âRĂŒckblickend wundert es mich etwas, dass ich meine Cousine bislang nur am Rande erwĂ€hnt habe. Sie ist eine sehr spezielle Persönlichkeit, die aber trotzdem jeder irgendwie mag. Sie hat eine herzliche, aber chaotische Art und sie hat eine Hand fĂŒr besonders schlechte Entscheidungen.â
FĂŒr diese Geschichte erfordert es einiges an Hintergrundinformationen.
Meine Cousine ist das Ă€lteste Enkelkind meiner GroĂeltern und aus einer flĂŒchtigen AffĂ€re meiner Tante entstanden. Damit meine Tante weiterarbeiten gehen konnte, ist meine Cousine bei meinen GroĂeltern aufgewachsen. Unsere GroĂmutter war â und ist auch noch heute â eine sehr strenge, penible Frau und war frĂŒher schon die unangefochtene Matriarchin. Gegen den Anspruch meiner GroĂmutter, sie (und spĂ€ter auch meine Schwester) als PĂŒppchen herauszuputzen, hat meine Cousine schon in frĂŒhen Jahren rebelliert. Man munkelt, dass sie mit den neuen LackschĂŒhchen erst recht nach matschigen PfĂŒtzen gesucht hat.
Jedenfalls hat meine Cousine bei meiner Tante gelebt, die aber direkt neben unseren GroĂeltern gewohnt hat. Sie hat eine Ausbildung gemacht und ist dann irgendwann ausgezogen. Ganze 3 StraĂen weiter.
Die nĂ€chsten Jahre waren ein seltsamer Kreislauf. Ihren Ausbildungsbetrieb hat sie aufgrund des toxischen Klimas verlassen. Sie hat unzĂ€hlige neue ArbeitsverhĂ€ltnisse angetreten, in denen es immer wieder gleich abgelaufen ist. Nach der Probezeit von sechs Monaten war meine Cousine erst mal krank. Immer wieder eine Woche, dann mal wieder eine Woche gearbeitet, dann wieder krank. Das ging eine Zeit lang gut, bis sie dann von den Kollegen âgemobbtâ wurde. Naja, wenn sie immer deine Arbeit mit erledigen mĂŒssen?
Und dann wurde eben ein neuer Arbeitsplatz gesucht und die Spiele haben von vorne begonnen.
Ich habe viele Jahre gedacht, dass sie einfach nur faul ist, wenn sie nicht den Druck im Hintergrund hat, dass das ArbeitsverhÀltnis ja noch befristet ist. Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass da noch etwas anderes eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
Allgemein sehe ich das nicht als problematisch und denke mir auch, dass man mit Alkohol (und natĂŒrlich auch harten Drogen) doch viel mehr kaputt macht.
Aber als ich mit meiner Cousine mal ĂŒber ihren Konsum, bzw. die AnfĂ€nge ihrer Kifferzeit, gesprochen habe, hat sie eben erzĂ€hlt, dass sie damit in ihrer ersten Wohnung in BerĂŒhrung gekommen ist und dort teilweise tagelang mit ihren Freunden breit durch die Wohnung gekullert ist. Hm, ja, kann man mal machen.
Jahre spĂ€ter ist sie dann wieder umgezogen, in eine Wohnung neben ihrer Mutter und zwei HĂ€user weiter als unsere GroĂmutter. Und obwohl beide hĂ€ufig bei ihr vor der TĂŒr oder am Balkon gestanden haben, hat sie trotzdem weiter geraucht wie ein Schlot. Wenn ich sonntags nach dem Mittagessen bei der Oma noch bei ihr vorbeigeschaut habe, lag dann auch eindeutiges Zubehör â oder oftmals einfach ein fertiger Joint â auf dem Tisch. Soweit ich weiĂ bin ich die einzige Person in der Familie, die davon weiĂ, oder zumindest die einzige, mit der sie darĂŒber offen spricht. Ich versuche nicht zu urteilen, aber an einem Tag wie heute fĂ€llt es mir einfach schwer.
Was meine Cousine auch maĂgeblich geprĂ€gt hat, ist ihre Beziehung. Ihren Freund hat sie ĂŒber einen Verein kennengelernt, da war sie gerade mal 15. Ein ziemlicher Chaot, aber das ist in dem Alter ja auch nicht ungewöhnlich. Mit Ende 20 ist die Beziehung in die BrĂŒche gegangen und meine Cousine hat da ein paar fragwĂŒrdige Entscheidungen getroffen und wurde u.a. auch aus dem Verein geworfen, weil sie mit einigen Vereinsmitgliedern AffĂ€ren angefangen hat, und darunter wohl auch verheiratete MĂ€nner waren.
