Teil 1: Ein Kuss für den Heimweg
Die Kneipe war stickig, roch nach altem Holz, dreckigem Polster und langen verrauchten Stunden. Die Luft stand wie eine Person im Raum, wie eine dicke unangenehme Person, neben der niemand sitzen wollte und jeder hoffte, dass die Tür an die Klingel stieß und den nächsten frischen Atemzug ankündigte. Was genau sollte ihn hier drin erwarten? Wie zur Hölle sollte er hier… Kling!
Wie oft er auch an den Prophezeiungen zweifelte, noch häufiger bewahrheiteten sie sich. Schnaubend schüttelte er den Kopf und nahm einen kräftigen Schluck seines Ales.
Er stand auf, damit der Barkeeper ihm seine Aufmerksamkeit schenkte und rief durch das Getose: „Zwei bitte!“ Dabei zeigte er auf die andere Seite der Theke, schnappte seine Jacke und setzte sich auf den freien Platz, neben ihr.
Empört wollte sie abweisend gegen diese Aufdringlichkeit wettern, aber konnte dem freundlichen Gesicht, das sich neben sie gesellt hatte, nichts entgegenbringen.
Er bemerkte dies und schmunzelte: „schönen Abend“.
„Hallo“, zögerte sie. Ihre Wangen röteten sich beim Klang seiner sanften, melodischen Stimme. Auch das bemerkte er.
„Ich habe auf dich gewartet. Ale?“
„Wer bestellt einer Dame Ale?“, gluckste sie mit einem abfälligen Unterton.
„Jemand, der daraufsetzt, dass sie gutes Bier zu schätzen weiß.“
„Ich wurde schon charmanter angesprochen“, bemerkte sie und versuchte noch einmal abfällig zu klingen. Es gelang ihr kaum.
Der Mann lächelte weiterhin milde und sie schaffte es nicht, die schnippische Art beizubehalten. Er war ungewöhnlich und attraktiv. Sie verbot es sich, auf solche Art, in einen Flirt reingezogen zu werden, doch ließ sich von seinem einnehmenden Blick verleiten.
Der Gestank von verschüttetem Alkohol und muffigem Mobiliar rückte in den Hintergrund. Die stickige Luftperson diente als Schirm vor unerwünschten Störungen, die diese Begegnung zu einer unschönen Erinnerung machen sollten, indem sie die aberwitzigen und interessanten Aussagen des Mannes überschatten könnten.
Stunde um Stunde verrann und sie ließ sich darauf ein, dass er sie nach Hause begleitete.
„Es war ein wirklich besonderer Abend. Nett, dass du auf mich gewartet hast – in dieser zufälligen Bar, an diesem zufälligen Tag“, neckte sie am Stufenabsatz.
„Es könnte noch besonderer werden.“
„Ich möchte diese Begegnung nicht mit übereilten Impulsen beenden. Ruf mich an und nach einem oder mehreren Dates, sehen wir weiter.“
„Ein Kuss für den Heimweg?“, hauchte er, während er sich vorbeugte.
Eine wahrlich besondere Nacht, wie sich herausstellte. Als ihre sanften Lippen, seine zarten nur berührten, bemerkte sie den fatalen Fehler. Es war, als würde sich ein Magnet in ihr rühren und ihre Körperenergien in sauer und bitter zusammenziehen - zu einem Punkt in ihrer Magengrube. Dort, wo die Energie aus ihrem Körper entschwunden war, fühlte sich alles porös und staubtrocken an. Sie erwartete, dass ihr Körper zerbröckeln würde, von den Fingern ab einfach zerfallen.
Nichts dergleichen geschah. Noch ehe sich alles in ihr komprimiert hatte, füllte sich der übrige Sand mit schmierigem Öl. Es verhinderte das Austrocken und Zerstauben ihres Körpers und hielt ihn zusammen. Einen Atemzug später war alles vorbei. Wärme durchzog ihre Adern, ihr Herz schlug in gleichmäßigem Takt. Das einzige, das auf die Reaktion des Kusses hindeutete, war ein harter Klumpen im Innern ihres Körpers. Ein harter Klumpen Sein, umgeben von Seinem in ihr.
Teil 2: Neugewonnes Selbst-bewusstein
Fast schade, dachte sie eines Morgens, Wochen nach dieser Begegnung. Fast schade, dass er sich nicht mehr gemeldet hat.
War es nicht ein schöner Abend gewesen? Nicht häufig wurde sie von Männern so bewundert angesprochen. Nicht oft, entpuppten sich Männer in einer Bar als charmant und intelligent zu gleich. Fast könnte sie denken, es sei nur ein Hirngespinst gewesen. Oder er hatte im Nachhinein bemerkt, dass sie nicht die übliche Schönheit war, die er sonst und womöglich ausschließlich in die Betten führte. Ja, so muss es gewesen sein, schlussfolgerte sie.
