Zum ersten Mal gezeigt am Bürgerempfang, 14. Januar 2018 Konzeption, Arrangement, Koordination, Schnitt (Archivmaterial)
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Zum ersten Mal gezeigt am Bürgerempfang, 14. Januar 2018 Konzeption, Arrangement, Koordination, Schnitt (Archivmaterial)
„säntis asphalt harte rosen“
und andere Arbeiten von Daniel Stiefel – 12. Januar bis 10. Februar 2018
Lieber Daniel, lieber Arndt und liebe Monika, liebe Gäste,
meine Name ist Mandy Krüger und ich freue mich, Sie im LAB 3 a.t.e.l.i.e.r.s begrüßen zu dürfen. Es ist eine besondere Ausstellung, zu der wir uns heute hier eingefunden haben. Das Künstlerehepaar Richter öffnet zum ersten Mal sein Atelier, um Arbeiten eines Künstlerkollegen und -freundes zu zeigen – die Werke des Schweizer Künstlers Daniel Stiefel.
Leben
Der 1953 in Wil bei St. Gallen geborene Zeichner, Maler und Zeichenlehrer lebt für und mit der Kunst. Neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit, war er Dozent an mehreren höheren Schulen. Unter Anderem unterrichtete er bis 2016 Zeichnen an der Schule für Gestaltung St.Gallen und gibt heute noch Kurse an der Bildhauerschule Scuola di Scultura Peccia im Tessin. Hier lernten sich die Gastgeber der Ausstellung und der Künstler kennen.
Es war die Wucht und die großen Formate der Werke, an denen die Aufmerksamkeit des Ehepaar Richters hängenblieb. Sie waren fasziniert von dem ungewöhnlichen Material und die feinen Nuancen, die der Künstler scheinbar minimalistisch herausarbeitet. Daniel Stiefel erschafft Strukturen, die man beinahe hyper- oder fotorealistisch nennen möchte – deren Entstehung jedoch alles anderem als dem Minimalismus einer Fotografie folgt.
Ausstellung
Unter dem Titel „säntis asphalt harte rosen“ werden hier nun insgesamt 22 für den Künstler Daniel Stiefel eher kleinformatige Werke gezeigt. In diesem Titel steckt der ganze Charakter dieser Ausstellung. Der Säntis, für viele Konstanzer der Hausberg, der bei klarer Sicht wie kein anderer Berg den Blick über den Bodensee prägt. Asphalt, das Material, aus dem dieser Werke hervorgehen. Und die harten Rosen, die für das Appenzeller Land stehen. Genauer für die starken Appenzeller Frauen, wie mir Daniel verraten hat.
Im ersten Raum sehen Sie ganz aktuelle Werke – diese hier sind wenige Wochen alt. Sie zeigen Steine, Wurzeln und Berge und lassen sich vielleicht unter dem Stichwort „Landschaft“ zusammenfassen. In ihrer Farbigkeit sind sie sich recht ähnlich, denn alle wurden mit Asphaltlack gemalt.
Die Arbeiten im zweiten Raum und dort vorne, der [Rosskopf] hinter der Wand, sind – mit Ausnahme der [Rosen] – vor den Asphaltbildern entstanden. Hierfür wurden Acrylfarben verwendet. Sie besitzen eine annähernd ähnliche Transparenz, gehen jedoch vom Dunkeln ins helle, wirken eine bisschen wie das farbliche Negativ diesen ersten Raumes.
Die Motive
Daniel Stiefels Arbeiten und ihre Motive formen sich in einem Prozess. Das meiste entsteht aus dem Kopf heraus oder direkt vor dem Objekt in der Natur. Nur Weniges nach fotografischen Vorlagen.
Er hat das Endprodukt nicht von Anfang im Kopf. Es beginnt mit einem Farbsee oder einem Gestus. Der Auftrag des Asphaltlacks lässt sich nicht kontrollieren. Viel mehr muss man etwas aus dem Gegebenen machen. Darin sieht Daniel Stiefel das Grundlegende jeder Art von Kreativität: Dass man aus etwas Bestehendem etwas Neues herstellt.
„Man muss auch Zufälle sehen können,“ sagt er auch gern. Es ist die Serendipität, die er damit meint. Also eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist.
Grundsätzlich vertritt der Künstler die Ansicht, dass das Zufällige des Augenblicks – so wie die Natur mit all ihren Details im Moment vor uns erscheint – in der Fotografie seinen Charakter verliert. Sie wird in der Fotografie fixiert und was von einem Foto abgezeichnet wird, ist nicht mehr zufällig, sondern schon gegeben. Darum muss man sich vor ein Objekt begeben, vor Ort und nicht nach Plan – nach einer Fotografie – zeichnen und malen. Die Werke [13 bis 16] sind auf diese Weise entstanden. Stellt man sich dem direkten Vergleich, wird man feststellen, dass die direkt vor dem Objekt entstandenen Arbeiten gänzlich anders aussehen als nach Fotografien entstandenen.
Bedient sich Daniel Stiefel dann doch mal einer fotografischen Vorlage, so überlässt er das Zufällige wieder – wortwörtlich – dem Zufall. Er vermeidet das Planhafte und fördert stattdessen das Zufällige, das Zufallende oder Zufließende. So kann es sein, dass am Ende etwas ganz anderes entsteht, als die Vorlage zu Beginn erahnen ließ. Wie bei den Werken [1 und 2].
Die Arbeit [Die zwei Brüder] – damit sind der Säntis und der Altmann gemeint – mögen beispielhaft dafür stehen. Diese Arbeit entstand nach einer Fotografie. Es ist eine Luftaufnahme aus einem Flugzeug heraus aufgenommen von der anderen Seite, dem Appenzeller Land aus gesehen.
Das Material
Das Zufällige findet sich auch in der Wahl seines Material wieder. Daniel Stiefel ist einer der wenigen Künstler, die mit Asphaltlack arbeiten. Er stieß auf dieses Material etwa um das Jahr 2004 herum, auf der Suche nach einer Ölfarbe, die beim Malen eine große Transparenz ermöglicht und ihm erlaubt, halbdurchsichtig zu malen. Er wollte, dass man förmlich in das Bild hineinschauen kann.
Asphaltlack ist ein schwarzbrauner, säurebeständiger Lack. Er wird zum Beispiel als Abdecklack bzw. Ätzgrund auf Metallen oder Glas im Druck- und Photobereich verwendet. Wie der Name schon sagt, ist Asphalt der vorrangige Bestandteil dieser Farbe. Auch Erdpech oder Bitumen genannt, wird Asphalt bei der Aufbereitung von Erdölen gewonnen.
Neben seinem Gebrauch als Bindemittel im Strassenteer, als Dichtungsmasse oder Korrosionsschutz, zählt Asphalt eigentlich zu den Ölfarben und wurde schon im 19. Jahrhundert als Grundierung für Ölmalerei benutzt.
Somit ist Asphalt vielleicht die älteste und ursprünglichste Ölfarbe in der Kunstgeschichte.
Unverdünnt ist Asphalt klebrig und grünstichig. Gibt man das Lösungsmittel Terpentinersatz dazu, wird er streichbar. Verdünnt ergibt sich eine Hell-Dunkelskala "von Honiggelb bis Rabenschwarz“ und das in den allerfeinsten Abstufungen. Die Qualität des Asphalt liegt also in der Tiefe der Farbe, denn er ist so fein pigmentiert wie Chinatusche. Asphalt ist nicht nur die erste, sondern sozusagen auch „die Tusche unter den Ölfarben.“
Man kann den verdünnten Asphaltlack nur auf den Malgrund spritzen. Dadurch spielt zwangsläufig der Zufall auch hier eine entscheidende Rolle. Denn die Verläufe lassen sich kaum steuern und verselbstständigen sich. Mit Spachtel, Schwamm oder auch nur mit den Händen bearbeitet Daniel Stiefel den Asphalt. Gemeinsam mit den zarten Farbverläufen entsteht dadurch sofort eine räumliche Wirkung und feinste Strukturen, wie zarte Holzmaserungen oder vertrocknete Rosen.
