Eines Nachts hatte die Perfektionistin einen Traum. Ihr war, als würde sie über dem Sternenhimmel schweben und auf die Welt hinab blicken. Wie durch eine Kameralinse konnte sie ihr Blickfeld beliebig variieren, sowohl die Größe als auch die Schärfe. Und sie sah, wohin sie sah, nur Perfektion auf Erden.
Alle Welt kannte den Unterschied zwischen dem „gleichen“ und dem „selben“. Niemand sagte mehr „es bringt sich nichts“. Der falsche Apostroph aus „Souvenir‘s“ wurde vollständig verbannt. Nirgends war mehr ein Beistrich zu viel oder zu wenig. Die Grammar Nazis hatten die Kontrolle über die Bildungsinstitutionen. Wörterbücher mit Anglizismen, Neologismen und anderem „entarteten“ Inhalt wurden feierlich verbrannt. Analphabeten und Legastheniker sperrte man weg. Über den Schultoren stand geschrieben „Grammatik macht frei“.
Maler, Schriftsteller und Musiker kreierten nur mehr gänzlich vollkommene Werke, deren Perfektion keine eigenen Interpretationen mehr zuließ. Wissenschaftler wurden arbeitslos, da man bereits alles (besser) wusste. Jede erdenkliche technologische Erfindung ist bereits alltäglich. Das gesamte Universum mit all seinen Geheimnissen war schon längst entdeckt worden. Es gab kein Bedürfnis nach Verbesserung. Durch die Kameralinse der Träumenden war die Realität nicht mehr als ein Standbild.
Kapitalistische Ausbeutung und kommunistische Knechtschaft kannte man nicht; jeder lebte in Freiheit und Fülle. Boutiquen mussten keine falsche Schönheit propagieren, da jeder Mensch pränatal durch exakte genetische Massenmodifizierungen den ästhetischen Idealen entsprach.
Der Konsum von Drogen war sicher und legal, die Einnahme der Substanzen wurde vom Weltstaat gefördert. Es war das populärste Mittel, das Zeitvertreib versprach und gleichzeitig ein Abgleiten in den Wahnsinn unterband. Betäubt saßen Familien nach dem Essen beisammen zum abendlichen Halluzinieren.
Irgendwo in einer symmetrischen, farblich perfekt abgestimmten, blitzsauberen Wohnung saß eine Frau und blickte mit leeren, makellosen Augen und vom Rausch geweiteten Pupillen in eine Welt, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Eine Welt, in der sich Menschen für ihre Makel liebten. Eine Welt, in der man Fehler machen durfte und aus ihnen lernte. Eine Welt in der das stete Streben nach illusionierter Perfektion die Schönheit des Lebens ausmachte.
Am nächsten Morgen erwachte die Perfektionistin mit Schweiß auf der Stirn und wollte keine mehr sein.
Nach einem halben Jahr Arbeit mit unzähligen Korrekturen ist er nun endlich fertig. Mein bisher politischster Text mit dem bisher schwierigsten Format und den bisher meisten verschütteten Emotionen.
„Meine Herrschaften, gehen Sie“, brummte der Fleischberg in Amtstracht während er sich sichtlich schwermütig aufrichtete. Als sich niemand rührte und eine Schar irritierter Äuglein zurückgaffte, brüllte der Richter zornig: „Hinausscheren sollen Sie sich, Herrgott-nocheinmal!“. Dann fiel die Gerichtssaaltür mit einem Knall ins Schloss.
Der feiste Richter schnaufte durch den langen Hauptkorridor des Justizpalastes und pflügte durch die Masse von Mitarbeitern wie ein Hai durch einen Sardinenschwarm.
Ein kleiner Büttel drückte sich gehetzt durch die Ansammlung. Schwer atmend lief er neben dem Richter her, zwischendurch den unzähligen schwarzgekleideten Advokaten ausweichend.
„Ich habe hier die pensa facta für Sie, euer Ehren“, piepste er.
„Hm? Was meinst du damit? Drück dich verdammt nochmal in einer verständlichen Sprache aus!“, murrte der Richter.
„Die Protokolle, die Sie von mir forderten, euer Ehren.“
„Nein, nein, nein! Du solltest mir doch eine anständige Arbeit abgeben, du dummer Kerl“, tobte der Richter, ohne dem kleinen Büttel oder den Dokumenten auch nur einen Blick zu schenken.
