Film-Rezension zu "Faust" (1960)
Ein wahrlich alter Schinken - aber besser wird's nicht
Es war 1960 - ein volles Jahr vor der ersten Singleveröffentlichung der Beatles (Love Me Do) - als Regisseur Peter Gründgens-Gorski die Theateradaption von Goethes Faust I wiederum als Film adaptierte und damit ein Werk für die Ewigkeit schuf.
Die Theateradaption Faust ist natürlich die, bei der Mephistopheles (oder kurz: Mephisto) von Gustaf Gründgens verkörpert wird - dem Adoptivvater des Regisseurs. Zum Zeitpunkt des Drehs war Gründgens bereits 60 Jahre alt, was man ihm keineswegs ansieht. Er war es, der die Forderung stellte, dass dieser Film die "goldene Mitte" zwischen Theaterstück und Film finden müsse - ein Unterfangen, das den Machern dieses Faust-Films zweifellos gelungen ist. Des Weiteren in den Hauptrollen sind Will Quadflieg als Heinrich Faust und Ella Büchi als Margarete. Für den Schnitt verantwortlich war Walter Boos und für die Kamera Günther Anders.
Größtenteils folgt der Film der Handlung von Goethes Faust I sehr genau: Mephisto geht eine Ijobs-Wette mit dem Herrn ein, während der Gelehrte Faust unzufrieden mit seinem Leben als Mensch, der nie in der Lage alle Geheimnisse der Welt (und was sie im Innersten zusammenhält) zu lüften, ist. Mephisto und Faust schließen einen Pakt, der Faust das Höchste der Gefühle versprechen soll. So kommt es, dass Faust sich verjüngen lässt und sich in Margarete verliebt, in der sie das Ebenbild Helenas (bekannt aus der griechischen Mythologie) sieht. Der Beginn der Liebesaffäre ist der Beginn der Gretchentragödie: Gretchens Mutter stirbt durch einen Schlaftrank, ihr Bruder Valentin wird von Faust erstochen, Gretchen tötet ihr uneheliches Kind und letztendlich stirbt Gretchen selbst im Kerker - wobei sie aber vom Himmel gerettet wird.
Stellenweise wurden Dialoge leicht verändert. Auch wurden Dinge ausgelassen, wie zum Beispiel das Intermezzo - das Stück im Stück - das im Drama in der Walpurgisnacht stattfindet. Da die Walpurgisnachttraum-Szene die Handlung nicht vorantreibt, ist das Auslassen dieser allerdings kein großer Verlust und sogar eine gute Entscheidung, da der Film mit 123 Minuten Spielzeit bereits ausreichend lang ist.
Da es sich im Kern eben doch um eine Abfilmung eines Theaterstückes handelt, komplett mit immer lauten Dialogen und simpler Szenerie, kommt alles "Filmische", das die Umsetzung ausmacht, aus der Arbeit mit Kamera und Belichtung. In diesem Bereich wurde aber wirklich alles rausgeholt, was es rauszuholen gibt. Kamera und Licht tragen maßgeblich zur Atmosphäre bei und machen Goethes Lebenswerk um einiges intensiver. Ein wunderbares Beispiel ist die Debüt-Szene der Hauptfigur: In der Dunkelheit mit irrem Blick schaut Faust auf seine merkwürdige Apparatur, während er halb gut zu sehen und halb selbst von der Dunkelheit eingenommen ist. Genau zu Beginn sieht man von Augenhöhe aus die Verzweiflung in seinem Gesicht. Kurze Zeit später aber sieht man ihn oft aus einem Winkel von unten, sodass er erhaben wirkt, wie er es ist, als jemand, der alles gelernt hat, was ein Mensch wissen kann, und selbst nach oben schaut, wie wir zu ihn aufsehen. Nur, dass er in den Himmel und ins Universum schaut, wo der Mond ist, mit dem er so gern spazieren würde.