Arbeitet Daniel Stiefel mit saugfähigem Papier, wird das gefärbte Terpentin aus der Farbe gezogen. Es entsteht dieser eigentümliche braune Rand, der hier auf den Werken zusehen ist und dessen Verlauf sich auch nicht kontrollieren lässt. Das Lösungsmittel wird zum Gestaltungselement. Eines, das den Zufall in Daniel Stiefels Arbeiten nun konkret sichtbar macht.
Der Betrachter
Die Zeichnung hat in der Kunst eine lange Tradition und reicht zurück bis zu den ersten Menschen. Die frühe Kunst war einfach nur gegenwärtig. Es gab keine Museen oder Galerien, keine Kunst- oder Mediengeschichte.
Dieses Gegenwärtige versucht Daniel Stiefel durch die „Überwältigung des Betrachters" im Jetzt zu erzielen. Er möchte diese Kraft, diese Macht in seine Bilder legen und dem Betrachter spürbar machen.
Er erwartet aber auch von diesem, dass er seine eigene Welt durch seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen vor dem Werk aufbaut. Wenn man so will, findet sich auch hier der Zufall wieder – schließlich kann Daniel Stiefel auch hier nicht steuern, welche Erfahrungen der Betrachter zu jedem Bild mitbringt.
Schluss
Daniel Stiefels Arbeiten lassen sich nicht nur als „Zeichnung“ oder „Malerei“ bezeichnen – möglicherweise als gemalte Zeichnungen oder gezeichnete Malerei. Die Zeichnung beginnt gewöhnlich mit Linien. Daniel Stiefels Arbeiten beginnen mit der Flächen. Durch das Aufspritzen von Farbseen auf Papier oder verreiben von Asphalt mit den Händen.
Auf dies Weise erschafft er seinen eigenen Realismus. Einen Realismus, der nicht durch minimalistische Pinselstriche, sondern aus sich selbst – aus der Geste und dem Material heraus – entsteht.
Und nun – lassen Sie sich überwältigen. Lassen Sie sich hineinsaugen. Vielen Dank!
„Der Berg ist mächtig. Er ist im Wandel. In Bewegung. Als ich einmal Mühe mit Walddarstellung bekundete, meinte Sepp der Alpbesitzer klug: Lass ihn doch weg. Verglichen mit den Bergen sind Bäume nur momentan.“ [Daniel Stiefel, 2018]
Schwere Lederstiefel, die unachtsam auf braune, rote, orange und goldene Sterne treten. Gold mit dem nichts kaufen kann, ohne das die Welt aber ärmer wäre.
Der Klang der Welt verändert sich. Knistern, Rutschen, Laubbläser. Regentropfen auf trockene Blätter.
Nässe draußen, Wärme drinnen. Die Wohnung wird zum Nest. Zu zweit oder allein, mit Musik oder Wein.
Das Jahr geht zu Ende.
Schreibübung. Assoziation “Herbstlaub”. Seminar Kreatives Schreiben PR 1 – abp. 2017.
Matthias Keller | deconstructions
Laudatio | Kunsthalle Neuwerk, Konstanz | 6. Oktober 2017
Lieber Matthias, liebe Mitglieder der Kunsthalle Neuwerk, liebe Gäste,
ich freue mich, Sie hier zur Herbstausstellung der Kunsthalle Neuwerk zu begrüßen. Mein Name ist Mandy Krüger, ich bin Kunst- und Kulturwissenschaftlerin und darf Sie heute auf die Ausstellung einstimmen.
Wie schon im letzten Jahr widmet sich die Kunsthalle im Herbst wieder der architektonischen Kunst. Dieses Mal sehen Sie hier Malereien von Matthias Keller, alle Acryl auf Leinwand, unter dem Titel „deconstructions“. Insgesamt sind es 19 Werke, die alle zwischen den Jahren 2013 und 2017 entstanden sind. Der Künstler selbst stammt aus Leonberg, lebt und arbeitet heute in Markdorf.
Der Begriff „Deconstructions“ – oder Dekonstruktion – vereint in sich Konstruktion und Destruktion. Meines Erachtens spiegelt dieser Titel sehr gut Matthias Kellers künstlerisches Vorgehen wie auch das Wesen seiner Arbeiten wider.
Aus verschiedensten Bildern, teils eigene Fotos von Reisen, Besuchen oder Zeitschriften, konstruiert er Collagen. Er arrangiert, fügt zusammen und verändert die Größe der einzelnen Fragmente – bis es passt und keines der Bilder mehr in seinem Ursprung zu erkennen ist. Der einzige Hinweis findet sich manchmal in den Titeln der Werke. So beispielsweise in Naica – die Serie ist benannt nach den Minen von Naica in Mexiko. Sie sind die Heimat riesiger, bis zu 15 Meter großer Kristalle. Ihr Formen-Pendant findet sich heute in den Parallelwelten von Matthias Keller wieder.
Durch das stete Arrangieren und Verändern erschafft der Künstler architektonische Räume – surreale Orte mit einer Gegenständlichkeit fast wie Träume – und lässt sie in seinen Leinwänden wieder zusammenfallen. Matthias Keller verbindet in seinem Werk Konstruktion und Destruktion und lässt sich beides gegenseitig bedingen.
Der Künstler bereitet seine Werke minutiös vor. Die Arbeiten entstehen Stück für Stück. Durch dieses Vorgehen weiß er genau, was zu tun ist. Es gleicht einem meditativen Prozess und „…irgendwann stehen die Bilder“, so beschreibt der Künstler seine Herangehensweise. Die Angst vor der weißen Leinwand kennt er darum nicht mehr.
Diese präzise, akkurate Vorbereitung steht im vollkommenen Gegensatz zu seinen künstlerischen Anfängen. Matthias Keller kommt ursprünglich aus der Abstraktion und dem Expressionismus – vom „Malen aus dem Bauch“, wie er es selbst nennt. Damals war sein Vorgehen geprägt vom ständigen Übermalen und vielen Zufällen. Irgendwann kam er an einen Punkt, an dem er keine Zufälle mehr wollte und widmete sich eine Zeit lang nur noch der Zeichnung.
Heute besitzt seine Malerei nicht mehr den pastösen Farbauftrag des Expressionismus, vielmehr sind die Farbschichten zart und lassen die Struktur der Leinwand durchscheinen. Die ausdrucksstarken Farben sind geblieben. Auch das Element der Zeichnung besteht weiterhin: davon zeugen die Werkspuren in den Arbeiten – Umrisslinien und Vorzeichnungen sind teilweise noch zu erkennen.
Als wir uns im Vorfeld der Ausstellung unterhielten, sagte Matthias, er warte eigentlich noch auf die eine Frage, die immer komme – „Warum das quadratische Format?“ Für ihn ist das Quadrat das demokratischste Format. Es gibt keinerlei Richtung vor – im Gegensatz zu Quer- oder Hochformaten. Die Richtung möchte er mittels der Malerei klären. Die Dynamik innerhalb seiner Bilder erreicht er durch die Intensität der Farben und die Linien der Formen.
Matthias Kellers Weg ist ein Weg der steten Veränderung: von der expressionistischen Abstraktion über die Zeichnung zu gegenständlichen Collagen. Dies zeugt von seinem Mut zum Experimentieren. Auch in einigen aktuellen Arbeiten lassen sich die Schaffensprozesse von einem Werk zum anderen erkennen und nachverfolgen. Denn der Künstler zitiert sich oft selbst in seinen Arbeiten. Besonders gut zu sehen ist das in den Spiegelbildern Magnification I-III: Das Spätere ist präziser, expliziter und profitiert von den Erfahrungen der Vorausgegangenen. Es gleicht einem Lernprozess, einer Entwicklung festgehalten auf den Leinwänden.
Die Spiegelbilder zeigen Reflexionen ohne dass der Raum, in dem sie sich befinden, sichtbar wird. Diese Gratwanderung zwischen dem Abstrakten und Gegenständlichen, spielt eine wesentliche Rolle in allen Werken, denn für Matthias Keller sind diese beiden Begriffe kein Widerspruch.
Tatsächlich findet er den herrschenden Streit zwischen den beiden Begriffen absurd. Das macht er in dem Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Täuschung, Architektur und Transparenz deutlich. Dies zeigt sich auch im Kontrast zwischen der Ästhetik des Bildes und dessen dargestellten Inhalt: Die kräftigen, ausdrucksstarken Farben und zugleich der Zusammenbruch – die Destruktion – in den Werken.