„Aber euer Ehren, Sie meinten doch, ich hätte freie Wahl bei der …“
„Willst du mir etwa einen Fehler unterstellen?“
„Selbstverständlich nicht, euer Ehren. Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam …“
„Veni, vidi, violini. Schreib das neu!“
„Jawohl, euer Ehren.“
Der kleine Büttel verzögerte und wollte sich soeben abwenden.
„Ach, noch etwas … Büttel! Herkommen sollst du!“
Gehorsam trippelte er dem Richter hinterher und holte ihn keuchend wieder ein.
„Euer Ehren wünschen?“
„Hast du schon von deiner Kollegin, Fräulein Stummlieb, gehört?“
„Hätte ich etwas hören sollen, euer Ehren?“
„Elefantenohren, Büttel! Du sollst immer mit Elefantenohren durch die Welt gehen.“
„Jawohl, euer Ehren.“
Ein verschwitzter Advokat kam ihnen entgegen und versuchte die Aufmerksamkeit des Richters einzufangen indem er aufgeregt auf ihn einredete. Anscheinend hatte er eine wichtige Botschaft zu überbringen. Der Richter überhörte ihn.
„Nun, das Fräulein hat gekündigt. Sie sagte, ihr hättet eine Meinungsverschiedenheit gehabt.“
Der kleine Büttel versuchte seine Verwunderung zu verbergen. Er hatte immer ein gutes Verhältnis zu seiner Kollegin gepflegt. Sie würde bestimmt nicht seinetwegen die Abteilung verlassen.
„Ich wüsste nicht, was sie …“
„Sei still! Versuch erst gar nicht mich anzulügen“, unterbrach ihn der Richter.
Ein junger Kollege lief vorbei und versuchte jedem Blickkontakt wie Giftpfeilen auszuweichen.
„Na, Grabtreu? Hat deine Frau dich schon wieder betrogen?“, spottete der Richter.
Der Kollege klammerte sich an seine Aktentasche, als wolle er sie als Schild benutzen. Er wollte gerade sagen, dass er eigentlich Grabfreu hieße und dass er immer noch ledig sei und dass er seine Vorgesetzten satt hatte. Aber stattdessen tat er so, als hätte er nichts gehört und hastete weiter.
„Brauchen Sie mich noch, euer Ehren?“, fragte der Büttel nervös.
„Ja. Die Hausordnung wurde um zwei Absätze ergänzt. Irgendetwas mit ‚moralischem Arbeitsrecht‘ oder ‚rechtmäßiger Arbeitsmoral‘. Schreib mir eine Zusammenfassung! Ein wenig Moral hast du bitter nötig, Büttel.“
„Jawohl, euer Ehren“, sagte der kleine Büttel und machte sich wieder auf den Weg in sein enges Büro. Der Richter trat mit schweren Schritten aus dem Justizpalast.
Plötzlich hielt ein schwarzer Wagen vor der Eingangsstiege und der Chauffeur öffnete einem hochgewachsenen Anzugträger die Tür. Der Richter stolperte hastig die Stufen hinunter und verbeugte sich so tief es ihm sein Bauch erlaubte. Ohne den Blick zu heben keuchte er: „Herr Minister! Es ist mir eine ausgesprochene Ehre Sie begrüßen zu dürfen! Ich habe mich den ganzen Tag persönlich mit Ihrem Anliegen beschäftigt und ich denke, eine Lösung gefunden zu haben. Bitte, folgen Sie mir, Herr Minister! Wollen Sie eine Erfrischung? Ich lasse sofort etwas bringen. Nein, wissen Sie was? Ich bringe es Ihnen selbst, Herr Minister! Der Anzug steht Ihnen. Wie geht es Ihrer Frau?“.
„Danke, Herr Jurist. Ich finde mich zurecht“, sagte der Minister und zündete sich im Vorbeigehen eine Zigarre an, während der Richter unbeachtet zurückblieb.
Du bist wie ein Railjet in mein Leben gerast. Hast von 230km/h runtergebremst und auf Bahnsteig zwei außerplanmäßig gehalten. Vielleicht hätte ich vorher auf die Anzeigetafel sehen sollen, dann hättest du mich nicht so überrascht.
Zuerst dachte ich, du würdest nur einen kleinen Zwischenstopp einlegen. Kurz mal deine Türen öffnen, wieder schließen und dann zischend davon rollen. Aber wegen eines technischen Gebrechens bist du länger geblieben. Du hattest keinen Schlafplatz und eine ungeöffnete Flasche Gin. Du hast Rotz geheult, über deinen Ex und deinen abgebrochenen Fingernagel geschimpft. Deine verschmierte Schminke verwusch zur Kriegsbemalung und einen Ohrring hast du auch verloren. Die Laufmasche in der kohlschwarzen Strumpfhose war dir egal.Ich hatte kein Ticket und wollte eigentlich nicht einsteigen. Aber du hast mich angesehen unter leuchtenden Tränen. Nur diese eine Station. Nur diese eine Nacht.Filmriss.
