Donaustrand im Poetry Slam Fieber
Am 04.08.2018 fand am Donaustrand in Ingolstadt wieder der lang ersehnte und erwartete Poetry Slam an einem lauen Sommerabend statt. Acht Poeten aus Ingolstadt, Eichstätt, Augsburg, München und Regensburg traten bei dem Dichterwettstreit an um innerhalb von sechs Minuten die Zuschauer mit ihren eigens verfassten Texten mitzureißen. Unter dem Publikum befanden sich 5 Jurymitglieder, welche durch ihre Punktevergabe die zwei Finalisten bestimmten. Diese hatten dann die Möglichkeit mit einem zweiten Slam nach Wahl aufzutreten und durch den anschließenden Applaus der Besucher zum Gewinner gekürt zu werden. Die Themen der Darbietungen reichten dabei von humorvollen Alltagsszenarien bis hin zu reflektierter Gesellschaftskritik.
Kevin Reichelt eröffnete als Moderator mit viel Charme, Witz und Ironie den Abend. Diese Qualitäten ließ er auch in seinem Eröffnungstext über seine Heimat, das personalisierte Ingolstadt miteinfließen. Dabei stellte er die kontroverse Frage: Welche Aspekte überwiegen? „Boom- und Konsumtown mit Audi, Bfft, und Continental oder doch auch Grovetown durch Krawanesia, Taktraumfestival und Multi Kulti. Zwar Autostadt, aber keine Verkehrsstadt [...] und doch goldener Bordstein.“ Die, aufgrund keiner erkennbaren zufriedenstellenden Tendenz, daraus resultierende Mittelmäßigkeit von Ingolstadt nahm er dabei wohlgesonnen auf das Korn. Hierfür fand er die Erklärung, dass es „[…] zwar auf dem Papier Großstadt, aber im Kopf Dorf geblieben [..]“ ist. Abschließend kam er zu dem Resümee, dass Ingolstadt mehr ist als, die unzähligen Erinnerungen der durchlebten Partynächte und die prägenden gegenwärtigen Entwicklungen. Ingolstadt bedeutet für ihn selbst und vermutlich für viele der anwesenden gebürtigen und Wahlingolstädter, zuhause.
Die erste Künstlerin des Abends war frisch von den am Tag zuvor geschafften Examen angereist. Die Lehramtsstudentin Ezgi Zengin philosophierte mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Selbstreflexion über das „Älter werden“. Um die nüchternen Feststellung, dass die „Pläne andere sind, als man in der Kindheit sich erträumte“ kommt man nicht umhin, denn die bewusst oder unbewusst getroffenen Lebensentscheidungen lassen sich nicht mehr so einfach revidieren. Aus der daraus folgenden Verantwortung und dem Gerecht werden wollen der Erwartungen anderer geht die Leichtigkeit von damals verloren. Als Ergebnis wird man oftmals als Individuum innerhalb der Gesellschaft auf die auszuübende Tätigkeit reduziert und trägt diverse Stempel wie: Mutter, Student oder Manager. Der Text soll wieder ins Gedächtnis rufen, dass man nicht nur warten soll, „bis das Leben von allein den Sinn entdeckt“ oder der perfekte Moment da ist. Und dass es im Alltag nicht darum geht Pillen und „Realität zu schlucken“ sowie mit alten Bekannten oberflächlichen Small Talk zu führen, sondern darum die Gegenwart zu genießen. Das Fazit vom „Älter werden“ fällt bei Ezgi Zengin in ihren Schlussworten überraschend versöhnlich und motivierend aus. Die gesammelten Lebenserfahrungen und die damit einhergehenden Falten im Laufe der Jahre steigern ihrer Ansicht nach den Interessantheits- und Attraktivitätsgrad jedes Menschen. „Die Falten stehen dir verdammt gut.“
Anschließend ging es bei Laura Kohler um die ungeheure Informationsflut, die uns tagtäglich zu überschwemmen droht. Die Dichterin ruft dazu auf Prioritäten zu setzen, zu differenzieren und eine eigene, nicht mediengesteuerte Haltung, einzunehmen. Es geht nicht um Gut oder Böse, sondern um Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Um inmitten der globalen Auseinandersetzungen und Probleme nicht gefühlskalt oder überheblich zu werden, ist es wichtig sich die Dinge ins Gedächtnis zu rufen, für die man dankbar sein kann. „Denn das Glück ist so ungerecht verteilt wie Regen. Manche erhalten von Geburt an schon überdimensional viel davon und andere haben gerade so viel sie zum Leben benötigen. Doch um selbst geben zu können und Menschlichkeit zu zeigen, ist die Voraussetzung selbst an dem Weltgeschehen nicht kaputt zu gehen.“, drückt sie es sinngemäß aus und trifft dabei den Zeitgeist auf den Punkt.