In der Tradition der Dekonstruktivisten bringt er Gegensätze zusammen, lässt die Bilder ihre eigene Bedeutung hinterfragen und durch diese vermeintliche Paradoxie ihren Sinn erschaffen. Matthias Keller zeigt, dass das Abstrakte und das Gegenständliche zu vereinen möglich ist.
Die Dekonstruktion ist vielleicht auch Sinnbild für eine auf den ersten Blick sehr drastische Auffassung des Künstlers: Denn er begreift die Kunst als ein einziges Scheitern. Das ist jedoch nicht zwingend so negativ gemeint, wie es zunächst klingen mag. Dahinter steckt eine nüchterne, rationale Einschätzung der Dinge: Entweder man könne als Künstler von der Kunst leben, hat aber durch die Zwänge des Marktes jegliche Freiheit verloren – oder man behält sich diese Freiheit, müsse aber oftmals damit zufrieden sein, sich und seinem Werk selbst zu genügen.
Matthias Keller zählt sich zu Letzterem. Die Gelassenheit dieser Erkenntnis, ist in seinem künstlerischen Vorgehen gegenwärtig – und dadurch auch in seinen Werken. Die „Freiheit des Scheiterns“ ist somit ein weiterer vermeintlicher Widerspruch, den Matthias Keller in seinen Werken verbindet.
Laudatio anlässlich der Vernissage
In der Mittagspause mit… Eberhard Baier – Genussbotschafter und Geschichtenerzähler
Als Leiter der Statistik und Steuerungsunterstützung ist Eberhard Baier eigentlich zuständig für die harten Zahlen, Daten und Fakten in der Stadt Konstanz. Dass er aber auch gerne mal eine Geschichte erzählt, ist nicht unbekannt. Das am liebsten in geselliger Runde. Eine gewisse Vorkenntnis des gastronomischen Getränkesortiments ergibt sich dabei fast schon von allein. Da traf es sich gut, dass ein Freund aus dem Kreis, mit dem Eberhard schon den einen oder anderen Edelbrand testete, sich eines Tages im Herbst 2015 einen Hof als Altersruhesitz kaufte. Zu diesem gehörte eine etwa drei Hektar große Streuobstwiese und, wie der Zufall so will, eine Brennanlage mit geltendem Brennrecht. Schnell war eine vierköpfige „Brennercrew“ in besagtem Freundeskreis gefunden – mit Eberhard als einer von ihnen.
Bevor die Geschichte jedoch seinen Lauf nehmen und das erste edle „Selbstgebrannte“ verköstigt werden konnte, war es noch ein langer Weg. Denn das Brennen als bodenständiges Handwerk lernt man nicht eben an einem Wochenende. Gemeinsam besuchte die Crew verschiedene Seminare, in denen sie alles angefangen vom Unterschied zwischen Kern- und Steinobst, die chemischen Reaktionen über die technische Umsetzung sowie zollrechtliche Vorgaben, bis hin zur Geschichte des Brennens erlernten.
Galt das Brennen ursprünglich nur als Resteverwertung für Fallobst, wird für den Edelbrand das Obst heute speziell für diesen Zweck angebaut – denn „ein guter Brand braucht gute Produkte.“ Im Fall von Eberhards Brennercrew ist das der sortenreine Apfel „Kaiser Wilhelm“. Dieser wird gewaschen, zerkleinert und schließlich mit Hefe angesetzt. Die Maische beginnt zu gären und nach einigen Wochen entsteht ein fünfprozentiger Alkohol. Die Flüssigkeit wird anschließend im Schnapsbrennkessel von unten erhitzt, verdampft und wird schließlich durch Herunterkühlen wieder in einen flüssigen Zustand versetzt. Durch mehrere Zwischenböden, an denen der Dampf jeweils kondensiert, kann Brand in einem Durchgang mehrfach destilliert werden. Am Ende erhält man dann ein 80-prozentiges Alkohol-Wasser-Gemisch. Für einen Liter davon braucht man im Schnitt etwa 20 Kilogramm Äpfel.
Das Gemisch, das jetzt aus dem Brennkessel läuft, setzt sich aus mehr als 400 Bestandteilen – „Die nicht alle besonders gut schmecken.“ – zusammen. Unterschieden wird in Vorlauf, Herzstück und Nachlauf. Der Vorlauf besteht aus den flüchtigen Bestandteilen, die zuerst beim Brennen aufsteigen und schmeckt nach Lösungsmittel. Der Nachlauf ist eher buttrig und „bleibt einem fast am Gaumen kleben.“ Das Herzstück ist – wie der Name schon verrät – das, um was es eigentlich geht. Die Aufgabe des Brenners ist es den richtigen Zeitpunkt zwischen Vor- und Nachlauf abzupassen, wenn das Aroma am besten zur Geltung kommt. Denn der Übergang ist fließend (wortwörtlich). Das funktioniert in erster Linie über die Sinne, also Geruch und Geschmack. Jeder Tropfen wird dabei aufgefangen, schnapsglas-große Proben davon in einem Aromarad Jede einzelne Phase hat Eberhard probiert: „Das ist ja die Aufgabe! Darin liegt die Herausforderung, das perfekte Aroma durch die Sinne einzufangen.“ Die kleinste Verunreinigung kann den Unterschied ausmachen. Anschließend wird das Ergebnis in Glasballons gefüllt und dem Ganzen etwas Ruhe gegönnt. „Dabei verändern sich Geschmack und Geruch nochmal“, erklärt Eberhard und ergänzt lachend: „Das Brennen ist auf der einen Seite ein handwerklicher und sensorischer Prozess, aber auch Alchemie und ein bisschen Zauber.“
Im Herbst 2016 war es dann so weit, die Vier der Brennercrew stellten sich der Herausforderung und setzten die Theorie praktisch um. Heraus kam ein Apfelbrand, „der nicht brennt. Wir waren sehr vorsichtig, darum ist er noch ein bisschen zahm.“ Nichtsdestotrotz wurde er mit einer Silbermedaille prämiert. Die ersten Flaschen des Edelbrandes sind auch schon fast alle so gut wie ausgetrunken oder verschenkt. Denn momentan haben die Vier den Luxus nur für den Eigenbedarf und für ausgewählte Freunde brennen zu können: „Es ist auch eine Kapazitätsfrage, schließlich haben wir alle noch einen Vollzeitjob.“ Wichtig ist ihnen eine hohe Qualität und so wenig Kompromisse wie möglich – ganz nach dem selbstgewählten Grundprinzip: „Immer Weniger von immer Besseren“.
Doch hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende: Denn anschließend qualifizierte sich Eberhard zum international zertifizierten Edelbrandsommelier. An sieben mal zwei Tagen eignete er sich in einem weiteren Seminar das Wissen über Geschichte, Herstellung sowie Verteilung verschiedenster Spirituosen und natürlich Edelbrände an. So zum Beispiel den Unterschied zwischen schottischem von den amerikanischen Whiskey. Am beliebtesten ist Whiskey übrigens in Indien. Auch dieses Wissen ist Teil der Ausbildung. Ebenso wie das intensive Training der sensorischen Fähigkeiten: Wie unterscheiden sich die verschiedenen Spirituosen in Aroma und Geschmack? An einem Vormittag wurden dabei schon mal bis zu 60 Produkte verköstigt. Teil der Abschlussprüfung war auch eine Blinddegustation. Drei Produkte mussten hier erkannt und beschrieben werden. „Es ist spannend sich der Welt über die Nase zu nähern.“ Ein idealer Ausgleich zur Arbeit, denn allein mit Zahlen, Daten, Fakten kommt man in diesem Metier nicht sehr weit.
