Ich habe eine Tochter. Ich habe mir lang Gedanken darüber gemacht, wie ich sie nennen sollte. Denn Namen sind Worte. Worte sind etwas sehr mächtiges und zugleich die größte Magie die ich kenne (außer der Liebe), derer wir Menschen fähig sind. Mir war darum nicht nur der Klang des Namens wichtig, sondern ganz besonders auch seine Bedeutung. Der Name meiner Tochter bedeutet “Nacht”. Die Nacht hat für viele Menschen etwas Beängstigendes an sich, aber nicht für mich. Ich liebe die Nacht sehr und das aus sehr vielschichtigen Gründen.
Ich kenne viele Menschen die sich vor der Nacht fürchten. Gerade auch Kinder oder junge Frauen. Ich hatte nie Angst vor der Nacht an sich, im Gegenteil. Für mich bedeutet Nacht vor allen Dingen auch Geborgenheit. Als ich sehr klein war hatte ich häufig Atemwegsinfekte und litt unter Krupp-Husten. Für diejenigen die nicht wissen was das ist: Krupp-Husten haben vor allem Kleinkinder, bei denen die Stimmbänder noch nicht ganz ausgereift sind. Wenn so ein Kind einen Infekt der Atemwege hat, oder bei trockener Heizungsluft schläft, oder auch bei bestimmten Wetterlagen, die vor allem im Herbst vorkommen, dann bekommt es Hustenanfälle, bei denen sich die Stimmbänder verkrampfen und es bekommt Atemnot. Das ist sowohl für die Eltern als auch für die Kinder ein äußerst bedrohliches Gefühl. Nicht atmen zu können löst extreme Panik aus. Bei Krupp-Husten hilft den Kindern meist kalte frische Luft. So kam es, dass mein Vater im Winter oft stundenlang mit mir auf dem Arm des nachts durch den Garten wanderte. In meiner Erinnerung war das für mich wundervoll. Sie müssen sich das vorstellen. Ich erwachte des Nachts im warmen, stickigen Zimmer und konnte nicht atmen. Ich musste so sehr Husten, dass es weh tat als würde mein Hals von innen aufreißen. Meine Augen tränten und waren außerdem oft so verklebt, dass ich sie kaum öffnen konnte. Mein Hals und meine Brust fühlten sich an wie in Beton gegossen und ich konnte weder ausatmen noch rufen. Die Panik, dass niemand bemerken würde, dass ich nicht atmen konnte verfolgt mich manchmal bis heute in Alpträumen. Ich wache dann schweißgebadet auf und springe aus dem Bett, um wie eine Wahnsinnige die Fenster aufzureißen. In diesen Träumen ist es immer das Gefühl des ausgeliefert seins und der absoluten Hilflosigkeit, das am schlimmsten ist. Ich kann dann nicht atmen, nicht rufen und auch nicht richtig sehen, es verschwimmt immer alles vor meinen Augen und meine Brust ist so schwer, dass ich mich kaum und nur sehr mühselig bewegen kann. Alles scheint in diesen Träumen um mich herum in eine dichte, unglaublich warme, klebrige Watte gepackt, die sich wie Spinnennetze über mich legt über Mund und Augen, meine Arme und Beine festhält und auch in meine Lunge dringt um sich dann zu verfestigen.
Aus dieser Situation wurde ich als Kind dann oft ganz abrupt gerettet, indem meine Eltern ins Zimmer gestürmt kamen, mich mitsamt meiner Bettdecke aus dem Bett rissen und mit mir hinaus in die kalte Nacht stürzten. Und die Erlösung folgte meist nach wenigen Augenblicken, wenn die kalte Dunkelheit in mich hinein zu strömen schien und all die Schwere auflöste. Es war ein wundervolles Gefühl, so auf dem Arm meines Vaters, in meine weiche Decke gekuschelt, leicht wie ein Feder durch die Dunkelheit zu gleiten. Für mich war die Dunkelheit nie einfach nur die Abwesenheit von Licht, sondern so etwas wie eine ganz eigene Substanz, fast schon eine Flüssigkeit, die sich wohltuend auf alles legte, mit ihrer Kühle meine brennenden Augen bestrich und durch Mund und Nase in meinen Hals und meine Brust floss um mich leicht zu machen und den Schmerz aufzulösen. Und wenn ich mich dann allmählich entspannte, dann legte ich den Kopf an die Brust meines Vaters und konnte sein Herz laut und kräftig schlagen hören. Ich spürte seine Wachsamkeit und dass er mich vor allem beschützte. Und ich lauschte in die Nacht hinein, deren Geräusche mir ganz anders vorkamen als die des Tages. Irgendwie klarer und doch viel sanfter. Die Welt kam mir näher vor und weniger zerrissen und kompliziert. Der Stamm der Birke leuchtete silbern im Mondlicht und ich konnte die Blätter rauschen hören. War es Herbst, so knirschte der Raureif auf dem Rasen unter den Schritten meines Vaters und jeder einzelne Grashalm sah aus, als sei er mit kunstvollen Mustern aus Silber und winzigen Bergkristallen verziert worden. All die Pflanzen in unserem Garten erschienen mir bei Nacht viel lebendiger und kamen mir wie eigene Persönlichkeiten vor, die mir freundlich gesinnt waren und sich irgendwie über unseren Besuch freuten. Und da erschienen immer all die vielen Geschichten vor meinen Augen, all jene die ich gehört hatte aber auch all die Geschichten, die ich noch nicht kannte. Der Wind und sein kleines Volk von durchsichtigen Nomadenwesen, die aussahen wie winzige, drahtige Kinder, die niemals still hielten in ihrem Flug, flüsterten mir all die Geschichten direkt in mein kleines Herz. Sie erzählten mir von den Zwergen, die in kalten Nächten aus Mondlicht den Raureif schmiedeten um die Königin der Nacht zu ehren. Sie flüsterten von den Tieren im Wald, die uns im Schatten verborgen über die Wiese, die an unseren Garten grenzte, beobachteten. Sie erzählten mir von den Sturmtänzern, welche man mit viel Glück bei Gewittern auf Anhöhen und Bergen antreffen konnte, wie sie dort tanzten und sangen um all die Wut und den Schmerz der Menschen fort zu nehmen und in leuchtende Blitze, grollenden Donner und peitschende Winde umzuwandeln. Sie erzählten mir von den Träumen der Blumenelfen, die in der kalten Jahreszeit unter der Erde schlummerten, und von der Reise, die die ersten Schneeflocken hinter sich hatten. Und so merkte ich meist kaum, wie ich wieder einschlummerte und konnte mich am nächsten Morgen nicht erinnern, wie meine Eltern mich wieder ins Bett gebracht hatten...
Das ist es, was die Nacht für mich bedeutet: Schutz und Geborgenheit und zugleich die Freiheit mit den Geschichten des Windes davon zu fliegen.
Gute Nacht und süße Träume,