"Es rächt sich alles im Leben."
Ich wollte es als "Teenager" nicht daran glauben, aber mittlerweile, bin ich an den Punkt, an dem ich daran glauben MUSS.
Ihr habt da sicherlich ähnliche Erfahrungen, mit euren Eltern. Denn die haben schließlich immer Recht. Früher oder später, oder wie meine Mama immer wieder sagt: "Es rächt sich alles im Leben."
Aber worauf will ich hinaus?
Auf die Tatsache, dass ich mich derzeit viel von mir selbst, in meinem Sohn wiederfinde. Dinge, die ich als Kind gemacht habe, die für mich damals kein Problem waren, aber für meine Eltern die Hölle auf Erden.
Heute rächt sich alles. Nur mit dem Unterschied, dass ich nun in der Position meiner Eltern bin und absolut verstehe, wie sie sich damals gefühlt hatten.
Aber beginnen wir erst einmal am Anfang der Woche. Montag.
Es hatte mega abgekühlt und seit langem mal wieder aus Eimern geschüttet. Der Garten hat sich sicherlich gefreut, nachdem er in der Hitzephase echt gelitten hatte. Ich habe Lucas extra einen großen Regenschirm mitgebeben - weil wir sein Regencape nicht auf Anhieb so schnell gefunden hatten xD - damit er immerhin relativ trocken in der Schule ankommt.
Ja… was soll ich sagen? Er kam recht trocken an und auch wieder heim. Dafür hat der Rucksack echt einen abbekommen!
Ich weiß immer noch nicht, wie er das geschafft hat. Unter welchen Umständen es sein kann… dass all seine Schulbücher und Hefte "nur" unten nass geworden sind. Erst war der Gedanke da, dass der Regen über den Reißverschluss reinkam. Aber dann wären ja die Sachen oben nass, bzw. von oben bis unten durchnässt und nicht allein nur unten. Und die Bücher waren auch nicht auf dem Kopf gewesen, als wir sie rausholten.
Die einzige logische Erklärung wäre daher, dass der Rucksack eventuell ins Nasse gesetzt wurde und das eben von unten reinkam. Obwohl Lucas das vehement bestreitet.
Im Endeffekt hat die Woche also damit begonnen, dass wir zu dritt, am Wohnzimmertisch gesessen hatten, um erst mal alle Schulsachen zu safen! Jedes Buch, jedes Heft, jeder Schnellhefter - Seite für Seite durchgegangen und an den nassen Stellen, jeweils ein Küchenpapier dazwischen gelegt.
(Ich hätte Fotos machen sollen. Wie die Bücher aussahen danach, mit dem ganzen Papier… so crazy xD! Wir haben drei Küchenrollen vernichtet :'D)
Die Schule hat erst wieder vor zwei Wochen gestartet und jetzt schon alle Bücher beschädigt. Aber immerhin, hatte ich sie ja eingebunden. Das wäre denke ich dann Schlimmer ausgefallen.
Das hat uns im übrigen den ganzen Montag gekostet und auch noch am Dienstag waren leider die Bücher nicht trocken. So dass ich für ein Fach, gar eine Entschuldigung schrieb an eine Lehrerin. Für Naturwissenschaften war das Buch echt noch zu angeschlagen, als dass ich es Lucas mitgegeben hätte. Damit er eben kein Ärger bekommt, wenn er es nicht dabei hat.
Zudem war ich schon um 6 Uhr wach, eine Stunde früher als sonst. Weil wir ja alle Tücher noch entfernen mussten. Wobei ich auch prompt zuerst völlig vergessen hatte meiner Mama zum Bday zu gratulieren D:
Das war am Morgen echt bisschen stressig gewesen. Dafür haben wir den örtlichen Bäcker unterstützt und dort mal ordentlich Asche dagelassen!
