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felicita - Live at Appleville (2020)
Liste: 10 gute Gänge ins Archiv 2020
Die Konzerte des Jahres waren immer ein schön anekdotisch-unverbindlicher Einstieg in die Listenzeit. Dieses Mal lauert hier nicht nur direkt das Thema Corona; obendrein hat die Subjektivität, die diese Liste sonst immer so spaßig macht, eben jene Liste einfach aufgefressen, denn ich hab in diesem Jahr schlicht kein einziges Konzert besucht und auch Livestreams eher selten in Echtzeit gesichtet, so dass hier nun im Grunde nichts zu listen ist. Doch die Musik blieb ja nicht stehen, Bands koppelten Coverversionen aus, das Publikum vergrub sich in der eigenen Sammlung, und da auch Konzerte meist ja eine Art Gang ins Archiv sind, eröffnet nun eine Liste eben solcher eben die schönste Zeit des Jahres. Auch die zehn folgenden Plätze bleiben anekdotisch und subjektiv, sind chronologisch aufgefädelt und zeigen eben, was dieses Jahr so ging, wer sich welchen Schabernack einfallen ließ und am Ende ja auch einfach zehn Sampler, Streams und Songs, die frei von allen Kategorien empfehlenswert sind.
18.03.2020: Converge/Endless Arrow
Mein erster Konzertbesuch des Jahres war gerade gemeinsam mit den meisten Touren weltweit weggeklappt, als Converge ihren eigentlich brachialen Song “Aimless Arrow” ins Endlose zogen und uns in ein halbstündiges Wabern und Wobbeln stießen. Offiziell war es da “to keep people entertained”, eigentlich nahm es aber vor allem die zerdehnte Zeit vorweg, die fast allen ins Haus stand. Dies wiederum an einem unmittelbaren, pfeilschnellen Song vorgeführt zu sehen, zählte dann zusätzlich zur musikalischen Qualität auch zu den besten Pointen des Jahres.
20.03.2020: Torres/Wandering Star
Torres gehörte derweil zu jenen Künstler:innen, die ihre Tour kappen mussten, und reagierte unmittelbar mit einer pulsierend-sinistren Version des schon im Original ominösen “Wandering Star”. Portishead sind nun keine leicht zu covernde Band und Torres hatte mich auf Platte nie richtig überzeugt, diese Version traf aber mitten ins Schwarze, weil sie angesichts des Originals nicht erstarrte oder auswich, sondern sich zu den empfindlichen Stellen durchbohrte.
24.04.2020: Post Malone, Nirvana Tribute
Bisher habe ich vermieden, eine Meinung zu Post Malone zu entwickeln, und so rauschte auch der vielbesprochene Nirvana-Tribute-Stream zunächst an mir vorbei. Erst als ich im Zuge einer Auseinandersetzung mit Machine Gun Kellys Pop-Punk-Werdung nochmal grundsätzlich über Jahrtausendwende-Rock im Gegenwartsrap nachdachte, musste ich doch mal ein Ohr riskieren, allein schon wegen der Travis-Barker-Verbindung. Und plötzlich wurde aus semi-professioneller Recherche ein wonnevoller Nirvana-Fan-Moment, der eine gewisse Gemeinschaftlichkeit ausstrahlt, und überhaupt: Post Malone konkurriert zum Glück nicht mit Cobain, zeigte sich aber passioniert und brachte spätestens in “Heart Shaped Box” seinen trillernden Schmalz enorm gewinnbringend in das schmissige Spiel der Band ein.
