aufbrechen, um auszubrechen â Mit dem Rad von Newcastle nach Brisbane â Tag 12 bis 17
Tag Nummer 12 begann entspannt um 8:00 Uhr mit einem MĂŒsli und frischen Erd- und Blaubeeren, die ich mir tags zuvor in einem Obstladen gekauft hatte. Terry holte eine noch eingeschweiĂte, quietschgelbe Warnweste aus dem Schrank und hielt sie mir vors Gesicht. âHast du sowas?â Ich verneinte. âHier, die kannst du haben. Wir haben noch ganz viele davon. Die gab's mal im Angebot.â âOh... Ă€hm... okay. Danke.â, sagte ich ein wenig verwirrt und nahm die Warnweste entgegen. âDu musst sie nicht unbedingt anziehen. Aber befestige sie zumindest hinten deinem GepĂ€ck, damit du besser gesehen wirst, vor allem auf dem Highway.â Er hatte nicht ganz unrecht. Ein bisschen Farbe am Fahrrad war bestimmt keine schlechte Idee, denn bisher hatte ich mir nicht besonders viel MĂŒhe gegeben, gut gesehen zu werden. Ich bedankte mich bei den beiden, schoss noch schnell ein Foto von uns, ummantelte mein GepĂ€ck mit der Warnweste und machte mich auf den Weg.
Tag 12 â MacLean bis Lismore
Fahrzeit: 4:46:41h
Distanz: 91km
Schnitt: 19,1km/h
Höhenmeter: 671m
Als ich nach ein paar Minuten an einer Tankstelle vorbeifuhr, hielt ich kurz an, um meine Reifen das erste (und einzige) Mal aufzupumpen. Dann ging die Fahrt so richtig los. Vormittags waren es schon fast 30°C, am Nachmittag wĂŒrde es wohl nicht besser werden. Meinen ersten Stopp machte ich in New Italy, einer Ortschaft direkt am Highway, in der sich im spĂ€ten 19ten Jahrhundert einige italienische Einwanderer niedergelassen hatten. An diesem historischen Ort gibt es zwei Museen, ein paar SouvenierlĂ€den und ein kleines CafĂ©.
Nachdem ich mir die Museen angeschaut hatte, gönnte ich mir ganz klassisch eine Pizza zum Mittagessen. Als ich gegen 14:00 Uhr weiterfuhr, zeigte das Thermometer 37°C. Daher legte ich immer wieder Pausen ein. Etwa 30km vor Lismore, meinem Tagesziel, verlieĂ ich den Highway und fand mich auf sehr hĂŒgeligen LandstraĂen wieder. Teilweise ging es minutenlang nur steil bergauf. Ich schwitzte SturzbĂ€che. Kurz rollte ich bergab, dann kam der nĂ€chste Anstieg. Ein Spiel, bei dem ich nur verlieren konnte. Doch ich kĂ€mpfte wacker. Eine Stunde vor dem Ziel blieb mir nur noch ein halber Liter Wasser, vier Liter hatte ich schon getrunken. Weit und breit war keine Tankstelle in Sicht. Ich wĂŒrde mir das Wasser bis Lismore gut einteilen mĂŒssen. Plötzlich stand ein Typ am StraĂenrand und winkte mir aufgeregt zu. Er hielt eine Flasche Wasser in der Hand. Ich wurde langsamer. âDu bist doch bekloppt, bei dem Wetter mit dem Rad unterwegs zu sein. Du bist bestimmt so ein verrĂŒckter Deutscher.â, rief er mir grinsend zu. Ich lachte, nickte und hielt an. Er erklĂ€rte, er hĂ€tte mich mit dem Auto ĂŒberholt und sich gedacht, ich wĂ€re bestimmt durstig. Er reichte mir die Flasche Wasser. âIch bin Matthew.â âJupp.â, erwiderte ich. Er erzĂ€hlte mir, dass er lange Jahre gereist war und unter anderem auch ein paar Jahre im SĂŒden Deutschlands gelebt hĂ€tte. Nun wĂ€re er aber âzu alt fĂŒr den ScheiĂâ und gerade dabei, sich sein eigenes Haus zu bauen. Er lud mich auf seine âBaustelleâ, wie er sie nannte, ein. Immerhin gab es schon ein Dach, Teile einer KĂŒche und StĂŒhle. Er reichte mir eine Banane, rauchte etwas Gras und erzĂ€hlte von seinen Reisen: Wie er durch Indien getrampt war, wie wunderschön die Schwedinnen seien und wie er in Deutschland zwei Jahre Football gespielt hatte. FĂŒr den Weg nach Lismore gab er mir den Tipp, 2km Umweg in Kauf zu nehmen, um an einer Allee mit EukalyptusbĂ€umen vorbeizufahren. Dort wĂŒrde ich hundertprozentig Koalas sehen. Ich sollte auf die Schatten der BĂ€ume achten. SĂ€he ich dort etwas Rundes âwie einen FuĂball im Baumâ, wĂ€re es mit Sicherheit ein Koala. Ich bedankte mich fĂŒr diesen Tipp, verabschiedete mich von Matthew und radelte zur besagten Allee. Gleich der erste Eukalyptusbaum warf einen seltsamen Schatten. Ich schaute hoch. Da saĂ eine Koala-Mutter mit ihrem Baby. Volltreffer!