Zwetschge- und Käsekuchen, Brötchen in dreifacher Ausführung, Teilchen und natürlich zwei leckere Latte Macchiatos <3 (Mein Mann trinkt ja nicht so gerne Kaffee…)
Wieder Zuhause war es dann doch ein schöner Morgen gewesen und Mama hat sich riesig gefreut über ihr kleines Geschenk. Es war wirklich nichts Großes. Etwas Dekoratives mit unechten Blumen :D Früher hat sie sowas überhaupt nicht gemocht. Heutzutage hat sie das sogar lieber, weil ihr immer die Zimmerpflanzen verrecken - Außer ihre Orchideen natürlich.
Aber kommen wir zum eigentlichen Ausgangspunkt zurück. Meine Mum sagt mir gegenüber immer "Alles rächt sich im Leben."
Am Samstag habe ich genau das zu spüren bekommen.
Lucas war zu einem Geburtstag eines Freundes eingeladen gewesen und das war mehr als chaotisch gewesen. Schon im Vorfeld.
Die Idee die Kids in einen Indoor Spielplatz mitzunehmen, war auf jedenfall eine tolle Idee! Aber an der Umsetzung… naaa ja.
Auf der Einladungskarte stand zwar die Adresse vom Indoor Spielplatz, aber keinen Hinweis darauf, ob man sich dort traf, oder es einen anderen Treffpunkt gibt. Sonst stand nur Uhrzeit von wann bis wann und eine Handynummer des Vaters drauf. Ich hab Lucas über die Woche hinweg dauernd eintrichtern müssen, dass er doch mal nachfragen sollte. Da wir nicht mobil sind und ich niemanden über die Nummer erreichen konnte.
(Wozu schreibt man eine Handynummer dazu, wenn nie einer rangeht?!)
Freitag wurde dann ausgemacht, dass sein Freund ihn an der Schule abholen kommt. Leider… weil Lucas ein Kopf hat, der offenbar nicht mitdenkt, wurde da nur keine Uhrzeit ausgemacht!
Ich weiß manchmal nicht, wo seine Gedanken sind. Zu meiner Zeit war das Gang und Gebe, alles zugleich abzuklären. (Von mir hat er das jedenfalls nicht! xD) Und auch wenn ich ihn ständig damit genervt habe, hat er es nicht Zustande gebracht, seinen Freund anzurufen und nachzufragen.
Ich also… Samstag morgen. Um acht Uhr hab ich ihn aus dem Bett geworfen. Die eigentliche Zeit auf der Einladung war 9:30 Uhr. (Wobei der Spielplatz erst um 10 Uhr aufmachte… und der auch eine Stadt weiter war.)
Einem halbschlafenden Kind dazu zubringen, endlich mal da anzurufen, war das schon ein Krampf. Aber das Gespräch zwischen den beiden Kids, war dafür noch verwirrender.
Lucas hat die Fähigkeit so viele Fragen auf einmal zu stellen, dass der Gegenüber einfach verwirrt wird und dann kommt so ein Chaos raus:
Lucas: "Wann soll ich kommen?"
Freund: "Ja… um 9:12 kommt die Bahn."
Lucas: "Also kann ich jetzt kommen?"
(Da hab ich schon die Ohren gespitzt, weil es ja wie gesagt erst 8 Uhr plus-minus war und wenn die Straßenbahn 9:12 kommt, macht das gar keinen Sinn, so früh loszugehen. (Der hat zur Schule 10 Minuten)
Freund: "Ja, so in fünf Minuten bei mir."
(Mein Gedanke: Wollte er ihn nicht abholen?!?)
Ich schon am Kopf schütteln, da hat er schon aufgelegt. -.-
Ich seh ihn an, er wiederholt nochmal alles, obwohl ich alles über Lautsprecher mitgehört habe und sag nur zu ihm:
"Dir ist schon klar, dass du noch einen Schlafanzug trägst, keine Haare gekämmt, keine Zähne geputzt, eigentlich noch komplett unfertig bist und willst in fünf Minuten da sein?!"
