Auf Reisen
Heute ist schon der 14. Juli - 3 Wochen nach dem Sachsentrail. Ich sitze gerade auf unserem Balkon und habe Corona. Es ist 10.05 Uhr und die Kinder spielen im Wohnzimmer Verreisen. Sie fahren in den Winterurlaub zum Tanzen und haben riesige Monsterchips dabei. Die sind aber so groß, dass man sie aufheben muss. Die sind salzig. Die kleinen sind süß. Aber das nur nebenbei zum Lebenskontext. Zudem kommen wir gerade aus einer Streikwoche in der Kita. Und nun noch Corona.
In diesem Kontext sitze ich auf unserem Balkon und mich überkommt eine Welle aus purer Dankbarkeit. Mir war es möglich seit Februar für diesen Lauf zu trainieren - ja, das erste Mal mit einem Trainingsplan. Ich durfte im März mit meinem Papa 7 Tage in einem “Höhlenhotel” auf Gran Canaria verbringen und mich auftanken. Ich durfte eine unglaubliche Reise zu mir und auf eine neue Ebene machen. Das wurde mir am Freitag im Gespräch mit meiner Mentorin bewusst. Ich bin auf dem Weg, so habe ich es gestern im Podcast Sport-Kopf gelernt, Selbstmitgefühl für mich in meinem Leben zu implementieren. Mir selbst zuzusprechen, um mir zu ermöglichen, über mich hinauszuwachsen - und nicht zuletzt zu sehen und mir selbst zu glauben, dass ich gut bin, die Dinge gut tue und einfach mit mir zufrieden bin.
Nun zurück zum Lauf. Ich hatte mich nach dem Sachsentrail 23 entschlossen, diesen Lauf in 24 mit weniger Schmerzen zu laufen, er soll Spaß machen. Im letzten Jahr war nur minimal Training möglich. Dieses Jahr wollte ich die ganzen 77,7 km mit 2400HM (meine Uhr sagt das jedenfalls) genießen können. Doch der Weg dahin war ein langer.
Mit diesen Zielen im Kopf, und während einer Bronchitis im Januar hatte ich auf einmal den Impuls einen Workshop mit mir selbst durchzuführen. Ich machte System of a down an - schön laut - und hatte unfassbar produktive 1,5 Stunden, die ich damit verbrachte, unsere Wohnungstür als Whiteboard zu nutzen, mich zu mappen und mögliche Lösungen aufzuschreiben. Alles strukturiert und effizient. Ich notierte meine Glaubenssätze, meine Ziele, wo ich struggle, was meine aktuellen Tools sind - und mein großes Overall Ziel: gesund bleiben. Das integriert das ganze Leben, diese 100%. Arbeit, Familie und persönliches. Es gibt nur diese einen 100%. Aber man kann die Grenzen natürlich verschieben ;) und danach ab in die Kita und Kids abholen. Nutze den Moment und den Impuls.
Jetzt hängen diese Notizen noch immer, doch habe ich nun das Gefühl, dass ich sie langsam wegräumen kann, da ich dieses Selbstmitgefühl, die Achtsamkeit für mich, soweit in meinem Leben implementiert habe, dass ich nun damit arbeiten kann.
Nachdem ich also gesund wurde, startete ich im Februar mit einem Halbmarathon- Trainingsplan von Strava, da ich im April den Berlin HM als C-Wettkampf laufen wollte. Ab März stieg ich dann in den Trail-Plan ein. Eine andere Hausnummer - aber geniale Einheiten, sodass ich nun schon wieder mit den Hufen scharre, ihn nochmal zu machen, da ich so gerne am 5. Oktober den Mountainman im Reit im Winkel laufen möchte. Aber mal sehen. Wir wissen: es gehört so viel dazu, dass man an der Startlinie steht, und dass sind nicht nur die Kosten. Dazu zählt der Support der Familie, der innere Schweinehund, die Gesundheit der gesamten Familie, Kompromissbereitschaft, sehr frühes Aufstehen, die Arbeit,.. und und und.
