„Heute zerstört man Liebe nicht durch Untreue – Ehrlichkeit reicht. Sie vertreibt alle. Sogar dein Selbstwertgefühl.“
- Laura Chouette
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„Heute zerstört man Liebe nicht durch Untreue – Ehrlichkeit reicht. Sie vertreibt alle. Sogar dein Selbstwertgefühl.“
- Laura Chouette
Witness my Act and Deed, by Frank Paton (1882, Öl auf Leinwand)
Mai 2023
Das Kind wächst, aber der Schreibtisch wächst auch
Weil mein Kind so gern Bilder malt, habe ich an einer leicht erreichbaren Stelle im Wohnzimmer einen Stapel aus geschätzt viertausend aussortierten, nur einseitig bedruckten oder beschriebenen Zetteln deponiert. Das Kind malt also ein Bild, steht auf, ruft "noch eine!", rennt zum Papierstapel, holt sich ein neues Blatt und malt weiter.
Ebenfalls im Wohnzimmer steht mein Schreibtisch, an dem ich täglich arbeite. Einige wichtige Dokumente, die ich scannen oder ausfüllen oder wegsortieren muss, liegen ordentlich gestapelt darauf. Es dauert nicht lange, bis das Kind Lust hat, auf der Vorder- oder Rückseite von unbezahlten Rechnungen Bilder zu malen (was ich zum Glück rechtzeitig bemerke).
Ich bin froh, dass ich mir zu Beginn der Pandemie einen höhenverstellbaren Schreibtisch gekauft habe. Ab sofort gehört zum Feierabend nicht nur, Fenster zu schließen und Kaffeetassen in die Küche zu tragen, sondern auch, den Schreibtisch in eine ausreichend hohe Parkposition zu bringen. So sind meine unbezahlten Rechnungen sicher und ich kann mir alle Zeit der Welt lassen, sie zu erledigen und wegzuräumen. Das gilt natürlich nur, bis das Kind so groß ist, dass es auch in der höchsten einstellbaren Position noch an den Schreibtisch rankommt, aber bis dahin lernt es vielleicht auch, auf welche Zettel man malen darf und auf welche nicht.
(Alina Smithee)
Von meinem Sofa aus sieht mein Schreibtisch fast schon ordentlich aus. Nur ein Gesetzbuch darauf, und der Laptop, aus dieser Perspektive fast nur ein dünner Strich. Ich bin müde. Ich sehe mich selbst, wie ich an diesem Schreibtisch sitze. Tage-, wochenlang. Wie ich aufstehe, immer wieder, mir unzählige Tassen Kaffee hole, es immer wieder versuche. Immer wieder die Bücher hervorhole, immer wieder die Texte zusammenfasse, in der Hoffnung, irgendwas bleibt in meinem Kopf hängen. Aber in meinem Kopf ist nur ein Chaos. Ich bin lange Zeit davon ausgegangen, dass sich das Chaos irgendwann auflösen wird. Aber die Ordnung, nach der ich mich sehne, wird nicht kommen, das ist mir eigentlich klar. Meine Therapeutin würde jetzt sagen, ich belüge mich selbst. Sie würde sagen, dass ich eigentlich weiß, dass ich wohl niemals alles unter perfekter Kontrolle haben werde – weder Studium, noch mein Leben. Aber ich kann das nicht akzeptieren, und ich habe Angst, dass sie das nicht versteht. Ich kann nicht akzeptieren, dass mich das Chaos mein Leben lang begleiten wird. Ich bin so verdammt müde.
Schon bald
wird dieser Sonnenschein am Morgen
in den lang ersehnten Frühling reichen
und Vogellaute wie Fanfaren erklingen lassen
während mein Arbeitsweg sich unbeeindruckt zeigt
vom Bett an den Schreibtisch und
wieder zurück