Zu seinem 60. Geburtstag im nächsten Jahr hat sich Eberhard schon ein neues Projekt vorgenommen: einen eigenen Gin. Hier spielt die Mazeration eine entscheidende Rolle. Während Maischen einen Gärprozess braucht, werden beim Mazerieren Botanicals – also zum Beispiel Beeren, Fruchtschalen oder Kräuter – in hochprozentigen Alkohol „eingeweicht“, abgeleitet vom lateinischen „macerare“. Diese verleihen dem Gin schließlich den Geschmack. Grundsätzlich beinhält jeder Gin dieselben fünf Grundbestandteile. Alles darüber hinaus macht ihn einzigartig. Das ist zumindest das Ziel. „Mittlerweile gibt es bestimmt über 300 verschiedene Gins in Deutschland. Es ist die Kunst ein harmonisches Zusammenspiel hinzubekommen. Da ist Kreativität gefragt.“ Die meisten Hersteller setzen auf regionale Zutaten; es gibt sogar einen Gin, der Bodenseewasser enthält.
Das Schöne am Brennen ist, Fragt man Eberhard, die Wiederentdeckung eines klassischen, alten Handwerks in Verbindung mit neuen Ideen. Der Gin ist das beste Beispiel. „Man kann aus der ganzen Sache eine Geschichte machen. Das gehört auch zu den Aufgaben des Sommeliers: eine Geschichte zu erzählen und nicht nur dafür zu sorgen, dass es schmeckt.“ Dass er das kann, beweist er gleich an Ort und Stelle auf der Terrasse des Brigantinus. Gleich eine ganze Auswahl an winzigen Fläschchen mit Aromaproben hat er mitgebracht. Etwas kritisch vom Kellner beäugt, ist es durchaus spannend, wenn man „weich“ plötzlich riechen kann. Die verborgenen Seiten und das Wissen dazu mit anderen zu teilen macht Eberhard sichtlich Spaß. Auch seine Begeisterung ist ansteckend. Ein Genussbotschafter eben, denn „das Leben ist zu kurz für schlechte Produkte.“ Und mit einem Sommelier kommt immer gut ins Gespräch. Das ist hiermit bestätigt.
Serie in der Mitarbeiterzeitung der Stadt Konstanz.
In der Mittagspause mit… Gunter Lange – Smoke Signals
Karl Mays Winnetou und die Verfilmungen seiner Bücher sorgen in Europa noch heute für das positive Image der „Cowboys und Indianer“. Der Schatz im Silbersee war die erste Verfilmung, die Gunter Lange damals als Kind im Kino gesehen hatte. Allerdings galt sein Interesse von Anfang an mehr den indigenen Völkern und ihrer Kultur, als den Revolverhelden. Als 1991 der Deutsche Gewerkschaftsbund gemeinsam mit der Vhs München eine Studienreise nach Nordamerika anbot, war das nicht nur das perfekte Konfirmationsgeschenk für seine Tochter. Auch für Gunter war es die Chance, zum ersten Mal die wirkliche indianische Kultur kennenzulernen – und das nicht nur auf Buchseiten oder über den Fernsehbildschirm. Welche Eigendynamik sich daraus in den nächsten Jahren entwickeln sollte, wusste er da jedoch noch nicht.
„Diese drei Wochen damals waren wirklich spannend und hochinteressant“, erzählt Gunter. Zurückgelehnt sitzt er an einem Tisch im Defne. Er erzählt ruhig und unaufgeregt von den vielen Reisen, beantwortet geduldig jede Frage zu seinen Erlebnissen und wie alles seinen Lauf nahm: Ein Jahr später, immer noch beeindruckt von den ersten Erfahrungen, organisierte er mit zwei der damaligen Teilnehmerinnen eine weitere Reise auf eigene Faust. Rund vier Wochen waren sie in Montana, Wyoming und Süd Dakota unterwegs. Wiederum ein Jahr später organisierte eine dieser Reisegefährtinnen, ein Mitglied der britischen Frauen-Organisation "Women Welcome Women", eine erneute Reise nach Nordamerika. Gunter hatte die Ehre, die sechsköpfige, durchweg weibliche Reisegruppe zu fahren.
Neben seinem Interesse für die Völker Nordamerikas, hegt Gunter aber auch nach wie vor eine große Leidenschaft für den Film. Hauptberuflich arbeitet er als Erzieher und Medienpädagoge im Kinderkulturzentrum Raiteberg, besser bekannt als KiKuZ. Dort organisiert er seit über 20 Jahren die Indianerwochen als festen Bestandteil des Sommerferienprogrammes. Die Gäste aus den indigenen Kulturen basteln und singen mit den Kindern und vermitteln ihnen im Spiel ein modernes Bild der heutigen Indianer. „Sie sind wie du und Ich; und interessieren sich auch für die moderne Popkultur“, erzählt Gunter. Die erste Indianerwoche fand 1996 statt. Über die Gesellschaft für bedrohte Völker war es Gunter damals möglich gewesen, drei indigene Lehrerinnen und Lehrer mit fünf SchülerInnen aus Kalifornien einzuladen. Etwa zur gleichen Zeit sendete der Kultursender Arte zufällig den Themenabend Medien-Power auf Indianisch. „Ich saß mit Papier und Bleistift wie gebannt vor dem Fernseher und notierte Namen, Organisationen und Einrichtungen, die in der Sendung vorgestellt wurden.“ Unter den Porträtierten befand sich auch der Dakota-Indianer Michael Smith, Direktor des American Indian Film Institutes und Festivals in San Francisco, dem größten indianischen Filmfestival Nordamerikas. Als er am Ende der Indianerwoche von den Gästen aus Kalifornien nach Amerika eingeladen wurde, wusste er, dass er das mit einem Besuch des American Indian Film Institute verbinden musste. 1998 machte Gunter sich schließlich auf den Weg.
In San Francisco angekommen, staunten Michael Smith und sein Team nicht schlecht. War Gunter doch einer der wenigen Nicht-Indianer und dazu noch Europäer, der Interesse an der indigenen Filmkultur zeigte. Denn eine so positive Einstellung den indigenen Völker gegenüber wie in Deutschland, gibt es nicht überall. Tatsächlich haben sie mit Weißen eher schlechte Erfahrungen gemacht und waren Opfer von Völkermord und Misshandlungen. Ein Umstand, der Europäern kaum bewusst ist. Aus diesem Grund zögerte Smith zunächst auf Gunters spontane Frage, ob er beim Festival mitarbeiten könne. Schließlich schlug Smith ihm ein zweiwöchiges Probearbeiten vor und bereits am nächsten Tag konnte Gunter anfangen. Für beide Seiten war das eine Herausforderung, aber trotz der großen kulturellen Unterschiede wurde Gunter schnell Teil des Teams. Am Ende der Probezeit konnte sich Smith daher gut vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Einzige Bedingung war ein Visum sowie eine Unterkunft in San Francisco.
Das war tatsächlich leichter gesagt als getan. Schon damals war es nicht einfach, ein Visum über einen längeren Zeitraum für die USA zu bekommen. Zurück in Konstanz konnte sich Gunter mit der Hilfe befreundeter Journalisten sowie Dank der eigenen Schreiberfahrung einen Journalistenausweis und damit schließlich ein Journalisten-Visum beschaffen. Dieses kam pünktlich fünf Tage vor Abflug an. Im September 1999 reiste er mit zwei Koffern und zwei Instrumenten nach San Francisco und er wurde der erste Europäer, der offiziell beim American Indian Film Institute und Festival mitarbeiten durfte. Die mitgebrachte Geige und Gitarre machten sich besonders bezahlt. Trotz Praktikanten-Gehalt und finanzieller Unterstützung durch die Carl Duisberg Gesellschaft, war das Geld knapp. Schon damals gehörte San Francisco zu den drei teuersten Städten der Welt und allein die Miete für ein Zimmer kostete monatlich 1.200 DM. So musizierte Gunter in seiner Freizeit regelmäßig in den U-Bahn-Stationen San Franciscos, um sich etwas Geld dazu zu verdienen. Neben der Organisation des Filmfestivals, arbeitete Gunter mit indianischen Filmemachern und Direktor Michael Smith an dem Konzept des Tribal Touring Program (TTP): „Der Name stammt sogar von mir.“ Das TTP ist ein mobiles Filmprojekt, das indianische Reservate besucht, um gemeinsam mit Jugendlichen eigene kurze Filme zu produzieren. TTP gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen und filmisch umzusetzen. So soll ein Gegengewicht zur „hollywoodschen“ Filmindustrie entstehen, die Indianer auch heute noch oft mit negativen Klischee als drogen- und alkoholabhängige Wilde beschreibt.