30.04.2020: Ben Gibbard, Live From Home
Von all den Livestreams im Frühjahr war es vermutlich Gibbards, der mir das wohligste Gefühl gab. Womöglich lag es daran, dass er nach zunehmend behäbigen Death-Cab-Platten hier nun endlich einfach seine Rolle als Indie-Grandseigneur annehmen durfte und dabei alle Beteiligten gewannen. Neben dem herrlich schlichten "Life In Quarantine" blieb dieser spezielle Stream vor allem aufgrund der hervorragend melancholischen zweiten Hälfte in Erinnerung. Den persönlichen Favoriten "You've Haunted Me All My Life" gab es dort behutsam aufgedröselt, ebenso das unzerstörbare "I Will Follow You Into The Dark" und eine handfeste, großaäugige Version des eigentlich ja eher entrückt wirkenden Depeche-Mode-Klassikers "The Things You Said". Genau kann ich daraus noch keine Anweisung für kommendes Gibbard-Material ableiten, doch irgendwo hier steckt der Schlüssel zum Karriereherbst.
01.05.2020: V.A./What Is This That Stands Before Me?
Black Sabbath hat sich mir als erste Metal-Legende erschlossen, Sacred Bones haben mich in den vergangenen zehn Jahren verlässlich mit niederschmetternder Musik versorgt, und so ist bereits der Gedanke einer Aktualisierung Ersterer durch Letztere eine spannende Sache. Das Ergebnis ringt dem manchmal ja auch recht leicht zusammenfassbaren Sound der Band tatsächlich unendlich viele Facetten ab, die zugleich die Klasse des Ausgangsmaterials betonen: The Soft Moon zerrt den Opener des Debüts zum Jubiläum in den Industrial-Kerker, Thou poltern “Supernaut” in tiefste Tiefen, Hilary Woods murmelt “N.I.B.” zur sinistren Beschwörungsformel, Moon Duo delirieren “Planet Caravan” in höchste Höhen und Dean Hurley presst das endlose “Warning” in schwitzig-schwatzende Bar-Atmosphäre. Der Rest ist ebenso großartig, die Dramaturgie des Ganzen sowieso, und am Ende bleibt neben all der Versammlung von Talenten und der Huldigung einer Genre-Größe auch einfach ein seltener Sampler ohne Füllmaterial.
01.05.2020: Lingua Ignota/Jolene
Okay, ein bisschen getrickst ist diese Platzierung, aber nicht nur sauste die ursprüngliche Veröffentlichung dieses scheinbar unendlich coverbaren Dolly-Parton-Klassikers im vergangenen Jahr auf einer Split an mir vorbei, in diesem Jahr reihte er sich in einen Strom einzelner Veröffentlichungen ein, die allesamt unter Beweis stellten, was unter der Last des letztjährigen Brockens “Caligula” fast unterzugehen drohte: Lingua Ignota hat ein unfassbares Gespür für Zwischentöne, die unaushaltbar an den Nerven knabbern und doch süchtig machen. “Jolene” haut sie nämlich eben nicht zu Klump, sondern lässt im Hintergrund Feedback walzen und Streicher überspannen, während sie sich im Vordergrund voll in die Rolle der bittstellenden Protagonistin wirft. Das Drama, die Dissonanz, aber eben auch das kompositorische Geschick in verschiedensten Dimensionen treten hier formvollendet hervor.
27.05.2020: The Soft Pink Truth/Am I Free To Go?
Drew Daniel ist bei all den Grenzen, über die extreme Rockmusik in den vergangenen zehn Jahren gezerrt wurde und dabei auch häufiger als nötig einfach zum Gag degradiert wurde, ein Garant für Coverversionen, die über eine schlichte Pointe hinausgehen. Nach einem Black-Metal-Coveralbum lässt sich nun auch seiner Sammlung von Crust-Punk-Adaptionen eine Prise Humor nicht absprechen, “Am I Free To Go?” leistet aber weit mehr. Wüste Vocals schießen durch Jungle- und D’n’B-Anverwandlungen, Glitches kompensieren die wegfallende Gitarrenkruste, Samples verorten das Material obendrein in der Gegenwart und verleihen die nötige, dem Material sowieso innewohnt der Dringlichkeit.
