Tag 2199 / Der Alexanderplatz ist wieder temporär ein Vogelhaus für Stare auf der Durchreise

seen from Australia

seen from United States
seen from United States

seen from Malaysia
seen from China
seen from France
seen from Canada

seen from Spain
seen from Spain

seen from United States
seen from China

seen from China
seen from Germany

seen from Brazil
seen from Poland

seen from United Kingdom
seen from China
seen from United Kingdom
seen from United States
seen from Germany
Tag 2199 / Der Alexanderplatz ist wieder temporär ein Vogelhaus für Stare auf der Durchreise
Unfortunately, this project was cancelled. But the animators have permission to share our work - so here is all the work I did on the Grenzlinie animated project this year.
»Zwischen Grenzen zu leben heißt vielleicht auch mehr zu sehen.
Vielleicht ist es das, was die Seele wachhält, wenn die Emotionen anderer mal wieder mit den eigenen zusammenfließen und das Herz mit jedem Takt einem anderem Gefühl gehört.«
@chaotic-enthusiast-collection
Hallo Leute, grade habe ich mit “Songgedanken #1″ eine neue Reihe gestartet. Zuvor gab es ja bekanntlich schon einige mehr dieser Postreihen, diese waren z. B. “Tante Evi” und “Grenzlinie”. Ich nehme nun in der neuen Postidee immer wieder Gedanken beim Hören von bestimmten Songs auf und schreibe sie. Ich hoffe, Ihr habt Interesse und Gefallen daran. Gerne nehme ich Feedback entgegen! Alles Liebe und Gute für Euch, Ihr Lieben. :3 ♥
Tag 2151 / “Ich möchte dich gern wiedersehen.”
Grenzlinie #6
Was geht bloß in mir vor? Ich bemerke, wie ich selbst immer extremer werde und ständig außer mich gerate. Immer wieder bringe ich mich in riskante, gefährliche Situationen und Umstände. Damit verletze ich mein Umfeld, ich versetze alles um mich herum in Panik und Sorge. Ich zerrütte alle möglichen Beziehungen, mache sie kaputt. Ich stoße mir nahe Menschen einfach weg, von heute auf morgen. Mir entfernte Personen jedoch möchte ich noch viel näher an mir spüren und erleben. Meist ist dies nicht möglich und tut mir weh. Ich hätte mich aufgegeben für eine Beziehung, die nie so existierte, wie ich es mir erträumte. Doch greifbare Menschen kann ich mit diesen nicht auf gleiche Ebene stellen. So suche ich weiter, immer mit dem Ziel, mich akzeptiert, vollkommen, wohlbehütet und geborgen sowie sicher zu fühlen. Mich wie “zu Hause” zu fühlen. Denn die Heimat ist es, die ich anstrebe, die ich brauche. Ohne dieser weiß ich nicht, wer ich bin, wie ich bin und woran mein Dasein ist. So wandere ich weiterhin auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod umher. Ich schwanke von einem Extrem zum nächsten. Ich trinke, ich rauche, ich stopfe Unmengen an Süßem in mich hinein, schneide mir meine Arme auf. Immer suche ich nach etwas, das mich selbst widerspiegelt, das mir zeigt “Hier, das zeichnet mich aus, das bin ich”. Dass all jene Verhaltensweisen nichts Gutes nach sich ziehen und völlig banal sind im Anbetracht auf meinen angestrebten Gedanken, weiß ich natürlich. Doch diese liegen viel näher als zu sagen “Ich gehe nun zum Sport, powere mich aus, dort