14. Juni 2023
Da hängt immer die Einkaufstasche dran
Es klopft an der Wohnungstür. Ein Schornsteinfeger möchte verschiedene Dinge ausmessen für den bevorstehenden Austausch der Gastherme in der Küche. Die neue Brennwerttherme soll sparsamer sein und sich “falls erforderlich” mit einem Gemisch aus 20% Wasserstoff und 80% Gas betreiben lassen. “Außerdem müsste die alte nach dreißig Jahren sowieso ausgetauscht werden”, hat mein Vermieter letzte Woche gesagt, “und davon sind achtundzwanzig schon um.” Drei Jahre vor dem Einbau bin ich eingezogen. Damals wurde die Wohnung noch nicht mit Gas geheizt, sondern mit Briketts.
Ich nutze die Gelegenheit, den Schornsteinfeger zu fragen, warum in meiner Küche unter der Decke ein Loch ist. Im Loch herrscht immer ein Luftzug. Das weiß ich, weil sich die Spinnweben darin bewegen.
Links oben das 15 x 20 cm große Loch, rechts das von der Gastherme zum Kamin führende Abgasrohr und der Rand der Gastherme. Unten ein Ding, von dem gleich noch die Rede sein wird.
So sieht es aus der Nähe aus. (Von der obersten Stufe meiner längsten Leiter aus fotografiert. Noch näher komme ich nicht dran, was einer der Gründe für die Ungeputztheit dieser Stelle ist.)
“Das ist ein Wrasenabzug”, sagt der Schornsteinfeger. Die ursprünglich in diesen Küchen eingebauten Kochmaschinen hatten statt Herdplatten metallene Ofenringe, die man zum Kochen herausnahm. Wenn man dann den Topf vom Feuer hob, rauchte es aus diesem Loch heraus. Damit dieser Rauch aus der Küche abziehen kann, gibt es für alle Küchen einen gemeinsamen Schacht (nicht derselbe wie der eigentliche Kamin). Ich könne das Loch zumauern, wenn ich keine Verwendung dafür hätte. Technisch gesehen sei es nicht mehr nötig.
Ich frage den Schornsteinfeger, was das andere Ding ist, das man auf meinem Foto am unteren Rand sieht. Eine alte Gasleitung?
Denn 1991, im Jahr vor meinem Einzug in diese Wohnung, lebte ich in einer WG in Berlin-Moabit, an deren Küchenwand es das gleiche Dings gab. Eines Tages fragte mein Mitbewohner Peter: “Wozu ist eigentlich dieses Dings da?”, und mein Mitbewohner Jakob wusste es: “Da hängt immer die Einkaufstasche dran!” Das war einerseits richtig. Andererseits hatte man wahrscheinlich nicht ein Dings an der Küchenwand angebracht, nur damit wir neunzig Jahre später unsere Einkaufstasche dran aufhängen konnten.
Der Schornsteinfeger bestätigt, dass es sich um eine alte Gasleitung handelt. “An der Stelle war ziemlich sicher eine Gasleuchte. Die Wohnungen hatten ja damals noch keinen Strom.”
Ungefähr so muss das ausgesehen haben:
Küche und Stube in der Badstr. 44, Berlin, 1915/1916. Quelle: digital.zlb.de/viewer/image/34713152_1915_1916/89/LOG_0009/ (Public Domain).
Rechts oben neben der Gasleuchte ist auch hier der Wrasenabzug, allerdings kann man hier eine Klappe erahnen, mit der er sich schließen lässt. Das ist heiztechnisch sicher sinnvoll, sonst zieht durch dieses Loch die warme Luft ab. Da es in meiner Küche seit der unstatthaften Entfernung des Beistellherds im Jahr 1994 keinen Rauch erzeugenden Ofen mehr gibt, könnte ich es jetzt wirklich mal schließen.
(Kathrin Passig)

















