FAQs zu meiner neuesten “Erfahrung“ in Tel Aviv
Dürfte ja in den Nachrichten schon breitgetreten worden sein. Vor drei Tagen hat Israel mit der gezielten Tötung des militärischen Chefs der Hamas die Operation „Säule der Verteidigung“ (manchmal auch „Wolkensäule“ genannt) begonnen und damit auf den langanhaltenden Raketenbeschuss der letzten Wochen reagiert. Die Operation besteht momentan aus gezielten Luftangriffen auf militärische Ziele im Gaza-Streifen. Nach dem Beginn der Operation sind 520 Raketen auf den Süden Israels niedergeprasselt, alleine Freitag 190 (Stand: 20.20 Uhr). Auch in Tel Aviv gab es gestern und heute zwei Mal „Tzeva Adom“ - das erste Mal seit dem Golfkrieg 1991, als Saddam Hussein Scud-Raketen auf die Mittelmeermetropole abfeuerte.
Tzeva Adom ist hebräisch und bedeutet Farbe Rot oder wie ich es auf Facebook schreibe: Color Red. Das heißt dann, dass die Luftschutzsirenen heulen und man schnellstmöglich einen Schutzraum aufsuchen soll. In Tel Aviv hat man dafür etwa 60 bis 90 Sekunden Zeit. So sieht das dann aus. Viele Wohnungen (vor allem die neueren oder die in den Hochhäusern) haben eigene verstärkte Schutzräume, ältere Gebäude wie meins haben einen gemeinsamen Schutzraum/Bunker, der oft im Erdgeschoss liegt. Zudem hat die Stadt viele öffentliche Bunker, die alle spätestens heute Mittag geöffnet worden sind und nun jederzeit zugänglich sind. Willkommen aber in meinem bescheidenen Reich:
Wie habe ich die beiden Male erlebt?
Das erste Mal war gestern, Donnerstag, gegen 18.45 Uhr Ortszeit Raketenalarm in Tel Aviv. Ich war gerade auf dem Weg von der Uni-Bibliothek zu einer Freundin. Die ersten drei Sekunden war ich gelähmt und konnte es nicht glauben, dass es wirklich passiert. Mein Fahrrad an die Seite geworfen, lief ich schnell ins erstbeste Haus (unterbewusst habe ich mir gemerkt, dass es Ibn Gvirol 77 war), wo wir im Treppenhaus zu etwa zehnt standen. Den Leuten stand die Angst ins Gesicht geschrieben, Leute haben geweint (ok, es waren nur Frauen), ich habe gezittert. Etwa nach einer halben Minute war der Alarm vorbei und zehn Sekunden später hörten wir eine leise, dumpfe Explosion, die mit einem gemeinschaftlichen „Uff!“ zur Kenntnis genommen wurde. Etwa zwei Minuten später verließen wir wild zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft wieder das Haus und jeder griff zum Handy während alle im nebenan gelegenen Kiosk gebannt auf den Fernseher schaute. Das Handy-Netz war hoffnungslos überlastet. Ich stieg daher ins erste offene WLAN-Netzwerk und habe meinen Bruder kontaktiert, der bezeugen kann, dass Grammatik als auch Rechtschreibung meiner Nachrichten Rückschlüsse auf meine Schockiertheit zugelassen haben :-) Jeder hat versucht jeden zu erreichen, eine Freundin hat geschlagene zehnmal erfolglos versucht mich zu erreichen. Danach bin ich zum eigentlichen Ziel, besagter Freundin, gefahren, wo ich über ihr Internet versucht habe, alle wichtigen Personen in Israel als auch in Deutschland zu erreichen.
Entgegen aller Erwartungen war die Nacht ruhig und ich konnte durchschlafen. Danke, Hamas!
Just als ich heute Mittag um kurz nach ein Uhr in meiner Wohnung meine Wäsche gefaltet habe, ertönte wieder diese schreckliche Sirene. Ich bin direkt mit meiner Mitbewohnerin runter in unseren Luftschutzraum, wo wir nach einer Minute wieder eine entfernte, aber doch hörbare Explosion wahrnahmen. Dieses Mal hielt sich meine Aufregung etwas in Grenzen, weil ich direkt wusste wohin und ich mich im Luftschutzraum sicherer fühlte als in diesem willkürlichen Treppenhaus. Zudem hat eine Nachbarin ihren Labrador mit runtergebracht, der mich wie bei einer guten Delfin-Therapie irgendwie beruhigt hat.
Seitdem war Ruhe, aber es kann sich jede Sekunde ändern, genau wenn ich dieses nächste Wort tippe.
Hat sich mein Alltag irgendwie geändert?
Jein. Ja, weil ich gewisse Maßnahmen getroffen habe, um schnell aktiv zu werden im Fall der Fälle. Das heißt, dass ich jetzt nachts mein Fenster geöffnet habe, um die Sirenen besser zu hören, und außerdem mein dauergeladenes Handy griffbereit neben dem Wohnungsschlüssel liegen habe. Bevor ich duschen gehe, sage ich jetzt meiner Mitbewohnerin Bescheid, damit sie bei erneutem Alarm Bescheid gibt. Außerdem hat sich draußen mein Blick nach Schutzmöglichkeiten geschärft. Nennt es paranoid, aber es ist wichtig.
Nein, weil ich mich gestern Abend trotzdem mit einem Freund auf seinem Balkon zu Bier und Wasserpfeife getroffen habe. Ich wollte mich daheim nicht verrückt machen. Heute war ich mit einer Freundin ganz normal an der Promenade joggen. Sonntag steht wieder die Bibliothek auf dem Programm. Das Leben geht halt weiter. Bisher hat sich die Hamas halt bei mir noch nicht gemeldet mit dem Angebot, meine Master-Arbeit für mich zu schreiben.