Wir schwankten zusammen am Brückengeländer entlang. Über uns war es zeitlos schwarz. Der Fluss rauschte wie ein Röhrenfernseher. Ich stolperte und obwohl du mich aufgefangen hast, fühlt es sich noch immer so an, als würde ich fallen. Unsere Tunnelblicke trafen sich.Wir schlangen unsere Arme umeinander, pressten unsere verklebten Lippen aneinander, dann unsere Zungen ineinander. Ich stellte mir vor, wie ich von der Brücke stürze und fragte mich, ob du mir hinterher springen würdest.
Filmriss.
Du liegst immer noch neben mir, irgendwo zwischen Schlaf und Koma. Die Morgensonne sengt viel zu früh durchs Fenster.Ich lege meinen Kopf auf deine Brust. Sie ist feucht, benetzt mit heißem Schweiß. Ich streiche langsam deinen Bauch hinunter. An einer Stelle ist er klebrig. Blaue Flecken zieren deinen Hals. Ich vergrabe meine Hand in deinem Haar. Rot wie Rotweinkotze, fettig, verfilzt und wunderschön. Es stinkt nach Rauch und Mitternachtsdöner. Irgendwo darunter versteckt sich noch der süße Geruch deines Parfums.Ich fühle mich, als hätte ich meine Haut ausgezogen und die Kleidung angelassen. Angenehm kaputt. Gedanken sind nur mehr Wirbel. Bin ich auf einem Trip oder verliebt?
Ich schließe die Augen und bin wieder am Bahnhof. Du stehst vor der Rolltreppe und wendest mir nur deinen Rücken zu. Der Lautsprecher knackt. Dieser Zug wird als Kurzzug geführt.
Katrin und Paul trafen sich in einer Bar. Das Lokal war klein und verraucht, die wenigen Gäste balancierten betrunken auf den Barhockern. Im Hintergrund schallte nerviger Pop aus den Lautsprechern. In einer dunklen, gemütlichen Ecke setzten sie sich gegenüber. Er bestellte Whisky, sie ein Bier.
„Schön, dass wir es endlich geschafft haben“, sagte Paul und lächelte. Katrin lächelte zurück und zündete sich eine Zigarette an. Sie trug eine weiße Bluse und eine farblich passende Perlenhalskette. Ein geschmackvolles Armband glitzerte an ihrem Handgelenk. Ihr blondes Haar zitterte leicht im Zug des Deckenventilators. Ihre tiefblauen Augen funkelten ihn mit erwartungsvoller Neugier an.
Paul hatte sie auf Facebook kennengelernt, in einer Studentengruppe. Ganz unromantisch. Er hatte ihr zuerst geschrieben unter dem billigen Vorwand, dass er eine Lektorin für seinen Fachartikel suche. Die junge Germanistikstudentin war ihm von Anfang an sympathisch gewesen. Nachdem er ihre Profilfotos, Statusbeiträge und abonnierten Seiten durchstöbert hatte, konnte er sich ein gutes Bild von ihr machen. Sie liebte exotische Reisen, lange Wanderungen, schwitzige Festivals, Konzerte und Partys, bei denen sich Paul nie blicken lassen würde. Aber genau deshalb gefiel sie ihm so gut. Vielleicht waren Katrins Abenteuerlust und ekstatischer Lebensstil genau die Abwechslung, die er gerade brauchte.
Ein verschlafener Kellner stellte die Getränke auf den Tisch. Katrin schüttelte den Kopf und beschwerte sich neckisch über Pauls Trinkvorlieben. Whisky sei ein Schnöseldrink. „Und Bier ist rein statistisch gesehen ein Männergetränk“, entgegnete er grinsend.