Von der Koala-Begegnung beschwingt vergingen die letzten Kilometer bis Lismore wie im Flug. Dort angekommen machte ich kurz ein paar EinkĂ€ufe und fuhr zu meiner Warmshowers-Gastgeberin Ann, die mit Warmshowers eigentlich gar nichts zu tun hatte. Sie war die HaushĂ€lterin von Rob, einem begeisterten Radfahrer in seinen 70ern. Sechs Monate im Jahr verbrachte er in seiner zweiten Heimat Thailand. Dort hielt er sich auch gerade auf. Dennoch konnte ich die Nacht in seinen vier WĂ€nden verbringen. Ann kĂŒmmerte sich um Haus und Hund und hatte ihr eigenes Zimmer. Sie empfing mich mit einem groĂen LĂ€cheln. Sofort war sie im Mutter-Modus: âMöchtest du etwas trinken? Du siehst durstig aus. Was möchtest du heute Abend essen? GemĂŒse und RĂŒhrei? Sind drei Eier genug? Ich kann auch mehr machen. Es ist genug da. Möchtest du NĂŒsse?â Mit einer Mischung aus Erschöpfung, Ăberforderung und Dankbarkeit sagte ich zu allem ja. Sie zeigte mir mein Zimmer, ich sprang unter die Dusche und hatte anschlieĂend ein leckeres Abendessen vor mir stehen. Was fĂŒr ein Leben! Ann erzĂ€hlte mir von ihrer Zeit in Deutschland und dass sie vor etwa fĂŒnfzehn Jahren stĂ€ndig mit Kaya Yanar abgehangen hĂ€tte. âEr hatte ein Faible fĂŒr Ă€ltere Frauen.â, sagte sie lachend. Sie bot mir noch gezuckerten Ingwer als Gute-Nacht-Snack an und ging dann ins Bett. Ich tat es ihr gleich, nachdem ich dieses lustige Foto des BrĂ€unungsstreifens bedingt durch meine Fahrradhandschuhe machte.
Der nĂ€chste Morgen begann mit einem unfassbar köstlichen FrĂŒhstĂŒck, das Ann fĂŒr mich gekocht hatte. Spiegeleier, gebratene Pilze, FrĂŒchte, Vollkorntoast, Marmelade, NĂŒsse â alles purzelte gut zerkaut in meinen Magen. Dann nahm ich Abschied von Ann und konnte meine Dankbarkeit kaum in Worte fassen. Ich wĂŒnsche dir alles Gute fĂŒr die Zukunft, Ann. Und danke Rob, dass ich bei dir unterkommen konnte.
Tag 13 â Lismore bis Ewingsdale
Fahrzeit: 3:42:41h
Distanz: 61,4km
Schnitt: 16,5km/h
Höhenmeter: 728m
Die Tagesaufgabe war ganz einfach: Folge der BundesstraĂe. Kriege ich hin, dachte ich. Anfangs fiel mir das Radfahren noch leicht. Mir tat nichts weh, ich kam gut vorwĂ€rts und war guter Dinge. Das Ă€nderte sich jedoch HĂŒgel fĂŒr HĂŒgel. Irgendwann nahm das Bergauffahren kein Ende mehr. Teilweise ging es hunderte Meter steil bergauf. Und ich quĂ€lte mich mit 7km/h bis zum Gipfel, um zu erfahren, dass es nach der Kurve noch weiter nach oben ging. SpaĂ stellte ich mir anders vor. Zum GlĂŒck hatte ich noch Oreos im GepĂ€ck und mein erstes Ziel, das Surferparadies Byron Bay, fest im Blick. Dort wollte ich den Tag verbringen, um dann gegen Abend zu meinen Warmshowers-Gastgebern nach Ewingsdale zu fahren. Nach einem weiteren langen Anstieg machte ich an einem Aussichtspunkt Pause. Ich schaute mich um. Ziemlich sicher hatte ich die höchste Stelle meiner Tagestour erreicht. Es schien danach Richtung Meer nur noch bergab zu gehen.
