Gespräche mit mir selbst
Wie immer, ist das gesprochene Wort schöner als das geschriebene Wort (zumindest bei meinen Texten) und das gesprochene Wort wird folgen.
Inhaltswarnung: Der zweite Teil des Gedichts macht schlechte Laune und beschreibt detaillierte physische Gewalt.
Gespräche mit mir selbst
1: Tribalismus
Du sagst: „Scheiß auf Atomstrom“, und schaust mich an, als hätte ich schon zugestimmt.
Du redest von den ander’n, den Freihandlern, den Glypho-satan, den Gentechnik ist die Lösungern und spuckst auf Klimawandel-Technologen, die nur Wirtschaft wirklich wahren.
Wo du sonst immer so auf’s Gendern achtest, sprichst du jetzt im generischen Maskulin, was mich nur weiter als Verräterin enttarnt.
Du höhnst das Fliegen, das Nicht-Trennen, ehrst den Jutebeutel, das Biosiegel und lässt die Avocado liegen.
Ich sitz‘ reglos und bleib stumm.
Ich kann nicht lügen, doch auch nichts sagen.
Deine Wut erpresst mich
Nicht so sehr, wie das du mich als deine ansiehst, selbstverständlich.
Vielleicht, denke ich, kann ich einwenden, warum Atomstrom wirklich besser ist,
Gentechnik manchmal nicht nur sicher, sondern existenzsichernd auch für die globale Unterschicht,
Studien zu Bienen und Glyphosat dafür sicherlich eher nicht wasserdichtoder dass Bio oftmals schlechter ist – rein CO2 technisch.
Aber dann müsste ich ganz auspacken
Über Taxis, die ich nehme, wenn sie bequem sind,
Lichtschalter, die ewig auf eingeschaltet stehen
Mein Plastik, dass letztlich kaum Unterschied macht,
und ja, diese Tüte hier neu ist und ich mich auch wirklich nicht schlecht gefühlt hab, bis mich dann jemand erwischt hat.
Und vor allem müsste ich gestehen, wie viele Flüge ich geflogen hab, die sich einfach ausgleichen lassen durch eine Spende – nur nicht an Atmosfair –, die ich dann doch nicht mache, weil Kompensationsspenden Blödsinn sind und generell bringen persönliche Einschränkungen nicht so viel und ich würde meine Energie wirklich gerne anders aufwenden, auch für Gutes, aber es ist toll, was du da machst.
Und sorry, das mit dem Spenden, ich weiß ja, dass du Geld hasst.
Meine Art zu arbeiten, passt dir nicht.
Du bist ein Purist
Für dich gilt nicht alles, sondern nichts.
Du wirst dich aufbringen und einwenden,
Dass wir jedes Opfer opfern müssen,
Alles zählt,
Und wenn alle so denken...
Du wirst dich beruhigen und lächeln
Mit kaum verhohlener Missachtung
Für mich, die du so gar nicht wieder erkennst.
Oder wir streiten uns einfach.
Und wer verliert, fühlt sich schlecht und wer gewinnt, fühlt sich schlecht und Hauptsache jemand hat die moralische Überlegenheit
bewiesen, die richtigeren Argumente gehabt zu haben.
Ich will doch gar nicht Recht, aber du ertränkst meine Chance, mal falsch zu liegen.
So wie ich es eben vielleicht mit dir gemacht hab.
Und so schweige ich, unangenehm, ~
falls du mich doch ertappst, entschuldige ich mich, weiblich ~
Schäme ich mich, nicht zu widersprechen,
Weil ich feige bin.
Keine Meinung wäre gut, deine Meinung hilft, sie hilft beim Freunde finden.
Für mich selbst einstehen, das fürchtet mich,
statt einsam oder kalt, dann doch lieber ersticken.
2: Hungerspiele
Es regnet.
Irgendwo da draußen schlürfen sich die Gastropoden entlang
mit schlüpfrigen Schlurp-Geräuschen und schlapprigen Tastantennen.
Irgendwann finden sich zwei, eins größer als das andere und so kommt eins zum anderen, wie es kommen muss. In der Natur.
Eins zieht sich langsam an das andere heran und das zweite flieht, so schnell es kann. - Im Schneckentempo.
Irgendwann kriegt die eine die andere dann doch noch aus dem Haus heraus, Schleimöffnung trifft auf Schleimhäufung und sie vereinen sich,
für einen Moment sieht es fast so aus, also würden sie paaren,
als sich die eine langsam, Stück Für Stück für Stück auflöst.
Im Körper der ander‘n.
Die zweite kann sich immer wieder befreien,
Wenn auch jedes weitere Mal ein wenig weniger, als sie zuvor war.
