Der Fleck
Nacht. Die Uhr 23.46h. Der Mann liegt wach im Bett und starrt an die Decke. Es wäre eigentlich die Zeit, um zu schlafen. Doch das ist jetzt nicht möglich. Er ist beschäftigt. Oder besser gesagt, sein Kopf ist beschäftigt. Ein kleiner Punkt starrt ihn von der weißen Decke herab an. Es könnte an der Müdigkeit liegen, aber da ist ein Punkt an der Decke. Ähnlich einem blinden Fleck sitzt er da. Vielleicht ist es ein blinder Fleck. Er dreht sich auf die Seite. Er starrt in den Raum. Ein Schrank. Ein Teppich. Ein Stuhl. Auf dem Stuhl liegen die Hose und das Hemd für morgen sauber zusammengelegt. Er dreht sich ruckartig zurück. Der Punkt ist noch da. Ist er größer geworden? Es könnte etwas Feuchtigkeit in der Decke sein. Wäre es Feuchtigkeit, könnte bald Schimmel kommen. Und käme Schimmel, wäre er bald krank und die Decke würde grau und instabil. Er nimmt einen Finger, hält ihn vor sein Auge und deckt den Fleck ab. Dann dreht er seine Hand etwas zur Seite. Er bewegt den Finger zurück, dann wieder weg. Er nimmt den Arm wieder herunter und atmet geräuschvoll durch die Nase aus. Er legt die Hände auf das Gesicht. Dann atmet er langsam aus. Eine Weile liegt er so da. Plop. Er zuckt zusammen. Ein Tropfen ist auf die Hände die sein Gesicht schützen gefallen. Er springt beinahe aus dem Bett, tastet im Halbdunkel nach dem Lichtschalter und blickt auf die Stelle an der Decke, von der der Tropfen gekommen sein muss. Das Licht geht an. Lange starrt er die Decke über seinem Bett an. Die kleinen Holzstückchen in der Raufasertapete werfen feine Schatten. Und irgendwo dazwischen liegt dieser kleine etwas dunklere Punkt. Er neigt den Kopf zur Seite. Die Decke sieht trocken aus. Kein Heruntertropfen. Kein Glitzern von Wasser. Er betrachtet seine Hände. Dann die Handrücken. Kein Tropfen. Er befühlt seine Hände. Keine Feuchtigkeit. Hastig dreht er sich um. Wo ist das Telefon? Er nimmt das Telefon vom Tisch. Mit fahrigen Fingern tippt er die Nummer. Rufzeichen. Eins… Zwei… Drei… … Ein Klicken in der Leitung. Dann ein kurzes Schweigen. Ein verschlafene Stimme. „Ja…?“ „Da ist ein Fleck…“ „Wo ist ein Fleck…?“ „An der Decke.“ Vom anderen Ende der Leitung seufzt es. „Und? Machen Sie ihn doch weg.“ „Okay… Entschuldigen Sie die Störung. Gute Nacht.“ Am anderen Ende wird irgendwas leise genuschelt. „Bitte?“ „Gute Nacht!“, macht es laut, dann wird aufgelegt. Eine Weile steht er still und regungslos im Raum und sieht hinauf zur Decke. Ein Eimer gefüllt mit Wasser. Darin ein Lappen. Und etwas Stahlwolle. Und ein trockenes Tuch. Er greift nach dem Lappen. Wasser tropft von seinen Fingern und fällt zurück in den Eimer. Dann wringt er den Lappen aus und steigt auf das Bett. Er streckt sich, um die Decke zu erreichen. Doch sein Arm reicht nicht bis ganz nach oben. Auf dem Bett stehend sieht er sich um. Er nimmt einen Stuhl und stellt ihn auf das Bett. Das Konstrukt sieht wackelig aus. Mit einem Bein auf den Stuhl gestützt und ein Bein auf dem Bett blickt er an dem Stuhl herunter. Das fühlt sich nicht besonders sicher an. Er sieht hinauf zur Decke. Dann steigt er langsam höher. Er presst die Lippen aufeinander und senkt den Kopf. Mit nackten Füßen balanciert er vorsichtig auf dem Stuhl. Er bewegt sich hin und her, als stünde der Stuhl auf einem Boot auf hoher See. Aus der Nähe betrachtet er mit suchendem Blick die Decke. Sein Körper wirft einen dunklen Schatten. Er neigt den Kopf hin und her und sucht die Raufasertapete ab. Mit dem Lappen wischt er großzügig einen Bereich ab. Er reibt den Bereich mit der Stahlwolle ein und trocknet dann die Stelle mit dem Tuch. Vorsichtig steigt er von dem Stuhl. Er stellt den Stuhl