fühle ich mich real.” Denn das ist es ja immer - ich möchte mich spüren, möchte zu mir selbst finden und mich sodann in etwas anderem wiederfinden. Sodass ich auf mich blicken kann, um zu sagen “Das bin ich, das ist mein Leben.” Doch ich scheitere immer wieder bei dieser Suche, welche zu einigen Suchten führte. Denn eine Suche ist, wenn sie wie bei mir in negative Handlungen mündet, nichts anderes als die Sucht. Mit nur einem Buchstaben Unterschied. Doch Suchten bilden neben der eigentlichen Störung nur noch zusätzliche unnötige Probleme, die es sodann zu bewältigen gilt. Wie sollte man da nicht irgendwann völlig überfordert sein und die Hoffnung auf Heilung verlieren, wenn der Berg an Lasten immer weiter wächst, doch nichts abnimmt? Wie sollte man dabei nicht verzweifeln und sich womöglich ganz aufgeben? So wechselt man dauernd zwischen “Ich muss dran bleiben, weitermachen und alles geben, um meine Ziele zu verfolgen, um endlich richtig zu leben!” und dem Gedanken “Wozu soll ich es noch weiterhin erdulden, enttäuscht zu werden und versuchen, mein Leben auf die Reihe zu bekommen, wenn ich schon drei Jahre dabei bin und sich nichts verändert? Ich möchte nicht mehr.” Und so wechselt man immer zwischen den Entscheidungen; mal ist man ermutigt, motiviert und superfröhlich, doch dann wieder ganz wo anders, will sich was antun, hat absolut keinen Bock mehr auf das Selbe jeden Tag. Genau dieser Wechsel an Einstellungen und dazu der Druck von außen, von diversen beschissenen Leuten, die einem Vorwürfe machen, dumme Kommentare abliefern und keinerlei Empathie zeigen, bringt mich dann dazu, mich völlig entkräftet auf dem Boden zu wälzen und herum zu schreien vor Schmerzen. Schmerzen im Kopf aufgrund so vieler Gedanken und Stimmen von vergangenen und vielleicht in der Zukunft eintretenden Gesprächen sowie Schmerzen in der Lunge, den Atemwegen, weil jeder Atemzug einer zu viel ist und Schmerzen im Herzen, das so oft gebrochen und wieder zusammen geflickt wurde, dass es trotzdem noch blutet.
Grenzlinie #7
Sucht, Flucht und Überwindung
Langsam reicht es mit den Gedanken "Heute ist ein guter Tag zum Sterben". Langsam werden sie unbedeutend. Langsam verlieren sie an Gewicht. Ein neuer Gedanke schimmert aus den dunklen Weiten meines Gefängnisses im Kopf hervor. Er ist mir einerseits unbekannt. Doch andererseits scheint er mir wie ein Freund aus alten Tagen. Er fühlt sich so leicht und befreiend an. Ich ziehe los, drehe die Musik laut und noch lauter. "When I´m gone just carry on, don´t mourn" höre ich Eminem brüllen. Oder flüstern? Ich weiß nicht so recht. Ebenso kommt mir die Aussage sehr angenehm vor, sehr gewohnt und so als wäre sie mein Eigen. Oder bin ich selbst dessen Eigen? Ja, bin das überhaupt ich selbst, die sanft Abschied nimmt in dieser Zeile oder ist sie nur noch ein lautloser, hoffnungsloser Hilfeschrei, der zum täglichen Kreislauf gehört? Ich nehme nicht einmal mehr wahr, wie oft ich diese Hilfeschreie tätige. Sie geschehen einfach und werden meist nicht wahr genommen, bzw. gehen unter in all der Masse, der Schnelle dieser Welt.
