Kein Geld mehr. Alles was sich in meiner Jackentasche befand war mein Ausweis, ein Fünfer, mein Hausschlüssel, ein Packung Taschentücher und ein Hustenbonbon. Mein Portemonnaie konnte ich nicht finden, und mit fünf Euro würden Melia und ich nicht weit kommen. Ich beschloss also zu laufen, es ging immer noch schneller als mit der U-Bahn, außerdem wollte ich nicht herausfinden, wie Melia sich in der U-Bahn verhalten würde, und während dieser Uhrzeit war U-Bahn fahren generell kein Spaß. Ich hielt sie am Handgelenk, da sie meine Hand nicht halten wollte und ich ihr auch nicht zu nahe treten wollte. Auch wenn Händchen halten nur was kleines war, war es doch was persönliches.
Ihre Haare waren zersaust und eine Strähne hing an ihrem Mundwinkel. Sie torkelte neben mir her und ließ sich total ziehen. Ihre Augen waren leer und sie starrte in die Nacht. Ab und zu stöhnte sie leise, ihre Augen wurden immer schwerer. Ich behielt sie die ganze Zeit im Auge, kontrollierte jeden ihrer Schritte und konzentrierte mich auf ihre Gewichtsverlagerung. Nach einer halben Stunde hatten wir die Hälfte geschafft, allerdings schien Melia das gar nicht mehr mit zu bekommen. Kurz bevor wir durch eine kleine Wohnsiedlung liefen, fing sie an sich mit mir zu unterhalten. ,,Weißt du eigentlich, worauf ich jetzt Lust habe?" Lallte sie. Sie blieb stehen, suchte halt und fand ihn an meinem Oberkörper. Ich schaute sie fragend an. ,,Auf dich!" Sie tippte mir auf die Brust, dann formte sie die Lippen zu einem Kussmund. ,,Lass den Quatsch." Sagte ich ruhig, ich schob sie behutsam von mir weg und versuchte sie weiter mit mir mit zu ziehen, aber sie blieb stehen. ,,Stop", ihre Mundwinkel bewegten sich und sie suchte verzweifelt meinen Blickkontakt. ,,Ich will mit dir schlafen." Ihre Stimme war ruhig, sie klang fast ernst. Ich verdrehte die Augen, doch das tat ich nur, um das mulmige Gefühl in mir zu überspielen. ,,Komm jetzt", forderte ich sie auf und streckte ihr meine Hand entgegen. ,,Komm du zu mir." Ihre Worte waren nuschelig und sie fing an, an ihren Knöpfen herum zu spielen. Was auch immer der Mistkerl ihr gegeben hatte, es war schrecklich. Es hatte sie in jemanden verwandelt, der sie nicht war, sie wusste nicht was sie tat. Ich schaute ihr eine Weile zu, wie sie da stand, hin und her schwankte, nicht einmal in der Lage war, den Knopf an ihrem Oberteil zu öffnen. Ich war komplett ratlos. Plötzlich stolperte sie nach hinten und fiel auf den Boden. Ich reagierte sofort, versuchte noch, sie aufzufangen, doch sie war schon gelandet. Ein jammern entwich ihr und sie legte sich auf die Straße. ,,Komm jetzt", ich versuchte, sie an beiden Armen wieder hoch zu ziehen, aber sie zog sich nach unten. Dabei rutschten ihre Ärmel runter und eine lange Narbe zeigte sich auf ihrem Arm. Eine Narbe, die ich noch nicht kannte. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Reflexartig ließ ich ihre Hände fallen, der Kloß in meinem Hals wuchs. Als hätte ich die Narben geöffnet, drehte sie sich verkrampft auf die linke Seite und zog die Knie an die Brust, wie ein kleines Kind. Dann fing sie an zu weinen. Ich sah keinen anderen Ausweg, als sie zu tragen. Mit beiden Armen nahm ich sie hoch, genauso wie an dem Tag, als ich sie in den Teich getragen habe und sie geschrien hat wie am Spieß. Doch jetzt lag sie fast leblos, weinend in meinen Armen. Ihre Arme hingen schlaff an meinem Körper, man konnte ihre Knochen spüren und ich hatte eine perfekte Sicht auf ihre Narben. Ich versuchte sie zu ignorieren, doch in meinem Augenwinkel leuchteten sie als wollten sie mir die Schuld für ihren Schmerz geben.
