Frieder hatte Angst, unter Leute zu gehen. Er war allein. Er war wie gelähmt. Er wollte anders sein. Er konnte nicht anders sein.
aus “Auerhaus” von Bov Bjerg

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Frieder hatte Angst, unter Leute zu gehen. Er war allein. Er war wie gelähmt. Er wollte anders sein. Er konnte nicht anders sein.
aus “Auerhaus” von Bov Bjerg
ein relativ unspektakuläres cover design, auf dem man einmal sieht, wie unterschiedlich die drei primärfarben auf schwarzem grund herausstechen. das schreit nach aufmerksamkeit in der auslage des buchhandels. viel verraten kann das schriftlastige cover aber nicht über den roman - das gürteltier hilft da auch nicht... ein buch, bei dem das design einzig auf den erfolg des ungewöhnlichen titels baut. mutig... (rezension zum roman im vorigen beitrag)
Bunt bedeutet nicht fröhlich: Janne Marie Dauer hat Bov Bjergs Erfolgsroman „Auerhaus“ als Graphic Novel adaptiert.
der vorweiner
roman von bov bjerg
erschienen 2023
bei claassen
isbn: 978-3-546-10038-0
(von tobias bruns)
man befindet sich irgendwann am ende des 21. jaherhunderts in resteuropa, dass noch existiert in einer kaputten welt, weil man eine riesige betonfläche aufgebaut hat über der dann die städte wie neu-hamburg wieder aufgebaut werden. man findet sich in einer gesellschaft wieder, in der die trauer ausgelagert wird, ausgelagert an speziell dafür angestellte trauernde, sogenannte "vorweiner". die besten vorweiner kommen aus dem golf von guinea, aber die kann anna sich nicht leisten. dennoch glaubt sie, es sei an der zeit sich einen vorweiner einzustellen, denn wer sollte um sie weinen, wenn ihr moment gekommen ist? also stellt sie einen (günstigeren und leichter zu bekommmenden) holländischen vorweiner ein, Jan, der sie von nun an durch eine surreal anmutende, ungezügelte geschichte begleitet.
eine absolut verrückte dystopie über die welt am ende des 21. jahrhunderts. dazu ein großer lesespaß. welch idee, das trauern, das weinen "auszulagern" und einen persönlichen angestellten zu haben, der das trauern um einen selbst nach dem eigenen tod übernimmt - zum einen, damit man sicher sein kann, dass tatsächlich jemand trauert, zum anderen, weil die "resteuropäer" dazu nicht einfach mehr in der lage sind, oder so schlecht darin, dass niemand ihnen ihre trauer abnehmen würde und sich dadurch selbst lächerlich machen würden... es ist nicht ganz klar, wo die grenzen "resteuropas" liegen, doch holland gehört offenbar nicht dazu, denn auch holländer arbeiten als vorweiner, auch wenn sie als solche nicht sonderlich begehrt sind, dafür sind sie aber günstiger als andere - vorweiner sind immer immigranten, die ein besseres leben in resteuropa suchen, in einer welt, die extrem heruntergekommen ist von kriegen, klimakatastrophen und allem was uns sonst in diesen frühen jahren des 21. jahrhunderts schon begleitet - man könnte meinen bov bjerg spinnt unsere wohlstandsgesellschaft einfach weiter, die abstumpft in ihren gefühlen ob all der grausamen nachrichten mit denen man täglich überschüttet wird, die jedoch alle aus weit entfernten gegenden kommen und einen eben deshalb nicht direkt betreffen. so kommen vorweiner eben aus ländern, aus denen in unserer heutigen zeit immer wieder schlechte nachrichten kommen - aus osteuropa, aus dem golf von guinea (westafrika), aus holland vermutlich, da der steigende meeresspiegel das land früher oder später für sich einnehmen wird... es ist nicht nur eine sehr gut gelungene dystopie, die den spaß and der lektüre befeuert, es ist auch der erfrischend andere erzählstil, den bov bjerg hier über den leser ergiesst. und dafür einfach mal reinstürzen ins leseabenteuer "der vorweiner".