War es der Alltag, der die schöne Erinnerung verblassen ließ oder die Enttäuschung? Bald darauf dachte sie nicht mehr an den Abend und den interessanten Mann. Sie ging zu ihrer gewohnten Arbeit, traf sich mit ihren gewohnten Freunden, unternahm gewohnte Dinge und übte ihre gewohnten Hobbys aus. Sie aß gewohnte Dinge, trank das übliche Zeugs und verhielt sich, wie es der Alltag in der Mitte der Dreißiger so von einem wollte.
Unbemerkt schlichen sich dennoch Änderungen ein.
Die morgendliche Routine verlangte eine halbstündige Prozedur im Badezimmer. Toilette, na klar, Zähneputzen, mit Zahnseide und Mundspülung, Tagescreme, die gegen die ersten Fältchen helfen sollte, Make-Up, um die Augenränder zu verdecken, die sich seit ein paar Jahren bemerkbar machten, Eyeliner und Mascara und ausgiebiges Kämmen der ungezähmten Strähnen, bis sie brav zu einem Zopf gebunden werden konnten, der sich für eine Büroangestellte gehörte. Ganz normal eben, wie immer. Ebenso das Ankleiden und Behängen mit Geschmeide. Eine Bluse, ein Bleistiftrock und am liebsten die silbernen Ohrstecker mit den kleinen blauen Steinchen. Die Armbanduhr hatte ein ebenso bläuliches Ziffernblatt. Die Änderung in der Morgentoilette war eine dezente. Sie schaute sich häufiger im Spiegel an, genoss es, ihre hellblauen Augen zu fixieren und sich von allen Seiten genau zu mustern. Fast unbemerkt, weil sich ja jeder morgens anschaut und wenn man es auf einmal häufiger tut, merkt man es nicht unbedingt. Eins aber fiel ihr zunehmend auf: Ihr gefiel, was sie sah.
Woher dieser Wandel im selbstkritischen Bestaunen? Ein neues Selbstbewusstsein?
Auch in anderen Lebensalltäglichkeiten schlichen sich Unregelmäßigkeiten ein: Ein Kompliment von der Kollegin, die nett bemerkt, dass man heute irgendetwas anders sein muss, der Kollege aus dem dritten Stock, der die immergleiche Frisur lobt und sogar der Chef, der einen zweimal in derselben Woche beim Namen anspricht, anstatt fuchtelnd „Äh, Sie, Frau Dingens“ ruft. Eigentlich ein schönes Gefühl, gesehen zu werden.
„Deine Haut steht dir gut!“, zwinkerte sie sich nach einem anstrengenden, aber erfolgreichen Tag im großen Spiegel im Badezimmer zu.
Sie löschte das Licht, als sie zu Bett gegangen war und lächelte in sich hinein.
Wie war es gekommen, überlegte sie. Dieser Mann, was war eigentlich nach der Bar passiert?
Sie hatte es vergessen oder verdrängt, was sicherlich zu ihrem Befinden beigetragen hatte. Und obwohl sie in sich diesen magnetischen Klumpen trug, war sie beflügelt von sich und den Rückmeldungen, die die schleichenden Veränderungen mit sich gebracht hatten.
Teil 3: Deine Haut trägt sich gut
Im aufsteigenden Ansehen und neugewonnener Anmut hätte sie ihn beinahe vergessen. Aber er würde das nicht. Und nachdem er ihrem Treiben monatelang zugesehen hatte und sich daran erfreut, ihr schönes Gesicht zu bewundern, begann er, ihr seine Präsenz bewusst zu machen.
War da etwas hinter ihr gewesen? Panisch drehte sie sich im Zwielicht des Abends um.
Nein, nur ein Schatten, beruhigte sie sich.
Im Schlafzimmer hatte sich doch etwas bewegt! Der Spiegel hat es deutlich aus dem dunklen Zimmer… Wohl nur Einbildung. Wieder besänftigte sie sich und schob es in die Schublade „Einbildung“.
Die Vorfälle häuften sich.
Und ehe sie mit Freunden darüber sprechen konnte, in ihrem nicht mehr ganz alltäglichen Alltag, erkannte sie auch Funkeln in ihren Augen und sie grinste, obwohl sie nicht vorhatte zu grinsen. Der vergessene Klumpen in ihrer Magengrube zog sich noch enger zu Masse zusammen und ihre Finger kribbelten, als würden tausende Miniaturameisen ein Fest feiern. Sie brachten das schmierige Wasser, die ölige Pampe um diesen Magneten zum Wallen. Speihübel hielt sie sich am Waschbecken fest und atmete schwer, bereit sich zu übergeben Richtung Abfluss. Ihr blondes Haar fiel in Strähnen an ihr herab und sie begann sich abrupt zu beruhigen.