Mit jedem Schritt wurde sie schwerer, ihr Atem leiser und meine Angst um sie größer. Nach einer weiteren halben Stunde erreichten wir endlich mein Haus. Alles war komplett dunkel und ich hoffte einfach nur, dass ich niemanden aufwecken würde. Ohne groß zu überlegen zog ich ihr im Badezimmer die Klamotten über den Kopf, allerdings war mein Respekt vor ihr zu groß und deshalb setzte ich sie in Unterwäsche in die Badewanne. Dann stellte ich das Wasser an und duschte sie erst kalt und dann lauwarm ab. Anschließend wickelte ich sie wie ein kleines Kind in ein Handtuch und suchte ihr den wärmsten Pullover, den ich besaß, und eine Jogginghose. Eine Weile schaute ich sie an, sie saß zusammengeklappt auf dem Fußboden und regte sich nicht. Meine Angst wurde immer größer. Doch plötzlich riss sie die Augen auf, ihr Blick war geschockt, sie wurde Blass und jammerte panisch auf. Bevor es zu spät war, zog ich sie zum Klo und hielt ihr Haar nach hinten. Sie erbrach und ich atmete erleichtert auf, sie lebte.
Es war fünf Uhr morgens, ich war immer noch wach und Melia lag schwankend zwischen Schlaf und sinnlosem Gerede in meinem Bett. Sie erzählte mir von ihrem Vater, von Susan und von Alkohol. Dann erzählte sie mir von den Sachen, die sie schmeckte, was sie dachte, wenn sie rauchte und wie die Stille sich für sie anhörte. Ab und zu fragte sie mich, ob ich Ben kannte. Und immer wenn ich sagte, dass ich Ben war, schwieg sie, oder sie sagte, dass sie mich vermisste, und manchmal fragte sie auch: ,,Kennst du Ben?" Und dann antwortete ich mit Ja. Und dann sagte sie: ,,Glaub mir, der ist das Beste aber auch das Schlimmste, was mir jemals passiert ist." All das sagte sie in ihrer leisen, zerbrechlichen Stimme, und um ehrlich zu sein wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
Der Wind wehte an meinen Rolladen. Melia war still geworden. Sie lag in meinem Bett, ich saß davor und schaute sie an. Sie sah mich nicht, aber ich konnte einen kleinen Lichtschein in ihren Augen erkennen. Ich kontrollierte, ob sie schlief oder nicht, und dabei fielen mir selber die Augen zu. Als sie endlich ihre Augen schloss, legte auch ich mich hin. Auf den Fußboden. Er war hart, aber es ging nicht anders. Allerdings konnte ich nicht schlafen. Ich lauschte ihrem Atem, vergaß fast selber zu atmen. Ich musste kontrollieren, ob sie noch da war, ob sie noch atmete.
Als ich wach wurde, war ich schweißgebadet. Meine Kehle brannte, mein Körper war nass und mein Kopf brummte. Mir lag ein allzu bekannter Geruch in der Nase, der Geruch von Kippen und Alkohol war ganz weit weg. Schreckhaft richtete ich mich auf, alles drehte sich und ich wusste nicht, wo ich war. Es dauerte eine Weile, bis meine Augen klare Sicht erfassten, und ich versuchte, nicht in Panik auszubrechen, denn ich war definitiv nicht da, wo ich sein sollte. ,,Alles in Ordnung?" Ich schaute nach rechts, Ben saß angelehnt an seiner Wand und schaute mich an. Er war blass, hatte Augenringe und rot schimmernde Augen. Verwirrt schaute ich ihn an, dann schaute ich an mir herunter. Ich trug Klamotten, die nicht mir gehörten und saß in Bens Bett. Dann schaute ich mich um, sein Zimmer war noch genauso, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich wollte etwas sagen, doch meine Kehle war zu trocken, die Worte blieben mir im Hals stecken. Plötzlich überfiel mich eine Hitzewelle, und ohne groß nachzudenken zog ich mir den dicken Pullover über den Kopf. Darunter trug ich ein viel zu weites Top und bemerkte, dass meine Unterwäsche feucht war. Mich überkam ein Gefühl des Unwohlseins, ich dachte nach, hatte aber keine Ahnung, was mit mir passiert war. Wieso um alles in der Welt lag ich in Bens Bett, trug Klamotten, die mir nicht gehörten und nasse Unterwäsche? ,,Was ist passiert?" Meine Stimme war leise und kratzig und sie schmerzte. Ben reichte mir schnell eine Wasserflasche und ich trank. Das kühle Wasser linderte den Schmerz in meiner Kehle etwas.
,,Wir waren doch in diesem Club, du mit Linda, ich mit den Jungs. Irgendwie hast du den ganzen Abend bei so einem Kerl gestanden und, joa, dann hat der dir irgendwas ins Getränk getan und du bist abgestürzt." Er schluckte, ich tat dasselbe. ,,Und dann?" ,,Dann seid ihr verschwunden, du und der Kerl. Ich bin euch gefolgt, hab euch zuerst aber nicht gefunden. Irgendwann bist du mir in die Arme gefallen, total aufgelöst und... fast ausgezogen." Meine Kinnlade fiel nach unten. Ich sah Bens Blick, er schaute an mir vorbei und schien mit den Gedanken völlig woanders zu sein. Ich wollte gar nicht wissen, was alles passiert war. Schnell schloss ich die Flasche und reichte sie Ben. Er öffnete sie und trank daraus.
