„Du bist mit dem Zug hier?“, werde ich ungläubig in Oslo gefragt. „Und zwischendrin Fähre?“ „Nein, Brücken“, ist meine knappe Antwort darauf.
Auch, wenn viel Wasser zwischen Deutschland und Norwegen liegt, man kommt zu 100 % mit dem Zug und somit komplett emissionsfrei bis nach Oslo (sofern man regenerative Stromerzeugung unterstellt). Die Fahrzeit von Oslo bis nach Magdeburg beträgt 17,5 Stunden – nach Plan. Man muss aber Glück haben, eine gute Verbindung zu erwischen. Das hat Wochentags zur Hinfahrt nicht geklappt, sodass eine Zwischenübernachtung in Flensburg erfolgte. Zudem sind mehrere Umstiege erforderlich: Hamburg, Kopenhagen, Göteborg; auf der „langsameren“ Hinfahrt auch Flensburg, Fredericia und Halden, wobei ich die letzten beiden in den Skat drücken kann, denn in Fredericia bringt mich entgegen der DB-Auskunft derselbe Zug weiter. Der 7-Minuten-Umstieg von Gleis 3 auf Gleis 10 entfällt. Sogar meine Sitzplatzreservierung nach „Umstieg“ führt mich in denselben Wagen an denselben Tisch, lediglich auf den gegenüberliegenden Sitz. Entgegen deutscher Gewohnheit sind alle Züge (sogar in Deutschland) pünktlich. Weitere Umsteigezeiten bewegen sich zwischen 15 und 40 Minuten, die aber kaum gebraucht werden. Der aufgrund der langen Umsteigezeit am sichersten geglaubte Umstieg in Göteborg geht dann doch schief. Auf dem Abfahrtsmonitor erscheint der Zug mit einem „X“ als Gleisangabe und einer andersfarbigen, schwedischen Bezeichnung, die nichts anderes als „entfällt“ bedeuten kann.
Brücken über die Ostsee: Man kommt ohne Schiff und Flugzeug nach Skandinavien!
Nun sind Englischkenntnisse und Improvisation gefragt: Die erste Auskunft versuche ich mir unwissentlich beim Busbahnhofbetreiber einzuholen, bekomme den Ausfall des Zuges bestätigt, werde aber zu weiteren Auskünften an das Bahnunternehmen verwiesen. Am Bahn-Infoschalter bestätigt man mir abermals den Ausfall, nennt einen Folgezug drei (!) Stunden später, empfiehlt mir aber zur genaueren Auskunft das Reisezentrum. Der Herr dort wirkt etwas lustlos, lässt sich meine Fahrkarte zeigen, verweist mich auch auf den 17:55-Uhr-Zug und merkt nebenher an, dass meine Karte für den ursprünglichen Zug sowieso nicht gültig gewesen sei. Verdutzt schaue ich ihn an und er erklärt, dass in den Fahrtbemerkungen der DB-Karte Nummern aufgedruckt seien, die für die Bahnunternehmen stehen. Er zählt mir die Nummern der übrigen Verbindungen auf, lässt die des ausgefallenen, angeblich ungültigen Zuges weg und erklärt auf meine bewusste Nachfrage: Diese Nummer kenne er nicht. Ob das stimmt, bezweifle ich fast, aber es ist sowieso egal: Den Zug in drei Stunden kann ich mit der Fahrkarte nehmen. Er gehört zur norwegischen Bahn und fährt sogar bis Oslo durch. Im Zug selbst macht man sich scheinbar kaum die Mühe, durch das DB-Ticket durchzusteigen. Während alle anderen Fahrgäste dem Schaffner ihr Smartphone entgegenhalten und gescannt werden, bin ich der einzige im Zug mit Papierticket und bekomme nach kurzem Blick eine handschriftliche Unterschrift des Schaffners oder sogar nur ein Häkchen.
In Göteborg sieht man einige interessante Zugtypen...
Oslo empfängt mich pünktlich um 21:45 Uhr und damit drei Stunden nach geplanter Ankunft. Das ist in Ordnung für eine so weite Reise. Besser noch: Ich bekam unerwartet Gelegenheit, mir Göteborg anzusehen und Fotos zu schießen. So viel Zeit habe ich auf der Rückfahrt in Göteborg nicht. Hier sind nur 15 Minuten Umsteigezeit eingeplant und ich bin nicht so entspannt, denn wenn schon der erste Anschluss nicht klappt, komme ich heute nicht mehr nach Hause. Alles weitere scheint leichter, denn sowohl Kopenhagen als auch Hamburg haben über eine Stunde Umsteigezeit.