Diese Klischees abzubauen, ist eines der Anliegen von Gunter und den Organisatoren der Festivals. Die indigen Völker leben nicht mehr in Tipis, tragen nicht ausschließlich lange Haare und freien Oberkörper; und sie sind auch alles andere als stoisch: „Eigentlich sind Sie die witzigsten Menschen, die ich kenne.“ Besonders schlimm ist es für sie, wenn man sich an Fasnacht als Indianer verkleidet. Jedes Kleidungsstück, jede Stickerei und Verzierung hat eine eigene spezielle Bedeutung, und jeder Federschmuck seine Bewandtnis. Oft wurden die Stücke von Vorfahren vererbt und sind Teile traditioneller Zeremonien. „Indianer spielt man nicht“, bringt es Gunter auf den Punkt. Darum traf Smith mit der Überlegung, ob man so ein Filmfestival nicht auch in Europa aufbauen könne, einen Nerv bei Gunter: „Genau die gleiche Idee hatte ich auch“. 2004 gründete er schließlich Indianer Inuit: Das Nordamerika Filmfestival. Das fand zunächst als viertägige, nichtkommerzielle Veranstaltung im Züricher Nordamerika Native Museum und eine Woche später in Stuttgart statt. Seit 2007 ist Stuttgart alleiniger Veranstaltungsort. Das in Europa einzigartige Festival findet das nächste Mal übrigens vom 18. bis 21. Januar 2018 im Stuttgarter Treffpunkt Rotebühlplatz statt.
Sein ehrenamtliches Engagement für die indigene Kultur neben seiner eigentlichen Arbeit kostet viel Zeit und ist nicht immer einfach. Aber er erhält viel Unterstützung, auch von den Kollegen im KiKuZ. Auch das andere Zeitgefühl der indigenen Gäste ist oft eine Herausforderung. Nach der sogenannte "Indian Time" lässt man sich für die wichtigen Dinge des Lebens, insbesondere für das soziale Miteinander, viel Zeit. „Die Mühe macht sich aber auf andere Weise bezahlt und ist unheimlich inspirierend.“ Und viel erlebt hat er während seiner Arbeit beim American Indian Film Institute und seinen Reisen. So reiste er zum Beispiel mit Filmemacher Dan Golding drei Wochen durch die Hochtäler der Sierra Madre Occidental, durch die Sonora-Wüste, entlang des Gila und Salt River in Arizona und half ihm bei den Dreharbeiten zu seinem Musikfilm Waila – Making the People Happy. Immer wieder wird er auch als Jurymitglied für andere Filmfestivals angefragt, wie beispielsweise in Locarno oder Krakau. Regelmäßig besucht er auch die Berlinale. Durch seine vielen Freunde und Kontakte wird er häufig zum Vermittler: Dem diesjährigen Open See Festival hat er die Künstlerin Raye Zaragoza näher gebracht und das Stadttheater ist aktuell in Gesprächen mit einer Inuit Schauspielerin für ein anstehendes Projekt. „In der indigenen Film-Welt kennt fast jeder jeden. Das ist quasi mein Beitrag zur Völkerverständigung“, resümiert Gunter und lacht, „aber dass das so eine Eigendynamik entwickelt, damit hätte ich nie gerechnet. Smoke Signals funktionieren eben in der Welt der Indianer.“
Serie in der Mitarbeiterzeitung der Stadt Konstanz.
Blicke im Bus
Es treten auf Er & Sie
Die Bühne ein roter Bus
Sie steigt ein, Musik im Ohr. Der Bus ist voll. Sie blickt aus dem Fenster; wippt leicht zur Melodie.
Schaut nach rechts. Ein Blick. Schaut weg. Schaut wieder hin. Hinten im Bus. Er.
Menschen steigen aus. Menschen steigen ein.
Noch ein Blick. Beide sehen weg. Ein neues Lied. Ist das gerade passiert?
Aussteigen. Einsteigen.
Sie sieht hin. Er auch. Länger dieses Mal. Wieder weg. Wieder hin. Magnetisch.
Ziel erreicht. Alle steigen aus. Schauspieler und Statisten verlassen die Bühne. Der Tag beginnt.
(Für F.)
Martin Schröpel – Wenn kein Volk dem anderen gleicht
Konstanzer Weg 116 | In der Mittagspause mit...
Sie zählen im Privatrecht zu den unbedeutendsten Rechtsbestimmungen und dienten wahrscheinlich schon vielen Jurastudenten zur Belustigung: Die Bienenparagrafen (§§ 961-964) im Bürgerlichen Gesetzbuch. Wer jetzt glaubt, hier handelt es sich mal wieder um eine absurde Besonderheit geboren aus der deutschen Bürokratie, dem sei gesagt: nicht ganz. Sie hat ihren Ursprung in Rom. Denn schon im römischen Corpus Iuris Civilis, dem „Bestand des zivilen Rechts“ aus den Jahren 528 bis 534 n. Chr. finden sich bienenrechtliche Bestimmungen ähnlich denen des BGB. Im Wesentlichen besagen sie: „Wer den Schwarm fängt, dem gehört er.“
So zumindest fasst es Martin Schröpel zusammen. Martin ist Beauftragter für Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement – und außerdem Imker. Seit 30 Jahren hat er dieses Hobby, obwohl es beinahe untertrieben ist, es so zu bezeichnen. Während dem Studium in Freiburg wohnte er in einer WG in einem kleinen Häuschen mit Garten und einem Wald in der Nähe. Der Vater eines Mitbewohners war Imker. „Wir wollten das selber machen, ein bisschen ausprobieren. Praktisch ‚learning by doing‘“, erzählt er an einem kleinen Tisch im Le Sud. Vor ihm die Speisekarte. Eigentlich kann er die schon fast auswendig. Heute gibt es Bauernsalat. „Der Vater hat uns dann zwei Völker geschenkt und so hat das Ganze angefangen – und ich bin dabei geblieben.“ Als 1. Vorsitzender des Imkervereins Konstanz, Schwarmfänger und vereidigter Bienenseuchenbeauftragter des Landkreises ist er mittlerweile ziemlich eingespannt. Und dann wären da noch seine 14 Bienenvölker, die er am Friedhof und am Fohrenbühl hält.
Dort geht die „Bienensaison“ im März/April wieder los. Der Höhepunkt des Bienenjahres ist etwa um Pfingsten. In dieser Zeit muss er mindestens einmal in der Woche nach den Tieren schauen. Abends, nach Dienstschluss, fährt er dann zu seinen Völkern. Er öffnet jedes Volk, kontrolliert ob die Königin da ist und wie viele Eier – „Stifte“ unter Fachleuten – sie gelegt hat. Er schaut sich das Brutbild an, ob es geschlossen oder lückenhaft und „wie voll der Laden ist.“ In den Hochzeiten leben dort bis zu 50.000 Bienen. Je nach dem müssen dann die Wabenrähmchen mit der Bienenbrut umgehängt oder das Brutnest erweitert werden. Das hängt auch davon ab wieviel Tracht – Honig, den die Bienen in den Stock bringen, aber nicht selbst verbrauchen und den später der Imker erntet – es gibt. Als Imker ist man also auch ein bisschen Architekt, denn auch Bienen brauchen Platz zum Bauen. Nur so kann das Volk überleben und verhindert werden, dass die Bienen ausschwärmen (und die Bienenparagrafen plötzlich doch Sinn ergeben). Ab September beginnt dann sowohl für Bienen wie auch für den Imker die Winterruhe.
Geht der Platz aus, sind Bienen bei der Suche nach einem neuen Heim nicht gerade wählerisch. Gern lassen sie sich dabei an – aus der Sicht des Menschen – eher ungünstigen Orten nieder. Als Schwarmfänger ist es Martins Aufgabe, die Bienen einzufangen und dann umzusiedeln. „Der ungewöhnlichste Ort war in einem Auto“, erzählt er. Der Besitzer hatte die Fenster nur einen Spalt offengelassen. Als er wieder kam, hatte sich am Rückspiegel eine ganze Traube Bienen gemütlich eingerichtet. Wonach die Bienen die Standorte auswählen, weiß man nicht genau. Oft in der Nähe des alten Schwarms oder wo sich vorher schon mal ein Bienenschwarm niedergelassen hat.