Ausweglose Depression? - Bov Bjerg: Serpentinen
Unter den letzten Sendungen von Denis Scheck vor dem Corona-Lockdown waren zum einen ein Gespräch mit Lutz Seiler zu seinem Roman Stern 111 am 30.3.2020 und mit dem Kabarettisten und Autoren Bov Bjerg (ein Pseudonym nach einer dänischen Stadt) zu seinem zweiten Roman Serpentinen am 23.2.2020. Zudem waren die beiden Romane Lektüren seines lesenswert-Quartetts im März 2020. Bov Bjerg ist mit seinem 2015 erschienenen Roman Auerhaus einem breiten Publikum bekannt geworden, 2019 folgte die Verfilmung des Romans und 2020 ist mit Serpentinen eine indirekte Fortsetzung dieses Erstlingserfolgs erschienen, leider inmitten der Krisensituation. In Auerhaus erzählt Bjerg die Geschichte einer ungewöhnlichen Schüler-WG, welche sich mit dem Ziel zusammenfindet, den depressiven Frieder nach seinem Selbstmordversuch am Leben zu erhalten. Sie sind keine engen Freunde, sondern ziehen alle unterschiedlichen Nutzen aus diesem Zusammenleben. Nur eine kurze, stürmisches Zeit bleibt der Gruppe. Alle werden sie schlagartig erwachsen und müssen an nahezu unlösbaren Lebensaufgaben wachsen. Am Ende steht der niemals in Frage gestellte erfolgreiche Suizid Frieders und die endgültige Auflösung der Zwangsgemeinschaft in einem provinziellen Dorf. Der Erzähler flüchtet nach Berlin und ihm scheint eine Zukunft voller Möglichkeiten vor Augen zu stehen.
In Serpentinen begegnen wir diesem hoffnungsvollen jungen Mann in späteren Jahren auf einer Reise mit seinem Sohn. Trotz eines erfolgreichen Soziologiestudiums in Berlin und einer scheinbaren Vorzeigefamilie leidet er unter Depressionen und massiven Selbstzweifeln, alles beherrscht von der Angst wie sein Vater und Großvater Suizid zu begehen und seinen Sohn ohne Vater groß werden zu lassen. Die Reise durch die Serpentinen und in der eigenen Vergangenheit entlang ist kein Urlaub, sondern der Versuch diesem Familienfluch zu entgehen und ein guter Vater zu sein. Das er dafür seinen Sohn de facto entführt hat zeigt die Fragilität seiner Lage an. Dier Erfolgsaussichten dieser Zielsetzung ist immer offen und bildet somit die Grundspannung der Erzählung. In sprunghaften Sequenzen wechselt der Erzähler zwischen Vergangenheit, gegenwärtiger Reise und Selbstreflexionen der eigenen Depression. Um seine eigene Krankheit für sich greifbar zu machen schafft er den „Dunklen Mann“, eine Personifizierung der Krankheit, welche auch das Leben seines Sohnes bedroht.
„Ich konnte doch nur drum herumreden. Ich musste den Schwarzen Gott von ihm fernhalten, und ich wusste nicht wie.“ (S. 85)
Stilistisch ist in Bjergs Werk seine Vergangenheit als Kabarettist zu erkennen. In minimierten und dabei äußerst prägnanten Sätzen setzt er sich mit umfassenden Themen auseinander und schafft dadurch sehr konkrete Bilder für komplexe Gefühle, wie das Beispiel des Schwarzen Manns zeigt. Doch unter diesen oberflächlich wirkenden Bildern sind grundlegende Themen verborgen. Daher erhalten die Situationen tiefer reichende Bedeutungen und lassen zur Selbstbetrachtung verführen. So fasst Bjerg die charakterliche Verhärtung des Protagnisten in einer einzigen Moment-Handlung zusammen. Ein verletzter Vogel wird von ihm kaltblütig und eigenhändig getötet, natürlich um sein Leiden zu beenden. Der Bruder Frieders (Mischa) kommentiert diese Tat mit: „Brutal wie ein alter Bauer. Du warst mal so sensibel.“ (S. 104). Der Erzähler reagiert erläuternd, er sei vernünftig geworden. Damit benennt er die Entwicklung seines Denkens sehr treffend und ganz frei von Verklärung. Wie bereits in Auerhaus findet Bjerg durch diesen Stil einen ganz besonderen und direkten Zugang zu dem Thema Depression, ohne den Betroffenen zu bevormunden oder das Krankheitsbild auf einfache Motive und Folgen zu reduzieren. Frieder und der Erzähler seiner beiden Romane werden von ihm ernst genommen. Ihre Welt ist keine finstere, ausweglose Welt. Auch Lichtblicke bereichern diese Welt, so erlebt einige schöne Momente auf seiner Reise mit seinem Sohn. Ein weiteres spannendes Thema Bjergs sind familiäre Legenden und deren Fragwürdigkeit, wofür er den wunderbaren Begriff „Familienbla“ einführt.
