Nachts bei Vollmond liege ich da und kann nicht einschlafen. Meine Gedanken lassen mich nicht einschlafen. Sie machen mich zu einem Getriebenen, der von einer Fantasterei zur nächsten jagt, von einer Träumerei zur anderen und von einem Problem zum übernächsten gedanklich hetzt. Meine Gedanken lassen mich nicht zur Ruhe kommen, weil sie mir mit ihrer eignen Inkonsequenz und Ungeduld den Spiegel vorhalten und mich sogleich fragend wie ratlos zurücklassen. Einzig ein Unwohlsein bleibt, das ich als Getriebenheit erlebe. Warum getrieben? Bin ich doch frei in meinen Entscheidungen als erwachsener Mensch und kein Schattenkabinett – wie so manch Elternhaus – bestimmen meinen Weg. Und doch bin ich einer dieser halbgescheiterten Glücksritter, deren größte Qual auf dem Bewusstsein fußt, eben nur halb gescheitert zu sein. Halb im Glück, weil mittlerweile einer Tätigkeit oder gar Berufung nachgehend, die selbst erwählt wurde. Hinzu kommt der noch kleine Wohlstand, der aus bezahlbaren Wohnraum, sozialem Umfeld und so manch kleinen Luxus besteht. Somit bestünde das Niveau beim Klagen über das eigne Leid auf erhöhtem Level, da es zu viele Menschen in diesem Land gibt, den es viel schlechter geht.
Jedoch unglücklich, weil das Gefühl des Angekommenseins und innerer Ruhe nur für einen Wimpernschlag zu verweilen scheinen. Weil der nächste, übernächste Umzug und selbst der danach schon feststehen. Weil in dieser Rastlosigkeit Routinen mit daraus folgenden Attitüden entstehen, die denen von Weltreisenden nahe kommen. Ich übe mich in der Begrüßung und im Vorstellen. Ein Ringelreihen aus inhaltslosen Kurzunterhaltungen, die in erster Linie dem Zeit-totschlagen dienen und in ihrer Belanglosigkeit kaum zu übertreffen sind. Ein Hexenkessel aus unmittelbarer sozialer Nähe und persönlicher Distanz, in dem der Schein zur Königsdisziplin gemacht wurde. Für ein Kennenlernen ist die Verweildauer zu kurz und so bleibe ich häufig in meiner Individualität allein zurück. Daraus auszubrechen, indem ein Schritt mehr als üblich gegangen wird, umso selbst einer interessanten Bekanntschaft in Erinnerung zu bleiben, bin ich nicht mehr fähig oder willig. Ich bin mir bewusst, dass es die nicht getanen Dinge sind, die man bereut. Jedoch fehlt dazu meist Mut und Entschlossenheit, womöglich auch ein Quäntchen Naivität. So allerdings entsteht ein Gefühl von Einsamkeit ohne selbst einsam zu sein, weil die alten Freunde noch da sind. Der Kontakt zum alten Wohnort noch besteht und neue Bekannte eben längst da sind, die zu Freunden werden können. Nur bin ich auf der Durchreise mit – einfach gesagt – längerer Verweildauer, über die jedoch die Gewissheit der Rastlosigkeit wie ein Damoklesschwert hängt. Als ich diesen Weg einschlug, war ich froh über neu gewonnene Planbarkeit der eignen Zukunft, an die wenig zuvor im Traum nicht zu denken war. Aber jetzt? Jetzt erliege ich der verlockenden Lethargie des Arbeitsalltags, mehr noch der des Feierabends. Es ist angenehm in gewisser Weise außer dem üblichen Erledigungen, dem Abendbrot mit dem einhergehenden Nachrichtenkonsum und anderen wenig körperlich wie geistig fordernden Tätigkeiten im Nichtstun zu versinken und reiner Freizeit zu frönen. Ich komme zwar immer ins Stauen über die Ereignisse in der Welt und neige manchmal dazu, mich fast über einige Dinge zu echauffieren. Damit hat es sich aber dann auch. Ich möchte da fast an den Satz „es gibt kein richtiges Leben, im Falschen“ glauben.
Ich überlasse aber die Gedanken sich selbst bzw. bin nicht in der Lage sie verständlich zusammen zu bringen oder mich an ihre Anfänge zu erinnern. So herrscht dieses Synapsengewitter dann, dass ich mich in meiner Rast- und Ratlosigkeit bade. Ohne daraus eine nennenswerte Konsequenz zu ziehen. Ob der Hauptgrund dafür der Kapitalismus oder mein Charakter ist, vermag ich leider nicht zu sagen. Die Suche nach einer Antwort hält aber an, wenn auch nur im Stillen. Übrig bleibt Erschöpfung, gedankliche Orientierungslosigkeit und die Erkenntnis, dass ein paar Seiten Papier mehr beschrieben sind und weniger Tinte im Füller ist.
Also dann, gute Nacht.