Nun kam also die Belohnung fĂŒr meine Strapazen. Ich konnte mich ĂŒber fĂŒnf Kilometer einfach rollen lassen. Wegen des Windes musste ich echt aufpassen, erreichte aber dennoch um die 60km/h. SchlieĂlich konnte ich das Ortsschild von Byron Bay in der Ferne erkennen und fand mich kurz darauf am Strand wieder.
Leider war es ganz furchtbar windig am Strand. Das merkte ich vor allem, als ich mein MĂŒsli essen wollte und es einfach wegwehte. Die Möwen hat es gefreut. Ich suchte mir daraufhin einen windgeschĂŒtzteren Ort zum Essen. Beim Verzehr meiner MĂŒslireste mit zerbröselten Oreos suchte ich mir auch gleich eine Ăbernachtungsmöglichkeit fĂŒr den nĂ€chsten Tag und wurde schnell fĂŒndig. Nun hieĂ es: Byron Bay erkunden. Leider kam ich nicht zum Cape Byron, dem östlichsten Punkt des australischen Festlands, und damit auch nicht zum berĂŒhmten Leuchtturm, weil die StraĂe gesperrt war. Aber zum Fisherman's Lookout konnte ich gehen.
Danach radelte ich zurĂŒck zum Hauptstrand und realisierte beim Blick auf Google Maps, dass es 10km bis Ewingsdale waren. Und ich wollte noch einkaufen. AuĂerdem wĂŒrde die Sonne in weniger als einer Stunde untergehen. Also sprang ich schnell wieder auf mein Rad, dĂŒste zum Supermarkt und eilte dann nach Ewingsdale. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages im RĂŒcken kam bei der siebenköpfigen Familie West an. Pandanus, der zweiĂ€lteste Sohn von Natalia und Phil, hatte die Familie bei Warmshowers angemeldet. Zusammen mit seinem Ă€lteren Bruder Xan, der gerade erst das Elternhaus verlassen hatte, war er oft mit dem Fahrrad unterwegs. Eine dieser Touren fĂŒhrte sie auf dem Highway an MacLean vorbei. Es wurde dunkel und die beiden hatten noch ein ganzes StĂŒck zu fahren. Joyce und Terry, die ich an Tag 11 kennengelernt hatte, ĂŒberholten die Jungs mit dem Auto, hielten an und boten ihnen ein Bett fĂŒr die Nacht an. Daher kannte auch Pandanus das Ehepaar, ĂŒber das er von Warmshowers erfuhr und die Familie prompt anmeldete. Die Welt ist klein und voller netter Menschen. Familie West war das beste Beispiel dafĂŒr. Ich wurde super freundlich empfangen und sofort in die Familie integriert. Es gab keine BerĂŒhrungsĂ€ngste. Sofort klebte die kleine Tochter an meinem Bein und wollte spielen. WĂ€hrend ich mit der Kleinen ein bisschen malte, unterhielt ich mich mit Pandanus. Er lernte seit zwei Jahren Deutsch in der Schule und hatte eine wirklich gute Aussprache. Nach dem Schulabschluss im nĂ€chsten Jahr möchte er unbedingt nach Deutschland kommen, eventuell sogar dort studieren. Ich bot ihm an, dass er jederzeit bei mir in Hamburg vorbeischauen könnte, was ihn sehr freute. Da ich vor dem Abendessen, das eigentlich schon fertig war, noch schnell duschen wollte, sprintete ich ins Badezimmer, nahm eine Zwei-Minuten-Dusche und saĂ drei Minuten spĂ€ter am gedeckten Tisch. Was fĂŒr ein Leben! Bei Reis mit GemĂŒse wurde mein Lieblingsthema besprochen: Schlangen. Wie ich erfuhr, war gerade Schlangensaison und ich befand mich in einer Gegend mit sehr vielen Schlangen. Phil zeigte mir ein Video, das er vor ein paar Tagen aufgenommen hatte. Zwei Pythons kĂ€mpften vor dem Wohnzimmerfester, vor IHREM Wohnzimmerfenster. Jedes der Kinder erzĂ€hlte Geschichten von (ungefĂ€hrlichen) Gartenschlangen in der Besteckschublade, Pythons im Schlafzimmer und der Braunschlange, die sie mal im Garten gesehen hatten. Dass ich ein bisschen paranoid wurde, fanden alle ziemlich witzig, wobei die Ă€lteste Tochter meine Sorge doch ein bisschen nachvollziehen konnte. Danke dafĂŒr. Phil, der in der Notaufnahme arbeitete, beruhigte mich anschlieĂend ein wenig. Schlangengift wĂŒrde ĂŒber das Lymphsystem im Körper verteilt werden, also sehr viel langsamer als ĂŒber den Blutkreislauf. Wenn man einen Biss sofort abbinden, direkt ins Krankenhaus fahren und dort das Gegengift bekommen wĂŒrde, wĂ€re alles halb so schlimm. Gerade durch das Abbinden könnte man viel Zeit gewinnen. AuĂerdem entstĂŒnden die meisten Schlangenbisse, wenn Leute versuchten, die Schlange mit einem Stock oder einer Schaufel zu entfernen. Einfache Regel, wenn eine Schlange im Raum ist: Eine TĂŒr oder ein Fenster aufmachen und aus der anderen TĂŒr rausgehen. Ganz einfach also. Und auch ein bisschen beruhigend. Trotzdem schaute ich mich ganz genau in meinem Zimmer um, bevor ich schlafen ging. Ich musste sehr lachen, als Pandanus plötzlich mit einem Plastikschwert in der Hand im TĂŒrrahmen stand. âHier hast du etwas, um dich zu verteidigen.â, sagte er und reichte mir die Waffe. Eine witzige Familie. Ich schlief zufrieden ein. Das Plastikschwert neben mir.