Adäquate Standorte für die Stöcke zu finden, wird immer schwieriger. Bestimmte Abstände müssen eingehalten werden und auch die Nachbarschaft muss passen. Wohnungssuche ist also sogar bei den Konstanzer Bienen ein Problem. Müssen die Bienen samt Besitzer umziehen, stellt Martin als vereidigter Bienenseuchenbeauftragter des Landkreises das Gesundheitszeugnis aus. Denn nicht nur fehlender Lebensraum bedroht die Bienen, sondern auch verschiedene Krankheiten oder Parasiten sorgen für Bienensterben. Am häufigsten ist die Varroa-Milbe. Wird das Bienenvolk nicht behandelt, wird es immer schwächer und geht daran zugrunde. Die gängigste Art der Bekämpfung hat sich der Mensch von der Natur abgeschaut – vom Specht. Dieser streicht sich Ameisen über das Gefieder um die Milben loszuwerden. So ähnlich macht das auch der Imker, der nach dem Honigschleudern im August Ameisensäure durch das Nest dampft. Die Milben sterben dadurch ohne die Bienen zu schädigen.
Immer mehr Menschen interessieren sich für das Imkern: „Der diesjährige Imkerkurs des Vereins ist schon wieder übervoll. Das ist er schon seit Jahren.“ Die Bienenzucht ist also keine kurzlebige Modeerscheinung. „Manche bleiben dabei, andere wollen einfach nur was Neues lernen.“ Die Teilnehmer kommen aus allen Bevölkerungs-, Bildungs- und Altersschichten – eine bunte Mischung eben. Das gilt auch für die Vereinsmitglieder. „Pfeifenrauchende alte Männer findet man bei uns nicht“, erzählt Martin lächelnd. Tatsächlich sind rund 40 Prozent der 120 Mitglieder weiblich und der Verein verjüngt sich zusehends. Alle zwei Wochen trifft man sich, tauscht sich aus und fachsimpelt gerne. Dadurch, dass so viele unterschiedliche Menschen dieses Hobby verfolgen, gibt es eben auch genauso viele verschiedene Ideen und Ansätze. Bei Frauen liegt der Gedanke, der Natur etwas Gutes tun zu wollen im Vordergrund. Tatsächlich würde es ohne Imker in Europa keine Honigbienen mehr geben. Männer verfolgen diesen Gedanken zwar auch, doch auch der Ertrag spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Bei Martin sind es im Jahr pro Volk etwa 15 bis 25 Kilo. Über Bienen aufzuklären, ist eine weitere wichtige Aufgabe des Vereins. Erst im vergangenen Jahr konnte die französische Ausstellung „Die Straßen des Honigs“ („Les routes du miel“) in den BildungsTurm geholt werden. Es gab viele Vorträge mit bekannten Leuten vom Fach. „Das war eine tolle Kooperation mit dem ASBW und Frau Liebl-Kopitzki, die übrigens selbst Imkerin ist“, sagt Martin. Auch für Schulkassen werden Veranstaltungen angeboten. Über 400 Kinder kommen jedes Jahr. Die Vereinslaube ist dafür eigentlich zu klein, ein Neubau mit Toilette müsste her. Dafür fehlt aber das Geld. Es gibt leider keine Förderung.“
Auch nach 3 Jahrzehnten ist für Martin die Imkerei immer noch spannend: „Jedes Jahr ist neu und anders.“ In den letzten Jahren wurde das Hobby immer mehr zu einem Ausgleich, zu einem Gegenpol zur Arbeit. Man muss behutsam und zugleich konsequent mit den Tieren umgehen. Mit der Zeit bekommt man einen gewissen Blick und Routine. Das Imkern an sich ist eigentlich nicht schwer zu erlernen. Die nötige Ruhe zu bekommen ist dagegen nicht so einfach. Um runterzukommen trägt Martin, wenn er nach seinen Bienen sieht, bewusst nur ein kurzärmeliges Shirt. „Bei einem fremden Stock würde ich das allerdings nicht machen.“ Denn kein Volk ist wie das andere. Jedes Bienenvolk hat seinen eigenen Charakter. Er ergänzt: „Mit Bienen muss man immer langsam arbeiten.“ Hektik sei da ganz schlecht. Plötzlich schaut Martin auf die Uhr: „Oh! Schon 10 vor 2! Um 2 ist PG Sitzung!“
Serie in der Mitarbeiterzeitung der Stadt Konstanz.
Paula Goth – vom Problemlösen im Theater
Konstanzer Weg 115 | In der Mittagspause mit...
„Eigentlich sind wir hier nicht nur Schlosser, sondern vielmehr Problemlöser“, erzählt Paula Goth in ihrer Pause. Eine halbe Stunde hat sie Zeit. Die Bühnenbildner kommen meist mit einer ganz bestimmten Idee im Kopf zu ihr und ihrem Meister Jürgen Kelm. Dann stellt sich die Frage, wie bekommt man diese Idee mit den vorhanden Mitteln und Möglichkeiten praktisch umgesetzt? „Wir sind ja nur eine kleine Werkstatt. Aber das ist auch das Schöne, man lernt jeden Tag etwas Neues!“
Paula ist 21 Jahre alt. Im letzten September hat sie am städtischen Theater ihre Ausbildung zur Metallbauerin begonnen. Auf den ersten Blick – auch wortwörtlich genommen – kein gerade offensichtlicher Beruf an einem Theater. Hier lernt sie, wie die großen Metallkonstruktionen gefertigt werden, die später teils mit Holz verkleidet auf der Bühne stehen. Plan und Modell bekommen sie und ihr Meister vom jeweiligen Bühnenbildner des Stücks. Wie detailliert diese sind, hängt immer auch von dessen Vorkenntnissen ab. „Bei Die Rassen waren die Vorgaben sehr genau, da der Bühnenbildner selbst eine Schlosserausbildung hatte. Aber bei Der Tod und das Mädchen können wir viel Eigenes machen und kreativ werden.“ Ab und zu arbeiten sie auch mit anderen Betrieben zusammen. Wie zum Beispiel aktuell für das kommende Stück Der Tod und das Mädchen. Für die Kulisse müssen sehr lange Metallprofile gebogen werden, die später ein Podest für die Schauspieler bilden. Mit der kleinen Handkurbel der Theaterwerkstatt wäre das kaum zu schaffen gewesen. Während Paula erzählt, dreht sie ihr Brötchen die ganze Zeit in der Hand und kommt kaum dazu, es zu essen.
Seit über 25 Jahren wird die Ausbildung zum Metallbauer beim Theater angeboten. Paula ist dort die erste Frau. Dass Frauen in diesem Beruf eher eine Seltenheit sind, merkt Paula hier am Theater weniger. Schließlich stehen sie auch nur zu zweit in der Werkstatt und haben viel Kontakt zu den anderen Abteilungen, wie der Bühnenmalerei oder der Schneiderei, in denen der Anteil der Frauen größer ist. In der Berufsschule dagegen wird das schon deutlicher: Von 30 Azubis sind nur zwei weiblich. Sie wisse selbst nicht so richtig, woran das liegt. Natürlich sei der Beruf körperlich anstrengend, „aber der einer Krankenschwester ist es schließlich auch.“ Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Arbeit eines Metallbauers – vor allem im Theater – eben nicht so offensichtlich ist. Viele können sich nichts darunter vorstellen und trauen sich auch nicht es auszuprobieren. Genauso könne es aber auch an Vorurteilen seitens der Betriebe liegen. Paula selbst hat bei vielen Firmen zuerst Absagen bekommen und sich dann bewusst bei Städten beworben. „Wenn man etwas wirklich machen will, muss man sich eben seinen Weg suchen.“
Paula wusste vorher schon was in der Ausbildung auf sie zukommen wird. Schon in der Schule hat sie beim Schultheater mitgemacht, auch hinter der Bühne, beispielsweise beim Schneidern der Kostüme. Nach dem Fachabitur wusste sie darum, dass professionelles Schauspiel auf gar keinen Fall etwas für Sie ist – Theater an sich aber schon. Darum ging sie im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes an das Theater in Mannheim. Dort war sie abwechselnd in der Schlosserei, der Schreinerei und in der Polsterwerkstatt und hat beim Bau der Bühnenbilder geholfen.