Wohl habe ich die Außenwelt falsch eingeschätzt. Nicht nur, dass die Gesellschaft nach Reichtum und Macht strebt sowie sich dabei selbst verliert, nein, es ist warm an diesem Tag. Zu warm. Zu angenehm. Lange ist es her, dass ich hinaus ging, einfach so, länger als 10 Minuten und ohne dabei einer Verpflichtung nachzugehen, wie Schule oder Termine. Nein, dies ist mein freier Entschluss, den ich lange angestrebt, doch nie genug Mut zur Überwindung hatte. Doch es wurde wahr, denn ich stapfe dahin. Erst nach einigen hundert Metern nehme ich die natürliche Frischluft wahr. Das Arom kommt mir bekannt vor, es riecht nach Frühling. Nach Neuanfang, Wiederaufbau, Regeneration. Frei fühle ich mich. Freier. Ich bin froh über meinen Entschluss, froh über die Anregung. Oben am Damm erblicke ich eine Seite des Dorfes. Dort, wo die Kirche steht und Menschen in den Gräbern ruhen könnte auch ich liegen. Doch der Gedanke gruselt mich, ich möchte ihn nicht. Ich verbanne ihn, ich sehe zu meiner Linken. Wasser treibt entgegen meiner Richtung. Ich höre es gar nicht richtig. Schon in der Ferne kann ich Bekannte erkennen. Leute, mit denen ich früher viel Zeit verbrachte und einiges erlebte. Auch ich saß einmal am Traktor und fuhr mit durchs Dorf. Draußen zu sein, zu spielen, zu toben, zu werkeln. Richtig zu leben. All das war meine Welt, das war mein Leben. Kannte ich mein Leben? Kannte ich es wirklich? Heute möchte ich diese Menschen nicht mehr sehen, meide all das Leben um mich herum. Gesellschaft - dies ist mir nicht geheuer. Völlig isoliert existiere ich, wartend auf einen Einschnitt, der alles bessert. Doch wie ich dazu beitragen kann weiß ich nicht so richtig. Wie sich all jenes Schlechte, Quälende und unmittelbar Belastende bessern kann weiß ich einfach nicht. Am Wasserfall erinnere ich mich wieder. Hier verbrachte ich früher die halbe Woche. Natürlich nicht allein, wir fingen kleine Fische, ließen sie wieder zurück ins Wasser gleiten. Wir bauten uns "Lager" und vieles mehr. Wir waren frei, waren glücklich. Dies ist vorbei, so ziehe ich weiter. Die Sonne geht langsam unter, sie strahlt mich an, als wäre ich etwas Besonderes und sie hätte nur auf mich gewartet, bis ich sie besuchen komme. Lange habe ich sie nicht mehr wirklich gesehen.
Auf dem kurzen Teerweg gestalten sich erneut Bilder. Bilder von heißen Sommertagen und nackten Fußsohlen, die schnell hopsten, doch beim Versuch, der Hitze zu entgehen, in kleine Steine traten. Schmerzen!
Gerade aus: Weidert. Schlauchbootfahren, Fischen, Baden, Fußball spielen. Zwei Jahre später Pizza essen, Wodka saufen, Partys feiern, schlimme Nummern schieben. Danach die Isolation, der Entzug, Kontaktabbruch und Weitersaufen. Und nun? Nun langsam alles zerstören, Umfeld vernichten, sich selbst noch vergiften. Was für eine heile Welt! Immer wieder muss ich mich selbst ertappen, wie ich ins Allbewährte verfalle, Blick nach unten gesenkt, starr auf den Erdboden, die Ohren völlig abgeschirmt von der Umwelt, tiefe Texte dringen hinein, doch keine Vögelmelodien. Ich wandere am Kiesweg entlang, frage mich, ob es noch etwas anderes als diese "Endstation" für mich gäbe. Endstation Psychiatrie - Endstation Eden. Ich erinnere mich an ein gleichnamiges Lied. Doch bei "Aufbruch und Neuanfang" fällt mir kein Lied ein. Vielleicht ist dies zu positiv, zu lebensfroh für mein düstres Gemüt. Vielleicht ist diese Erkenntnis traurig; bestimmt bin ich nicht stolz darauf. Rechts um tapfere Bäume, sie überleben jeden Tag, jede Zeit, alle Phasen, ob Sturm oder Hagel; ob Dürre oder gar nichts, sie stehen und bleiben stehen. Über viele Jahre hinweg. Ich bewundere sie. Sie beschweren sich nicht über ihr Leben. Sie sind genügsam. Herr, gib mir die Gelassenheit eines Baumes.
