Rituale
Ich weiß nicht, ob Sie jemals Sternstunde Philosophie, ein Programm des Schweizer Fernsehens, gesehen haben. Ich bin dem vollkommen verfallen, verpasse keine Folge. Was aufgrund der Tatsache, dass diese in der Mediathek vorhanden sind, sehr in meine Karten spielt. Sonst hätte ich ja keinen Zugang. In dieser Hinsicht ein Hoch auf Digitalisierung. Auf jeden Fall sind dort immer spannende Gäste zu äußerst interessanten Themen geladen. Zuletzt der Schweizer Pianist und Bandleader Nik Bärtsch, der unter anderem über die positiven Aspekte von Ritualen gesprochen hat.
Dies hat mich dazu gebracht, über Rituale und deren Wirkung in meinem eigenen Leben zu reflektieren. Und in der Tat, sie bereichern mein Leben nicht nur, sondern erden mich auch. Dazu gehört, morgens extra früh in der Dunkelheit aufzustehen, wenn gefühlt die restliche Welt noch schläft, um zuallererst den Kastanienbaum im Innenhof zu grüßen und den Himmel zu inspizieren, ob er klar genug für einen Blick auf Mond und Sterne ist. Danach begebe ich mich direkt in die Küche, um mein Frühstück zuzubereiten, auf das ich mich schon seit dem Schlafengehen freue. Dies muss dann unbedingt auf der Couch mit Zeitung eingenommen werden. Alleine versteht sich, morgens bin ich alles andere als gesellig. Danach geht’s wieder zurück ins Bett, um noch ein bisschen zu kuscheln und im besten Fall noch etwas weiterzudösen. Immerhin ist’s ja noch immer vor der Aufstehzeit vieler Menschen. Im Gegensatz dazu habe ich schon gefühlt viel weitergebracht. Und herst, da lässt es sich dann nochmal so richtig gut schlafen. Als Belohnung sozusagen. Beim erneuten Aufwachen wird sich dann unbedingt bewusst ein wunderschöner Morgen gewünscht. Dann schlürfe ich allerdings eher müde durch die Wohnung, mein ursprünglicher Tatendrang wurde zu einem gewissen Grad ja schon befriedigt. Ja, und auf diese Rituale verzichte ich sehr ungern. Sie wissen ja, wie das ist mit fortschreitendem Alter, da ist man nicht mehr ganz so veränderungsfähig.
Was fällt mir noch Schönes an Ritualen in meinem Alltag ein? Ganz wichtig: Die Radiogeschichten auf Ö1. Die verpasse ich ganz ungern. Da man im Durchschnitt um 11 Uhr vormittags ja nicht unbedingt Zeit zum Radiohören hat, erfreut es mich auch hier, dass man das aufgrund der Mediathek zu jeder Zeit nachholen kann. Was wäre das Leben nur ohne Literatur? Es ist einfach schön, in die unterschiedlichsten Welten einzutauchen. Und noch dazu, wenn diese von jemandem für mich vorgelesen wird. (Nur für mich natürlich. Finde ich toll, dass man sich alles einreden kann.)
Was noch? Freitagsrituale finde ich super. Die den Übergang der Arbeitszeit in die gemütliche Phase markieren. Gerne mit einem Prosecco to go bei der Tastery, um damit durch Wien zu flanieren. Gerne mit einem langen Spaziergang quer durch die Stadt zum Karmelitermarkt, um sich dort mit einem fabelhaften Oktopussalat und einem guten Glas Wein verwöhnen zu lassen. Samstags ein Ausflug zum Bauernmarkt am Yppenplatz, um sich fürs Wochenende einzudecken. Dafür suchen wir auch gerne das Gärtnergschäftl auf. Am Sonntag braucht es unbedingt einen umfangreichen Brunch mit allem Drum und Dran. Spätestens dann bin ich vollkommen im Wochenende angekommen. (Ich sehe schon, Rituale haben bei mir hauptsächlich mit essen und trinken zu tun. Welch Überraschung.)
Ja, und drumherum bleibt man offen für alles. Das darf sich gerne ständig ändern. Also was zeigt mir das? Dass Rituale eine hervorragende Struktur, eine gute Basis sozusagen, für eine allgemeine Flexibilität und Offenheit bieten. Und gleichzeitig außerordentlich glücklich machen. Speziell, wenn bewusst gelebt. Herr Bärtsch, ich bedanke mich für die Inspiration zur Reflexion. Sehr bereichernd.

