Ich schaute vor eine schwarze Wand. Was hatte Ben gestern alles mit mir gemacht? Vermutlich hat er mich einfach gerettet, mir geholfen. Aber wer wusste das schon? Nur er. ,,Deine Wäsche ist übrigens nur nass, weil ich dich kalt abgeduscht habe." Er schien meine Gedanken lesen zu können. Ich nickte, brachte nicht einmal ein Danke heraus. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wie ich reagieren sollte. Ich war in dem Zimmer eines Jungen aufgewacht, der meine ganze Person in der Hand hielt. Ohne es zu wollen. Ein Loch grub sich in meinen Brustkorb, ich hatte das Gefühl, mich einfach in Luft aufzulösen. Er schaute mich an, seine Blicke sagten so viel, und doch verstand ich kein Wort. Ich wusste nicht, ob links oder rechts, nach vorn oder zurück. Vielleicht verletzten ihn all die ungesagten Worte viel mehr, als meine Taten. Es brannte mir auf der Zunge. Ein einfaches Danke würde jetzt so viel sagen, aber es kam nicht. Vielleicht war die Last doch zu schwer auf meinen Schultern, auch wenn Ben sie vermutlich heute Nacht aufgefangen hat, als sie herunterzufallen drohte. Ich war zu blöd um zu bemerken, dass Ben die größte Stütze war, die ich je hatte, auch wenn wir Abstand voneinander hielten.
Von eine auf die andere Sekunde schien Ben das alles völlig egal zu sein. Vielleicht war es meine Undankbarkeit, vielleicht war er einfach müde oder ihm stieg das alles selber über den Kopf. Es war 10 Uhr morgens, ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Ich bewegte mich keinen Zentimeter, ich konnte nicht. Ben knallte mir Wortlos meine Klamotten aufs Bett und sagte, ich solle rauskommen, wenn ich fertig bin. Dann verließ er den Raum. Im Schneckentempo zog ich mich um, jede Bewegung schmerzte in den Knochen. Ich schaute mich nochmal in seinem Zimmer um, erinnerte mich an die Momente, die wir in seinem Bett verbracht hatten. Wie wohl ich mich dort gefühlt hatte, und jetzt war es die Hölle. Von all dem Wohlbefinden keine Spur mehr. Bevor ich sein Zimmer verließ, atmete ich noch einmal seinen Geruch ein. Sein Zimmer schien der einzige Ort zu sein, wo es noch nach dem Ben roch, der nicht rauchte, und ich liebte diesen Geruch.
Als er mich zur Tür brachte, bot er mir noch an, mich nach Hause zu bringen. Ich lehnte ab, aus Höflichkeit, und weil ich seine Anwesenheit jetzt nicht ertragen konnte. Er wandte nichts dagegen ein, wahrscheinlich wusste er meine Antwort schon, bevor er es mir angeboten hatte. Ich hatte nicht einmal eine Tasche bei mir, nur eine Jacke und das Outfit, das ich auf der Party trug. Auf dem Weg zur U-Bahn dachte ich an den gestrigen Abend. An den Club konnte ich mich noch erinnern, und an die Mädels. Dass Ben da war, wusste ich auch noch, aber mehr auch nicht. Es war schrecklich. Ich wollte mich am Liebsten unter der Erde begraben. In meiner Jackentasche fand ich meinen Hausschlüssel, eine Schachtel Kippen und mein iPhone. Als ich mein iPhone in der Hand hielt, atmete ich erleichtert auf. Zehn Anrufe in Abwesenheit von Linda, sie war jetzt eh noch am schlafen, als beschloss ich, sie später zurück zu rufen. Dann nahm ich die Schachtel Kippen, es war noch genau eine drin. Innerhalb von Sekunden qualmte der Zigarettenrauch aus meinem Mund.
Die Luft war frisch, und das tat gut. Gleichzeitig fiel mir auf, wie ironisch es war, die frische Luft, die meiner Kehle so gut tat, mit Zigarettenrauch zu betäuben, was meiner Kehle auch nicht so gefiel. Um mich von dem Schmerz in meiner Kehle abzulenken, versuchte ich mir vorzustellen, was in der Nacht alles passiert war. Vielleicht hatte Ben meine Taubheit ausgenutzt, vielleicht hatte er sich auch liebevoll um mich gekümmert. Bei diesem Gedanken zog sich etwas in mir zusammen, das mich gleichzeitig zum lächeln bringen wollte, aber auch zum kreischen. Es war zum kotzen.