Weit vorne ziehen Autos vorbei. Ich entferne meine Kopfhörer, denn ich möchte meinem Hier und Jetzt lauschen. Jedes Fahrzeug dort vorne, ein Kilometer weit weg, erzählt eine eigene Geschichte. Jeder Mensch darin erzählt eine individuelle Geschichte. Es fahren zig Autos vorbei. Zig Geschichten in 20 Sekunden. Zig mal zig Probleme in 20 Sekunden. Dies auf ganz Deutschland hochgerechnet sind unzählige Belastungen für Menschen. Viele bleiben dabei nicht gelassen, sie können nicht. Egal, wie massiv die Probleme sind, jeder Mensch besitzt eine individuelle Grenze, die man oftmals überschreitet. Dann passieren schnell Dinge, die man gar nicht geschehen lassen möchte. Dann noch bei besonderen Menschen, den Grenzgängern an sich, wie viel häufiger passieren bei diesen derartige Überschreitungen?
Ich halte den Sonnenuntergang fest. Der Blick ist abgespeichert im Handy. Ein nächster Belastungsfaktor, das Handy. Doch darüber kann man weitere zig Seiten schreiben und diese Analysen stoppen den Wandel der Zeit auch nicht. Warum sollten sie auch?
Schöner Ausblick hier. Ich sehe mich mit vier Anderen in Schlauchbooten sitzen und das Leben genießen. Diese Tage sind vorbei. Doch wann haben sie aufgehört, zu sein? Wann habe ich aufgehört, real zu sein? Ich weiß, einst war ich real. Ich war lebendig! Ich war es. Nun bin ich ausgestorben, leer, verloren, mir selbst doch so fern. Diese Umgebung kenne ich so gut, doch sie ist mir fremd. Mich selbst kenne ich, doch ich bin eine Fremde, gefangen in mir selbst. Gefangen im Nichts. All das hier, ich möchte es spüren und erleben. Nicht länger nur existieren, nur zusehen, wie es an mir vorbei zieht. Ich hänge in der Luft, irgendwo, kann mein Leben nicht greifen. Warum kann ich nicht? Gern wäre ich jemand anderes. Gern wäre ich gesund, glücklich, fröhlich. Doch warum bin ich es nicht, wieso gerade ich, wieso? Wut macht sich breit, denn die Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit scheinen Überhand zu nehmen. Wut in mir, auf mich. Auf mein Leben. Meine Situation. Ich möchte den Boden spüren, auf dem ich tagtäglich stehe und gehe. Wie fühlt er sich an, diese Stütze, ohne die ich nicht und auch sonst niemand wäre? Wie kann es sein, dass ich hier auf den Untergrund stürze und ihn dennoch nicht spüre? Ich kralle mich fest. Meine Finger wandern in die Erde. Unter das Gras. Was ist dort unten? Was trägt mich an der Oberfläche, doch will mich nach unten reißen? An meinen Händen nun Schmutz. Ich fasse ihn an, doch ich spüre ihn nicht. Ich starre darauf, doch ich nehme ihn nicht wahr. Was für eine Schutzhülle ist hier um mich herum? Wovor und wofür schützt sie mich?
Ich höre immer wieder laute Schreie in meinem Kopf, sie stammen von Menschen. Mir bekannten Menschen. Die einen brüllen mich verbal an, die anderen blicken mich an, einige werfen mir Übles vor, manche fassen mich an, wenige kommen mir nahe, fast niemand berührt mich. Obwohl man mich anfasst, berührt man mich nicht. Ich kenne jeden einzelnen Schrei. Allesamt schreien sie. Nur mich schreien sie an, mich allein. Und nun schreie auch ich, doch mein Mund bewegt sich nicht. Ich verliere keinen Laut, mache keinen Mucks. Ich greife mir einen langen, robusten Stock. Wie fühlt er sich an? Ich fasse ihn an, doch er berührt mich nicht. Ist er noch real? Und die Schreie werden lauter, ich sehe all die Bilder, Situationen und Erlebnisse ziehen an mir vorbei, erschrecken mich. Ich möchte sie nicht. Ich schiebe die Vergangenheit weiter zur Seite. Doch immer wieder missglückt der Versuch, davon zu laufen. Ich schlage auf andere Äste ein. Ich schlage den Stock kaputt. Ich schlage auf Bäume ein, bis sie ihre letzten braun gewordenen, abgestorbenen, ausgedörrten armseligen Blätter verlieren. Sie sinken hoffnungslos zu Boden, leichtfüßig und befreit. Sie hingen am seidenen Faden und warteten auf den Fall. Ich lösche ihre Existenz auf Ästen aus. Ihr letzter Halt ist nun eingebrochen. Schließlich hindern sie den Baum, schon bald wieder neue Blätter zu tragen. Sie belasten ihn. Doch selbst konnten sie den Abfall nicht beschleunigen. Ich jedoch kann meinen Abfall beschleunigen. Ich kann mich entfernen, mich von dieser Situation in eine andere setzen oder ganz vom Leben entweichen. Ich kann es. Ich könnte. Ich werfe den Rest des Stockes, der nicht robust genug war für jemanden wie mich irgendwo zur Seite. Er täuschte. Er wirkte kräftig, unkaputtbar, doch war schwach und ging kaputt. Genau wie manche Menschen. Sie gehen langsam bitter zu Grunde, selbst wenn man es ihnen kaum ansah.