Nach einer schlangenfreien Nacht startete der Tag fĂŒr mich um 7:30 Uhr; leider mit der Nachricht, dass es die AfD als drittstĂ€rkste Partei in den Bundestag geschafft hatte. Mit etwas Wut im Bauch ging ich zum FrĂŒhstĂŒck. Pandanus hatte Pfannkuchen gemacht. Ich liebe Pfannkuchen. Das beste Rezept gegen Wut im Bauch. AnschlieĂend zeigte mir Natalia den riesigen Garten mit HĂŒhnern, Enten, ganz viel GemĂŒse und FrĂŒchten. Ich half, den Tieren Wasser zu geben, aĂ ein paar FrĂŒchte aus dem Garten und nahm dann Abschied von dieser tollen Familie. Ich hatte eine wunderbare, viel zu kurze Zeit bei euch. Wir sehen uns dann hoffentlich im nĂ€chsten Jahr in Hamburg, Pandanus.
Tag 14 â Ewingsdale bis Coolangatta
Fahrzeit: 3:22:03h
Distanz: 62,1km
Schnitt: 18,5km/h
Höhenmeter: 888m
Gegen 10:00 Uhr machte ich mich also auf den Weg nach Coolangatta. Der direkte Weg fĂŒhrte ĂŒber den Highway, doch Phil hatte mir erklĂ€rt, wie ich mit einem kleinen Umweg groĂe Teile an der KĂŒste entlangfahren konnte. Leider kam ich mit dem Rad kaum vorwĂ€rts. Heftiger Gegenwind und leichte Anstiege hinderten mich daran. Als ich dann auch noch eine zu frĂŒhe Ausfahrt nahm und dadurch zwanzig Minuten verlor, musste ich meinen Plan, an der KĂŒste entlangzufahren, verwerfen. Die Warmshowers-Gastgeber hatten darum gebeten, vor 15:00 Uhr anzukommen. Das wĂŒrde sehr eng werden. So blieb ich auf dem Highway. Auf dem letzten StĂŒck machte ich ordentlich Zeit gut und erreichte Coolangatta gegen 14:30 Uhr. Dort traf ich Linda und Arie, die inzwischen ihr halbes Leben auf dem Fahrradsattel verbrachten. Sie waren bereits komplett durch die USA getourt, hatten unter anderem Japan, Kanada, Italien, Russland und Neuseeland erkundet. WĂ€hrend wir bei einem kalten Eistee gemĂŒtlich zusammensaĂen, leckte einer ihrer Hunde vergnĂŒgt meine schweiĂ-salzigen Beine, weshalb ich immer wieder kichern musste, als sie von ihren Abenteuern erzĂ€hlten. Es dauerte ein bisschen, bis sie bemerkten, dass ich ihre Indien-Tour nicht zum Lachen fand, sondern eher das Gelecke ihres Hundes. SchlieĂlich hatten wir alle etwas zu lachen. Als sich das Glas Eistee geleert hatte, mussten die beiden los zu einem Termin. Ich sprang unter die Dusche, arbeitete an meinem Blog und machte mir etwas zu essen. Gegen 21:00 Uhr waren die beiden zurĂŒck, wir schauten zusammen Rain Man, wobei Arie immer wieder einschlief, was ich witzig und Linda etwas nervig fand. Immerhin hatte er den Film unbedingt schauen wollen. Nach zwei Stunden und dreizehn Minuten stand Tom Cruise allein am Bahnsteig und wir gingen ins Bett.
Beim FrĂŒhstĂŒck am nĂ€chsten Morgen gab mir Arie ein paar Tipps fĂŒr die Route. Ich sollte der Darren Smith Memorial Route folgen, die mich gröĂtenteils direkt an der KĂŒste entlangfĂŒhren wĂŒrde. Aber vorher sollte ich mir unbedingt Point Danger anschauen. Es wĂ€re zwar ein kurzer steiler Anstieg bis dorthin, aber fĂŒr den Ausblick wĂŒrde es sich lohnen. AuĂerdem erinnerte er mich daran, dass ich mich nun nicht mehr in New South Wales befand, sondern in Queensland. Und in Queensland ist das Radfahren auf dem Highway verboten. Ich bedankte mich bei Linda und Arie, knipste noch ein Foto von uns und radelte los.