Katrin gefiel dieses Grinsen. Sie wusste nicht was es war, aber Paul hatte etwas Anziehendes an sich. Nicht, dass er überdurchschnittlich attraktiv war. Eigentlich mochte sie keine Männer mit langen Haaren und Schnauzbart. Und sein Modegeschmack war praktisch nicht vorhanden. Mit diesen alten Second-Hand-Hemden und den weiten, zerrissenen Jeans sah er schon fast aus wie ein Obdachloser. Es war dieses ehrliche Lachen, das sich über sein unrasiertes Gesicht wie eine Welle ausbreitete, diese lockere Haltung und innere Gelassenheit, die Katrin faszinierten. Mit seiner schrägen Art und seiner gefuchtelten Gestik verwandelte er jedes Gespräch in ein visuelles Abenteuer. Er sah einem verschrobenen Maler ähnlicher als einem Teilzeitkoch mit abgebrochenem Psychologiestudium. Obwohl sie zuerst nicht viel von ihm gehalten und seine Absicht sofort durchschaut hatte, war sie froh, sich doch auf dieses Date eingelassen zu haben. Er hörte ihr interessiert zu und gab manchmal einen witzigen Kommentar von sich. Sie beeindruckte ihn mit einer Erzählung von ihrer journalistischen Zeit in Südafrika. Und so unterhielten sie sich stundenlang, bis ihnen die Gesprächsthemen ausgingen.
Es wurde spät. Katrin und Paul waren ziemlich betrunken. In diesem Zustand begann Paul immer zu philosophieren. „… was ich damit sagen will ist, dass es keinen Unterschied macht, ob dein Glas halb voll oder halb leer ist. Hauptsache es ist was drin“, lallte er. Eigentlich quasselte er nur mehr, um peinliche Pausen zu vermeiden. Er begann immer mehr abzudriften und konnte sich kaum noch auf Katrin konzentrieren. Er mochte sie wirklich gern und war ursprünglich mit der Intention hergekommen, „eventuell“ mit ihr zu schlafen.
Doch jeder Schluck Whisky machte das Vergessen schwerer. Wenn Katrin kicherte, hörte er stattdessen ein anderes Lachen, wenn sie sich die Haare zurückstrich, sah er für einen Augenblick die Bewegungen einer anderen Person und immer wieder glaubte er einen vertrauen Blick auf sich zu spüren. Dieser Schatten, der sich mit jedem Schluck auf ihn legte, war Natalie.
Es ist schon zwei Jahre her, sie waren nur einige Monate zusammen, aber diese Frau hatte ihn in eine feurige Grube gestoßen, in der er langsam verglühte. Er sah ihr Gesicht in der U-Bahn und beim Einkaufen, vor dem Einschlafen und in seinen Träumen. Sie war wie eine lähmende Krankheit, auf die er kein Heilmittel finden konnte. Die inneren Narben platzten wieder auf und ließen brennende Gefühle herausbluten. Die Melancholie trieb ihn in den Wahnsinn. „Noch einen!“, rief Paul in Richtung Bar nachdem er einen großen Schluck seines Betäubungsmittels hinuntergespült hatte.
Sie wusste, dass sie nicht zusammenpassten. Es war schon länger her, dass Katrin in einer fremden Wohnung aufgewacht war. Diese One-Night-Stands waren ja doch irgendwie bedeutungslos.
Als Paul nichts mehr zu sagen hatte, erinnerte sie sich unfreiwillig an all die verpassten Chancen. Ihr Leben war schon lange zu einem Gefängnis aus Verzweiflung und Selbsthass geworden. Nichts war mehr übrig von dem jugendlichen Idealismus, der sie antrieb, dem Willen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Katrin wollte aus der Gefangenschaft ausbrechen, dem Alltag entfliehen und ihre wahren Leidenschaften entdecken.
Doch sie starrte nur gedankenverloren ins Leere und träumte von einer anderen Version ihrer Selbst. Ihr Körper fühlte sich hohl an, als ob er jeden Moment in sich zusammenfallen könnte. Zitternd drückte sie ihre Zigarette aus. Paul hatte sie schon komplett vergessen. Ab und zu täuschte sie ein Lächeln vor.
Katrin versuchte das Etikett von ihrem Bier zu pulen, scheiterte jedoch und kratzte irgendwann nur mehr darauf herum. Paul indes blies den Zigarettenrauch so in die Luft, als wollte er sich darin einhüllen und verstecken.
Sie schwiegen, jeder in seinen Gedanken versunken. Je länger sie so dasaßen, desto größer wurde die Leere zwischen ihnen, die sie mit Alkohol und Tabak zu füllen versuchten. Mit jedem Atemzug entfernten sie sich weiter voneinander.
In der Bar war es still geworden. Die anderen Gäste hatten das Lokal schon längst verlassen. Manche als Freunde, manche als Verliebte. Katrin und Paul blieben sitzen. Allein.