Ich kehre zurück auf den Weg, trete noch einmal auf einen Maulwurfshügel ein. Ich spüre den Tritt nicht, spüre keinen Widerstand. Langsam stürze ich erneut auf den Boden. Ich hatte ihn anders in Erinnerung. Er fühlte sich wie nichts an. Doch irgendetwas war anders als früher. Ich streife über den groben Sand. Trage ich etwa Handschuhe? Ich kann nicht noch fester andrücken, fester geht´s nicht mehr. Weshalb fühle ich nichts mehr? Ich flüchte mich von diesem Ort, ich flüchte zurück in meine kleine, dunkle Welt. Ich habe Angst vor mir, vor diesem Gefühl des Unbekannten und zugleich Altbekannten. Ich lehne es ab, schiebe einen Riegel vor. Musik an, laut und noch lauter, schnelle Schritte zurück "nach Hause". Der gesamte Weg zurück schien, als wäre ich geflogen. Wenige Augenblicke später und der Ausflug ist beendet. Angst vor diesen Gefühlen, Wut bei diesen Zuständen und Überforderung bei all meinem Agieren. Verzweiflung bei all meinem Leben. Erschütterung durch meine Person, meine Persönlichkeit und dessen Fehlentwicklung. Doch Mut, für einen weiteren Start, Mut erneut durch die Vergangenheit zu reisen und aufzuarbeiten, was so lange der Pflicht zur Ausblendung unterworfen war, obwohl sie nicht nötig war. Sie war eine Flucht, die ich analysiere und darüber hinaus behandle. Denn es bewies sich erneut, wie sehr die Vergangenheit mich sucht, doch ich lasse sie nicht hervor, bis sie sich aufbäumt und ich eskaliere, mich selbst niedermetzle, auf Äste einschlage, auf mein Leben und meine Gefühle einschlage. Ich habe den Mut, aus dem Gefängnis in mir auszubrechen, dem Teufelskreis entgegen zu wirken. Wirklich zu leben.
(c) unkaputtbarxo
Grenzlinie #5
Wie ich mich fühle? Ich weiß nicht, sag du es mir. Such es dir aus, ich kann mich nicht entscheiden. Ich bin zu blind. Ich bin zu betäubt. Sind es die Medikamente? Oder ist es meine gestörte, krankhafte Persönlichkeit? Bin ich denn ein Mensch mit einer lediglich individuellen Persönlichkeit, mit individuellen Charaktereigenschaften? Oder bin ich lediglich meine Krankheit? Bin ich nichts weiter als ein psychisches Wrack? Etwas, das die Ärzte und Therapeuten abarbeiten, wie eine hartnäckige Zecke? Muss all das gestörte und krankhafte Zeugs aus meinem Schädel gepumpt werden, damit ich sodann angepasst mit all den anderen Menschen leben kann? Oder kann ich sein, so krank ich auch sein mag? Ein schwieriger, komplexer, wirrer Mensch, der zwischen Extremen wandert und sich oftmals kaum noch auskennt. Der sich selbst nicht spüren und nicht fühlen kann, doch weint, wenn es anderen schlecht geht? Jemand, der beziehungsunfähig in zwischenmenschlichen Beziehungen antreibt und ein anderes mal wieder Isolation groß schreibt? Bin ich wirklich so jemand, ja bin ich krank? Oder hab ich einfach nur Schwierigkeiten bei manchen Dingen im Leben und weiß selten über meine Gefühle Bescheid; ja meist nur dann, wenn sie eskalieren? Kann ich eigentlich jemals als gesund und “durchschnittlich” gelten? Oder werde ich für immer instabil und krank bleiben? Scheinbar darf es nicht mehr lange so bleiben wie es ist, denn dann sei die Grenze überschritten, dann bliebe mir diese Tortur. Für immer. Also werde ich den Stempel “Für immer Borderliner” tragen?