„Blond gefiel mir schon immer.“
Warum sollte sie das denken? Sie war schon immer blond, hatte sie nie groß um die Farbe ihrer Haare geschert.
Sie spritzte sich frisches Wasser ins Gesicht und rieb es über die Augen. Nicht einmal, nicht zweimal, gleich dreimal. Mit kühlerem Kopf richtete sie sich auf und schaute sich im Spiegel an. Nie fand sie sich hübsch, aber hässlich war sie ebenso wenig. Sie war die klassische Büroangestellte. Strenge Frisur und adrett gerichtet, weil es die Etikette verlangte, nicht, weil sie sich so sehr um Äußerlichkeiten bemühte.
„Deine Haut trägt sich gut.“
Sie dachte es, aber es waren nicht ihre Gedanken.
Erschrocken sprang sie aus dem Badezimmer und preschte zum Telefon. Sie musste wahnsinnig geworden sein. Wen sollte sie anrufen? Bettie? Ihre Mutter? Ihre Mutter wusste immer Rat, aber um diese Zeit? Und Bettie konnte mit jedem Irrsinn, den sie ihr erzählte, etwas Vernünftiges anfangen. Ja, Bettie sollte es sein. Sie wählte die Nummer, die Nummer… Nein, sie wählte nicht die Nummer, sondern legte das Telefon beiseite. Sie hockte auf dem Bett, das Telefon neben ihr und sie wünschte sich so sehr, Betties Nummer zu wählen oder gar das Telefon erneut in die Hände zu nehmen. Aber es lag neben ihr und sie saß an der Bettkante, die Beine auf den Boden gestellt und die Hände in den Schoß gelegt.
„Nein, keine Bettie…“ Auch wieder Gedanken, die sie nicht hatte denken wollen.
„Was geht hier vor sich?“, wimmerte die Frau auf ihrem Bett.
„Nichts ist gut! Ich werde wahnsinnig!“, brüllte sie in die Stille und fuhr abrupt mit den Händen zum Mund, um ihn zuzuhalten. Das hatte sie nicht sagen müssen, hier war doch niemand!
„Aber ich bin doch da! Hast du mich nicht bemerkt? Ich bewundere dich seit langem!“
„Was soll das?“ Sie atmete panisch, griff sich mit den Fingern in den Haaransatz und zog leicht daran.
„Ich verzehre dein Innerstes, aber bis dahin, sollst du es gut haben.“
„Warum zeigst du dich, Wahnsinn?“
„Ich spiele einfach gern.“
Teil 4: der unbemerkte Fall
Teile bröckelten langsam in ihrem Gedächtnis auseinander und gaben eine merkwürdige Erinnerung frei. Sie hatte ihm diesen Abschiedskuss gewährt und was war dann geschehen? Sie hatte in der Dunkelheit gestanden, wie eine verwirrte Alte, die nicht mehr wusste, was sie hier tat. Und da sie sich unmittelbar vor ihrer Haustür befanden hatte, war sie hineingegangen. Den Kopf schüttelnd, ungläubig und mit schmerzendem Magen, hatte sie sich hingelegt und weitergelebt. Erst am nächsten Tag erinnerte sie sich an den Mann aus der Bar und es war eine gute Erinnerung gewesen.
Wie konnte sie das nur vergessen? Dieses üble Gefühl in ihrem Körper, von dem sich sogar noch Überreste über die Monate in ihr festgesetzt hatten. Wie konnte das nur jemand verdrängen?
Ach ja, sie war ja wahnsinnig geworden.
Niemand würde ihr Innerstes verzehren! Sie schüttelte ihren Kopf erneut. Warum glaubte sie das nur!
Und dennoch bewunderte sie ihr Spiegelbild, nahm dankend die Komplimente an und manchmal gab sie sich diesem Drang ihres neuen Selbst wohlwollend hin und ließ sich von dem guten Gefühl, dass dieser unangenehme Klumpen in ihr auslöste treiben.
War ihr bewusst, dass er ihr schadet?
Manchmal nachts, wenn sie aus Träumen gerissen wurde, war sie sich ihres „Wahnsinns“ bewusst. Sie war der Kapitän auf einem Schiff, welches bereits mitten in einem stürmischen Strudel gefangen war. Und sie erkannte, wie ausweglos ihre Versuche waren, das Ruder zu reißen. Und sie fürchtete sich, diesen Kampf zu verlieren.
Aber dann, wenn die Sonne schien und sie sich in ihrem Spiegelbild anlächelte, war all das irrelevant. Sie fühlte sich doch normal, sogar gut damit. Ein Teil in ihr besser, ein Teil in ihr schlechter.