zurück und bringt den Eimer weg. Zufrieden steigt er ins Bett. Er legt sich hin und zieht die Decke hoch. Beruhigt schließt er die Augen und atmet langsam aus. Es ist noch lange genug Zeit um eine normale ruhige Nacht … Er öffnet die Augen. Da ist ein Fleck. Er runzelt die Stirn. Da ist wieder ein Fleck an der Decke. Er schwingt die Beine aus dem Bett, macht das Licht an und blickt hinauf. Mit einer fahrigen Hand tastet er nach dem Telefon ohne den Blick von der Decke zu wenden. Ein Rufzeichen. Klick. „Es ist mitten in der Nacht. Was ist denn jetzt wieder?!“ „Der Fleck ist immer noch da. Oder schon wieder.“ „Das ist doch jetzt egal…“ „Ich kann nicht schlafen, wenn er da ist.“ „Da ist keine Feuchtigkeit in der Decke. Es ist nur ein Fleck. Gehen Sie schlafen.“ „A-aber ich kann nicht. Er ist direkt über meinem Gesicht.“ „Okay…“ Vom anderen Ende kommt ein erschöpftes Atmen. „Sie drehen jetzt Ihr Bett um und schlafen einmal anders herum.“ „Aber ich schlafe doch immer so.“ „Nur eine Nacht. Vertrauen Sie mir. Das schaffen Sie schon.“ „Sind Sie sicher?“ „Ja…“ „In Ordnung…“ „Gute Nacht.“ Am anderen Ende wird aufgelegt. Er sieht sein Bett an. Nachdenklich legt er den Kopf zur Seite. Er schläft doch immer so rum. Den Kopf zur Wand, die Füße in Richtung Tür. Er nimmt das Kissen und hält es in beiden Händen. Nun gut. Er legt das Kopfkissen ans Fußende und dreht die Decke um. Er schlägt die Decke zurück und setzt sich mit Blick auf die Zimmerdecke etwas umständlich aufs Bett. Mit einem seltsamen Gefühl betrachtet er die neue Anordnung. Irgendwie ist das ein ganz anderer Blickwinkel. Er legt sich hin und… setzt sich sofort wieder auf. So nicht. Er versucht es erneut. Linkes Bein. Rechts Bein. Nein. Das geht nicht. Er setzt sich wieder auf. Gequält steigt er mit dem rechten Bein über das linke und bewegt es in das Bett. Dann zieht er das linke nach. Jetzt kann er sich hinlegen. Er zieht die Decke bis an das Kinn und schließt die Augen. In der Stille im Zimmer hört er sich selbst atmen. Er kneift die Augen zusammen. Das ist alles falsch. Er öffnet ein Auge und sieht an die Decke. Er dreht sich auf die Seite und sieht mit beiden Augen in den Raum. Der Schrank steht nicht gut und versperrt ihm die Sicht. Und der Stuhl steht da auch nicht so gut. Er setzt sich wieder auf. Stellt er erst das linke Bein, dann das rechte auf den Boden und rollt sich so aus dem Bett. Er steht im Zimmer, dreht sich hin und her um sich selbst und sieht sich um. Er stemmt sich gegen den Kleiderschrank und schiebt ihn ein Stück weiter nach rechts. Er prüft die Position des Schranks. Dann schiebt er wieder ein Stück. Prüft. Schiebt. Die beiden Stühle im Raum muss er ganz neu verteilen und die Reihe an Stiften auf dem Schreibtisch gucken ihn an. Er ordnet sie präzise so an, dass sie korrekt liegen aber ihre Spitzen nicht länger auf ihn zeigen. Die Kleidung legt er neu zusammen und platziert sie in der korrekten Reihenfolge auf dem Stuhl. Dann legt er sich wieder ins Bett. Mit dem rechten Bein über das linke rollt er sich ins Bett und zieht die Decke wieder hoch. Dann berühren seine Finger etwas. Etwas hartes. Kühl. Aus Plastik. Rund. Ein Knopf. Er fühlt den Saum der Decke entlang. Ein Knopf. Ein weiterer Knopf. Noch ein Knopf. Ein Knopfleiste. Verschreckt zuckt er zusammen, wirft Beine und Oberkörper gleichermaßen in die Luft, prustet angewidert aus, wirbelt die Decke herum und dreht sie um, bis die Knopfleiste am Fußende sein muss. Soweit kommt es noch, dass er mit dem Ende der Decke im Gesicht schläft, die jede Nacht seine Füße berühren… Er legt sich wieder hin und fährt sich erschöpft mit einer Hand über das Gesicht. Es