Erst raspelt nur die Oberfläche ab,
Dann das Fleisch,
Die Darmöffnung,
Der kleine Fuß.
Die Gedärme liegen brach.
Irgendwann ist auch die Vagina dran.
Die raue Zunge schabt daran und
Millimeter für Millimeter raspelt sie hinab.
Erste Minute,
Es fällt ein Stück.
Zweite Minute,
Es fällt ein Stück
Dritte Minute,
Die Schnecke kann sich immer noch bewegen.
Das ganze dauert…
Weiß ich nicht,
Minuten oder Stunden, wie auch immer Schnecken das empfinden, wenn sie überhaupt was finden, dann finden sie das wahrscheinlich länger als du und ich.
Die erste macht sich schließlich an die Augen ran.
Und irgendwann ist es auch endlich vorbei.
Göttlicher Segen.
Die erste Nacktschnecke schlurpt nur weiter, voll und heiter.
Vermutlich bis jemand ihre Gedärme auf den Asphalt tritt,
Oder sie vom Salz wegschmilzt – für einige Sekunden.
Im tiefsten Schmerz noch ein gnädiger Tod.
Du zeigst mir deine Lieblingsdoku über dein Lieblingstier in seinem Lieblingswald, von dem wir noch mehr brauchen, um es vom Aussterben zu retten.
Aber ehrlich gesagt wird mir schlecht, muss ich an Natur denken.
Wenn ein Waran nur langsam seine Beute zerreißt,
Vögel Küken verlieren,
Katzen mit ihrer Beute spielen,
Und das doch noch besser ist, als an einer Krankheit zu krepieren.
Mag sein, dass es ihnen besser als schlechter geht, aber wenn ich dran denke, krieg‘ ich trotzdem Angst, ich erschrecke.
Du drehst dich zu mir um, freudig, gespannt mehr Spezies zu entdecken.
Ich dreh mich um und seh‘ ein Spiel gefüllt mit Spieler*innen, die nie spielen wollten, Überleben suchen, doch nur leben sollen, wenn sie täglich and’re fressen, dabei deren Subjektivität vergessen, und sie deshalb auch noch quälen.
Wer hat sich das ausgedacht?
Du willst sie vom Aussterben retten, Natur Natur sein lassen, weil Natur, Natur so natürlich ist und natürlich natürlich gut, aber warum gebären Mäuse 40 junge jedes Jahr, wenn die meisten eh direkt verrecken?
Du bist Veganer der Natur, nicht der Tiere wegen. Aber was kümmert dich die Spezies, wenn dich die Mitglieder der Spezies nicht bewegen? Spezies helfen ist die falsche Kategorie, die Menschheit fühlt nicht, die Pinguinschaft fühlt nicht, nur ein einzelnes Wesen kann erleben (außer bei den Bienen vielleicht.)
1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0
Oder doch mal zehn?
100 Milliarden oder eine Trillionen Säugetiere, falls du nicht an fühlende Fische oder Gastropoden glaubst.
Keine Ahnung, wie schwer es eines davon hat,
im Gegensatz zu anderen Tieren legen sie immerhin keine hundert Eier, damit es eins davon auch schafft.
Ist mir egal, ob das Natur ist, es ist krank und es ist ekelhaft.
Ich bin wütend, du bist wütend, und so schreien wir uns an:
Was ich denn vorzuschlagen habe, Bäume fällen, Natur abschaffen?
So genannte Wohlfahrtbiologie studieren und dann hoffen, dass daraus Kuschel-Ökosysteme wachsen?
Ich weiß es doch nicht,
wahrscheinlich eher nicht.
Doch wenn du sagst, wir müssen uns’re Erde retten,
Frag ich mich, ob es da wirklich was zu retten gibt.
3:
Kleine Tropfen fallen und prallen gegen die Oberfläche.
Sie zerplatzen.
Kleinere Tröpfchen springen und zersplittern das Licht.
Sie verwehen wie Staub.
Nun ist es wieder dunkel.
Es bildet sich ein dünner Faden aus gelb und blau und darauf leichter Nebel.
Er flackert.
Ich kann den Umriss nicht gut sehen, aber es ist warm.
Der Faden ist mal heller, mal dunkler.
Ich versuche, die Lichter zu zählen,
Winzig in der Leere,
Jede Zahl die einzige Welt, die sie kennt.
Irgendwann wird ein fremder Stoß den Faden zerreißen.
Und er wird, wie der Hintergrund, unsichtbar.
Ich weiß nicht, ob das hier Wert hat.
Aber es ist wunderschön.
- Februar, 2021














