Über die Entstehung der christlichen Kreuz-Idee ( Das Kreuz - Teil 1 )
Heute denken viele beim Anblick eines Kreuzes sogleich an Jesus - und wie er gestorben ist. Diese Verbindung machten aber lange nicht einmal Christen. In dieser Blog-Trilogie erzähle ich von der Geschichte christlicher Symbole und wie allmählich die Vorstellung eines christlichen Kreuzes mit seiner tiefen Bedeutung entstand.
Das Kreuz ist vielleicht das verbreitetste Zeichen überhaupt. Bis man aber auf die Idee kam, dieses mit dem Tod von Jesus in Verbindung zu bringen, floss viel Wasser den Jordan hinunter. Symbole, die auf zwei übereinander gelegten Strichen basieren, auch mit Winkelweiten von 90 Grad, kennen wir nämlich aus verschiedensten alten Kulturen. Und neben gewöhnlichen Kreuzen gab es längst auch komplexere Kreuzformen, die bereits vor der Entstehung von christlichen Kreuzen eine tiefere Bedeutung hatten.
Vorchristliche Kreuze
Das Hakenkreuz (Swastika) hatte unter anderem bereits im alten Indien eine klar positive Bedeutung und wurde zum Beispiel als Schutzzeichen eingesetzt. Genauso das Tau-Kreuz im alten Orient (siehe jeweils meine Skizze oben). Das ägyptische Henkelkreuz (Anch) symbolisierte die Lebenskraft, auch über den leiblichen Tod hinaus, und im nördlichen Westeuropa war der doppelte Thorshammer (Mjölnir) spätestens zur gleichen Zeit ein Bekenntnis zum Donnergott wie das Kreuzchen um den Hals eines zu Christus war. All diese Symbole hatten die Entstehung christlicher Kreuz-Ideen beeinflusst.
Das jüdische Kreuz
Von besonders grosser Bedeutung war das kreuzförmige Taw, der letzte Buchstaben des hebräischen Alphabets. In der Bibel kommt diesem Zeichen nämlich eine besondere Rolle zu. In einer der Geschichten, in der Gott eine böse Stadt zerstören will, werden alle Einwohner verschont, denen zuvor von einem göttlichen Schreiber ein Taw auf die Stirn gemalt wurde (Ezechiel 9,4–6). Das Taw schrieb man früher als + oder als x. Aufgrund dieser Geschichte verwendeten damals also bereits Juden (noch vor den Christen!) ein Kreuz als religiöses Symbol.
Neue Sprache – neue Bedeutung
Spannend ist nun, dass dieses X später mit Jesus in Verbindung gebracht wurde. Dies hatte zunächst einen sprachlichen Grund: Zur Zeit als das Christentum aufkam, schrieb man auch in Israel kaum noch Hebräisch, sondern benutzte die damalige Weltsprache Griechisch. Und so wie das “X” im Hebräischen für Taw stand, steht es im Griechischen für den Buchstaben Chi, also den Anfang von „Ch-ristus.“ Kein Wunder, dass das Motiv mit dem Stirnzeichen auch in einem Text der christlichen Bibel wiederverwendet wurde: In der Apokalypse des Johannes müssen die Engel der Zerstörung warten, bis den Dienern Gottes ein Zeichen auf die Stirn gemacht wird. Diese werden nämlich verschont (7,2–3).
Der Fisch
Kreuz-Gesten kamen damals zwar auf, doch als grafisches Symbol verwendeten Christen noch lange keine Kreuze. Stattdessen verbreitete sich das Fischsymbol (Ichthys). Auch Fische hatten bereits vor dem Christentum diverse religiöse Bedeutungen, doch für Christen erhielt der Fisch einen besonders tiefen Sinn, unter anderem aufgrund vieler Jesus Geschichten und Zitaten, in denen Fische und Fischer vorkommen.
Das Spiel mit Initialen
Erst ab dem 3. Jahrhundert wurde auch ein einigermassen kreuzähnliches Zeichen bei Christen populär: das so genannte Staurogramm. Wenn man dieses betrachtet, merkt man, dass es ebenfalls aus einem leicht gedrehten Chi (aus „x“ wird „+“) und einem darauf gesetzten Rho (P) besteht. Chi und Rho stehen für den Anfang von „CHR-istus.“ Dieses Zeichen wurde wie gesagt Staurogramm genannt, was man auf Deutsch als „Pfahl-Zeichen“ übersetzen könnte – ein Hinweis darauf, dass man sich den Pfahl, an dem Jesus hingerichtet wurde, bereits damals mit einem Querbalken, also kreuzförmig, vorgestellt haben könnte. Aus dieser Zeit existieren aber so gut wie keine Bilder, worauf man Jesus an einem Staurogramm-ähnlichen Pfahl dargestellt hätte. Und man begann auch nicht allmählich damit, das Staurogramm durch ein Kreuz zu ersetzen. Nein, man ersetzte jenes allmählich durch das Christusmonogramm. Dieses Symbol besteht wiederum aus den griechischen Buchstaben Chi (X) und Rho (P), wobei das Chi aber nicht mehr gedreht wird. Von einem Pfahl war nichts mehr zu sehen und der Bezug zur Hinrichtung wieder verschwunden. Unter Kaiser Konstantin wird dieses Zeichen sehr populär.