Der hat mich angeguckt, wie ein Auto und hat kein Wort mehr rausgebracht. xD Hinzugefügt habe ich: "Außerdem wollte er dich an der Schule abholen. Du rufst da jetzt nochmal an und fragst nur das nach."
"Aber Mama… das ist voll peinlich, wenn ich da jetzt nochmal anrufe!"
Mir war das total egal. Er will wohin? Also muss er sich auch drum kümmern und zwar so, dass es auch reibungslos funktioniert! Hat er dann auch… auch wenn ich bisschen damit gedroht habe, dass ich anrufe. Das wollte er natürlich noch weniger xD!
Er hat also brav nochmal angerufen und soweit abgeklärt, dass er 8:40 Uhr an der Schule sein soll. Zu dem Zeitpunkt war es dann natürlich schon 25 nach acht. Lucas hat's trotzdem geschafft, sich umzuziehen, sich frisch gemacht, nur zum Frühstück hatte es nicht gereicht. Ich hab ihm stattdessen Geld mitgegeben. Kann er sich an der Zwischenhaltestelle etwas beim Bäcker holen.
Dann war er ausm Haus und ich einen ruhigen, halben, freien Tag - Dachte ich.
Gegen 15 Uhr hätte das alles gehen sollen. Ich habe Lucas extra gesagt, er solle sich mal zwischendrin melden. Und jetzt kommen wir zum Knotenpunkt mit "Alles rächt sich im Leben."
Es war natürlich vorauszusehen, dass er sich nicht meldet. Hab ich früher auch nicht, weil ich es schlicht und einfach vergessen habe. Man denkt sich da nicht viel bei, als Kind. Denn es ist ja alles gut.
Nur der Unterschied, wenn ich damals gesehen habe, dass meine Mama mich schon fünfmal versucht hat anzurufen und drei SMSe geschickt hat, hab ich immer gleich zurückgerufen, sobald ich es eben gesehen hatte.
Das hat Lucas irgendwie komplett übergangen. Schlimmer noch: Ich hab ihn zu gebombt mit WhatsApp Nachrichten und… die beiden blauen Haken waren da! Und trotzdem ging er nicht ran, oder schrieb zurück.
Gegen 16 Uhr rum, habe ich fast im Minutentakt versucht anzurufen. Meine Mum hat das eher auf die Schippe genommen, wie ich im Dreieck gesprungen bin. Ich hab mir eben Sorgen gemacht! Und sie sagt nur:
"Ich will ja nichts sagen,… ich hab's dir aber gesagt. Alles rächt sich im Leben. All das, was du früher als "nicht schlimm" bezeichnet hast, erlebst du jetzt selbst. Jetzt weißt du, wie wir uns immer gefühlt haben, wenn wir Stunden nichts von dir gehört haben."
Ja. Ja! Ich versteh es jetzt natürlich auf einem ganz anderen Niveau! Denn es ist das eigene Kind, dass man nicht mehr erreicht und die Sorge um das Wohlergehen kommt einfach von ganz allein.
Man fühlt sich einfach machtlos und macht sich die absurdesten Gedanken, was passiert ist. Dass es schon eine Stunde über der Zeit ist und er eigentlich schon Zuhause sein müsste. Dass er meine Nachrichten liest, aber nicht zurückschreibt. Da habe ich ernsthaft gedacht, er hat sein Handy bestimmt wieder irgendwo in der Bahn liegen gelassen und jemand anderes hat's mitgenommen. (Das ist ihm bereits zweimal passiert!! Zum Glück haben wir es immer wieder bekommen… - Das Ding will bestimmt auch niemand haben… SpiderApp und so XD)
Aber diese verrückten Gedanken, machen deinen Kopf einfach mürbe. Das letzte Mal, dass ich solche Gefühle hatte war, als ich ihn an der Grundschule abholen wollte. Ich war etwas spät dran, weil ich davor noch einen Arzttermin hatte und er dann einfach nicht an der Schule war. Da ist er einfach alleine nach Hause. Hatte aber einen anderen Weg genommen, so dass wir uns verpasst hatten. Ich kam auch mega fertig Daheim an und wollte schon die Polizei anrufen! Da saß er schon auf der Couch mit Oma und hat ein Eis geschlemmt… man war ich fertig mit den Nerven!