ist, als wäre er in einer verkehrten Welt. Und völlig verdreht. Falsch. Durcheinander. Er seufzt leise. Und blickt an die Decke. Über seinem Kopf, an der Decke, thront ein kleiner Fleck. Der Fleck. In seinem Kopf arbeitet es. Ohne den Kopf zu bewegen, schielt er zu dem Teil der Decke über dem Fußende, dann wieder zurück. Ein dunkles Brummen. Oder ein helles Pfeifen. Irgendwas dazwischen. Ein tiefes Rauschen in seinem Kopf, das seinen Schädelknochen wie eine Gitarrensaite vibrieren lässt. Er steht auf. Erst links, dann rechts. Er greift zum Telefon, wählt die Nummer und wartet. Ein Rufzeichen. Zwei Rufzeichen. Drei. Vier. „Was?!“ Er spricht mit etwas heiserer Stimme, fast flüsternd: „Er hat sich bewegt…“ „Das ist mir egal!“ „Ich habe mich umgedreht, mit Kissen und Decke. Und… und ich habe alles umgestellt, dass es vielleicht geht. Und dann sehe ich hoch und jetzt ist der Fleck wieder über mir…“ Vom anderen Ende kommt ein Seufzen. „Ich war es…“ „Bitte?“ „Ich habe Ihnen einen kleinen Fleck über das Bett gemalt.“ „Aber… wie…“ „Glauben Sie mir einfach. Ich. Habe. Einen Fleck. An Ihre Decke gemalt… Nehmen Sie etwas weiße Farbe und malen Sie den Fleck einfach über.“ „Aber der Fleck… über meinem Kopf…“ „Vertrauen Sie mir. Vertrauen Sie mir?“ „J-ja…“ „Gut, rechts hinten in Ihrem Schrank steht ein kleiner Eimer Farbe. Den nehmen Sie und malen damit den Fleck weg. Okay?“ „Okay…“ „Gut, tun Sie das und rufen Sie nie wieder an.“ „Auf Wiedersehen…“ „Auf nimmer Wiedersehen.“ Es wird aufgelegt. Er legt das Telefon auf den Tisch. Dann öffnet er den Schrank. Die Pullover liegen sauber sortiert und auf Reihe auf den Brettern. Er wühlt sich durch einige Hemden, die davor mal auf Reihe hingen. Dann nimmt er den Farbeimer zwischen ein paar unsauber gestapelten Schuhkartons heraus. Ein Wunder, dass ihm das vorher nie aufgefallen ist. Er stellt den Eimer beiseite und beginnt die Hemden zu richten und die Schuhkartons zu sortieren und stapeln. Nach Farbe, Form und Schuhgröße. Dann schließt den Schrank wieder. Er pinselt etwas Farbe auf die Stelle an der Decke. Dabei steht er mit einem langen Pinsel gestreckt auf dem Bett und tupft mit spitzen Fingern etwas weiß auf das andere weiß. Dann räumt er den Eimer und den Pinsel weg. Umständlich wie zuvor auch steigt er schließlich wieder ins Bett. Es ist mühsam, aber es muss sein. Augen zu. Decke bis zum Kinn. Atmen… Tropf. Er reißt die Augen auf. Das war doch Wasser. Er reißt die Decke weg, schwingt die Beine aus dem Bett. Erst rechts. Dann links. Er fühlt sein Herz bis in den Hals und in den Kopf klopfen. Wieder dieses Rauschen, das seinen Schädel zum vibrieren bringt und ihm schwindelig wird. Er greift nach dem Telefon, tippt die Nummer ein. Und hält inne. Erst rechts… Rufzeichen. Dann links… Rufzeichen. Erst… „Lassen Sie mich endlich schlafen!“ Dann… In seinem Kopf arbeitet es. „Hallo?“ „I-ich habe einen Fehler gemacht.“, sagt er mit zitternder Stimme. „Sich über einen Fleck aufregen und mir die Nacht rauben? Ja, das war 'ne blöde Idee.“ Er schüttelt den Kopf. „Nein, nein, nein… ich bin mit dem falschen Fuß aufgestanden…“ „Ach, wirklich…? Und wie oft heute Nacht schon.“ Er taumelt mehr als das er sich wirklich bewegt. Er dreht sich nach links. Dann nach rechts. Seine Knie sind weich und ihm ist schwindelig. „Der Fleck… Es hat getropft…“ „Das ist Blödsinn…“ „Ich bin mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden…“ „Mhm…“ Die Stimme am anderen Ende hörte sich schläfrig an. Er betrachtet seine Hand. Handfläche. Handrücken. Wenn er genau hinsieht, sieht es fast so aus als wäre da eine dunkle Stelle auf seinem Handrücken. „Da ist ein Fleck…“