Die Kriegsstandarte
„Kreuz“ nannte man keines der beiden Symbole. Sie standen auch nicht für den Tod, sondern für den Sieg. Und obwohl es damals schon Theologen gab, die Jesus Tod als Sieg über das Leben betrachteten, waren Tod und Sieg für die grosse Mehrheit der damaligen Christen Gegensätze. Besonders galt dies für die christlichen Machthaber. Um dies zu verstehen, hilft der Blick auf ein weiteres Symbol: auf das Labarum. Dies war eine Kriegsstandarte, die aus einer aufrechten Lanze und einer Querstange bestand, also kreuzförmig war. An die Stange hängte man ein purpurnes Tuch, befestigte darunter runde Platten mit den männlichen Köpfen der Kaiserfamilie und setzte auf die Spitze ein Christusmonogramm. Ähnliche Kriegsstandarten wurde bereits in vorchristlicher Zeit von den Soldaten verehrt. Auf dem Schlachtfeld wurden sie von den besten Kriegern bewacht. Und Kaiser Konstantin prägte sogar Münzen mit diesem kreuzähnlichen Symbol.
Weder Kreuz noch Jesus
Doch das heute so typische Jesuskreuz existierte auch damals noch nicht. Noch knapp 400 Jahre nach dem mutmasslichen Tod von Jesus gab es kein christliches Kreuz und auch keine andere Darstellung, die konkret auf seinen Tod verwiesen hätte. Jesus-Darstellungen kamen ohnehin erst spät auf (ungefähr im 3. Jahrhundert). Die frühen Christen, so verschieden sie waren, scheinen sich darin einig gewesen zu sein, dass sie Bilder ihres Herrn ablehnten. Wenn schon, wurde er symbolisch repräsentiert, mittels simpler Bildchen, zum Beispiel eines Fisches, eines Brotes oder eines Lammes. Das ist sehr auffällig wenn man bedenkt, dass die Anhänger anderer damaliger Religionen prächtigste Bilder und Skulpturen ihrer Gottheiten anfertigten.
Das erste Jesuskreuz
Doch als immer mehr Römer Christen wurden, begann das Christentum auch immer mehr Elemente der römischen Kultur zu übernehmen. Und zu Beginn des 5. Jahrhunderts, nachdem alle anderen römischen Religionen bereits verboten waren und das Christentum die neue Staatsreligion war, entstand die erste (noch heute erhaltene) Darstellung von Jesus während seiner Hinrichtung. Auf einem Relief schleppt er einen Pfahl mit einem Querbalken, und eine Szene weiter hängt er daran.
Ein Symbol für das Leben
Die christliche Kreuz-Idee war entstanden und dieses Motiv begann sich allmählich zu verbreiten. Auch Jesus wurde nun immer häufiger bildlich dargestellt. Die Kombination von Kreuz und Jesus (das Kruzifix) blieb jedoch äusserst selten. Es setzte sich erst rund 1000 Jahre nach der Entstehung des Christentums durch. Doch auch dieses Symbol repräsentierte lange alles andere als den Tod. Das Kreuz stand für das Leben und der triumphierende Christus strotze vor Lebenskraft.
Auch alte Ideen bedürfen der Neuerfindung
Die Welt dreht sich, Menschen ändern sich, Symbole werden vergessen und es werden neue erschaffen. Manchmal entstehen neue Zeichen, die alten Symbolen sehr ähneln. So scheint der Verweis von der Kreuzform auf das Leben uralt zu sein. Zum Beispiel stand ja bereits das Anch der alten Ägypter dafür. Doch wäre es falsch, die Symbole losgelöst von der jeweiligen Kultur zu betrachten, in der sie entstanden sind. Für einen Adligen im alten Ägypten bedeutete sowohl Leben als auch Sterben etwas ganz anderes, als für einen verfolgten Christen viele Generationen später in Rom – oder nochmals später für einen christlichen Kaiser im Römischen Reich. Die Menschen unterscheiden sich sehr und jede Generation bringt ihre eigene Kultur hervor. Deshalb müssen auch Symbole immer wieder neu erfunden werden, damit sie ihre Wirkung entfalten können.
Fabian Perlini-Pfister, 14.10.2018
Quellen
Hauptsächlich bezog ich mich auf diverse Artikel aus den folgenden beiden Enzyklopädien:
Lexikon der christlichen Ikonographie, Rom u.a. 1994.
Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Tübingen 2008.
Für mich nicht greifbar! Er und all die verschiedenen Auffassungen Seinesgleichen haben Religionen geschaffen, die sich seit Jahrhunderten bekämpfen und bekriegen und dabei Massen von Menschen töten. Das kann ich nicht gut heißen. Selbst wenn der Glaube den Menschen Sinn und Kraft schenkt, steuert er unsere Gesellschaft und hat Normen geschaffen, unter welchen Leute zugrunde gehen, wenn sie sich nicht in diese Schublade stecken können oder wollen. Schade. Wirklich schade.
"Kopftuchverbot, oder: Wir diskutieren anderen vorzuschreiben, was sie tragen sollen, damit ihnen keiner vorschreibt, was sie tragen sollen." – Elliott Tender
Ein Gott der Unterwürfigkeit, Anpassung, Disziplin, Verehrung, also Gehorsam fordert, Kirchen, Moschen, Tempel. Machtgebäude erbauen lässt, aufruft zu Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg, zu Gewalt, in welcher Form auch immer, der richtet, urteilt, wertet, straft, bestraft, also das Gegenteil der bedingungslosen Liebe fordert, ist nichts weiter, als ein Teufel.