Aus der Studierstube: Stefanie Steinmann über die Geschichte des Nachlasses von Meinrad Peier
2018 durfte das Kunstmuseum Olten den Nachlass des politisch engagierten Linol- und Holzschneiders Meinrad Peier (1903–1964) aus Lostorf bei Olten als Geschenk seines Sohnes entgegennehmen. Dank einer die Schenkung ergänzenden finanziellen Unterstützung kann der kunst- und kulturhistorisch interessante Bestand erschlossen werden. Die von Museumsdirektorin Dorothee Messmer kuratierte aktuelle Ausstellung «Jeder Schnitt etwas Bestimmtes...» – Meinrad Peiers Werk im Dialog mit Holzschnitten von Alois Lichtsteiner, Scarlet Mara, Josef Felix Müller und Selina Zürrer (Kunstmuseum Olten, 6.9.–8.11.2020) markiert eine Etappe dieser Aufarbeitung.
In einer mehrteiligen Serie stellt Projektmitarbeiterin Stefanie Steinmann Künstler und Werk vor. In dieser Folge geht es um die Überlieferung des Nachlasses:
Der Nachlass von Meinrad Peier: eine Familiengeschichte?
Nachkommen von Künstlerinnen und Künstlern müssen sich in vielen Fällen irgendwann die Frage stellen: «Was mache ich mit dem künstlerischen Nachlass meiner Mutter, meines Vaters oder meiner Eltern?» Diese Frage wurde unter anderem im Rahmen einer Nachlasstagung im Januar 2020 im Kunstmuseum Olten diskutiert. Jörg Mollet (*1964) erzählte etwa, dass ihn seine Töchter ganz klar gebeten haben, sich bereits jetzt darum zu kümmern. Der Solothurner Künstler nahm das Signal auf, kontaktierte Institutionen und fand für einen Teil seines Vorlasses Platz im Kunstmuseum Olten (KMO).
Im KMO, das seine Entstehung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Rettung des Nachlasses des politischen Zeichners und Karikaturisten Martin Disteli (1802–1844) verdankt, befindet sich seit Dezember 2018 ebenfalls der Nachlass des Lostorfer Linol- und Holzschneiders Meinrad Peier (1903–1964). Nebst der künstlerischen Qualität seiner Werke hat sicher auch der unermüdliche Einsatz seines Sohnes Hans Rudolf zu dieser Aufnahme beigetragen, weshalb ich ihm diesen Blogeintrag widmen möchte.
H. R. Peier wurde 1936 geboren und wuchs in Lostorf auf. In der dortigen Primarschule war er Schüler seines Vaters, und an der Kantonsschule Solothurn wurde er – wie schon sein Vater – auch Mitglied der Studentenverbindung Amicitia Solodurensis. Nach der Matura studierte H. R. Peier Zahnmedizin und begann nach dem erfolgreichen Studienabschluss mit dem Aufbau einer eigenen Praxis in Aarau. Der frühe Unfalltod seines Vaters im Jahr 1964 war ein grosser Schock, für dessen Verarbeitung jedoch zunächst wenig Zeit blieb, musste sich der Sohn doch zuerst einmal um die Mutter kümmern.
Da Meinrad Peier kein Atelier besessen hatte, arbeitete er neben dem Schuldienst zu Hause an seinen Druckgraphiken. Im Wohnzimmer war er mit seinem Stechbeutel zu Gange und in der Waschküche hatte er sich eine kleine Druckwerkstatt eingerichtet. Nach seinem Tod kamen sein Werkzeug und die nachgelassenen Zeichnungen und Graphiken auf den Estrich des Einfamilienhauses.
Der künstlerische Nachlass des Vaters rückte dadurch für H. R. zunächst und so lange in den Hintergrund, bis es zur Wiederentdeckung Meinrad Peiers durch Peter Killer kam, oder – wie es H. R. Peier nennt – zur «Auferstehung» der Kunst seines Vaters.
Dem damaligen Direktor des Kunstmuseums Olten, Peter Killer, hatte Walter Kräuchi als langjähriger Chefredaktor der Zeitung «Das Volk / Solothurner AZ» nahgelegt, «den Peier nicht zu vergessen». Nachdem Killer Peiers Werks auf dem Estrich in Lostorf 1984 einer Sichtung unterzogen hatte und von dessen Qualität begeistert war, organisierte er eine Ausstellung von Grafikmappen der Genossenschaftsdruckerei Olten (GDO) sowie die Schau «Zweimal Druck-Kunst» im Kunstmuseum Olten, die Holzschnitte und subtile Radierungen von Meinrad Peier und Franz Anatol Wyss in einen Dialog treten liess.