05.09.2020: Digital Ist Besser Als Nichts #5: Messer + Conta, Gleis 22
Eingangs erwähntes Konzert-Fastenbrechen hätte übrigens Mitte März mit Münster im Gleis 22 stattfinden sollen, eine Woche später hätte ich die Band dann gleich nochmal in Saarbrücken gesehen - beides Shows, von denen ich mir viel versprach und die bis heute in der Luft hängen. Wobei es zumindest den Auftritt im Gleis 22 irgendwie dann doch gab, nämlich als Stream im Rahmen der löblich-schulterzuckenden Reihe “Digital ist besser als nichts”. Die Unmittelbarkeit einer Clubshow gab es dabei zwar nicht, immerhin aber eben auch nicht die durch diese eine Säule erstaunlich oft erschwerte Sicht auf eine Bühne, die nicht nur schicke Brillen und krud-gute Ansagen, sondern auch eine kompakte Tracklist voll frischer Lieblingsstücke fasste. Mehr zu denen dann womöglich an anderer Stelle.
22.09.2020: PC Music/Appleville (Golden Ticket)
Irgendwie haben wir uns bislang verpasst, PC Music und ich. Gelesen hatte ich freilich einiges über diese Bande und irgendwie war ich auch gespannt auf die Musik, ein bisschen reichte mir aber auch das theoretische Wissen darüber, dass sie überhaupt existierte. 2020 kamen wir aber endlich zusammen, obwohl ich den Livestream des Appleville-Festivals in gewisser Konsequenz trotz Golden Ticket Kauf doch verpasst habe. Im Internet puzzlete ich mir aber nicht nur ein paar flackernde Versatzstücke des Onlinekonzerts freudig zusammen, ich fing mir eben auch den Golden-Ticket-Sampler ein, der neben verfrühtem Zugang zum Festival in etlichen exquisiten Coverversionen totgespielte Klassiker zum digitalen Nachleben erweckte. Ein von den absurden Bandnamen bis zu den quakenden Synthesizern rundes Vergnügen.
19.12.2020: Casper, Bleib Zuhause
Dunkel kann ich mich daran erinnern, das 2012 noch unter dem Namen “Willkommen Zuhause Festival” firmierende Jahresabschlusskonzert Caspers ebenfalls aus der Distanz per Liveübertragung verfolgt zu haben. Zwischenzeitlich bin ich dann auch gerne mal mit der wackligsten Straßenbahn der Welt durch Bielefeld zum Ringlokschuppen gefahren, in den vergangenen Jahren dann eher zuhause geblieben, was uns nun zu einem launigen Samstagabend führt, an dem ich per Livestream in das Diffus-Studio blicken durfte, wo Casper und Drangal um das Berlin-Konzert der “Lang lebe der Tod” Tour herum ein paar Ankündigungen machten, mit Gelaber ihren Podcast schon vor der eigentlichen Wiederbelebung wiederbelebten und Merch verlosten. Ich auf der anderen Seite tippte die Antwort “Uckermark” zu spät in den abstürzenden Stream, freute mich über mäßige Pointen und dachte nochmal über alles nach: Caspers musikalische Entwicklung, seinen Superstarstatus, darüber, ob Ahzumjot nicht fast exemplarisch die Rap-Entwicklung in den 10ern abgeschritten ist, und wie sehr ich mich am Ende des Tages dann doch einfach auf ein neues Casper-Album freue, auch auf eine neue Clubtour und nicht zuletzt auf die Ergebnisse dieser kruden Hans-A-Plast-Beatsteaks-Drangsal-Supergroup, die da ganz nebenbei angekündigt wurde. Vermutlich nicht der beste Stream 2020, aber vielleicht der mit den besten Verheißungen.
had v much fun watching online concert!!!
he says he likes the way i move whoa whoa said he loves me too whoa whoa
TOMORROW! 2pm PT/5pm ET – A. G. Cook’s Appleville, a tribute to live computer music. Featuring 100 Gecs, Clairo, Charli XCX, Kero Kero Bonito, and more! Golden tickets can be purchased here, with all proceeds going to Mermaids and Black Cultural Archives.
kero kero bonito live from appleville