Und genau so fühlte ich mich am Samstag. Wobei ich immer dachte, ich würde das hinkriegen. Dass die Vertrauensbasis zwischen mir und mein Kind so stark ist, dass ich nicht wegen einer Kleinigkeit aus der Haut springe. Dass ich es anders machen würde, als meine Eltern. Nicht so streng, nicht so eingefahren, nichts so ängstlich.
Aber das hat mir wieder gezeigt, dass es eben nicht so ist und ein kleines bisschen ist es auch gut, dass man so ist. Wenn man es nicht übertreibt.
Man sagt immer, "Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser." Aber das sehe ich nicht so. Weder das eine, noch das andere ist besser, oder gut. Eher: "Beides in der Waage ist optimal." Es gibt Dinge, die wir bei ihm kontrollieren. Wie zum Beispiel den Umgang mit dem Internet. Einige Seiten sind von uns von vornerein gesperrt, andere halt nicht, aber wir wissen auch, was er wo guckt. Wie zum Beispiel in YouTube. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in der Sache soweit ein Vertrauen aufgebaut haben, dass er ganz genau weiß, wenn ihm etwas komisch vorkommt, dass er uns das sagt. Und solange ich keinen Grund sehe, werde ich auch nie in privaten Nachrichten reinschauen, die er mit seinen Freunden teilt.
Meine Eltern haben auch nie in meine Tagebücher reingelesen.
Um nun allmählich zum Ende zu kommen. Lucas schlug erst gegen 18 Uhr auf. In Begleitung mit dem Vater seines Freundes. Der Grund, wieso sie so spät dran waren, waren unglückliche Kettenreaktionen.
Erstens, war es wohl sehr schwierig gewesen die Kids aus dem Indoor Spielplatz raus zu schaffen. Die wollten da wohl übernachten :D
Zweitens, wurde Lucas wohl in der Straßenbahn so übel, dass er sich sogar geweigert hatte in die nächste umzusteigen. Er ist dann mit dem Vater von der Stadtmitte aus, bis zu uns nach Hause gelaufen.
Dann kam Zuhause dann auch noch raus, dass er nicht einmal an seinem Handy war, er aber WhatsApp die gesamte Zeit im Vordergrund hatte, was die Gelesen-Funktion mit den Haken erklärte und da er kein Bildschimschoner hat, wurde die natürlich auch nicht in den Hintergrund verschoben.
Jetzt könnte man ja sagen, wieso hat denn der Vater mich nicht angerufen? Also ich konnte ja niemanden über die Handynummer erreichen, die auf der Einladung dabei stand… und er… ja.. er hatte meine Nummer nicht. Obwohl mir hinterher der Gedanke kam, wenn ich einen Elternteil erreichen müsste und das Kind ja bei mir ist… frag doch das Kind, nach der Nummer. Die werden die doch sicher eingespeichert haben, oder?! Mhm :/
Naja, viel Stress um nichts, aber das hat mich wieder gelehrt, dass die Ängste meiner Eltern damals nicht "nicht schlimm" waren. Das werden sie wohl nie sein. Denn ein Kind bleibt ein Kind. Auch wenn es Erwachsen wird, bleibt es immer noch… dein Kind, um das man sich Sorgen macht. Egal wie klein die Sorge auch ist.
Gehört halt einfach dazu.
Ps: Nein, er bekam natürlich kein Ärger. Ich habe nur versucht ihm zu erklären, wie wichtig mir das ist. Dass es mir hier nicht um Kontrolle geht, oder ihn als "zu klein" sehe, dass er das nicht kann, sondern nur damit ich weiß, dass es ihm gut geht.
Er hat sich super süß entschuldigt und mir versprochen, dass er beim nächsten Mal dran denkt, sich zu melden :3