Darauf folgten zwei Semestern Technikjournalismus – „Endlich was ohne Theater“ – an der Hochschule in Nürnberg. Technik und verstehen zu können, wie alles funktioniert, war an sich ganz spannend – nur die Sache mit dem Journalismus: „Ich kann einfach nicht mit Menschen“, erzählt sie lachend. Eigentlich schwer zu glauben, wenn man sie so im Foyer der Werkstattbühne erlebt. Nach zwei Semestern verließ sie daher die Uni. „Ich wollte jetzt erstmal ein Handwerk lernen.“ Aber kein ganz alltägliches. Neben Theaterwerkstätten – doch wieder Theater – hatte sie sich auch bei Kunstschmieden beworben, die noch ganz traditionell mit Feuer und Esse arbeiten.
Das Konstanzer Theater war das erste, das sie zu einem Gespräch einlud. Ihre Begeisterung darüber hielt sich eher in Grenzen, denn Konstanz war nicht gerade ihre erste Wahl. Aber etwas Übung für zukünftige Vorstellungsgespräche könne ja nicht schaden. Nachdem sich der Stress der Parkplatzsuche gelegt hatte, fand Paula die Stadt an sich eigentlich ganz schön. Auch das Gespräch mit dem künftigen Meister lief gut. Er führte sie durch die Werkstatt und zeigte ihr die Räume des Theaters. Sofort fühlte sie sich wohl. „Erst wollte ich nicht hin und am Ende des Tages hab ich mir gewünscht hier anfangen zu dürfen.“ Die Zusage kam am nächsten Tag und paar Monate später folgte dann der Umzug aus ihrer Heimatstadt Ansbach in Franken an den See.
Dass Konstanz nicht nur schöne Seiten hat, musste Sie bereits feststellen. Ihr Freund möchte aus Leipzig zu ihr nach Konstanz ziehen und beide suchen, wie viele, eine erste gemeinsame Wohnung. „Die Wohnungssuche ist ein Problem, aber vielleicht weiß ja einer der Kollegen aus der Stadt etwas…“
Was ihr am meisten Spaß macht, sei schwer zu sagen, denn bisher gefällt ihr alles. Eben, dass es ein kleineres Theater ist, gefällt ihr und eingelebt hat sie sich langsam auch: „Mannheim war so groß, da hab ich mich nicht getraut etwas anzufassen. Hier kann ich mittlerweile auch allein weiterhelfen, wenn jemand in die Werkstatt kommt.“ Bis jetzt ist es sehr abwechslungsreich. Was nach der Ausbildung kommt, weiß Sie noch nicht. „Vielleicht doch nochmal studieren, aber dann mit Plan.“
Serie in der Mitarbeiterzeitung der Stadt Konstanz.
Weihnachtsgruß OB Uli Burchardt
Regie + Licht + Schnitt
Ein Menschenatlas voller Wirklichkeiten - Nachbericht
21 Gedichte aus Istanbul | 4 Briefe & 10 Fotow:orte José F. A. Oliver
Lesung im Kunstraum Kreuzlingen | 19. Februar 2017
Wie funktioniert eine Megalopolis, eine Stadtlandschaft wie Istanbul? Ein Menschenatlas mit offiziell 16 Millionen, geschätzt etwa 18 Millionen, vielleicht aber auch mit 20 Millionen Einwohnern.
In 38 Gedichten wollte José F. A. Oliver dieser Frage nachgehen; 21 wurden es schließlich. 21 Gedichte, 4 Briefe und 10 Fotoworte aus fünf Monaten in 2013, die Oliver als Stadtschreiber in Istanbul verbrachte. 21 Gedichte, 4 Briefe und 10 Fotow:orte über das Erkunden, Erleben, Handeln einer Stadt.
Fotow:orte – der Oliver’schen Doppelpunkt verleiht dem Ausdruck eine weitere Bedeutung. Fotografien wie Orte. Die Perspektiven, die sie festhalten, zeigen die Position, in der sich Oliver Notizen für sein Schreiben machte. Benutzt hat er dafür eine einfache Wegwerfkamera, um zwischen den Touristen nicht weiter aufzufallen; ein Teil der Stadt zu werden. Auf diese und andere Weisen erkundete er ganz Istanbul. Immer zu Fuß. Die Bilder seiner Schuhspitzen sind der Beweis und bald erscheint mit ihnen ein eigener Band.
José F. A. Oliver ist ein Literat, der von sich behauptet, er kenne keine Schreibblockade. Wenn er schreibt, dann schreibt er. Und wenn nicht, gibt es genug andere Dinge, denen er sich widmet. Während er das sagt, sitzt er ruhig auf seinem Stuhl, ganz in Schwarz gekleidet. Kein Zweifel kommt auf, dass er das Gesagte auch so meint. Wenn er aus seinen Werken liest, meint man noch den Schatten der andalusischen Sprachmelodie zu hören - fließend, rhythmisch wie ein Gewässer. Spricht er über die Anekdoten und Hintergründe seines Schaffens, fließen seine Erzählung genauso nahtlos in seine Lyrik hinein, beides geht ineinander über.
In den Zeiten, in denen er nicht schrieb, reiste Oliver viel, arbeitete mit Straßenkindern in Lima, gibt Schreibkurse, widmet sich der Literaturvermittlung und Sprachsensibilität der Jugend. “Der Schreibnomade José Oliver ist auf steter Wörterreise”, heißt es in einem Klappentext.
Stimmt.
20. Hausacher LeseLenz | Metropolen 5. bis 14 Juli 2017 www.leselenz.com
Kunstraum Kreuzlingen www.kunstraum-kreuzlingen.ch
Wenn Bäume sprechen könnten
…was würden sie wohl für Geschichten erzählen? Vor allem Baumriesen, wie Mammutbäume.
Bis zu 100 Metern können sie in die Höhe wachsen und der älteste Mammutbaum weltweit soll über 3000 Jahre alt sein. Ob diese Greise wohl wüssten, wie sie zu ihrem Gattungsnamen Sequoia kamen? Die beiden Entdecker, Stephan Endlicher, ein Wiener Botaniker und der Franzose Joseph Decaisne gaben ihnen unabhängig voneinander den gleichen Namen: nach dem amerikanisch-indianischen Gelehrten Sequoya, dem Erfinder der Cherokee-Silbenschrift. Nur der eine bereits 1847 und der Andere 1854.
Auch auf dem Stadtgebiet Konstanz gibt es einige Exemplare, die sicher ein paar spannende Anekdoten zu berichten wüssten. Die ersten Mammutbäume gehen auf Großherzog Friedrich I. von Baden zurück, einem leidenschaftlichen Pflanzensammler und -liebhaber. Gefallen fand er vor allem an fremdländischen Gewächsen, wie eben dem Mammutbaum. Dieser stammt ursprünglich aus Nordamerika. Mitte des 19. Jahrhunderts war er zudem als Parkbaum sehr beliebt. Den ersten pflanzte Friedrich I. 1864 auf der Insel Mainau. Noch heute sind dort etwa 60 Exemplare zu finden. In Konstanz selbst stehen noch acht Mammutbäume: am Rosenau Ufer aus dem Jahr 1880, am Humboldgymnasium, Kinderhaus am Rhein, und Luisenplatz-Pauluskirche jeweils aus dem Jahr 1885 sowie die Bäume an der Lutherkirche, im Stadtgarten und am Hoerlepark, die 1900 gepflanzt wurden.
