scherbengestalt:"Wie kann ein Kind sein Leben leben, wenn es dazu keine Chance hat?! Keine Chance, den Morgen des nächsten Tages zu sehen, der mit seinem str"
Leider kam die Frage nicht ganz bei mir an. Was aber natürlich auch Absicht gewesen sein kann. Auf jeden Fall habe ich lange darüber nachgedacht was ich auf diese Frage antworten soll. Es ist eine vielschichtige Frage, wie ich finde, die unterschiedliche Perspektiven vertreten kann und auch verschiedene Standpunkte nehmen kann. Erst wollte ich sie aus der Perspektive beantworten in der Kinder verhungern. Dann wollte ich sie Dir mit den Katastrophen beantworten die überall auf der Welt geschehen und die niemand beantworten kann.
Aber letztendlich möchte ich sie Dir aus meiner Perspektive, aus meinen Erfahrungen heraus beantworten und damit eine kleine Geschichte erzählen, für die ich noch keine Zeit fand, die mir aber ungeheuer wichtig ist und auf dem Herzen liegt.
Vor ein paar Jahren habe ich mit Kindern zusammengearbeitet die eine psychische oder physische Behinderung haben. Die meisten dieser Behinderungen begleiten diese Kinder seit ihrer Geburt, manche können "herausgewachsen" werden, manche begleiten die Kinder ein Leben lang. Oder hindern sie daran überhaupt Erwachsen zu werden.
Während dieser Zeit, arbeitete ich jeden Tag dort und begegnete somit tagtäglich dieser einen jungen Dame, eigentlich war sie ein Kind, doch mit ihrem Trotz, ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Auftreten erinnerte sie mich immer an eine Dame. Nun, wie sie mir, für ihre sechs Jahre, viel zu rational, viel zu abgebrüht erklärte dass sie ihr Leben im Rollstuhl verbringen würde, würde es nicht mit ihr frühzeitig bergab gehen, werde ich nie vergessen. In ihrem kindlichen, jungen Gesicht und ihrer weichen, frisch wirkenden Stimme lag eine Ernsthaftigkeit die mich erschreckte und sehr viel Mitgefühl in mir auslöste.
Immer wieder hatte ich Auseinandersetzungen mit ihr. Eben weil ich dieses Schicksal, welches sie klar vor sich sah, nicht akzeptieren wollte. Sie konnte ihre Schuhe selbst binden. Auch wenn sie zu faul dafür war. Ja, auch Menschen mit einer Behinderung sind faul und schlüpfen durch die kleinen bequemen Löcher, die wir ihnen bieten. Doch ich wollte spüren, dass sie kämpfte, selbst wenn sie es Tag für Tag nur gegen mich tat. Wenn sie es tat, weil ich sie aufforderte anständig die Gabel zu benutzen. Ihr erklärte dass sie alt genug sei das Messer selbst benutzte.
Dafür hatten wir auch lustige Momente. Diese Momente in denen wir beide auf dem Boden sassen und uns über einen Rollstuhl lustig machten, der viel gross für ihren und viel zu klein für meinen Hintern war. Erklär mal, einem Mädchen in ihrem Alter, warum es diese verdammten Stühle mit Rädern nicht in "Zwerggrösse" gab. Warum sie so unbequem, unbeweglich und behindernd waren.
Sie mochte diesen Stuhl nicht. Nicht aktiv. Nicht wütend. Sie mochte ihn einfach nicht. Lehnte ihn ab. Robbte lieber mit ihren starken, trainierten, funktionstüchtigen Armen über den Boden. Bis ihr die Kraft wegblieb. Trotzdem half ihr das, denn es gab ihr das Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit. Weil sie nicht abhängig von diesem "Erwachsenenstuhl" war, welcher manchmal mehr gefährlich als unterstützend war.
Eigentlich mochte sie viele Dinge in ihrem Leben nicht. Sie verabscheute die Armen Pfleger und Pflegerinnen die ihr zur Mittagszeit einen Katheder neu legen mussten. Es war nämlich Schmerzhaft und unangenehm. Und Tag für Tag kamen ihr Menschen zu nahe, die ihr Schmerzen zuführten. So beobachtete ich manchmal ihren Blick, in dem etwas Hoffnungsloses kurz aufflackerte, doch der Alltag ist viel zu wild, viel zu schnell, mit 10 anderen Kindern die Bedürfnisse und Wünsche haben, um bei dieser Hoffnungslosigkeit zu bleiben. Denn den Trotz bei mir auszuleben und spüren zu können wie Handlungsfähig die junge Dame eigentlich war, war viel köstlicher als dort in der Opferrolle festsitzen zu bleiben.
Letztes Wochenende, Jahre später, begegnete mir eine junge Dame auf dem Bahnsteig, die mir bekannt vorkam. Der Name segelte in meinen Kopf, bevor ich sie wirklich erkannte. Sie lief mit Stöcken, stolz und trotzig, all die Blicke um sie herum ignorierend, an mir vorbei.
Ich glaube es kommt immer auf die Perspektive an. Auf die Haltung. Auf die Entscheidung in einer Opferrolle zu harren oder in die Handlung zu gehen und sich davon zu lösen unfähig zu sein. Sobald man sich selbst fähig erlebt, wagt man einen, zwei Schritte. Manchmal auch rückwärts, doch man weiss, man kann vorwärts.