Der dritte Slam wurde von Sarah Amira sehr gefühlvoll vorgetragen. Bereits der erste Satz „In jedem Tropfen Wasser steckt auch ein Tropfen Blut, denn jeder Tropfen Wasser aus ach so hoher Flut [..] trägt Leben in sich“, zeigt, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, es oftmals vergisst und verdrängt, ja sogar seine Umwelt und damit Existenzgrundlage, zerstört. „Für die Kunst blind geworden, im Alltag gefangen, strikt geradeaus laufend und Gebäude bauend, kantig und gerade, sind wir oft in unserem Gefühlsleben kalt wie Stein.“ Dem Zuhörer soll vor Augen geführt werden, dass alle Menschen Kinder der Erde sind, die nach Seligkeit streben und dass diese ganz einfach in der Natur zu finden ist, wenn man genau hinsieht. Die Natur kann nicht nur als gemaltes Kunstwerk betrachtet werden, sondern zeigt bei genauerem Hinsehen auch den unverhohlenen „Verwandtschaftsgrad“ zu uns Menschen auf. „Denn unser Blut und unsere Adern gleichen den Bäumen und den Blätterfasern.“
Der erste männliche Interpret des Abends, Bumillo, lockerte den Open Air Poetry Slam Abend mit seinem Text „Über meine Arroganz beim Putzen - Spaß ist stärker als Schmutz“ auf. Comedy pur, wie ihm das Erobern von Frauen mithilfe eines Putzfimmels gelingt. Putzen, ist attraktiv und erotisch, davon waren die Zuhörer am Ende seines Textes vollends überzeugt. Der Erfolg baute sich auf Grundlage von unglaublich guten Wortwitzen in Bezug auf verschiedene Reinigungshersteller und seine überzogenen Situationen, die das Kopfkino anregten, auf. Das gesamte Publikum brachte er so durch seine humorvolle Art lauthals zum Lachen.
Auch bei dem darauffolgenden Slamer Dave Appleson drehte sich alles um das Gedankenkarussell beim ersten Date. Nach der Antwort auf die Höflichkeitsfloskel seines weiblichen Dates „Wie geht’s ?“ mit „Kann nicht klagen“, beginnt bei .. das Hoffen und Bangen, dass er gut genug ist und sich bei einer Jurastudentin nicht schon ins Abseits manövriert hat. Auch etwas Body Positivity kommt zum Tragen. Da er mit keinem durchtrainierten Sixpack aufwartet, steigert sich seine Stimmung bis zur innerlich kochenden Wut, da er Skinny Jeans liebt, auch wenn sie etwas unvorteilhaft für seine Figur sind. Das spielte sich alles in seinem Kopf ab. Zum Ende hin rechnet er sich in Folge dessen gar keine Chancen mehr bei seinem Date aus, da er sich innerlich dafür ohrfeigt die Diskussion begonnen zu haben, ob es nicht schöner wäre, wenn alle Menschen, geschlechterunabhängig, sich die Fingernägel lackieren. Schlussendlich wendet sich alles zum Positiven, da sein Gegenüber dieselbe Meinung vertritt und ihn sogar auffordert, aus den mitgebrachten Lacken einen zu wählen um die Anschauung in die Tat umzusetzen. Das Publikum grölte und wurde daran erinnert, dass manchmal Authentizität mehr bewirkt als aufgesetzte Freundlichkeit.
Bei dem Auftritt von Teresa Reichl ging es um die Challenge eine weibliche Gangsterrapperin zu sein. Die bekannten Rapthemen wie Geld und Party wurden in weibliche Haushaltsthemen abgewandelt und wurden immer am Ende von der Interpretin auf einer Skala bewertet, wie hoch der Gangsterraperanteil bereits ist. Witzig, charmant und ehrlich, das Publikum wurde definitiv abgeholt. Im starken Kontrast dazu trug Julia Flierler einen sehr ernsten, nachdenklichen und traurigen Text vor, „Für alle die in diesem Krieg gefallen sind und noch fallen werden. Er möge denjenigen Flügel verleihen.“ Offen für Interpretationen, wurde überwiegend, die Unschuldigkeit eines verletzlichen Mädchens mit dem Gewissen eines Täters, welcher eine Pistole zum Abschuss bereit bei sich trug, gegenübergestellt. Die Gegensätze Schuld und Unschuld waren dabei Kernstück um zum Nachdenken anzuregen, „denn dieser, Krieg ist unser aller Krieg“. Aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung betrifft das Weltgeschehen uns alle. Mit einem komplett anderen Thema und als Rap verpackt wurde der Wettbewerb mit dem Thema „Partynächte“ von Johannes Lenz beendet. Da sowohl die Jury als auch das Publikum die witzigen und leichten Themen bevorzugte und außerdem die Darbietungsform der Poeten miteinberechnete, standen sich im Finale die beiden Comedy Jungs Bumillo und Dave Appelson gegenüber. Schlussendlich gewann von dem Publikumsapplaus ausgehend, Bomillo den Contest. In seinem Finaltext stufte er Menschen mit Handycap wie Downsyndrom als weniger „behindert“ eins als Mitglieder der Münchner SchickiMicki-Gesellschaft, bei der mehr Status als echte Emotionen zählt.
Alles in allem hatten alle Zuschauer die Möglichkeit bei diesem Poetry Slam Wettbewerb New Comer und etablierte Talente kennenzulernen. Es war ein Genuss den Vortrag der literarisch Begabten mit ihren eloquent formuliert und detailliert ausgearbeiteten Werken zuzuhören. Von frisch und lustig über nachdenklich und traurig bis hin zu wütend, die ganze Palette an menschlichen Gefühlen kam dabei zum Ausdruck und erzeugte viele Eindrücke, die es zu verarbeiten und nachklingen lassen galt. Den perfekten Rahmen am Donaustrand bot die Open Air Bühne mit herrlichem Sommerwetter und romantischen Sonnenuntergang. In den Poetry Slams kann sich jeder selbst wiederfinden, für sich etwas mitnehmen für den Alltag und wird dadurch bereichert. Daumen nach oben! Wer dieses Event verpasst hat, bekommt beim „Brüllaffen-Slam“ am 22. September ab 20.00 Uhr im Ingolstädter Diagonal die Chance im Diagonal in Ingolstadt bei einem Eintritt nachzuholen. Also nichts wie ran an die Karten!