Tag 15 â Coolangatta bis Labrador
Fahrzeit: 1:46:10h
Distanz: 33km
Schnitt: 18,7km/h
Höhenmeter: 332m
Ich fuhr also zunÀchst einmal zum Point Danger, genoss den Ausblick und schoss ein paar Fotos.
AnschlieĂend machte ich mich auf die Socken. Bis zu meinen Warmshowers-Gastgebern in Labrador war es nicht weit, keine zwei Stunden Radfahren lagen vor mir. So blieb ordentlich Zeit, meine Umgebung zu genieĂen.
Entspannt rollte ich den Radweg entlang, kilometerlange SandstrĂ€nde zu meiner Rechten. Ich hatte die Qual der Wahl, wo ich meine Mittagspause einlegen sollte. 10km vor meinem Ziel fand ich einen fast menschenleeren Strand, hielt an und setzte mich in den Sand. Ich aĂ Spaghetti vom Vortag aus einer Tupperdose und bewunderte die fleiĂige Arbeit des Meeres, wĂ€hrend die Sonne mir den RĂŒcken wĂ€rmte. Was fĂŒr ein Leben. Als die letzten Essensreste aus der Dose gekratzt waren, holte ich meinen Laptop raus und arbeitete ein bisschen am Blog. Meine Gastgeber hatten darum gebeten, entweder vor 15:00 Uhr anzukommen oder nach 18:00 Uhr. Da es noch immer recht frĂŒh war und ich ein bisschen WLAN gebrauchen konnte, nahm ich das letzte StĂŒck bis Labrador in Angriff. Leider endete hier auch die Zeit der schönen StrĂ€nde, denn ich musste einige Kilometer durch die Stadt fahren, um meinen Zielort zu erreichen. Zwar gab es immer mal wieder Radwege auf der StraĂe, jedoch endeten diese stĂ€ndig im Nichts. Kurz vorher verkĂŒndete meist ein Schild âBike lane ends hereâ. Und dann war der Radweg einfach vorbei. Einzige Option: Auf der StraĂe fahren. Die fĂŒhrte allerdings zweispurig in beide Richtungen und offenbar war gerade Rush Hour. Irgendwann entschied ich mich trotzdem, nur noch auf der StraĂe zu fahren. Die grelle Warnweste ĂŒber meinem GepĂ€ck wĂŒrde mich schon vor dem Schlimmsten behĂŒten. Körperlich unversehrt erreichte ich um 14:30 Uhr das Haus von Phoebe, Daniel und der neun Monate alten Border-Collie-HĂŒndin Coco. Phoebe und Coco begrĂŒĂten mich freundlich. Ich bin ja eigentlich eher ein Katzenmensch, aber Coco war mir auf Anhieb sympathisch; vor allem, weil sie mich nicht direkt anbellte oder meine Beine leckte. Phoebe zeigte mir kurz das Haus und musste dann auch los zu einem Meeting. Es machte mich schon ein bisschen sprachlos, dass sie mir auf Anhieb Haus und Hund anvertraute. Ich meine, sie kannte mich gerade einmal fĂŒnfzehn Minuten und lieĂ mich jetzt mit ihrer HĂŒndin allein zu Hause. Das ist ohnehin eine Sache, die mir in Australien auffiel: Die Menschen vertrauen dir schnell und ĂŒbergeben dir direkt Verantwortung. Das klappt natĂŒrlich nur solange, bis das Vertrauen missbraucht wird. Offenbar hatten die Menschen, die ich so traf, das noch nicht besonders oft erlebt. Jedenfalls dankte ich Phoebe fĂŒr ihr Vertrauen und beschĂ€ftigte mich erst mal ein bisschen mit Coco. Nach einer erfrischenden Dusche setzte ich mich mit einem Tee an meinen Blog. AuĂerdem fand ich die nĂ€chsten Warmshowers-Gastgeber und suchte die Route dorthin heraus. Gegen 18:00 Uhr kam Daniel von der Arbeit zurĂŒck. Bei einem Bier unterhielten wir uns ĂŒber das Reisen. Er empfahl mir, statt nach Kolumbien nach Ecuador zu fliegen. Dort gĂ€be es mehr zu sehen und sicherer wĂ€re es auch. Er selbst war vor ein paar Jahren mit dem Fahrrad 2000km durch SĂŒdamerika gefahren. Ich sprach ihn auf das Zertifikat an der Wand an, das bescheinigte, dass er den Kilimandscharo bestiegen hatte. Er erzĂ€hlte von der kĂ€ltesten Nacht seines Lebens, von halb abgefrorenen Zehen und dass es das trotzdem wert gewesen wĂ€re. Gespannt zuhörend genoss ich das GemĂŒse-Curry, das er ganz nebenbei gekocht hatte. Dann zeigte er mir, welche Kommandos Coco schon kannte. Bald wĂŒrde sie ihre PrĂŒfung in der Hundschule haben, was wohl kein groĂes Problem fĂŒr sie darstellen sollte. Sie hörte aufs Wort und machte ihre Sache wirklich gut. Um 21:30 Uhr kam Phoebe zurĂŒck von ihrem Meeting und wir lieĂen den Abend gemeinsam ausklingen.