Parallel hat ihr Ex versucht, sie zurĂŒckzugewinnen. Wie er das versucht hat? Mit besonders charmanten MethodenâŠ
Er hat bei ihr Sturm geklingelt und im Treppenhaus randaliert, weil sie ihm die TĂŒr nicht öffnen wollte. Dann hat er die Scheibe von ihrem Auto eingeschlagen. Er ist mal auf ihren Balkon geklettert und stand plötzlich in ihrem Wohnzimmer und als sie die Polizei gerufen hat, ist er abgehauen und hat dann drauĂen noch mit einem StĂŒck Stoff ihren Auspuff verstopft. Wir haben so oft telefoniert und sie hat geweint vor Angst.
Wieder ein paar Jahre spĂ€ter habe ich ĂŒber Dritte gehört, dass eine Abrissbude in einem Nachbarort verkauft wird. Ein Haus mit GrundstĂŒck fĂŒr 10.000 âŹ? Na, das wird ja ein PrachtstĂŒck seinâŠUnd dann habe ich den Namen des KĂ€ufers erfahren. Es war der Exfreund meiner Cousine, der dem VerkĂ€ufer erzĂ€hlt hat, dass er dort mit seiner Freundin einziehen möchte.
Das musste ich meiner Cousine erzĂ€hlen. Tja, nur ĂŒberrascht war sie nicht. Warum wohl?
Jeder hat nur mit dem Kopf geschĂŒttelt. Wir alle hatten noch das Drama und ihre Angst vor dem Typen im Hinterkopf, aber so schlimm war es ja gar nicht und es tut ihm doch leid.
Das wird jetzt auch schon wieder acht Jahre her sein. In das 10.000 âŹ-Haus sind sie ĂŒbrigens nicht eingezogen. Da hat er vielleicht zwei Jahre lang dran rumgebastelt und es dann wieder verschleudert. Dann wollten sie ein Haus auf dem GelĂ€nde seines Familienbetriebs bauen. Die PlĂ€ne wurden aber aufgrund eines ZerwĂŒrfnisses mit seiner Familie wieder verworfen.
Also haben sie weiter fĂŒr mehrere Jahre in ihrer kleinen Wohnung gewohnt. Er hat sich weder an den laufenden Kosten beteiligt, noch ihr irgendwie im Haushalt unter die Arme gegriffen. Im Gegenteil â als ihre Autofinanzierung ausgelaufen ist und sie die Option hatte, das noch neuwertige Auto gegen eine Restsumme von 2000 ⏠frei zu kaufen, hat er ihr davon abgeraten. Er wolle ihr ein Auto bauen bzw. eins fĂŒr sie restaurieren. Seit inzwischen ca. 8 Jahren besitzt sie kein Auto mehr.
So viel zur Vorgeschichte.
Vor inzwischen ĂŒber vier Jahren hat sie sich dann aber, meiner Meinung nach, ihr endgĂŒltiges Grab geschaufelt.
Ich erinnere mich noch, dass sie mich ganz aufgeregt angerufen hat. Sie suchen ja wieder ein Objekt zum Kaufen und sie haben ein super SchnĂ€ppchen gefunden. Eine Zwangsversteigerung eines Wohnhauses mit Werkstatt und GrundstĂŒck â mit Pool!
Bevor sie sich entschieden haben, haben sie die Familie mit zur Besichtigung genommen. Ohne Ausnahme haben alle die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammengeschlagen. Die letzte Bruchbude, umfangreicher Sanierungsbedarf und â noch bewohnt!