Erst Anfang des Jahres war ein Vertreter dieser Art prominent in den lokalen Medien vertreten. Leider war der Anlass das Ende seiner Geschichte. Der Mammutbaum der Art Wellingtonia im Zentrum von Allmannsdorf musste gefällt werden. Trotz vieler Versuche, konnte der Baum neben der Kirche St. Georg nicht mehr gerettet werden. Schuld waren schwere Kälteschäden durch den Winter 2008/2009. Bis 2012 hoffte man noch ihn retten zu können, doch im Frühjahr dieses Jahres war er nun beinahe vollständig abgestorben. 130 Jahre alt ist er geworden und war das geheime, den Kirchturm überragende Wahrzeichen des Stadtteils. Dieser Baum war der erste, den Friedrich I. auf heutigem Konstanzer Stadtgebiet pflanzte. Er stiftete ihn 1890 feierlich als „Zeichen der besonderen Gunst“, so beschrieb es Alexander Gebauer bereits im Konstanzer Almanach 1994. Gebauer nannte ihn „ortsprägend“ und „eng mit der Allmannsdorfer Geschichte verbunden“.
Und damit hat er nicht übertrieben. Tatsächlich hätte auch dieser Baum einiges zu berichten gehabt. Bereits 1954 stand er für geraume Zeit im Mittelpunkt des städtischen Interesses und war nicht nur einmal Thema im Konstanzer Gemeinderat. Die wellington’schen Wurzeln sprengten die Böschungsmauer am Treppenaufgang zur Kirche, so dass in Erwägung gezogen wurde, ihn zu fällen. Auch die geplante Verbreiterung der Mainaustraße, der er wortwörtlich im Wege stand, bedrohte seine Existenz. Doch laut Gebauer konnte „dank vielseitiger Interventionen und flexibler Reaktion der Verwaltung der Lebensraum erhalten werden.“ Rechtzeitig im April 1955 wurde er zu einem Naturdenkmal erklärt und an eine Fällung war zunächst nicht mehr zu denken. Doch nur zwei Jahre später entzog man ihm diesen Status wieder. Die verantwortliche Naturschutzbehörde erklärte am 5. Februar´1957 schriftlich, dass „die Wellingtonia keine überragende Bedeutung im Sinne der Erhaltung als Naturdenkmal habe, da der Baum hierzulande nicht einheimisch und zweitens hierzulande keineswegs selten sei.“ Die Stadtspitze sah das jedoch anders. Der amtierende Oberbürgermeister Franz Knapp erklärte in einem Schreiben vom 25. Februar: „Die Entfernung dieses Baumes kann aber aus städtebauliche Gründen nicht verantwortet werden.“ Der Südkurier nannte den Baum sogar eine „Kostbarkeit“ und zitierte einen Leserbrief vom 26. März: „Einen schöneren Baum könne man sich kaum vorstellen […] Wer von der Fähre kommend über Allmannsdorf hinauffährt, wird gewissermaßen von dem Prachtexemplar dieses kalifornischen Baumes begrüßt im Land um den Bodensee und durch ihn wird ihm gleich mitgeteilt, welche herrliche Bäume fremder Länder ihn hier erwarten.“ Die Konstanzer lieben ihre Bäume. Daher ist es kaum verwunderlich, dass der Gemeinderat am 29. März 1957 einstimmig für den Erhalt des Baumes stimmte und dem politischen Thriller vorerst ein Ende setzte.
Ein kleines Nachspiel hatte die Diskussion dennoch, aber an anderer Stelle. Die Allmannsdorfer Wellingtonia wurde Inhalt eines Briefwechsels zwischen einem Vertreter der Naturschutzbehörde und dem damaligen Oberbaurrat. Der Vertreter äußerte sich verständnislos darüber, dass Sage und Schreibe 20.000 DM für den Erhalt des Baumes bezifferten worden waren. Natürlich war man sich nicht einig gewesen, wer nun die Kosten tragen solle. Er hegte den Verdacht, dass man „diesen Anteil an der Erhaltung der Naturschutzbehörde aufhängen wollte“. Dabei habe diese selbst für sämtliche sachlichen Ausgaben „einschließlich Büromiete und Heizung und einschließlich des Aufwandes für 20 Kreisstellen“ gerade einmal 13.000 DM zur Verfügung. Glücklicherweise löste sich dieser Disput schnell auf, handelte es sich doch um Fehlinformationen. Für den Erhalt des Baumes wurden tatsächlich nur 2.000 DM benötigt. Keiner aus der Konstanzer Stadtverwaltung hatte es je beabsichtigt, die Naturschutzbehörde in ihren Büros frieren zu lassen. Bäume sind also öfter mal Streitthema, bekanntlich auch gern zwischen Nachbarn. Auch die Konstanzer Mammutbäume bleiben da nicht außen vor. Im Jahr 1943 beschwerte sich der Chordirektor und Organist der Pauluskirche, dass der Mammutbaum im Vorgarten des benachbarten Anwesens in der Mainaustraße „unerlaubterweise so unglaublich dicht“ an sein Haus gepflanzt worden sei, dass es seinen „Besitz wertlos und ungesund“ mache. „Obwohl an sich schön und wertvoll“, hoffe er doch, dass er baldmöglichst beseitigt werde. Natürlich hing die Besitzerin des Grundstückes an ihrem Baum. So musste auch hier die Stadtverwaltung tätig werden. Wegen der Schönheit des Straßenbildes, sprach sich das Vermessungsamt gegen die Beseitigung aus. Da der umstrittene Baum 9 Meter von der Grundstücksgrenze des Chordirektors und ganze 15 Meter von dessen Wohnhaus entfernt stand, wurde außerdem nicht ganz klar, von welcher Art Beeinträchtigung dieser eigentlich sprach. Vielleicht war es die Angst, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen.
Ein Baum fällt schneller als er wächst. Doch manchmal erhalten sie ein zweites Leben – wie der 2008 neben dem Konstanzer Casino gefällte Mammutbaum. Der Künstler Oliver Lüttin aus schweizerischen Degersheim fertigte aus dem 30 Meter hohen Stamm 26 Trommeln. Mit viel Körperkraft und Herzblut hatte Lüttin ihn zerteilt, ausgehöhlt und zu einem Instrument gemacht. Geschichten erzählen wird dieser zwar auch nicht, aber immerhin lassen sich ihm jetzt ein paar Töne entlocken. Was die Zukunft der acht noch stehenden Baumriesen angeht, versuchen die technischen Betriebe Konstanz ihr Möglichstes um sie zu erhalten. Doch der Aufwand ist groß. Denn eigentlich müssten die Bäume buchstäblich an den Tropf, damit sie ausreichend bewässert werden. So steht leider fest, dass die Mammutbäume hier, aufgrund der für sie nicht ganz günstigen klimatischen Bedingungen, nie ein vergleichbar hohes Alter erreichen können, wie ihre Verwandten in Nordamerika. Dennoch sind die Exoten immer noch beliebte Parkbäume. So wurden zum Beispiel im Herosé- oder im Hoerlepark neue Mammutbäume gepflanzt. An Stelle des Allmannsdorfer Mammutbaumes wird ebenfalls ein neuer Zeitzeuge gepflanzt. Jedoch keine Sequoia, sondern eine Silberlinde. Blättert man durch die Akten der vergangenen Jahre, wird man aber feststellen, dass auch diese Baumart die Stadt gerne auf Trab hält. Von Pappeln ganz zu schweigen…
Beitrag im Konstanzer Almanach (Stadtchronik)
Podcast Schnitt und Regie Social Media
Uni und HTWG präsentieren das Kooperationsprojekt „Ausstellen – Wege ins Museum“. Selten war im Bildungsturm eine so perfekt designte Ausstellung zu sehen.
Lokale Tageszeitung, Print + Online
Papst Franziskus hat das Jahr 2016 zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit erklärt. Unabhängig davon engagieren sich die Kirchen und Gemeinden in Konstanz bereits in vielfältigen Bereichen in dieser Richtung.
Lokale Tageszeitung, Print + Online
In „Bedingungslos“ geht es um das Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen. Doch welche Geschichte lohnt sich hierfür wirklich? Das fragen sich die Schauspieler um Leiter ihren Felix Strasser während einer Probe auf der Theaterbühne.
Bild: Oliver Hanser
Lokale Tageszeitung, Print + Online
Mit einem fesselnden Hip-Hop-Tanzwettbewerb und einer beeindruckenden Bühnenshow fand die Open Stage am Samstag im Kulturladen zum letzten Mal statt. Es sollte ein Abschied werden, den man so schnell nicht vergisst.
Lokale Tageszeitung Print + Online
www.urbanskillz.de