"Jeder Mensch hat Selbstzweifel. Das ist nichts Schlimmes." - Wirklich nicht?
Ich habe mich in letzter Zeit mit einigen Freunden über dieses Thema unterhalten, über die eigenen Erfahrungen, vielleicht sogar Erkenntnisse - falls es die denn gibt - darüber und bin trotzdem keinen Schritt weiter gekommen. Aber erstmal von vorne:
Der Mensch - zumindest so wie ich ihn kenne - neigt dazu, unzufrieden mit sich selbst zu sein. Dies bezieht sich sowohl auf Verhalten, Aussehen, als auch auf die selbst erbrachte Leistung (schulischer Art, musischer Art etc.). Wäre man alleine auf dieser Welt, hätte man keine Anhaltspunkte, an denen man sich messen könnte. Klar, heutzutage gibt es Skalen, die z.B. sagen wieviele Meter im Weitsprung für welches Alter und welche Körpergröße angemessen sind, aber die sind ja auch nur durch die Ansammlung von unzähligen Messungen verschiedener Menschen entstanden. Klar, der Mensch könnte sich mit den Tieren vergleichen, denn die haben ja auch alle Eigenschaften, aber das tut er nicht, denn das ist ja etwas "ganz anderes" (-> inwiefern Menschen Tiere sind oder auch nicht will ich gar nicht diskutieren, mir geht es hierbei um einen anderen Punkt). Nun gut, da wir nicht als einziges Individuum existieren, sondern es sehr viele Menschen gibt, haben wir Anhaltspunkte, die wir auch immer wieder nutzen, um uns untereinander zu vergleichen. Aus dem anfänglichen Vergleich entsteht Konkurrenz, aus anfänglicher Motivation, besser zu sein, entsteht Frustration, über den Anderen, über sich selbst und zu guter Letzt landet man bei den Selbstzweifeln.
"Warum sehe ich nicht so hübsch aus? Warum spiele ich nicht so gut Klavier? Warum bin ich nicht so gut in der Schule? Ich kann gar nichts im Vergleich zu Person X, das ist unfair. Ich muss mich verändern." sind typische Gedankengänge am Anfang. Bereits zu diesem Zeitpunkt kann man oft davon ausgehen, dass es eine gestörte Selbstwahrnehmung gibt. Man hat eine pessimistische, zu selbstkritische Einstellung, sodass man alles Eigene als schlecht empfindet und alles Fremde einem automatisch als Besser erscheint. Dies wiederum kann unter Umständen zu ernsthaften Depressionen führen :'(
Dementsprechend ist es wichtig, bereits früh etwas dagegen zu tun. Nicht, dass Selbstkritik und Einsicht keine lobenswerten Eigenschaften wären. Aber man soll es doch bitte nicht damit übertreiben und spätestens, wenn man anfängt in voller Gänze mit sich selbst unzufrieden zu sein, sollte man sich vielleicht mal die Frage stellen, woran das liegt. Ob man wirklich nichts kann (-> ist eigentlich immer eine Lüge, denn JEDER Mensch kann irgendetwas) oder ob man sich einfach nur mit den "Falschen" vergleicht und vielleicht auch die anderen einfach nur falsch wahr nimmt. Und wenn man sich vergleicht, könnte man sich auch mal die Frage stellen, wieso man sich überhaupt vergleicht.
Ich weiß, Menschen wollen Gerechtigkeit, sie wollen Erfolg und das geht eben nur über Leistung und die wird relativ gemessen. Aber wieso können wir nicht einfach glücklich sein? Wieso können wir nicht akzeptieren, dass jeder Mensch seine eigenen Stärken und Schwächen hat, dass jeder auf seine Art etwas Besonderes ist? Und vor allem, wieso verstehen wir nicht, dass jeder Mensch unabhängig von dem wie er ist, einen gleich hohen Wert haben sollte? Wir neigen dazu, uns als Individuen zu bezeichnen, unabhängig voneinander, völlig frei in unserer Entfaltung, jeder etwas Besonderes, Einzigartiges. Verstanden haben wir das meiner Ansicht nach aber noch nicht, denn die konsequente Umsetzung davon wäre doch, dass wir unser Gegenüber, unsere Mitmenschen dann auch als jemand "ganz anderes" sehen und dementsprechend nicht auf die Idee kommen sollten, irgendwelche Vergleiche anzustellen, Charaktereigenschaften, die nicht mal wirklich durch Worte beschreibbar sind, in Schubladen mit Plus-sen und Minus-sen zu stecken.