„Ich wollte die Legenden nicht mehr hören, den Selbstbetrug, das Familienbla.“ (S. 155)
Psychische Erkrankungen sind ein großes Thema der Gegenwartsliteratur. Allerdings nehmen viele Jugend- wie Erwachsenenautoren dabei eine problematische Perspektive ein. Einfache Lösungen und Ursachen werden in solchen Romanen gesucht und wunderhafte Heilungen gelingen. Dadurch wird die Krankheit marginalisiert und erschreckend vereinfacht. Zudem täuschen viele Autoren ohne jegliche reale Erfahrung mit dem Empfinden eines depressiven Menschen vor, einen Einblick in deren Denken und vor allem Empfinden zu haben. Bov Bjerg hat dafür einen direkten Weg gefunden ohne die Krankheit als logisches Resultat der Suizidfolge in seiner Familie darzustellen und damit erheblich zu vereinfachen. Bjerg ist damit einfühlsam, auf eine sehr pragmatische Weise. Die kurzen Sätze bezeichnen etwas grundsätzlich konkretes und darüber hinaus auch eine ganz abstrakte Gedankenwelt, welche damit verbunden ist. So werden allgemein die Generationenkonflikte mit den Vätern thematisiert. Auch die deutsche Vergangenheitsbewältigung von Nazizeit und der Teilung Deutschlands werden geschickt eingeflochten, ohne in den Vordergrund zu rücken.
„Diese Scheißwut der Scheißväter. Gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kinder ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater.“ (S. 53)
„Unsere Eltern hatten alle einen Dachschaden, doch das wussten wir, als wir noch Kinder waren, nicht.“ (S. 201)
Und solche Phrasen bleiben im Gedächtnis haften und regen das Nachdenken über die eigene familiäre Vergangenheit direkt an. Leider resultiert aus diesem Schreibstil auch ein geringer Umfang des Textes, weswegen die Lektüre leider sehr kurzweilig ausfällt, das Nachdenken darüber reicht aber natürlich weit über den Leseprozess selbst hinaus. Ohne Eleganz und Sprachgewalt kann auch sprachliche Schönheit und Themenvielfalt wie Tiefe erreicht werden, wie Bov Bjerg nun zum wiederholten Mal beweist.
Nüchterne Adaption eines dezent auftretenden Bestsellers- Auerhaus
Als erste Feststellung zu Neele Leana Vollmars Verfilmung des Überraschungserfolgs Auerhaus von Bov Bjerg soll eine recht gegensätzliche Wahrnehmung festgehalten werden. Einerseits zeichnet sich die Produktion (positiv) durch ihre nüchterne Darstellung eines Dorfes ohne Zukunftsaussichten und neue Visionen aus. Dadurch wird der Film aber nicht zu einer kleinen, inhaltlich unerheblichen Produktion, denn das Thema ist dafür von zu großer Bedeutung. Dennoch hätte diese Verfilmung andererseits sicherlich auch als Fernsehproduktion funktioniert und dieses Programm qualitativ bereichert. Insgesamt scheint die Nüchternheit aber die einzig mögliche Umsetzung des unerhört alltäglichen Tonfalls von Bjergs Roman aus dem Jahr 2015 zu sein.
Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Schüler-WG, welche einen nach einem Suizidversuch nach wie vor labilen jungen Mann in ihrer Mitte hat und damit den Schritt von der Jugend zum ernsten Erwachsenen-Dasein erheblich beschleunigt erlebt, ohne das dies den zunächst vier und zuletzt sechs WG-Mitgliedern wirklich bewusst wäre. Zu Beginn schlägt der Erzähler Höppner die Frage seiner Freundin, ob er sich denn nicht beim erfolgreichen Suizid Frieders schuldig fühlen würde, klar als mit nein zu beantworten aus und zunächst scheint er nur die Vorteile des freien WG-Lebens (finanziert durch Spenden der verschiedenen Elternhäuser und regelmäßige Diebstähle im kleinen Supermarkt des Ortes) im Blick zu haben. Doch schon am Tag des Einzugs zeigt Frieder seinen Mitbewohnern die Unberechenbarkeit seines Handelns und gibt damit den voraussichtlich dramatischen Abschluss der gemeinsamen Zeit und somit die zeitliche Befristung des Auerhauses (wie im Roman wird der angesprochene Song Our House von Madness lediglich einmal in den Fokus gestellt und bleibt dennoch stetig im Geiste des Zuschauers, als konkreter Träger des Zeitgefühls der 1980er Jahre) bereits vor.