Wir haben den Bogen zur Dankbarkeit geschlagen. Alles passte am 22. Juni zusammen. Die Kinder waren schon ein paar Tage zuvor bei den Schwiegereltern, Jan und ich konnten am Freitag entspannt nach Schwarzenberg fahren. Natürlich bin ich 3 Wochen vor Start nochmal etwas krank geworden. Das war wirklich eine Punktlandung. Am Mittwoch vor dem Start machte ich noch ein paar Wechselläufe, das lief auch gut, nur merkte ich es noch ein wenig im Hals. Fingers crossed. Am Freitag kamen wir am Rabenberg an, bezogen unser Zimmer, holten die Startunterlagen. Essen im Restaurant. Start war am nächsten Morgen 7.00. Ich wachte 5.53 auf - der Wecker hat nicht geklingelt. Schnell Frühstücken, Toilettengang und dann das Equipment überwerfen. Mis en place. 6.30 Briefing, 6.50 Foto, 7.00 Traben wir im Nieselregen los. Ich sagte mir, dass ich immer aussteigen kann - immer mein Ziel im Ohr: du willst den Lauf genießen, du willst gesund bleiben. Und wenn das gegeben ist, dann vielleicht sogar schneller als im letzten Jahr (9:57). Also lief ich die erste Hälfte defensiv, generellDownhill laufen lassen, Meter machen auf der Gerade, Powerhiken hoch, jede Stunde ein Gel, 2x ca. 30g Carbs in der Trinkblase plus Riegel und Banane am VP, manchmal saure Gurke, fast immer Cola-Wasser. Nach 3 Stunden zog der Himmel auf, ich war viel alleine, sammelte noch 3 Frauen ein. Oben kurz vor dem Fichtelberg Gipfel feuerte uns eine Frau so genial an! Ich rief ihr entgegen, dass ich gleich weinen muss, wenn sie das so macht. Irre.ich lief den Fichtelberg runter, fiel in den Schlamm, Füße wieder nass. Egal. Weiter. Einmal lief ich runter und mir kamen 2 Läufer entgegen, die sich verlaufen hatten. Wir fanden den Weg und machten die Markierung neu dran. Irgendwann der Fritzschberg - irgendwie 2,5km mit 15% hoch - geschätzt. Ich unterhielt mich mit einem Läufer, er hatte den selben Trainingsplan gemacht, wie ich. Wir mussten ihn beide loben. Irgendwann zog er weiter und wir waren wieder alleine.
Bei km 72, nachdem ich eine leichten Berg runterlief und sich das Erzgebirge vor mir ausbreitete, breitete auch ich meine Arme aus. Erfüllt mit einer großen Dankbarkeit, bei dem Wetter, in der Natur und den noch so guten Beinen. Also rief ich den Verpflegern am VP zu, was das denn bitte für ein geiler Tag ist?! Der letzte Anstieg kam, ich hörte die Menge im Ziel. Heute schaffe ich einen Zielsprint. Jan stand im Ziel, wie im letzten Jahr. Ich war voller Freude und Glück und rannte mit dem breitesten Grinsen durch den Zielbogen in 09:27h als 8. Frau von 46, als 4. Frau in meiner AK, als 43. gesamt.
Es hat einfach alles gepasst. Danach duschen, chillen, fuelen. Wir fuhren zum Abendbrot auf den Fichtelberg und am Sonntag zu unseren Kindern und danach ins Kleinwalsertal in den Urlaub.
Mich durchströmt wieder große Dankbarkeit, dass mir diese Reise im letzten halben Jahr ermöglicht wurde. Ich habe sie angenommen, sie mit offenen Armen empfangen und bin sie bei vollem Bewusstsein gegangen. Ich nehme meine Erfahrungen und trage sie mit in das gefühlt neue Kapitel.



