Der Strom wird im Sägewerk gemacht und hat 110 Volt, man muss sich aber absprechen
Die Ortschaft Grub liegt sehr einsam – oder lag damals sehr einsam. Grub gehörte zur Gemeinde Untergrasensee, war aber von allen anderen Ortschaften weit weg. Die Ortschaft bestand aus einem Bauernhof, einer Mühle mit Sägewerk und einem Häusler. Und einem Haus, vermutlich aus den 20er Jahren, mit mehreren Familien, etwas höher gelegen, oberhalb der Grubmühle.
Ja, und die Grubmühle war natürlich fortschrittlich und hat – wann, weiß ich nicht, jedenfalls in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg – das Wasserrad ausgetauscht gegen eine Turbine. Und an der Turbine hing über eine komplizierte Transmission ein Generator, und zwar ein 110-Volt-Gleichstromgenerator, der vor allen Dingen die Aufgabe hatte, die Mühle zu betreiben und das Sägewerk. Die anderen Anwesen waren da auch angeschlossen.
Jetzt wenn die Mühle gelaufen ist, wenn die Mahlsteine gelaufen sind und die Walzen, konnte man im Sägewerk nichts anstellen, weil die Leistung einfach zu gering war, und umgekehrt. Man musste also dann in der Mühle zu einer anderen Arbeit übergehen, wo man weniger Energie braucht, vielleicht zur Beleuchtung noch, und dann hat man gesägt.
Die Baumstämme lagen im Wasser im Mühlbach vor der Säge und sind da rausgefischt worden und auf einem Rollwagl im Gleisbetrieb zum Sägewerk transportiert worden. Das war nicht sehr lang, das waren vielleicht 200 Meter von dem Holzlagerplatz bis zum Sägewerk. Und dann hat man den Baumstamm in den Gatter – also da war ein vertikaler Gatter – eingespannt, und je nachdem, was man haben wollte: Balken, Bretter, hat man halt die entsprechenden Sägeblätter eingespannt in dem Gatter. Bei Balken hat man ja nur gestreift an der Seite, dass die überall den gleichen Querschnitt hatten. Mit dem Effekt, dass da hinten Schwartlinge rausgekommen sind. Das war der Abfall, wo man Brennholz draus gemacht hat.
Ja, und sobald die Säge gelaufen ist, der Sägegatter, konnte man natürlich nichts anderes mehr machen und in den angeschlossenen Anwesen ist die elektrische Spannung so weit runtergegangen, dass eine Glühbirne nur ganz bescheiden geglüht hat. Dieser Betrieb ist anstandslos gegangen. Getreide gedroschen hat man ja mit der Dampfmaschine. Also der Antrieb war die Dampfmaschine, "der Dampf". Und sonst hat man auf einem Bauernhof ja kaum Elektromotoren gehabt. Vielleicht einen zum Holzschneiden, aber das war's dann. Aber man hat sich da immer absprechen müssen, weil die Leistung von dem Generator in der Grubmühle einfach begrenzt war durch das Wasserangebot. Wir sind 1951 in die Stadt gezogen und da hat dieser Zustand noch angedauert.
– Und wie ist das, wenn man 110 Volt Gleichstrom hat? Also, hat das irgendwelche Folgen, dass man Geräte nicht anschließen kann? Oder waren die damals eh alle noch so flexibel?
Nein nein, die waren alle auf Gleichstrom, und man musste auch bei den Glühbirnen Gleichstromglühbirnen beschaffen, weil die Wechselstromglühbirnen da nicht funktioniert haben aus irgendeinem Grund. Der Gleichstrom hatte natürlich den Vorteil, dass die Leitungsverluste geringer sind als bei Wechselstrom.
– Das waren aber doch sehr kurze Leitungen, oder?
Das ist wurscht. Widerstand ist Widerstand. Bei solchen Leistungsverhältnissen, da geht's um jeden Widerstand.
– Und ihr habt den Strom damals zum Beleuchten verwendet und für sonst nichts? Also nicht zum Beispiel zum Bügeln oder zum Rasieren oder zum Radiohören?
Doch, doch. Nein, zum Rasieren sicher nicht. Aber zum Radiohören, wobei der natürlich auch in die Knie gegangen ist, obwohl der Radio* wenig Strom braucht. Die Röhrengeräte, die haben damals natürlich wesentlich mehr gebraucht als heute, weil man die Röhren ja heizen musste. Und dann hat man in jedem Haushalt eigentlich eine elektrische Kochplatte gehabt, so einen Kocher mit offen liegenden Spiralen für einen einzigen Topf. Ja, und Bügeleisen, da haben sich die beiden Techniken überschnitten: Am Bauernhof wenn gebügelt worden ist, da haben die im Ofen oder am Ofen die Wärmeeinsätze für das schwere gusseiserne Bügeleisen heiß gemacht und dann in das Bügeleisen hineingeschoben. Und da gab's mehrere, das waren so gusseiserne Trümmer in Stromlinienform, und wenn man das sorgfältig und systematisch gemacht hat, hat man wirklich kontinuierlich bügeln können. Ohne elektrisches Bügeleisen.
– Ich hab irgendwo gesehen, dass man die frühen Elektrogeräte noch gar nicht an Steckdosen angeschlossen hat, sondern in die Glühbirnenfassung eingeschraubt. Das war da aber schon nicht mehr, oder?
Nein, da hat's für die Glühbirnenfassung Zwischenstücke gegeben, wo man den Stecker von der Seite reinschieben konnte, so schräg. Vielleicht hab ich noch so ein Trumm.
– Ach so, also ihr habt doch das Radio** ...
Nein, der Bauernhof, der war ja umgebaut und war in einem relativ guten Zustand. Die elektrischen Leitungen, die waren überall da, wo man sie gebraucht hat, in solchen weißen Rohren, die man irgendwo hingenagelt hat. An die Decke meistens. Also die Beleuchtung, die war schon elektrisch. Da ist nichts mehr mit Kienspan gegangen.
* Der Radio: Der Vater ist als Flüchtling nach Bayern gekommen und hat sich gründlich integriert.
** Das Radio: Ich bin in Bayern geboren und konnte es mir leisten, die Integration zu verweigern.
(Dieter Passig, befragt im Januar 2015 von Kathrin Passig. Aufgezeichnet mit einem Nexus-Handy und zum Aufschreibezeitpunkt nicht mehr rekonstruierbarer App, transkribiert mit Hilfe von otranscribe.com.)