Als ich am nĂ€chsten Morgen um 8:00 Uhr aufstand, war Daniel schon zur Arbeit aufgebrochen. Danke fĂŒr die tollen GesprĂ€che und das leckere Essen. Nach dem FrĂŒhstĂŒck gab mir Phoebe den HausschlĂŒssel und machte sich ebenfalls auf den Weg. Schnell knipste ich noch Fotos von Phoebe, Coco und mir. Leider stellte sich Coco vor der Kamera nicht so geschickt an wie bei ihren Kommandos.
Danke fĂŒr das Vertrauen und die schöne Zeit bei euch, Phoebe.
Ich verbrachte den Morgen mit Packen, Blog und Tee. Und Coco. Gegen 12:00 Uhr brach ich schlieĂlich Richtung Corbubia auf.
Tag 16 â Labrador bis Corbubia
Fahrzeit: 2:28:17h
Distanz: 52,5km
Schnitt: 21,3km/h
Höhenmeter: 344m
Ich kam auf Anhieb gut vorwĂ€rts. Es rollte einfach. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, dass es bis zum Ziel nur etwas mehr als 50km waren. Vielleicht lag es auch schlichtweg am relativ flachen Terrain. Jedenfalls hatte ich ein gutes Tempo drauf und sah mich bald 15km vor dem Ziel. Es war Essenszeit. Bei Salat und Knoblauchbrot genoss ich eine sehr lange Pause an meinem Laptop, bis ich schlieĂlich das letzte StĂŒck zu meinen Gastgebern radelte. Um 16:30 Uhr kam ich beim Geschwisterpaar Sarah und Brent in Corbubia an und wurde freundlich empfangen. Die beiden wohnten seit ein paar Monaten zusammen. Sarah war eingezogen, nachdem Brent sich von seiner Freundin getrennt hatte. Die beiden hatten im letzten Jahr ebenfalls den Markha Valley Trek in Indien absolviert. Wir fanden also auf Anhieb gute GesprĂ€chsthemen. Bei ein paar GlĂ€sern Rotwein und leckerer Pasta unterhielten wir uns bis spĂ€t in den Abend. Brents trockener Humor, Sarahs kreative Anspielungen und meine FĂ€higkeit, immer noch einen draufzusetzen, wenn ich ein bisschen zu viel Wein hatte, fĂŒhrte zu minutenlangen Lachflashs. Es war schon lĂ€nger her, dass ich zuletzt so lachen musste. Ich erfuhr unter anderem, dass die beiden frĂŒher immer Kommissar Rex im Fernsehen geguckt hatten. Diese Tatsache half nicht wirklich gegen die Lachflashs. Kurzum, es war ein mehr als gelugener Abend. Ich stellte anschlieĂend noch schnell mein Fahrrad auf Gumtree online, schrieb ein paar potenzielle Warmshowers-Gastgeber an und fiel zufrieden ins Bett.
