2026 und 1994
Diktafone, pro und contra
Ich kaufe bei Ebay ein altes Diktafon, ein Sanyo Talkbook, mit ein paar Kassetten. Es gibt sehr viele gebrauchte Diktafone, meines kostet 20 Pfund. ChatGPT erklärt mir, dass solche Geräte neu etwa 50 Pfund kosteten, was mit Inflation heute etwa 100 bis 120 Pfund wären. Gebrauchte Diktafone: It’s a buyer’s market.
Das Talkbook hat interessante technische Features, unter anderem kann es mit halber Geschwindigkeit abspielen, was sich praktisch bei jedem Geräusch großartig anhört. Außerdem schaltet es sich automatisch aus, wenn niemand Geräusche macht. Zwei der Kassetten sind ein bisschen größer als die anderen, und passen deshalb nicht. Offenbar gibt es bei Mikrokassetten unterschiedliche Größen, wie bei Hosen, und bei Netzadaptern. Zwei der Kassetten in der richtigen Größe sind zu meiner Überraschung nicht leer. Eine enthält lange Memos von einem Anwalt, sehr technisch, sehr poetisch, sehr klar. Die andere enthält eine Stunde im Leben eines älteren Mannes in Mittelengland. Er sieht fern, telefoniert, hustet, klappert mit Geschirr, diskutiert die Einkaufsliste mit einer Frau, die für ihn einkauft, und nimmt all das aus unklarem Grund auf.
Beim Spielen mit dem Talkbook erinnere mich an die einzige andere Gelegenheit in meinem Leben, bei der ein Diktafon eine Rolle spielte. Meine Mutter schrieb Mitte der neunziger Jahre zwei Gartenbücher. Ich hatte den einzigen Computer im Haus – meine Eltern kauften sich erst zehn Jahre später einen. Außerdem hatte ich auf der Gesamtschule Zehnfingerschreiben gelernt. Meine Mutter und ich kamen zu einer Vereinbarung: Ich tippe ihre Buchtexte in meinen Computer ein, damit man sie hinterher auf Diskette an den Verlag schicken kann. Und zum Ausgleich bekomme ich ein paar Möbel für meine zu möblierende Studentenwohnung. Einen neuen Schrank zum Beispiel. Manche Kapitel wurden mir direkt diktiert – meine Mutter saß in meiner Teenagerhölle neben dem mysteriösen Amiga 500 und redete über Steingärten, während ich tippte. Ich lernte schöne Worte für Gartenschädlinge (Dickmaulrüßler).
Hier das historische Bild der Kellerecke, in der dieser Vorgang stattfand:
Aber manchmal benutzten wir ein Diktafon. In meiner Erinnerung hatte ich sogar ein Fußpedal, mit dem ich komfortabel das Abspielen an- und wieder anstellen konnte. Vielleicht ist das auch nur die übliche Verherrlichung der Vergangenheit und ich hätte gern ein Fußpedal gehabt. Der versprochene Schrank dagegen kam wirklich und war real. Heute allerdings frage ich mich, was nach meinem Studium damit passierte. Ein Schrank verschwindet schließlich nicht so leicht.
Zurück in die Gegenwart: Mein neues Diktafon dient natürlich nicht zum Diktieren. Ich schreibe zwar die Protokolle für die Sitzungen eines lokalen Vereins, aber zum Aufzeichnen verwende ich ein billiges Raummikrofon, mein Macbook und die Software Audacity. Das Diktafon soll mir beim Musikmachen helfen und die klaren, sauberen elektronischen Töne des 21. Jahrhunderts in verrauschte, knackende Aufnahmen verwandeln. Ich glaubte ursprünglich, dass ich dazu erst die Klänge mit dem Diktafon aufzeichnen werde, um sie anschließend wieder abzuspielen und in Musikstücke einzuarbeiten. So erklären es die ganzen Leute auf Youtube, die Musik mit Diktafonen machen.
Aber es geht viel einfacher: Ich schicke die Töne von vom elektrischen Klavier direkt in den Mikrofoneingang des Diktafons, ohne auch nur ein Mikro zu benutzen. Dann schicke ich sie über den Kopfhörerausgang des Diktafons in den Mixer und von dort weiter zu Effekten oder zum Computer. Wenn ich jetzt spiele, und das Diktafon dabei aufzeichnen lasse, dann hört man am anderen Ende das Klavier, als käme es direkt aus den 1990ern. Die Aufnahme selbst ist dann völlig egal. Vermutlich wird sie in dreißig Jahren bei jemand anderem landen, der sich dann noch ein wenig mehr wundert.
(Aleks Scholz)