Entgegen aller Warnungen hat der Freund meiner Cousine das Objekt fĂŒr 100.000 ⏠ersteigert. FĂŒr den Kauf und die Renovierungsarbeiten hat er einen Kredit aufgenommen. Es folgten lange Monate, in denen die VoreigentĂŒmer nicht ausziehen wollten, eine RĂ€umungsklage wurde in die Wege geleitet. Als die VoreigentĂŒmer endlich drauĂen waren, war erst das ganze Elend ersichtlich. Das Wohnhaus war stark von Schimmel befallen und marode, in der Werkstatt hat sich der Kram bis unter die Decke gestapelt. Apropos DeckeâŠ
Die Decke in der Werkstatt drohte einzustĂŒrzen und musste in erster Instanz durch einen riesigen Balken gestĂŒtzt werden. Oh, aber das war nicht die einzige DeckeâŠ
Um möglichst bald einzuziehen, damit die doppelte Belastung (Abzahlung und GebĂŒhren fĂŒr das Haus und die Miete der Wohnung) wegfĂ€llt, haben sie zĂŒgig angefangen, das ObergeschoĂ zu renovieren. Sie haben bereits viel Zeit und Geld in die Renovierung gesteckt, als aufgefallen ist, dass die Decke Risse hat und das ganze ObergeschoĂ einsturzgefĂ€hrdet ist. Daraufhin haben sie sich entschieden, das ObergeschoĂ abzureiĂen. RĂŒckblickend haben ihnen damals alle geraten, einfach alles abzureiĂen und ein Fertighaus auf das GrundstĂŒck zu stellen. Das hĂ€tte sie so viel Zeit und Geld gespart.
Ab dem Kauf hat es zwei Jahre gedauert, bis das Haus halbwegs bezugsfertig war â bezugsfertig, aber nicht fertig. Das Zimmer, was als Bad geplant ist, wird auch ĂŒber vier Jahre spĂ€ter noch als KĂŒche genutzt. Der ganze Wohnbereich verfĂŒgt bis heute ĂŒber keine ZimmertĂŒren, vgl. âVöllig planlos auf dem Kloâ. Oh, kleines Schmankerl noch zwischendurch: Wenn man ZimmertĂŒren fĂŒr irrelevant hĂ€lt und ansonsten auch keine Ahnung hat, wie man richtig renoviert und saniert, ist das eine ungute Kombination. Bei meiner Cousine hat es schon mehrfach das Abwasser aus dem Toilettenabfluss in das Bad und in den Flur gedrĂŒckt.
Ich bemĂ€ngle im Ăbrigen nicht nur den Mangel an PrivatsphĂ€re auf dem dort-nicht-so-stillen-Ărtchen. Man hat auch Einblicke ins Schlafzimmer, wenn man im richtigen Winkel auf dem Gehsteig steht. Ein Arbeiter hat die beiden ĂŒbrigens mal bei einer sehr eindeutigen Akt-ion beobachten können.
WĂ€hrend des gesamten, bisherigen Renovierungsprozesses wurden PrioritĂ€ten gesetzt, die niemand wirklich versteht. Warum wird der Fokus darauf gelegt, die Werkstatt in Ordnung zu bringen und eine AusstellungsbĂŒhne fĂŒr Autos da drinnen zu bauen, anstatt alles dafĂŒr zu tun, sobald wie möglich einziehen zu können? Inwiefern ist es hilfreich oder notwendig, den Flur mit der Kabine einer ausrangierten Boeing zu verkleiden?
Jeder aus der Familie hat schon lange erkannt, dass dieses Projekt die beiden bis ins Grab begleiten wird â die ganzen Renovierungen und AnsprĂŒche, die die beiden haben, lassen sich nur umsetzen und finanzieren, indem sie einfach sehr viel selbst machen. Und das machen sie seit Jahren â unter der Woche nach der Arbeit, und immer am Wochenende.
Ende letzten Jahres hat meine Cousine darĂŒber geklagt, dass ihnen das Geld ausgehen. Ihr Finanzberater war wohl schon da und sie haben ĂŒber einen neuen Kredit gesprochen. Sie hat zwischenzeitlich auch ein Darlehen aufgenommen, obwohl ihr dort â nichts â gehört. Sollte es doch irgendwann zur Trennung kommen, ist sie obdachlos, mittellos und verschuldet â und hat kein Auto, um zur Arbeit zu kommen (zuletzt ist sie immer mit ihrem Freund zu seiner Arbeit gefahren und dann mit dem Auto seiner Eltern zu ihrer ArbeitâŠ).
Aber mit dem Darlehen sah es dann wohl doch wieder ganz gut aus. So gut, dass man sich zwei E-Bikes fĂŒr 5000 bzw. 6000 ⏠kauft, Geld in den Sand setzt (vgl. âDer Saugroboterâ) und noch eine Katze rettet, wenn man schon zwei hat â diese âRettungâ war komischerweise ein RassekĂ€tzchen von Ebay-Kleinanzeigen fĂŒr 450 âŹ.
Der Auslöser fĂŒr das Verfassen dieses Textes war aber der Gipfel der letzten Monate.