Brent saĂ schon lĂ€ngst auf der Arbeit, als ich gegen 8:00 Uhr aus den Federn kam. Sarah leistete mir beim FrĂŒhstĂŒck Gesellschaft. Leider hatte sich keiner der Warmshowers-Gastgeber zurĂŒckgemeldet. Heute stand mein letzter Tag der Radtour bevor, ich wĂŒrde am Ende des Tages in Brisbane stehen. Zumindest war das der Plan. Es gab ĂŒber 200 Warmshowers-Gastgeber in Brisbane, dennoch hatte ich groĂe Probleme, eine Bleibe fĂŒr die Nacht zu finden. Ich verschickte ein paar weitere Nachrichten und hoffte das Beste. Indes kĂŒmmerte ich mich um meine Reise nach Neuseeland. Ich reservierte eine Unterkunft fĂŒr die ersten Tage in Auckland und buchte den Wicked Van fĂŒr Marco und mich. Noch immer hatte keiner auf meine Nachrichten reagiert. Ich rief erfolglos ein paar Gastgeber an, die ihre Nummer im Profil angegeben hatten. Die meisten gingen gar nicht erst ans Telefon. Die wenigen, die den Hörer abnahmen, mussten mich leider enttĂ€uschen. Frust kam auf. Warmshowers war bisher ein absoluter GlĂŒcksgriff gewesen. WĂŒrde meine GlĂŒcksstrĂ€hne nun reiĂen? Da vibrierte mein Handy. Emily war am Telefon. Ich hatte ihr am Morgen eine SMS geschrieben. Sie erklĂ€rte, ich könnte zwar nicht bei ihr schlafen, aber ein Bekannter vor ihr, Josh, wĂŒrde mich bestimmt aufnehmen. Sie gab mir seine Nummer, ich bedankte mich ĂŒberglĂŒcklich bei ihr und rief ihn sofort an. Ich erklĂ€rte Josh meine Situation und er sagte entspannt: âKein Ding. Ist gerade ein bisschen voll hier im Haus, aber wir kriegen dich schon unter.â Er gab mir seine Adresse, ich sprach ihm meinen Dank aus und legte auf. Als Ausdruck meiner Freude machte ich einen Luftsprung. Sarah sah das, lachte, und dann lachte auch ich. Die Uhr zeigte inzwischen 12:30. Zeit zum Mittagessen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gab es einen Supermarkt. âMagst du GemĂŒselasagne?â, fragte ich Sarah. Sie bejahte und ich ging einkaufen. Eine Stunde und dreiundzwanzig Minuten spĂ€ter stand eine Auflaufform mit viel zu viel Lasagne auf dem Tisch. Zusammen schafften wir nicht einmal ein Drittel. Da hatte ich mich beim Kochen knapp verkalkuliert. Lecker war es trotzdem. âBrent wird sich freuen, wenn er von der Arbeit kommt. Dann muss er nicht kochen.â, versicherte Sarah, als sie die âResteâ abdeckte. Ich packte meine Sachen zusammen, bereitete den Drahtesel vor, verabschiedete mich von Sarah und startete in den letzten Tag meiner Tour. Vielen Dank fĂŒr die wunderbare und sehr lustige Zeit bei euch, Sarah und Brent.
Tag 17 â Corbubia bis West End
Fahrzeit: 2:10:25h
Distanz: 37km
Schnitt: 17km/h
Höhenmeter: 427m
Die Fahrt nach West End, einem sehr angesagten Stadtteil Brisbanes, bereitete mir vor allem am Anfang keine groĂe Freude. Zweimal schickte mich Meister Google direkt auf den Highway. Es dauerte ewig, bis ich endlich den Radweg fand, der mich entlang des Highways in die Stadt fĂŒhren sollte. Langsam ging die Sonne unter.
In der Dunkelheit erreichte ich um 18:45 Uhr das Haus von Josh in West End. Er hatte nicht zu viel versprochen: Bis ich Josh in seiner KĂŒche begrĂŒĂte, traf ich acht verschiedene Menschen. Er zeigte mir mein Zimmer in der Garage, ich richtete mich dort ein und mischte mich unter die Leute. Josh erklĂ€rte mir, dass hier eigentlich nur vier Leute wohnen und Miete zahlen wĂŒrden. Der Rest wĂ€ren Freundinnen und Freunde und Freunde von Freunden. Ein wenig chaotisch, aber es funktionierte. Sein GeschĂ€ftspartner Doug und dessen Freundin Amy hatten gekocht und luden mich zum Essen ein. Das Angebot nahm ich dankend an. Beim Essen erzĂ€hlte Josh, dass er schon zweimal ĂŒber mehrere Monate in Ăsterreich gelebt hatte. Daher sprach er auch ein bisschen Deutsch. Zusammen mit Doug vermittelt er Abenteuer-FlĂŒge. Beide haben einen Pilotenschein. Leider konnte Josh aktuell nicht fliegen, da er sich bei einem Unfall mit dem Motorroller die Schulter gebrochen hatte. Wir tranken noch ein Glas Whiskey und gingen dann ins Bett. Da wurde es mit erst so richtig bewusst: Ich war tatsĂ€chlich in Brisbane angekommen. Etwa 1000km lagen hinter mir. Ăber 3000min auf dem Fahrradsattel. 14 Radfahr- und 3 Ruhetage hatte ich gebraucht. Nun war das Ziel erreicht. Ein groĂartiges GefĂŒhl. Stolz und zufrieden schlief ich ein.
AbschlieĂend noch ein paar Tipps fĂŒr eine erfolgreiche Radtour durch Australien:
1) Nutze Warmshowers, um eine Unterkunft fĂŒr die Nacht zu finden und tolle Menschen kennenzulernen. FĂŒr mich war es ein absoluter GlĂŒcksgriff.
