Mein Schulfreund Thorsten hat seit heute eine neue Leidenschaft. "Es ist ja gut und schön, so alleine vor dem Rechner zu sitzen und zu coden ... ist es ja auch wirklich! Aber was noch viel geiler ist, ist sich mit anderen Rechnern zu verbinden! Datenfernübertragung, Alter!"
Heute weiß ich: Thorsten war einer ganz großen Sache auf der Spur. Damals war ich skeptisch.
Es ist 1987, wir sind 14 Jahre alt und stehen auf dem Schulhof des Gymnasiums am Kattenberge in Buchholz in der Nordheide, einer Kleinstadt 30 Kilometer südlich von Hamburg. Thorsten und ich sind die einzigen Menschen, die wir kennen, die Computer programmieren. Viele andere haben zwar auch Amigas oder Ataris zu Hause, aber die beschränken sich auf den Konsum von Spielen und das Tauschen von Disketten in der Großen Pause.
Mein aktuelles Projekt auf dem Amiga 500 ist ein Trainer für unregelmäßige Verben, motiviert durch meine 5 in Französisch. Die blieb zwar auch im nächsten Zeugnis, dafür spielt der Trainer aber Helmut-Kohl-Zitate ab, wenn der Schüler (also ich) einen Fehler bei der Konjugation macht (also ziemlich oft).
Abgesehen von Thorsten ist der Kontakt zu anderen Programmierern eine Einbahnstraße und besteht in der Lektüre von Zeitschriften wie 'Happy Computer' oder 'Run' und dem Bestellen von Source Code per Briefpost. Es gibt eine kuratierte Sammlung von Public Domain Software auf Disketten namens "Fred Fish Disk". Aus einem gedruckten Katalog sucht man sich die Floppies, die interessant klingende Programme enthalten, und bestellt sie per Mail Order.
Thorsten: "Schaff dir einen Akustikkoppler an! Der macht aus Bytes Piepstöne und die kann man dann per Telefon zu einem anderen Computer übertragen! So kann man sich zu Mailboxen verbinden und da Programme runterladen! Das macht total Bock!"
Ein paar Wochen und einen Geburtstag später bin ich nicht nur stolzer Besitzer eines dataphon s21d der Wörlein GmbH, das bescheidene 30 Zeichen pro Sekunde überträgt (ja, das ist langsamer als Tippgeschwindigkeit), sondern habe sogar mein eigenes Telefon samt eigener Leitung im Kellerkinderzimmer. Die Leitung wurde in erster Linie angeschafft, um die anfallenden Telefongebühren zuordnen zu können und unter Kontrolle zu bekommen. Mein Apparat verfügt nämlich über ein Schloss, das das Tastenfeld verriegeln kann. Es ist eines der ersten Tastentelefone der Deutschen Bundespost.
Das Runterladen von Programmen ist nicht das Spannendste an der Datenfernübertragung. Die Möglichkeit, Tastenanschläge in Echtzeit auf den Bildschirm eines anderen, entfernten Unbekannten zu bringen und umgekehrt, ist es, die uns in einen Rauschzustand versetzt. Thorsten (alias KERMIT) und ich (alias GURU MED) wählen uns mehrmals täglich in die Tornado Mailbox ein, in die riesige Computeranlage des Hamburger Textilerben Thomas Schewe. Thomas betreibt 25 PCs mit 25 Modems an 25 Telefonleitungen und hat die Rechner untereinander vernetzt. So können die User miteinander chatten – zu zweit oder alle zusammen im 'Forum'. Das TECS (Tornado Electronic Communication System, telnet://bbs.tecs.de) hat schon 1987 das Internet vorweggenommen: es gibt persönliche Post, schwarze Bretter, Rollenspiele, Downloads. Aber vor allem: Das Forum.
Das Forum ist mein Fluchtweg aus der Kleinstadt. Ich verbringe jede Nacht dort in dem bis dato unbekannten Gefühl, unter meinesgleichen zu sein. Als ich anfange, täglich persönliche Nachrichten mit KATJA auszutauschen, ist das reale Leben endgültig abgehängt. Denn das besteht aus schwerer Akne, schleichendem Verlust der Sehkraft und dem Warteraum der Uniklinik Eppendorf.
Die Deutsche Bundespost unterteilt die Bundesrepublik in Zonen. Das Telefonieren innerhalb einer Zone ist teuer genug, über Zonengrenzen hinweg wird es richtig teuer.
Obwohl nur 20 Minuten mit der Regionalbahn entfernt, befindet sich Hamburg, von Buchholz aus gesehen, in Fernsprechzone II. Dieser Umstand schlägt sich mit mehreren hundert DM auf der Telefonrechnung nieder, und dieser Betrag übersteigt mein Taschengeld um ein Vielfaches. Meine Eltern schließen das Tastaturfeld des Telefons daraufhin ab.