Unterwegs entdeckt man lustige Ortsnamen. Steht hier eine der sagenumwobenen Trollfabriken?
Diese wäre gar nicht nötig gewesen, denn alle grenzübergreifenden Züge sind wieder pünktlich. In Göteborg kommen wir sogar fünf Minuten vor geplanter Ankunftszeit an. In Dänemark ereilt mich noch eine Überraschung: Die blinde Annahme, die Rückstrecke wäre identisch mit der Hinfahrt, entpuppt sich als Irrtum, denn plötzlich sind wir auf der Insel Falster unterwegs und steuern geradewegs auf eine Fähre zu. Ein Blick auf die Zwischenstationen im Fahrplan hätte diese Überraschung natürlich vorher entpuppt. Schlimm ist dies nicht. Kaum hält der Zug im Rumpf der Fähre, legt diese auch schon ab. Alle Fahrgäste müssen den Zug verlassen, verstreuen sich in den oberen Decks und finden sich ca. eine halbe Stunde später wieder im Zug ein. Nur die Ökobilanz weist nun einen sicheren CO2-Anteil auf.
Direkt neben den LKW steht der Zug im Laderaum der Fähre. Dabei ist präzises Halten gefragt!
In Hamburg fällt die Pause besonders lang aus. Zum Anschluss-ICE sind bis kurz vor Abfahrt leider keine Live-Zeiten ersichtlich. Ohne Live-Daten muss man in der DB-App übrigens auch in Schweden und Norwegen auskommen. Mit den dänischen Bahnen scheint es hier immerhin eine Schnittstelle zu geben. Ab Göteborg fehlen gar die Gleisangaben des Soll-Fahrplans. Dank moderner Anzeigesysteme auf den Bahnhöfen ist das aber kein Problem.
Die Anzeige in Hamburg gibt nun übrigens „ca. 5 Minuten“ Verspätung an. Da der Anschluss in Wittenberge mir nur 6 Minuten Umsteigezeit gönnt, wird es jetzt noch mal spannend. Etwas hektischer aktualisiere ich die App. Dort stellt sich die Verspätung schon mit 9 Minuten dar. Darunter prankt ein Ausrufezeichen: Anschluss voraussichtlich nicht erreichbar. So etwas hatte ich befürchtet und in Hamburg nach möglichen Alternativen geschaut. Eine führt mich laut Plan kurz nach der ICE-Abfahrt mit Regionalzügen über Uelzen. Auch hier sind nur 6 Minuten Umsteigezeit, aber immerhin ein schon pünktlich im Bahnhof stehender Zug. Zögernd steige ich in diesen ein. Ist das wirklich die richtige Entscheidung?
Längere Umsteigezeiten ermöglichen Eindrücke von den Metropolen - hier Kopenhagen
Als mein Regionalzug in Hamburg abfährt, fährt der ICE gerade ein. Der Umstieg in Uelzen verläuft problemlos. Während ich im letzten Zug meiner Reise sitze, freue ich mich über den immer näher rückenden Erfolg dieses Abenteuers. Gleichzeitig halte ich in der App die ursprüngliche Verbindung im Auge. Glaubt man der Auskunft, ist der ICE in Wittenberge wieder pünktlich und die S-Bahn wartet sogar zwei Minuten länger auf die Umsteiger. Mit mehr Risikobereitschaft wäre ich in diesem Fall also 14 Minuten eher in Magdeburg angekommen.
Auch der Umstieg in Wittenberge hätte geklappt - aber mit Spannung bis zur letzten Minute.
Am Ende des Tages bin ich doch ziemlich geschafft, auch wenn ich eigentlich nur herumgesessen habe. Man ist immer auf Wacht und konzentriert, weil um einen herum immer etwas passiert. Machbar ist eine solche Reise aber auf jeden Fall. Die Reisezeit mag lang erscheinen, doch sie geht relativ schnell rum und dank Steckdosen und einer fast durchgehend guten Mobilfunknetzabdeckung kann man viel am Notebook oder Smartphone erledigen. Die meisten Züge haben sogar einen gratis WLAN-Zugang. Für einen Platz mit Tisch empfiehlt sich am Wochenende auf jeden Fall eine Sitzreservierung. Unter der Woche wirkten zumindest die skandinavischen Züge in weiten Strecken relativ leer. Und so sitzt man neben Fenster und vor dem Notebook und genießt einmal den etwas anderen Arbeitsplatz mit vorbeiziehender Landschaft.