Um etwa 1990 transferierte Hans Rudolf Peier das ganze Material aus seinem Elternhaus in Lostorf nach Aarau, wo es von seiner Freundin, Anita Schnider, geordnet und erschlossen wurde. Dafür konnte sie sich – wie ich von H. R. Peier erfahren habe – nicht auf ein vorhandenes Inventar- oder Ordnungssystem stützen: Denn Meinrad Peier hatte es offensichtlich vorgezogen, seine knapp bemessene freie Zeit der künstlerischen Arbeit und der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen zu widmen und nicht der systematischen Ordnung und der Dokumentation seiner Werke.
Er verstand sich auch primär als Lehrer und damit als Förderer von Personen sowie Talenten, sowie als Chronist seiner Zeit, der das aktuelle Geschehen zugespitzt kommentiert – dies oft im Tandem mit Gottfried Klaus (1899–1963), der Texte als Pendants zu seinen Bildern beisteuerte. Gemäss der Einschätzung seines Sohnes sah sich Peier weit weniger als grosser Künstler, weshalb ihn auch die in der GSMBA (heute visarte) organisierte Künstlerschaft des Kantons nicht zu den ihren zählten.
Nachdem er sich mit Hilfe von Anita Schnider einen Überblick über den künstlerische Nachlass seines Vaters verschafft hatte, organisierte H. R. Peier nach 1990 mehrere Ausstellungen und verkaufte auch immer wieder Abzüge. Parallel dazu liess er von Armin Leutert, dem langjährigen Rektor der Graphischen Fachschule Aarau, Nachdrucke unter Verwendung der originalen Druckstöcke anfertigen, die er ebenfalls verschenkte und verkaufte. 2018 trat er schliesslich mit seiner Schenkungsabsicht ans KMO heran. Seine umsichtige Vorarbeit gaben neben der Qualität des Werks und der Kompaktheit des Korpus mit den Ausschlag dafür, dass sich das Museum zur Übernahme des Nachlasses entschied. Durch die Integration in die Sammlung und den Einbezug in die Ausstellungs- und Vermittlungstätigkeit der Institution kann Peiers Werk nun, nachdem sein Sohn die Erinnerung daran mit seinem Engagement beständig wachzuhalten gelungen ist, wissenschaftlich erschlossen, kritisch befragt, kontextualisiert und auf diese Weise auch unter aus aktueller Perspektive mit frischen Blick betrachtet werden.
Hans Ruedi Peier hat in den vergangenen Jahren einen schönen Teil seiner Zeit darauf verwendet, um sich mit dem Nachlass seines Vaters auseinanderzusetzen. Der Nachlass von Meinrad Peier ist damit auch dank dem Engagement seines Sohnes für die interessierte Öffentlichkeit aber auch die Fachwelt zugänglich gemacht worden.
Es war für mich deshalb ein spezielles Erlebnis, als ich vor wenigen Wochen Meinrad Peiers Geburtsanzeige für seinen Sohn Hansruedi im Nachlass entdeckt habe (Abb. 9). Ganz in Peierscher Manier befindet sich darauf ein äusserst gelungenes Motiv mit einem symbolischen wie kräftigen jungen Baum sowie einem ganz persönlichen Spruch:
«Hier bin ich Hansruedi heiss ich Mutter erholt sich Vater freut sich»
Stefanie Steinmann Kunstmuseum Olten, Projekt Nachlassaufbereitung Meinrad Peier
Abbildungen
Abb. 1 Familie Meinrad Peier mit Sohn Hans Rudolf Peier, o. J. Fotografie, 16.4 x 21.2 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 2 Primarschule Lostorf, 5./6. Klasse mit Meinrad und Hans Rudolf Peier, wohl 1948 Fotografie, 16.8 x 24.6 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 3 Meinrad Peier (1903–1964) Hansruedi, o. J. Linolschnitt, 29 x 22 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 4 Meinrad Peier (1903–1964) Solothurn, 1950 Linolschnitt, 12.9 x 19.2 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 5 Meinrad Peier (1903–1964) Amicitia Solothurn, o. J. Linolschnitt, 12.4 x 9.4 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 6 Meinrad Peier (1903–1964) Exlibris Meinrad Peier, 1930 Linolschnitt, 9.3 x 7.2 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 7 Meinrad Peier (1903–1964) Selbstbildnis, 1960 Linolschnitt, 28.3 x 18.3 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 8 Nachlass Meinrad Peier, 2020 Fotografie Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier
Abb. 9 Meinrad Peier (1903–1964) Geburtskarte Hans Rudolf Peier, 1936 Linolschnitt, 15 x 10.5 cm Kunstmuseum Olten, Schenkung © Hans Rudolf Peier