Ich glaube nicht, dass in der Geschichte des Hackings irgendjemand mehr an der Umgehung von Sicherungsmaßnahmen interessiert war als ich angesichts dieses abgeschlossenen Telefons.
Zwar vermietete die Bundespost schon diese neuen modernen Tastentelefone. Die eigentliche Technik das Wählens jedoch ist noch auf Wählscheiben abgestimmt und basiert noch nicht, wie in den USA, auf verschiedenen Piepstönen für verschiedene Ziffern. Stattdessen wird bei einem Tastendruck auf die Ziffer 1 die Verbindung zur Vermittlungsstelle sehr kurz unterbrochen. Bei der Ziffer 2 passiert dasselbe zweimal kurz hintereinander und so weiter. Diese Impulse werden in der Vermittlungsstelle genutzt, um Zylinder mit Kontakten in Position zu drehen, die hintereinander geschaltet dann die Verbindung zu der Leitung eines beliebigen anderen Anschlusses herstellen.
Die Tasten meines Telefones sind physisch durch das Schloss gesperrt. Aber ich kann den Hörer abnehmen und höre das Freizeichen. Und wenn ich kurz auf die Gabel drücke, ist das Freizeichen weg. Wenn ich hingegen die Gabel für eine volle Sekunde gedrückt halte, ist es wieder da. Wenn ich nur vermeide, zu lange zu drücken, die Gabel vier Mal nur ganz kurz runter halte, eine lange Pause zwischen den ersten beiden und eine kurze Pause zwischen den letzten beiden Malen, also etwa so: - - - -, dann ist die Feuerwehr am Apparat! Nach einem kurzen Schock wird mir klar: Ich habe eben 112 gewählt! Mit einem abgeschlossenen Telefon! Der Rest ist eine Frage des Trainings.
Mit ausgestrecktem Daumen der ansonsten zur Faust geballten rechten Hand bearbeite ich rhythmisch die gefederte Gabel meines Telefons wie der Funker eines U-Boots seine Morsetaste. Das größte Problem stellen die Nullen dar. Um die 040 der Hamburger Ortsvorwahl zu wählen, muss ich im Rhythmus 10-4-10 auf die Gabel trommeln, denn die Null hat zehn Impulse.
Nach einigen Stunden klappt es, und ich höre das vertraute Besetztzeichen der TECS. Schon mit einem unabgeschlossenen Telefon ist es ein Geduldspiel, einen Moment zu erwischen, in dem einer der Anschlüsse der TECS frei ist. Mit meinem Wahlverfahren sinkt die Wahrscheinlichkeit auf das Niveau eines Lottogewinns.
Die seltenen Momente, die ich so tatsächlich den ersehnten 300-Baud-Carrier des Modems auf der anderen Seite zu hören bekomme, lassen meinen Puls rasen und meine Hände zittern, während ich vorsichtig, um nicht allzu viele Störgeräusche zu verursachen, den Hörer in die Muffen des Akustikkopplers drücke.
Aufgrund der Fehlerträchtigkeit meines Wahlverfahrens höre ich statt des Besetztzeichens oder gar des freundlichen Fiepsens des TECS-Modems viel häufiger unfreundliche Stimmen, die wiederholt ihren Familiennamen melden. Sie kommen aus Hamburg oder Berlin oder sonstwoher.
Dieser Zustand ist unhaltbar.
Mein Vater sammelt Donald-Duck-Sonderhefte. Die hat er fein säuberlich jahrgangsweise in Sammelschubern. Die Hefte werden durch je einen festen Draht festgehalten, der durch die Heftmitte verläuft, wo die Heftklammern sichtbar sind. Die Drähte sind an ihren Enden oben und unten in zwei Schienen des Schubers eingehakt.
An diesen Drähten streifen meine kriminellen Gedanken entlang, auf der Suche nach einer Alternative zum fehlerträchtigen Zitterwahlverfahren.
Mit je einem dieser Drähte in einer Hand wühle ich im winzigen Telefonschloss herum und versuche, die Zungen des Schließmechanismus einzudrücken, so wie es der passende Schlüssel täte. Bei ausreichend hoher Motivation stellt ein solches Schloss nicht wirklich eine ernstzunehmende Hürde dar.
In den folgenden Nächten tauschen wir immer weiter verfeinerte Bilder von Kühen in ASCII Art im Forum aus.
Um die unweigerlich katastrophal hohe Telefonrechnung zu bezahlen, zwingen mich meine Eltern, den Akustikkoppler und den Amiga per Kleinanzeige zu verkaufen.
Mein Teenagerleben hat seinen Tiefpunkt erreicht.
Aber wie heißt es am Ende von "Back to the Future"?
(__) (oo) /-------\/ / | || * ||W---|| ^^ ^^