Auch bei seiner ersten Begegnung mit Mephisto fällt die Kameraeinstellung auf: Mephisto als Teufel ist es nur gestattet, über dort zu fliehen, von wo er hereingekommen ist, und ist damit Fausts Gefangener. Als Mephisto die Bitte äußert, das Studierzimmer verlassen zu dürfen, ist er vor Faust ganz klein. Ein wenig erinnert die Szene an die Treppen-Szene aus … denn sie wissen nicht, was sie tun (Originaltitel: Rebel Without a Cause) aus dem Jahr 1955, in der Hauptfigur Jim Stark (gespielt von James Dean) auf der Kellertreppe steht, zwischen seiner erhabenen, engstirnigen Mutter und seinem unterwürfigen, rückgratlosen Vater, der sich von Frau (und letztendlich auch Kind) herumschubsen lässt. Sehr bildhaft werden die Beziehungen zwischen den Figuren in beiden Szenen dargestellt.
Großartig ist ebenfalls die erste Szene der Nachbarin Marthe Schwerdtlein, die erst von Kopf bis Oberkörper am Tisch sitzend sichtbar ist und über das Verschwinden ihres Ehemanns jammert. Beim Monolog kommt die Kamera immer näher an ihr Gesicht und letztendlich liest man sehr deutlich aus ihrer Mimik, dass ihre Worte nicht ihre wahren Gefühle widerspiegeln.
Zu loben sind auch die Übergänge zwischen den Szenen. Häufiger zu sehen sind Überblenden, die den Zuschauer entspannt von einer Szene in die nächste begleiten. Teilweise gibt es aber auch harte Schnitte, wie zum Beispiel die genannte Szene mit Marthe, die einen mit einem Schlag auf den Tisch ihrerseits fast schon erschreckt. Ganz nach Hemingways Eisbergmodell, ist auch das Auslassen eine Kunst: Am Ende der Dom-Szene gibt es gar keine Art von filmischen Übergang; stattdessen reißen sich die betenden Leute die schwarzen Kleider vom Leib und werden auf einmal zu tanzenden Hexen auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht. Gründgens-Gorski, Anders und Boos machen mit ihrer immensen Kreativität Goethe alle Ehre.
Faust (1960) ist nicht allzu kompliziert gestaltet, aber doch meisterhaft mit dem, was da ist, und könnte von jedem jungen Regisseur als wertvolle Inspiration betrachtet werden.
Die schauspielerische Leistung ist enorm - allein schon deshalb, weil es vermutlich ungeheuer schwierig für alle Akteure gewesen sein dürfte, all die Texte auswendig zu lernen und dann auch noch in so einer hohen Geschwindigkeit vorzutragen. Auf eine sympathische Weise werden viele Dialoge geradezu runtergerattert, damit die Handlung auch zeitig voranschreitet. Dadurch wird dem Zuschauer auch keine Chance gegeben, sich zu langweilen. Immerhin möchten die komplizierten Dialoge noch verstanden werden. Der Film bittet den Zuschauer nicht um einen Teil, sondern um all seine Aufmerksamkeit. Faust ist kein Film, der es einem erlaubt, nebenbei noch etwas zu tun, wie etwa auf sein Handy zu starren. Man muss ihn aufnehmen und sich von ihm aufnehmen lassen. Goethes so schon wundervollen Texte werden auf eine Weise vorgetragen, die teilweise Gänsehaut aufkommen lässt. Zu Beginn im Prolog bereits wären da zum Beispiel die drei Erzengel, die den Herrn für seine Schöpfung loben und zu dritt abschließen mit den Worten:
Der Anblick gibt den Engeln Stärke,
Da keiner dich ergründen mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
Während alle Schauspieler gute Arbeit leisten, ist einer natürlich (noch einmal) hervorzuheben: Gustaf Gründgens. Mit seiner Dichtung hat Goethe das Grundgerüst gelegt - vollendet hat die Figur von Mephisto dann Gründgens. Wüsste man es nicht besser, würde man meinen, Goethe hätte die Rolle direkt für ihn geschrieben. Wann immer von Mephisto die Rede ist, kommt nur ein Bild im geistigen Auge auf: das von Gründgens schneeweiß angemaltem Gesicht mit den spitzen Augenbrauen und der schwarzen Haube, die man gerade so als Haar erkennen kann. Und die Stimme im Ohr kann auch nur die von Gründgens sein. Während die anderen Figuren alle glaubhaft von anderen Schauspielern ersetzt werden können, wird es wahrscheinlich niemals jemanden geben, der Gründgens ersetzen kann. Das muss wohl auch Maik Schuntermann erkannt haben, der in seiner Faust-Verfilmung aus dem Jahre 2020 aus Mephisto eine Frau namens Meph gemacht hat.