Vielleicht sehen mich manche als diese Grenzgängerin, die einfach nicht zurecht kommt mit dem Erwachsenwerden. Sollen sie das eben glauben - ich werfe niemandem die Wahrheit nach, wenn man nicht danach fragt. Durchaus glauben die Studierten und jahrelang Erfahrenen, dass ich besser in der Klapse aufgehoben wäre. Doch haben sie denn eine Ahnung davon, wie es sich für einen Jugendlichen anfühlt, in eine psychiatrische Anstalt zu gehen? Dort therapiert zu werden, bis man funktioniert. Nein, sie hocken in ihrer Praxis, in der guten warmen Stube, während ich mich in mitten von den verschiedensten Krankheitsbildern zurecht biegen lasse von neunmalklugen Berufsverfehlern, die mich nicht einmal verstehen wollen. Ja während sie Patienten abhandeln, jeden einzelnen, frage ich mich, wofür ich mich anpassen sollte. Es ist meine Problematik, es tut mir weh, es ist für mich schwer, es fühlt sich für mich scheiße an, doch was juckt es diese Leute? Vielleicht bin ich ja nicht krank, vielleicht und das ist sehr viel plausibler, bin ich einfach nur individuell ich selbst? Zwar komplex, doch individuell. Und in mir drinnen ist das pure Chaos, weil ich nichts mehr fühle für mich selbst. Ich spüre manchmal den unsagbaren Schmerz und die Wut, direkt danach folgt die Traurigkeit, manchmal kann ich mich auch erfreuen. Doch ich bleibe stets neutral und so bin ich. Ich habe zwar keine Kontrolle über mich, doch diese hat niemand zu 100 Prozent. Die meisten glauben es nur in den meisten Begebenheiten Kontrolle zu besitzen, doch man kennt sich selbst nie so gut, dass man sich auch noch die eigenen Gedanken und Gefühle vorschreiben kann. Oder? Warum also bin ich dann krank, weil ich mich damit besonders schwer tue? Warum kennt man mich nicht als ein Individuum an, das eben noch weitaus weniger als 100 Prozent an Kontrolle verfügt? Manche besitzen mehr, manche weniger, ist es nicht so? Dann bin ich eben jemand mir sehr wenig, na und? Ich bin so. Das bin ich, auch wenn es anstrengend ist.
Ich realisiere tagtäglich ein Stück mehr, woraus mein andauernder Prozess besteht: aus Gewöhnung. Aus Anpassung an meiner selbst, nicht der Norm, die diese Studierten gerne hätten. Ich passe mich meiner Persönlichkeit an, selbst wenn sie krankhaft scheint. Für mich bin ich so und ich lebe sie. Ich erfahre jeden Tag aufs Neue mehr Dinge über mich. Und daraus besteht unser Dasein; aus Weiterentwicklung, dem Lernen, Weiterbildung, Erfahrung. Und ich lasse mich nicht an ein paar Nummern aus dem ICD-10 in eine Schublade von Krankheitskombinationen stecken. Ich nicht. Ich mache selbst eine neue und darin ist jeder Willkommen. Ich kennzeichne sie mit “Individualität”.