind Freunde heuchelnde Spinner mit Hintergedanken[...]", da diese Verse im Video auf einen Moment fallen, in dem ein Foto von Nazar zusammen mit Raf und Chakuza zu sehen ist. Zwar dementierte Nazar später auf Facebook, dass es sich hierbei um einen Seitenhieb an Raf handelt, doch ich persönlich glaube nicht an Zufälle in der Kunst allgemein und schon gar nicht in diesem Fall, wo Nazar auch als Drehbuchautor für sein Video fungiert.
Und dieses ist wie immer äußerst gelungen, die Wahl der Locations und die warmen Farben bieten einen angenehmen Kontrast zu Stilles Meer und untermalen den Track an sich auf sehr passende Art und Weise. Zwar hat man nicht ganz so viel Aufwand betrieben wie bei Lost in Translation, doch ein derartig großes Video hätte ein solcher Thementrack auch gar nicht gebraucht.
Sandsturm ist so, wie Stilles Meer hätte werden sollen. Textlich wesentlich zugänglicher, mit Steigerungen versehen und einem makellosen Video. Zwar schafft Nazar hier kein zweites Sekundenschlaf, doch bringt es fertig, diesem gern behandelten Thema seinen eigenen Stempel aufzudrücken. 3.5 / 5
Nazar orientiert sich neu und das merkt man. Das hält den Rapper jedoch nicht davon ab, weiter zu demonstrieren, dass sein Name für Qualität steht und er für jedes Album 100% gibt. In der Promophase von Fakker erschienen insgesamt 5 Videos (Kein Morgen mitgezählt), was heißt, dass wir uns wohl noch auf ein paar Clips von Nazar Films freuen können. Narkose erscheint am 07.09.2012. Wir können gespannt sein, welche Tracks uns als nächstes präsentiert werden.