Will Quadflieg als Heinrich Faust darf aber auch nicht unterschätzt werden. Er schafft es, die Hauptfigur in all seiner emotionalen Bandbreite überzeugend und fesselnd zu verkörpern - sei es Fausts Verzweiflung und Skrupellosigkeit zu Beginn, das Erkennen der eigenen Gefühle (Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr) oder die Wärme, die er seiner Gretchen entgegenbringt. Es ist wundervoll, dass auch diese schauspielerische Leistung mit diesem Film verewigt wurde.
Ebenso wundervoll ist, trotz des etwas unangenehmen Altersunterschiedes, die Beziehung zwischen Gretchen und Faust. Wie im Original sind die beiden ein Paar voller Gegensätze. Gretchen, das junge, unschuldige, christliche, hart arbeitende Mädchen trifft auf Faust, den älteren, skrupellosen, ungläubigen, im Studierzimmer lebenden Herrn, der auch noch mit dem Teufel selbst befreundet ist. Diese extreme Gegensätzlichkeit ist schon ziemlich formelhaft, aber bereits in Goethes Originaltext dennoch effektiv. Ella Büchi und Will Quadflieg hauchen ihren Figuren und deren Beziehung nochmal so viel Leben ein, dass der Beigeschmack der Konstruiertheit komplett verschwindet und die gemeinsamen Szenen sehr menschlich und real wirken. Wie Gretchen so viel Zärtlichkeit aus dem anfänglich depressiven Faust herausholt, ist wahrlich eine Sicht.
Ein weiterer wichtiger Punkt der Umsetzung sind die Figurendesigns. Diese Faust-Verfilmung ist insofern auffällig, dass er deutlich ein Produkt seiner Zeit ist und das Mittelalter-Setting von Faust I nur skizziert. So hat Gretchen offensichtlich blond gefärbtes Haar, da ihre Augenbrauen noch dunkel sind und der Herr hat eine mittellange Wachsfrisur, anstelle von langen Haaren mit Mittelscheitel wie man es von vielen Darstellungen aus anderen Filmen und Medien gewöhnt ist.
Der absolute Höhepunkt der Aktualität ist allerdings in keinem Charakterdesign wiederzufinden, sondern in der Walpurgisnacht-Szene, als Faust am Ende des Tanzes zum Himmel schaut und ein Clip von einer echten Atombombenexplosion eingeblendet wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden zahlreiche Kernwaffentests statt. Bekannterweise in den USA, aber auch in Frankreich in den Jahren 1960/61. Somit verfügt der Film über einen gewissen Aktualitätsbezug und erinnert den Zuschauer an das Weltgeschehen um seine Erscheinungszeit. Wer sich eine Zuflucht von der Realität erhofft, ist hier also wortwörtlich "im falschen Film". Wie Faust (1960) über Goethes Originalwerk hinaus so unapologetisch eine eigene Identität entwickelt, verleiht ihm nur noch mehr Charme.
Unter Berücksichtigung aller Aspekte bleibt letztendlich zu sagen, dass - genau wie Goethes Werk selbst - diese theatralisch-filmische Umsetzung von Faust I nie in Vergessenheit geraten darf. Wäre es polemisch, zu behaupten, dass es sich hier um die beste und wichtigste deutsche Literaturverfilmung aller Zeiten handle? Wahrscheinlich. Doch angesichts aller Tatsachen: Welcher Film soll an diesem schon herankommen?