Es ist wichtig, eins nach dem anderen zu machen, besonders jetzt, wo bald alles auf einmal passieren wird, Schreien und Milcheinschüsse und volle Windeln und dann noch der eigene Hunger, die Müdigkeit, Schlaf und Aufwachen. Ich spüre die Tritte des Babys, während ich die kleinen Strampler zusammenlege, aufrolle und dann in der kleinen Schublade im Schrank verstaue. Ich habe sie Anja genannt.
Auf dem Sofa liegt ein unordentlicher Haufen weißer Stoff, aus dem ich Moskitonetze zu nähen versuche, für die Fenster, vor allem die im Schlafzimmer. Es ist noch so viel zu tun, bevor Anja sich entscheiden wird, diesen Bauch, diesen Körper auch mal von außen zu sehen, berühren zu wollen. Ein Baby ist wie eine Deadline, auf einmal erkennt man, was in der Wohnung nicht passt, noch getan werden muss, findet all die Dinge im Schrank, die man eigentlich schon seit Jahren auf dem Flohmarkt verkaufen will und für die in einigen Monaten definitiv kein Platz mehr sein wird. Man fragt sich, wo in den zwölf Quadratmetern Platz für eine Wiege sein soll und googelt jede Pflanze, um herauszufinden, ob sie giftig ist. Man muss sich eingestehen, die Namen der Pflanzen nicht einmal alle zu kennen, obwohl man sich auf Instagram stolz #plantmom nennt. Man verrät niemandem, dass man Google Lens benutzen musste und lernt nebenbei die Namen der Pflanzen auswendig, inklusive ihrer Vorlieben: Sonne oder Schatten? Viel Wasser oder wenig? Sandige oder lehmige Erde?
Man stellt die Pflanzen, von denen man nun weiß, dass sie giftig sind, auf Facebook Marketplace online und schreibt dazu, dass sie giftig ist, damit Hunde- und Katzenbesitzerinnen (und natürlich Eltern von Krabbelkindern) vorgewarnt sind. Man macht den Leuten auf, die sie abholen und streicht unbewusst mit einer Hand über den Bauch, und mit den Monaten kommen immer öfter Kommentare, die mal ein Gefühl von Verbindung, mal Abneigung hervorrufen.
Und man beginnt auf einmal, Moskitonetze zu nähen, per Hand, obwohl man a) sehr einfach und kostengünstig welche im Internet bestellen könnte, und b) eine (gut funktionierende) Nähmaschine besitzt. Stich für Stich nähe ich das Netz, das Anja davor bewahren soll, riesige juckende Stiche zu ihrer ersten Kindheitserinnerung zu zählen.
Stich für Stich lenke ich mich davon ab, dass ich alleine bin.