Leute, was hält ihr von meinem „Roman-einblick“?
Die Fremde
Sie stand einfach da. Starrte.
Sie wollte es nicht glauben, nein, sie konnte es nicht glauben. Ihre Augen, vom Weinen geschwollen, versuchten sich zu weigern, das Bild vor ihr zu erfassen. Doch es war da. Glasklar. Und es war nicht er.
Nicht der, den sie liebte. Nicht der, der ihr einst das Gefühl gegeben hatte, endlich gesehen zu werden.
Vor ihr stand ein Fremder oder schlimmer noch: er selbst, nur mit einem anderen Gesicht. Kalt, leer, verräterisch.
Und neben ihm:
Sie.
Diese fremde, schöne Frau.
Als sie den Blick hob, war der Tag längst vergangen. Die Nacht hatte den Himmel verschluckt. Aber diesmal war die Dunkelheit anders, dichter, schwerer, als würde sie von innen kommen.
Sie lief. Einfach los. Ohne Ziel, ohne Richtung. Nur weg. Weg von diesem Ort, der so viel Hoffnung getragen hatte. Und jetzt nur noch Gift in sich trug.
Die Straßen lagen still, als hätte die Welt begriffen, dass es keinen Sinn mehr machte, Geräusche zu machen. Am Horizont veränderte sich etwas. Sie hob den Kopf. Da war ein Rauschen.
Je näher sie kam, desto lauter wurde es.
Die Luft veränderte sich, sie war schwerer, salziger, klebrig vom Schmerz.
Dann stand sie da. An den Klippen.
Unten das Meer, das schluchzte wie sie.
Der Wind spielte mit ihrem Haar, als würde er sie trösten wollen. Doch er war kalt.
Gnadenlos.
Sie starrte in die Ferne, dorthin, wo das erste Licht des Morgens sich zaghaft durch das Schwarz drückte.
Aber in ihr blieb es finster.
Die Sonne konnte ihre Brust nicht erreichen, dort, wo der Schmerz brannte wie glühende Kohlen.
Es wollte einfach nicht aufhören.
Nicht das Zittern. Nicht das Weinen.
Nicht die Bilder in ihrem Kopf.
Diese Welt war falsch.
Selbstsüchtig. Laut. Hart.
Seit ihrer Geburt hatte sie das gespürt, nie hatte sie wirklich dazugehört.
Nie war jemand für sie da gewesen. Bis er kam.
Und selbst er, der Beste unter den Schlechten, hatte ihr das Messer in den Rücken gerammt.
Jetzt war niemand mehr da.
Keine Familie.
Keine Freunde.
Keine Kraft.
Sie sank auf die Knie, die nackten Füße wund vom Gehen.
Ihre Lippen zitterten, als sie seinen Namen flüsterte. Doch er kam nicht.
Nur das Bild blieb…
er mit ihr.
Ein letzter Gedanke durchzog ihren Kopf, wie eine leise Bitte:
Warum muss ich überhaupt existieren?
Sie trat nach vorn.
Die Tiefe vor ihr war schwarz, aber sie fürchtete sie nicht.
Sie lächelte.
Denn endlich würde es still sein.
Endlich würde niemand mehr von ihr verlangen, stark zu sein.
Mit einem letzten Atemzug gab sie sich der Dunkelheit hin.
Und ließ los.