Wie ist die Stimmung in Tel Aviv?
Hmh, genauso schwer zu beantworten. Bemerkenswert halt, wie eine Minute nach dem Alarm die Busse, Taxis usw. wieder ganz normal laufen. Als wäre nichts gewesen. Abends sitzen die Leute genauso in den Cafés und Bars wie sonst auch. Jogger sind auch genauso unterwegs – aber ich würde sagen, merklich dezimiert, was damit zusammenhängen kann, dass Israel 70.000 Reservisten einberufen hat. Und das sind nun mal die Sportlicheren.
Andererseits stand den Leuten gestern die Angst ins Gesicht geschrieben. Leute sind von Bus auf Taxi umgestiegen um schnellstmöglich zuhause zu sein. Jeder mit dem ich spreche sagt auch, dass er oft das Gefühl hat, die beginnende Sirene wieder zu hören, was sich aber dann als anfahrender Bus, knarzende Tür oder sonst was herausstellt. Aber alle sind sie jetzt hellhörig. Nennt es wieder paranoid, aber bisschen angespannt ist momentan doch irgendwie jeder. Achja, und Fernsehen auf meiner Jogging-Strecke:
Was tut die Deutsche Botschaft und Uni für mich?
Die Uni hat gestern Vormittag eine E-Mail mit recht nutzlosen Aussagen, aber nützlicheren Telefonnummern geschickt: Für Tel Aviv gebe es keine Warnungen. Die Aussage haben sie dann spätabends kassiert und doch sehr genaue Anweisungen gegeben, was wo in welchem Fall zu tun ist. Dazu gab es noch diese ganz nützliche Broschüre.
Die Deutsche Botschaft hingegen hat zwei E-Mails rausgeschickt mit dem Hinweis, dass die Reisehinweise aktualisiert wurden und man ja bei Interesse auf die Seiten des Auswärtigen Amts gehen könnte. Einen Kommentar erspare ich mir im Hinblick auf meine berufliche Zukunft. Falls es doch jemand liest, sei nur soviel gesagt: Ein aufmunterndes und persönliches „Bleiben Sie munter und sicher, die Silke vom Empfang“ statt „Mit freundlichen Grüßen, Deutsche Botschaft Tel Aviv“ dürfte wohl keiner negativ auslegen, oder? ;-)
Wann komme ich nach Deutschland?
Als ich das vor zwei Tagen das erste Mal gefragt wurde, habe ich noch geantwortet: „Frag' mich wieder, wenn das erste Mal die Sirenen in Tel Aviv heulen.“ Jetzt war es soweit und ich weiß immer noch keine Antwort. So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen und würde jetzt vielleicht sagen: Frag' mich wieder, wenn das erste Mal Menschen in Tel Aviv zu schaden kommen. Oder wenn ich mehrere Nächte hintereinander nicht durchschlafen kann und in den Luftschutzraum rennen muss. Es klingt zynisch, aber es ist halt auch eine Erfahrung, die ich gerade mache, wenn auch eine sehr krasse. Momentan aber sage ich: Macht euch keine Hoffnungen auf ein schnelles Wiedersehen! :-)
Was kann jetzt noch passieren?
Wer stellt hier eigentlich diese guten Fragen? Gestern sagten alle, die Nacht würde unruhig werden – wurde sie nicht. Dann sagten alle: Naja, dann kommt jetzt auch nichts mehr – und es kam doch. Die Hamas hat heute Nachmittag selbst Jerusalem ins Visier genommen und damit quasi zwei rote Linien in zwei Tagen überschritten. Israel bereitet sich minütlich auf einen Einmarsch in Gaza vor – mit ungeahnten Folgen. Das Gelände könnte vermint sein, Scharfschützen auf Israelis Jagd machen. Die Hamas hat schon gesagt, dass sie bei einem Einmarsch auch noch die Ziele nördlich von Tel Aviv ins Visier nehmen will. Israel sagt, es hätte einen Großteil der Fajr-5-Arsenale (die mit der langen Reichweite) vernichtet. Aber augenscheinlich eben nicht alle.
Nachdem heute auch noch der ägyptische Ministerpräsident auf Stippvisite im Gaza-Streifen war und abends Raketen aus der Sinai-Halbinsel im Süden Israels einschlugen, ist die Angst groß, dass Ägypten trotz Friedensvertrag mit einsteigt oder wenigstens die Hamas irgendwie unterstützt. Zudem war die Grenze zu Syrien in den letzten Wochen auch nicht gerade ruhig. Und dann sitzt noch die Hisbollah im Libanon. Die könnten vielleicht die Gunst der Stunde auch noch nutzen, wenn es hart auf hart kommt. Außer von Jordanien wäre Israel dann von allen Nachbarstaaten angegriffen.
Das wird Israel zu vermeiden wissen und daher die Gaza-Operation versuchen, schnellstmöglich auf die eine oder andere Weise zu Ende zu bringen – mit Einmarsch oder ohne.
Ja, DANKE an alle, die an mich denken und mir per E-Mail, SMS oder Facebook schreiben. Vermutlich wurde ich noch nie in so viele Gebete eingeschlossen (die Amis...). Es ist in gewisser Weise rührend zu wissen, dass Leute an einen denken während in der Welt über den Ticker läuft, dass Tel Aviv angegriffen wird. Selbst Leute, mit denen man schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Danke also für die vielen sorgevollen Mails mit den aufmunternden Worte. Und an meine Eltern, dass ich jederzeit im nächsten Flieger sitzen kann – wenn ich nur wollen würde. ;-)