Die Welt auf einer anderen Frequenz
Manchmal fühlt es sich an, als würde ich versuchen, ein analoges Leben in einer digitalen Welt zu führen. Während alles um mich herum immer schneller, lauter und greller wird, findet mein eigentliches Erleben in den Nuancen statt – dort, wo die meisten gar nicht erst hinsehen.
Ich habe stilles ADS. Ein Name, der nach einer Diagnose klingt, aber eigentlich ein ganzer Seinszustand ist. Es ist nicht das Chaos, das man von außen sieht, sondern das Chaos, das im Stillen stattfindet. Mein Gehirn ist wie ein weitläufiges Museum ohne Absperrbänder; jeder Reiz, jedes Gespräch, jede Farbe im Vorbeigehen will gleichzeitig betrachtet werden. Das Ergebnis ist oft eine Lähmung, die von außen wie Desinteresse oder ‚Komischsein‘ wirkt. Aber eigentlich bin ich einfach nur damit beschäftigt, die Flut zu sortieren.
Diese innere Langsamkeit – oder vielleicht eher diese notwendige Tiefe – zieht sich durch alles in meinem Leben. Auch durch meine Sexualität.
Wir leben in einer Gesellschaft, die sexuelle Anziehung wie einen Lichtschalter behandelt: An oder Aus. Für mich existiert dieser Schalter nicht. Mein Verlangen ist eher wie ein Garten, der erst Monate, vielleicht Jahre an Pflege, Vertrauen und tiefster emotionaler Verbundenheit braucht, bevor überhaupt die erste Knospe aufgeht. Ohne diese Verbindung ist da einfach... nichts. Keine Anziehung, kein Funke, kein Bedürfnis. Inzwischen auch bekannt als Demisexualität.
In einer Welt von Dating-Apps und One-Night-Stands fühlt man sich damit oft wie eine Fehlermeldung. Man wird gefragt, warum man so kompliziert ist oder warum man sich nicht einfach ‚mal darauf einlässt‘. Aber man kann sich nicht auf eine Sprache einlassen, die man nicht fühlt.
Ich bin 27 und ich fange jetzt erst an, zu verstehen, dass diese Langsamkeit kein Defekt ist. Weder in meinem Kopf, noch in meinem Herzen. Es ist eine andere Art zu fühlen. Eine, die keine Abkürzungen kennt.
Ich möchte diesen Raum hier nutzen, um über das zu sprechen, was oft übersehen wird: Über das Leben im Schatten des stillen ADS, über das Glück der Introvertiertheit und über eine Identität, die Tiefe vor Schnelligkeit setzt.
Vielleicht hört ihr ja auch dieses leise Rauschen zwischen den Zeilen?












