Keine drei Kreuze
Mein letzter Eintrag ist gar nicht so lange her und doch fühlt sich das - was im Januar alles passiert ist, so weit weg an... Ich habe vor einem Monat meine Mama verloren.
Es kam für uns alle so plötzlich. Ich dachte, es würde ein ganz normaler Sonntag werden. Doch den ersten Satz, den ich an diesem Morgen seitens meines Mannes hörte, war nicht normal. "Daniela. Reg dich nicht auf. Aber es ist was passiert." Und direkt wusste ich was er meinte. Ich hab sofort angefangen zu weinen und nur "Mama!?" geflüstert, während ich noch nie in meinem Leben so schnell ausm Schlaf aufgestanden bin. Eher gestolpert. Im Flur sagte mein Mann mir dann, dass er Mama intern angerufen hatte, um zu erfahren, was sie zum Frühstück haben wollte. Sie ging nicht dran. Was nicht außergewöhnlich war, das passierte öfters. Eben weil sie noch schlief, oder das Telefon aus ihrem Umfeld gerutscht war. Also ist er die Treppen runter und wollte nach ihr schauen. Er durchführte seine übliche Routine. Ins Bad, Rollläden hochziehen. Sie rufen. Keine Antwort. Er betrat das Wohnzimmer im Erdgeschoss. Auch hier ging er zuerst an die Fensterläden. Er rief sie nochmal. Er dachte, sie würde schlafen. Erst als das Sonnenlicht durch das Fenster schien, trat er an ihr Bett und wollte sie an der Schulter leicht rütteln, zum Aufwachen. Und er bemerkte es direkt. Sie war schon eiskalt. Die Starre hatte bereits eingesetzt. Er entschied sich dann, mich zu holen. Und was soll ich euch sagen? Ich hab noch nie in meinem Leben so viel und bitterlich geweint, wie an ihrem Bett. Die eigene warme Hand, auf ihrer kalten Haut. Es muss in den frühen Morgenstunden passiert sein. Vermutlich, als sie noch schlief. Denn das einzige tröstliche war, dass ihr Gesicht völlig entspannt aussah. Vielleicht auch ein leichtes Lächeln hatte. Dome hatte es so schön beschrieben mit den Worten: "Wie, wenn man auf einer Liege liegt und die warmen Strahlen der Sonne genießt."
Ist die Tatsache, dass sie nicht mehr da ist, schlimm? - Ja.
Ist man traurig darüber, dass sie so plötzlich ging? - Ja.
Darf man sich wünschen, es wäre anders gekommen und man hätte noch Zeit mit ihr haben dürfen? - Ja.
Ist man dennoch erleichtert, dass sie so einen friedvollen Tod haben durfte? - Definitiv, ja!
Darf man auch darüber froh sein, dass sie sich jetzt nicht mehr mit ihren Schmerzen an den Beinen herumquälen muss? - Auch das mit einem deutlichen JA.
Aber es bleibt trotzdem schwer. Schwer im Herzen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass jedes Lachen das aus mir herauskommt, unfair ihr gegenüber ist. Oder der Situation gegenüber. Ich habe zusammen mit meinem Mann das letzte halbe Jahr um Besserung gekämpft und es hat einfach nichts gebracht. Wir hatten so viele Pläne. Sie wieder Mobil zu machen, wenn auch mit Rollstuhl. Eine Rampe bauen zu lassen für die Haustür. Mit ihr über die Kirmes zu rollen, sie wieder mehr in unser Leben zu integrieren und vor allem sie an der Außenwelt teilhaben zu lassen. Was uns nur im Weg stand, war Mamas Unehrlichkeit. Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt sagte man uns, dass sie eine dringende OP machen muss an der Herzklappe. Die Medikamente könnten das nicht ewig tragen. Man sprach da von 6 Monaten. Sie wollte diese OP erst nicht, aus Angst. Was ich auch voll verstehen kann, auch wenn es mich traurig gestimmt hatte, hätte ich das akzeptieren müssen. Dennoch haben wir mit ihr darüber gesprochen. Noch im Krankenhaus, bis sie dann doch zustimmt, die OP zu machen, und sie ihrem Arzt bei der morgendlichen Visite bescheid gibt. Mir kam es damals allerdings seltsam vor, dass sie trotz dieser "super wichtigen OP" dann entlassen wurde. Sie meinte zu uns nur: "Ich muss erst fitter werden, die Ödeme müssen verheilt sein, damit mein Herz das besser verkraften kann." - An sich logisch, aber dann auch wieder nicht. Als sie endlich wieder zuhause war, hab ich sie nochmal ausgefragt wegen der OP. Sie gab mir einen Namen eines Arztes, bei dem wir uns dann für ca. Juni-Juli melden sollen, um den OP-Termin auszumachen. Ich hatte es erst so hingenommen und alles erdenkliche Versucht, ihr die Behandlung mit den Beinödemen so angenehm wie möglich zu machen. Wie gesagt, wir hatten Pläne. Mittlerweile weiß ich, dass sie mich und auch meinen Mann angelogen hatte. Sie hatte nie vor, diese OP zu machen. Das hat mir zumindest unser Sohn erzählt, als wir einen Abend sehr offen über alles gesprochen hatten und er war völlig überrascht darüber, als er erfuhr, dass wir von nichts wussten. Vermutlich, hat sie es nur so gesagt, weil sie nicht wollte das ich traurig bin. Sie wollte mich einfach schützen. Wie eine Mutter eben ihr Kind schützt vor unangenehmen Dingen. Vielleicht war sie zu Lucas deswegen ehrlicher. Als Mutter handelt man einfach anders, wie als Oma. Aber manchmal bin ich auch wütend auf sie, dass sie so entschieden hatte, wie sie es getan hat. Ich denke oft daran, dass dieser Todesfall nicht so überraschend gekommen wäre, wenn wir davon gewusst hätten. Wir hatten immerhin diesen einen Funken, das - zwar nicht alles wie früher wird - aber es eine Zeit geben wird, die zum Teil wieder gut werden kann. Das wir noch Zeit mit ihr haben werden und schöne Erinnerungen schaffen können. Das war mit einem Mal vorbei. Zum Schluss dieses Eintrages, teile ich mit euch noch meine persönliche Trauerrede. Ich hab sie geschrieben zwei, drei Tage nach Mamas Tod, um vor allem auch die glücklichen Momente hervorzuheben... und um sie ganz fest zu halten.