Besonders auffällig ist, dass (wie auch der Roman) der Tonfall von der erwartbaren Herangehensweise an ein so klassisches Coming of Age-Thema abweicht. Die Freundschaft der sechs Jugendlichen wird zu einer Zweckgemeinschaft umgedeutet und nicht zur übergroßen Freundschaft stilisiert. Alle Beteiligten haben egoistische Beweggründe Teil dieser (auch fehlerhaft organisierten) WG zu werden. Darunter sind Freiheit, Unabhängigkeit, Erlaubnis das Irrenhaus zu verlassen, Ausweitung der Beziehung, Flucht vor unangenehmen Elternteilen und einen Hauch vom Erwachsen-Sein spüren. Natürlich gibt es verbindende Momente, wobei hier die gemeinsame Küche eine entscheidende Rolle spielt und der Zusammenhalt wird etwa durch die letzte gemeinsame Nacht im Zimmer ohne Fenster (Hort vieler Spekulationen für die Zuschauer und gegenüber dem Roman zur Metapher für Frieders Probleme umgedeutet) angedeutet, in welcher die verbleibenden fünf Mitbewohner in Schlafsäcken und dabei angeordnet wie Ölsardinen in einer Büchse ihrer Verhaftung harren. Auch die Eingängigkeit der Kulisse und die insgesamt einfache Ausstattung lebt von der Reduziertheit und Konzentration auf das Wesentliche. Solche bildhaft starken Szenen bestimmen den Eindruck von Film und Roman. Denn es sind einmalig wirkende und ein klares Gefühl von ungewisser Jugend vermittelnde Momente. Kein Wunder also das die minderjährigen Individuen von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt und beobachtet werden. Trotz des Aufbaus als lockere (aber klar inszenierte) Szenenfolge entsteht kein löchriges Konstrukt, sondern eine geschickt aneinander geflochtene Szenenkette mit ausreichendem Spannungsgehalt.
Der Dorfpolizist Bogatzki (Hans Löw) taucht regelmäßig auf und beobachtet das fragile WG-Konstrukt. Seine Rolle und Funktion bleibt zwar etwas dubios, aber er stellt sicher keine maßregelnde Gewalt dar, sondern unterstützt die Gruppe auch in Momenten, in welchen sie Fehler machen und kriminelle Energien demonstrieren. Lachend nimmt er Höppners Rücksendung der dritten Musterungseinladung hin (eine im Drehbuch gegenüber der literarischen Vorlage eingefügte Szene) und noch vor der Musterung lobt er Höppner und Vera dafür sich um Frieder zu kümmern. Hier klingt ein Aspekt ländlicher, unveränderlich wirkender Dörflichkeit an, welches eine Sonnen- und Schattenseite aufweist: zum einen kennt sich hier jeder und dadurch gibt es Möglichkeiten der Vergebung, andererseits ist es gerade diese aussichtslose Enge, welche die Jugendlichen zur Flucht aus ihren Elternhäusern zwingt. Frieder ist ein intelligenter Bauernsohn, Cäcilia die maßgeschneiderte Tochter eines gut betuchten Bildungshaushaltes, Höppner lebt in einer Patchwork-Familie und muss mit dem Freund seiner Mutter auskommen. Besonders brisant wird die Mischung nach der Aufnahme der Pyromanin Pauline und dem schwulen Elektriker-Azubi Harry, zwei Bekannten von Frieder.
Neben dem durch das Fernsehen prominente Gesicht von Hans Löw treten auch Anja Schneider und Milan Peschel als Elternteile Höppner auf. Das junge Ensemble spielt daneben überzeugend aber nicht sensationell, wobei allerdings Max von der Groeben als Frieder besonders hervorzuheben ist. Er schafft es Frieder weder bemitleidenswert noch einfach verrückt darzustellen, selbst beim einsamen Tanz mit der Axt, die indirekt sein Leben rettete. Die Traurigkeit und Tragik in seinem frühen Verlust des Lebenswillens dringt durch jeden seiner Auftritte hindurch. Somit hält sich die Regie auch in der Grundanlage an die Inhalte der Textvorlage. Wenn Höppner dort sagt: „Hopp oder top und so, so bin ich halt nicht.“ (im Roman S. 128), ist diese Aussage problemlos auf den Charakter des Films übertragbar. Stilistisch ist er in einem Dazwischen anzusetzen und sucht keinesfalls die Sensation oder filmische Revolution (top).
