Eisige Schlacht um das Rathaus
Wegen eisiger Temperaturen von etwa minus zehn Grad Celsius gefror das Wasser umgehend, das die Demonstranten auf die Stufen des Rathauses gesprüht hatten. Viele Einsatzkräfte zogen sich daraufhin zunächst in ihre Fahrzeuge zurück. Bereits zuvor hatten Polizisten die Barrikaden und Zelte vor dem Rathaus abgerissen.
Das Innenministerium hatte zuvor angekündigt, von jetzt an hart durchzugreifen. Jeder Widerstand werde als versuchte Organisation von Massenunruhen eingestuft, teilte das Ministerium mit. Gegen Provokateure sollten Tränengas und andere Mittel eingesetzt werden.
Polizeieinheiten vor den Barrikaden, die die Zeltstadt auf dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew schützen.
Demonstranten verteidigen Zeltstadt
Die Zeltstadt auf dem Unabhängigkeitsplatz hatten die Einsatzkräfte noch verschont, als sie in der Nacht mit einem massiven Aufgebot gegen die Demonstranten vorgingen. Mit Schlagstöcken und Schilden ausgestattet drangen sie auf den Unabhängigkeitsplatz vor und stellten sich gegen die dort protestierenden Regierungskritiker. Eine Sängerin rief die Polizisten auf, die ihnen gegebenen Befehle nicht zu befolgen. Einige Demonstranten sangen die Nationalhymne.
Ein Priester versucht, die Polizisten davon zu überzeugen, auf Gewalt gegen die Demonstranten zu verzichten.
ARD-Korrespondentin Ina Ruck sprach von teils "dramatischen Szenen". Demnach kam es vermehrt zu Handgemengen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am frühen Morgen von Zusammenstößen, nachdem die Polizei versucht habe, einzelne Demonstranten festzunehmen. Der russischen Agentur Interfax zufolge gab es auch Verletzte. Wie viele, blieb allerdings unklar. Der Chef der nationalistischen oppositionellen Swoboda-Partei, Oleg Tjagnibok, gab an, dass mindestens elf Demonstranten festgenommen worden seien.
Auch jetzt noch stehen Polizeieinheiten den Demonstranten gegenüber. Noch halten sie Abstand zum Protestlager auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz.
Polizei räumt Barrikaden am Unabhängigkeitsplatz in Kiew
B. Großheim, ARD Moskau
11.12.2013 08:01 Uhr
20 Milliarden Euro Finanzhilfe von der EU
Präsident Viktor Janukowitsch machte trotz der inzwischen fast drei Wochen langen Proteste erneut klar, dass es mit ihm keine Annäherung an die Europäische Union geben werde. Zugleich sprach er davon, neue Bedingungen an die EU für ein Assoziierungsabkommen stellen zu wollen.
Diese kamen prompt. Ministerpräsident Mykola Asarow sagte am Morgen bei einer im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung, "diese Angelegenheit" könne "durch das Angebot von finanzieller Unterstützung an die Ukraine gelöst werden". Die "ungefähre Größenordnung" liege bei 20 Milliarden Euro.
Opposition bekommt Zulauf
Doch die Demonstranten lassen sich nicht zurückdrängen. Seit dem Morgen nimmt ihre Zahl weiter zu. Arseni Jazenjuk von der Vaterlandspartei der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko sagte über den nächtlichen Polizeieinsatzes: "Das werden wir nicht verzeihen. Morgen (Mittwoch) wird es hier Millionen von Menschen geben, und das Regime wird fallen."
"Erhebt Euch!", ruft Oppositionsführer Klitschko den Menschen in Kiew zu.
Oppositionspolitiker Vitali Klitschko rief die Bewohner von Kiew auf, sich zu erheben: "Nur gemeinsam können wir das Recht erkämpfen, in einem freien Land zu leben." Er verwies darauf, dass die Demonstranten nun schon 18 Tage lang protestieren: "Und die Regierung setzt wohl immer noch darauf, dass wir irgendwann schon gehen werden. Aber wir werden nicht gehen." Janukowitsch habe seinen Kredit "längst verspielt, aber er will es nicht einsehen". Die Opposition werde sich erst mit ihm an einen Tisch setzen, wenn er ihre Forderungen erfülle: Rücktritt der Regierung, Freilassung der Demonstranten und Bestrafung brutaler Sicherheitskräfte.
In einem Beitrag für die "Bild"-Zeitung schrieb Klitschko: "Wir werden, wenn es notwendig ist, hier auch bis ins neue Jahr bleiben. Und wir lassen uns erst recht nicht mit brutalen Aktionen einschüchtern!"
Als Orangene Revolution ging der prowestliche Protest in der Ukraine 2004 in die Geschichtsbücher ein - benannt nach der Parteifarbe des damaligen Oppositionspolitikers Viktor Juschtschenko. Auch die aktuellen Demonstrationen in der früheren Sowjetrepublik haben ihren Namen bekommen: Euromaidan.
Der Begriff tauchte bereits kurz nach Beginn der Massenproteste in Kiew auf und ist mittlerweile auch im Internet zum festen Ausdruck geworden. Namensgeber ist der Maidan Nesaleschnosti - der Platz der Unabhängigkeit in Kiew. Dort kamen erstmals am 21. November Hunderte spontan zusammen, nachdem die Regierung eine Annäherung des Landes an die EU gestoppt hatte.
Seitdem demonstrieren die Anhänger der Opposition um Boxweltmeister Vitali Klitschko für einen Westkurs der Ukraine. Zentrale Forderungen des Euromaidan sind Neuwahlen und die Freilassung der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.
USA und EU reagieren "entsetzt"
Die USA reagierten auf den nächtlichen Polizeieinsatz der ukrainischen Polizei mit harscher Kritik. Man sei "angewidert" von der Entscheidung der ukrainischen Behörden, mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten vorzugehen, erklärte Außenminister John Kerry. Das Vorgehen sei "weder akzeptabel noch ziemt es sich für eine Demokratie".
Die EU-Außenbeauftragte Ashton trifft auch Oppositionsführer in Kiew.
Die EU-Delegation in Kiew erklärte, sie versuche Kontakt zu den ukrainischen Behörden aufzunehmen, um "den Einsatz von Gewalt gegen einfache Bürger" zu verhindern.
Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die das Zentrum der Protestbewegung in Kiew nur Stunden vor dem Polizeieinsatz besucht hatte, reagierte "mit Trauer" darauf, dass die Polizei Gewalt einsetze, "um friedliche Menschen zu vertreiben". Die Behörden hätten "im Schutze der Nacht gehandelt", so Ashton, die noch am Dienstag mehrere Stunden mit Präsident Viktor Janukowitsch geredet hatte.