Aktuell arbeitet meine Cousine in einer Behörde. Dort ist sie unbefristet beschĂ€ftigt und umgeben von Beamten, die eine Ă€hnliche Arbeitsmoral an den Tag legen, fĂ€llt ihre eigene nicht wirklich auf. Im vergangenen Jahr war sie nur immer mal wieder eine Woche oder ein paar Tage auf der Arbeit â um nicht ins Krankengeld zu rutschen. Dann war sie mal erkĂ€ltet, in QuarantĂ€ne oder hatte so arg ihre Periode. Seit Anfang diesen Jahres ist sie ausschlieĂlich im Home Office. Sie ist ja schlieĂlich auch lungenkrank (und Raucherin â und damit meine ich nicht nur das Kiffen). Sollte ihr Arbeitgeber sich davon erhofft haben, dass sie sich weniger krank meldet â Pech gehabt. Die Tage hat sie mir erzĂ€hlt, dass sie diese Woche krankgeschrieben ist. âOh, was hast du denn?â â âĂhhh⊠Ich hab mir letzte Woche einen verdĂ€chtigen Leberfleck rausschneiden lassenâ. Mhm, klar. Da kann ich mit meinem Arsch auch nicht auf meinem BĂŒrostuhl zuhause sitzen.
Böse Zungen behaupten, dass ihr Job in der Behörde nur der Finanzierung seiner Phantastereien dient, und die Arbeit zuhause, an der Ruine, ihr tatsÀchlicher Job ist.
Egal, wann ich sie besuche, ist sie da am Ackern, fÀhrt Stapler, schleppt irgendwelche SÀcke, die doppelt so viel wiegen, wie sie selbst, durch die Gegend und hat Vollmond-Pupillen. Anders ertrÀgt man das wohl nicht.
Heute hat sie mir erzĂ€hlt, dass sie vom Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von 40% bewilligt bekommen hat. Sie wollte von mir wissen, was sie nun damit anfangen könnte. Reicht das fĂŒr einen Rentenantrag?
Und das macht mich wĂŒtend. Seit bestimmt 20 Jahren spielt sie ihr Spiel mit Arbeitgebern und Kollegen â ich habâ eine Krankmeldung, ihr könnt mir nix. In der freien Wirtschaft ist das nicht tragbar â in der Behörde, von Steuergeldern, natĂŒrlich schon.
Sie ist in ihrer Freizeit permanent breit, und so oft wie sie unterwegs ist, will ich mir gar keine Gedanken darĂŒber machen, wie oft sie auch unter Einfluss hinter dem Steuer sitzt.
Und sie verschafft sich auffÀllig viel Freizeit.
Sie ist so hĂ€ufig krank, dass sie von ihrer ursprĂŒnglichen Stelle abgezogen worden ist, um jetzt âArchivierungenâ im System durchzufĂŒhren. Dabei ist es ihrem Chef egal, ob sie die Arbeit in zwei Tagen oder zwei Monaten erledigt hat. Sie findet das gut. Ich denke mir: Sie geben dir irrelevante Arbeit, weil sie sich nicht auf dich verlassen können. Ob die Arbeit erledigt wird, ist relativ egal. Ob du die Arbeit erledigst oder ein kluges Ăffchen, ist egal.
Trotz allem will sie aber in Rente gehen. Mit Anfang 40.
Ich kenne so viele Leute, die fĂŒr ihre Rente kĂ€mpfen mĂŒssen, obwohl sie wirklich gesundheitliche Probleme haben.
Und nicht, um eine Ruine zu renovieren, in der ihnen nichts gehört und sich dabei die Birne zuzuqualmen, um das selbst gewÀhlte Schicksal zu ertragen.
 Nachtrag: Ja, ich könnte sie darauf ansprechen. Ja, ich könnte ihr das mal so spiegeln. Aber fĂŒr Leute, die das getan haben, ist das nicht besonders gut ausgegangen. Mit ihrer Mutter hat sie monatelang kaum ein Wort gesprochen, nachdem sie an dem Projekt âRuineâ Kritik geĂŒbt hat. Aber zurecht, ihre spirituelle FĂŒhrerin hat ihr auch bestĂ€tigt, dass alle ihre Probleme von ihrer Mutter kommen. Und von ihrer einen Freundin, die nach zwei Jahren ja nicht mehr bei den Renovierungen helfen wollte. Alles toxische Personen. Komisch, denen schmeiĂt sie kein Geld in den Rachen, um das gesagt zu bekommen, was sie hören will.