2) Reduziere dein GepĂ€ck. Was brauchst du wirklich? SpĂ€testens am nĂ€chsten HĂŒgel wirst du die Jeans, die du unbedingt noch einpacken musstest, bereuen.
3) Die Halterung von einem 8$-Selfie-Stick mit Kabelbindern am Lenker befestigt spart dir die 80$ fĂŒr eine spezielle Fahrrad-Handyhalterung.
4) Der wichtigste Teil des Fahrrads ist fĂŒr mich der Sattel. Immerhin musst du stundenlang darauf sitzen können. Also spare beim Radkauf nicht am Sattel, so wie ich es getan habe.
5) Auch wenn du einen guten Sattel hast, solltest du auf gepolsterte Rad-Shorts nicht verzichten.
6) Benutze ausreichend Sonnencreme und vergiss beim Eincremen nicht die Ohren. Die australische Sonne hat ganz schön Power.
7) Stelle sicher, dass du ausreichend Wasser dabei hast, und fĂŒlle deine Flaschen immer rechtzeitig auf. An Tankstellen findest du in der Regel WasserhĂ€hne mit trinkbarem Leistungswasser.
8) Auf RaststĂ€tten findest du am Waschbecken oft Schilder mit ânon-potable waterâ (Wasser nicht zum Trinken geeignet). Wie ich gelernt habe, handelt es sich dabei meist um aufgefangenes Regenwasser, das den hohen WasserqualitĂ€tsstandards in Australien nicht entspricht. Du kannst es trotzdem bedenkenlos trinken. Ich hatte damit nie Probleme.
9) Ăndere beim Radfahren immer mal wieder die Position deiner HĂ€nde auf dem Lenker und schĂŒttel sie ab und zu mal aus, damit sie nicht einschlafen.
10) Es kann sicher nicht schaden, wenn du dich ein bisschen farbenfroh kleidest, um auf der StraĂe besser gesehen zu werden. Alternativ befestige ein helles T-Shirt oder eben eine Warnweste hinten am GepĂ€ck. Ich habe mich damit etwas sicherer gefĂŒhlt.
11) Wenn du im Sommer auf SchotterstraĂen unterwegs bist, trage einen Schal oder ein Tuch ĂŒber Mund und Nase, damit du nicht den ganzen trockenen Staub einatmest.
12) Verlass' dich nicht immer auf Google Maps. Wenn du dir unsicher bist, schau' dir die Route lieber noch mal im Detail an und nimm im Zweifel einen Umweg in Kauf. Ansonsten ist Google Maps aber bedenkenlos zu empfehlen.
13) Soweit es möglich ist, teile dir deine Tagesetappen sinnvoll ein. Ich selbst habe in den ersten Tagen viel zu viel gewollt und war nach einer Woche total platt. Zu Anfang hÀtten 50-80km am Tag vollkommen ausgereicht.
14) Manchmal weisen Schilder darauf hin, dass in einer bestimmten StraĂe oder Gegend Magpies brĂŒten. Umfahr' diese Gegenden weitrĂ€umig, wenn möglich. Ansonsten habe ich von drei Tipps gegen Magpie-Attacken gehört:
14.1) Klemm' eine Sonnenbrille hinten an deinen Helm. Angeblich greifen Magpies nie von vorne an. Wenn du also hinten und vorne eine Sonnenbrille trÀgst, greifen sie offenbar nicht an.
14.2) Wirf BrotkrĂŒmel hinter dich, wenn du angegriffen wirst. Die Magpies interessieren sich dann eher fĂŒr das Essen als fĂŒr dich.
14.3) Befestigte Kabelbinder an deinem Helm, dass sie wie lange Dornen abstehen. Sieht albern aus, aber wenn die Magpies angreifen, kommen sie nicht bis an den Helm ran.
15) Hab' immer ein paar Bonbons als Motivation in der Hosentasche.
16) Wenn du nur kurz in ein CafĂ© oder einen Laden gehst, wo du dein Fahrrrad noch im Blick hast, kannst du deinen Helm zum AbschlieĂen benutzen. Schnall' ihn einfach an das Vorderrad. Sollte jemand dein Rad klauen wollen, muss er erst einmal den Helm abnehmen. Oder er wird sich wundern, warum das Vorderrad blockiert. Das verschafft dir ausreichend Zeit, um ihn aufzuhalten.
17) GenieĂ' deine Umgebung und lass dir Zeit. Das Tempo bei so einer Radtour gibst du selbst vor. GefĂ€llt es dir an einem Ort, halt' an, steig' ab und erkunde. Magst du die Gegend nicht, gib Gas. Du bestimmst.
Weiter geht es in Brisbane. Was ich dort so alles erlebe, erfahrt ihr im nÀchsten Eintrag.