Bjerg erzählt lose verkettete Szenen mit Unterhaltungsfaktor und zugleich mit einer angemessen Achtung gegenüber psychisch Erkrankten im Allgemeinen. Damit stellt sich diese Produktion dem momentanen Trend im Bereich der Jugendliteratur, zum einen nicht mehr ohne diagnostizierte Störungen als Bestandteile der Protagonisten-Charakterisierungen auszukommen und zudem deren Beilegung zu einer reinen Willensfrage zu machen (so werden Zwangsstörungen und Essstörungen in der Regel durch familiäre Zusammenschlüsse oder neue Partner abgewendet), entgegen. Darstellung wie Lösungsansätze werden dadurch unheimlich simplifiziert und unglaubwürdig, selten sind die fiktiven Auseinandersetzungen mit realen Erlebnissen oder ausreichendem Einarbeiten in die Thematik unterfüttert. Einige Ausnahmen zeigen, wie viele Möglichkeiten in solchen Jugendbüchern nicht wahrgenommen werden. Bjerg und auch Vollmar nehmen seine Protagonisten und ihre Jugend ernst, indem er ihre Freundschaft nicht überstilisiert, keine Helden aus ihnen macht und nicht plötzlich eine Allzwecklösung gegen Depressionen erfindet. Damit fängt er gekonnt den Geist der Jugend ein und zeigt den Zwischenstatus durch die gelegentliche Überforderung und unrealistischen Vorstellungen (aufgrund mangelnder Lebenserfahrung) der Gemeinschaft an. Die Verantwortung für Frieder wird zunehmend schwerer, doch die Betroffenen müssen diese Last erst kennenlernen und geben ihm sicher eine spannende und schöne letzte Lebensphase (wofür ihnen der Vater Frieders am Ende noch einmal dankt).Die Tragik seines Lebens bildet sich besonders deutlich darin ab, dass er gerade in den glücklichen Momenten kurz vorm Selbstmord steht, ein treffendes Bild für die Instabilität seiner Psyche. Die Freundschaft, im Roman noch durch die dauerhafte Benennung Frieders als Freund recht stark im Fokus, wird von der Regisseurin Vollmar noch zusätzlich entkräftet, indem Höppner nur noch von so einer Art Freund spricht und ihn in erster Linie als Retter seines Abiturs darstellt. Natürlich liegt am Ende eine andere Bindungssituation vor als zu Beginn, aber dennoch verstärkt Vollmar eine unterschwellige Note des Romans durch ihre Herangehensweise erneut.
Der große Unterschied zwischen Roman und Film ist die Szenenfolge, welche beim Medienwechsel an neue dramaturgische Anforderungen angepasst werden muss. Vollmar bringt eine stärker chronologisch orientierte Reihenfolge ein und erfüllt damit gewisse Erwartungen eines Zuschauers, während Bjerg die Freiheiten des Lesens und der Imagination ausnutzt und einige zentrale Momente an etwas prominenteren Stellen platziert, wie etwa Frieders erfolgreiche Fällung des Weihnachtsbaums und dem folgenden Stromausfall gleich am Anfang und die sofortige Feststellung, dass Frieders Suizid letztlich gelingen wird. Aber der gesprochene Text bleibt, vermutlich auch aufgrund der Mitarbeit des Autors am Drehbuch, erhalten und maßgeblich entscheidend für die Wirkung. Vollmar hat insgesamt eine adäquate, sicher nicht meisterhafte, aber zentrale Elemente sehr gut treffende und illustrierende Verfilmung vorgelegt. Nach der Umsetzung als Theaterstück und dem immensen Erfolg des Romans war damit zu rechnen, aber vor dem Hintergrund der Vielzahl an lieblosen, schematisch werdenden und den Geist der Vorlagen nicht aufgreifenden Literaturverfilmungen ist es eine auffallend gelungene Umsetzung mit großer Achtung vor den Figuren und der Vorlage.
Bov Bjerg - Auerhaus: eine Rezension
Bov Bjerg – Auerhaus: eine Rezension
Autor Bov Bjerg Titel Auerhaus Hardcover/Softcover Ausgabe Seitenzahl 236 Seiten Verlag Aufbau Verlag ISBN 9783746632384 Genre Jugendbuch, Growing-Up, Leben-Tod-whatever-dingens Erschienen 2015 Inhalt Höppner und seine Freunde ziehen ins Auerhaus und hören viel Radio und leben das Leben und schweben dabei immer wieder mit dem Melancholiegeist um die Wette, weil man lebt nur einmal und wie…
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#271 (30.04.2017)