Körperlichkeit sollte Forschungsobjekt der Informationswissenschaft sein. Meinen Andrew M. Cox, Brian Griffin und Jenna Hartel.
zu: Andrew M. Cox, Brian Griffin, Jenna Hartel (2017): What everybody knows: embodied information in serious leisure. In: Journal of Documentation, Vol. 73 Issue: 3, pp.386-406, doi: 10.1108/JD-06-2016-0073
Die aktuelle Ausgabe des Journal of Documentation enthält einen weiteren interessanter Beitrag, den wir wenigstens mit einem kurzen Hinweis würdigen wollen. Andrew M. Cox, Brian Griffin und Jenna Hartel beschäftigen sich in diesem mit der Frage, körperlich verinnerlichtes Wissen (Kompetenzen der Navigation im Raum, sinnliche Erfassung der Welt u.ä.) für das Forschungsfeld namens Information Behavior relevant sein können. Und erwartungsgemäß zeigen sie anhand der Beispiele der Freizeitaktivitäten Laufsport, Musik und Lesen, wie sehr dies der Fall ist. Der Körper selbst wird dabei zur Informationsquelle, was allen sehr bewusst sein dürfte, die ihre Joggingrunde mit einer Fitbit-Selbstevaluation verknüpfen. Eine weitere relevante Facette ist die Gewichtung unterschiedliche Sinne für die Informationsgewinnung:
“A key thesis in sensory studies is that the privileging of sight (ocularcentrism) and hearing is a particular trait of western culture.“
Daraus folgt, dass diese korporale Öffnung der Informationswissenschaft zugleich an eine kulturtheoretische anschließt. Und zugleich gilt, wie auch zahlreiche Gesellschaftsdebatten unterstreichen:
“Appearance embodies the biographical self, materialising the stories of who we are“
Der Körper bzw. das körperliche Erscheinungsbild selbst spielt mit Wahrnehmungsmustern zusammen und wird zum Informations- bzw. Zeichenträger, der (aus)gelesen werden kann.
Überhaupt ist jede kulturelle Aktivität zwangsläufig ein Komplex informationellen Handelns, wie die Autor_innen am Beispiel der Musik darlegen. Musizierende haben zudem nicht selten eine äußerst enge körperliche Relation zu ihren Instrumenten, auf die der erzeugte Klang selbst als Zeichen, also vielleicht phonosemiotisch, verweist. Mensch und Werkzeug produzieren also in Wechselwirkung etwas Deutbares, das Schlüsse auf beide Komponenten ermöglicht.
Das Lesen schließlich ist naturgemäß ein Herzstück der Informationsverhaltensforschung. Und es ist naturgemäß auch ein sinnlich-körperliches Geschehen, für das nicht zuletzt Rahmenbedingungen durch die jeweiligen Charakteristika der Trägermedien gesetzt werden:
“Thus the acts of reading and writing are embodied, and this is significant, e.g., in how much is absorbed and how it is remembered. For the argument of this paper this is a critical point, for it reveals the embodied character of activities such as reading texts, which have always been at the heart of information behaviour research, [...].“
Eine Art Human-Medium-Interaction wäre hier das Forschungsfeld. Die Neuigkeit der Autor_innen liegt darin, das Verständnis von einer primär kognitionstheoretischen Annäherung zu verschieben hin zu einer konkreteren Körperlichkeit. Für Informationsverhaltensforschung und Informationswissenschaft ist der Beitrag also eine Aufforderung, die betont symbolische Domäne zu erweitern, was in gewisser Weise zum Zeitpunkt der derzeitigen Digitalisierungsentwicklungen eine bemerkenswerte und wichtige Botschaft ist. Es handelt sich also um einer Art von Sensibilisierung, die auch in die Methodologie hineinwirkt inklusive einer Wertschätzung autoethnografischer Verfahren als Teil der wissenschaftlichen Analysekultur. Die korporalen, medialen und kulturellen Bedingungen der Rezeption, Deutung und Darstellung von Daten, Informationen und Erkenntnissen in der wissenschaftlichen Arbeit wären tatsächlich neuen Facetten. Das schließt auch unterschiedliche sensorische Wirkungen ein: Über welche Sinne Informationen erfasst werden dürfte Formen und Möglichkeiten von Erkenntnis maßgeblich mitbestimmen. In dem Augenblick, in dem die Konzentration auf die visuell-abstrakte Zentralform von Wissens- und Wissenschaftspraxen hinterfragt, dekonstruiert und durch andere Wahrnehmungsformen ergänzt wird, welche verstärkt auch unmittelbarer verinnerlichte und implizitere Wissensmuster aktivieren, hinterfragt man notwendig an sich das Selbstverständnis von Wissenschaft als vorrangig autorisierte Form der Erkenntnisfindung und Wissenserzeugung.
Als Konsequenz des referierten Beitrags kann man festhalten, dass die Forschung zum Information Behavior gut beraten ist, sich mit Lese- und Rezeptionsforschung zu beschäftigen:
“Since the whole study of information behaviour turns around seeking and finding information written down in texts it follows that all information behaviour is in a critical way embodied. This is well understood in the study of reading, but rarely recognised in studies of information behaviour. “
Zugleich ermöglichen korporale Zugänge zu Wissenskulturen die bewusste Auseinandersetzung mit einer bestimmten Voreingenommenheit, die sich daraus ergibt, dass eine gewisse Form von Informationsverhalten den Schwerpunkt bildet, die zwar einerseits aufgrund ihres sehr hohen symbolischen Anteils besonders analysegeeignet erscheint, andererseits aber auch, weil sie sozio-kulturell als besonders hochwertig und überlegen konnotiert wird. Alternative Wissenspraxen werden dagegen oft übersehen oder ausgeblendet. Insofern ist es sehr zu begrüßen, wenn sich eine reifende und differenzierende Informationswissenschaft vom Text (bzw. der Schrift) im engeren Sinne als primären Medium löst und sich anderen visuellen und vor allem anderen sensorischen Informations-, Erkenntnis- und Überlieferungsprozessen widmet, deren Potentiale bislang häufig, wenn überhaupt, über künstlerische Auseinandersetzungen adressiert werden. (ein Beispiel) Die Autor_innen erwähnen außerdem die Entwicklung einer sensorisch über das visuelle hinaus orientierten Museumspraxis als Beispiel. Für Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft halten sie schließlich fest:
“In the library world, the focus on the information commons and learning commons concepts recognise the crucial aspects of spatial design in learning and in library use. Interest in tracking movement through space (in libraries and elsewhere) and improving wayfinding all point to a concern with bodies moving around material spaces.“
Damit liegt ein schöner Anknüpfungspunkt für die Diskurse um die “Bibliothek als Ort” vor, was nun präzisiert “die Bibliothek als Erfahrungsraum” heißen könnte.
(Ben Kaden, Berlin, 16.05.2017)