Die Odyssee
Regie: Christopher Nolan Gesehen am: 27.07.2026 Wertung: 10/10
âOdysseus lebt.â
Wie zu erwarten war, bricht Christopher Nolan mit dem Odysseus von Homers âOdysseeâ, stellt einen der gröĂten Helden der mythischen Antike vom Kopf auf die FĂŒĂe und macht ihn damit zu einer Figur, dessen Denken unsere Zeit dringend braucht.
Der Odysseus der Antike ist fest in der archaischen Logik seiner Welt verankert. Ruhm und Ehre sind alles und keine Kosten hierfĂŒr sind zu groĂ. Es ist der Odysseus der Antike, der Agamemnon dazu drĂ€ngt, seine Tochter, wie von den Göttern gefordert, zu opfern, der das trojanische Pferd ersinnt und Ajax verteidigt, nachdem er die Statue der Athene in Troja geschĂ€ndet hat. Odysseus - der Listenreiche - kennt Reue nur in Form seines individuellen Leids, das sich aus seiner Hybris gegenĂŒber den Göttern ergieĂt. Indem Nolan ihn jedoch eine viel philosophischere Reue einimpft, bricht er mit dem ganzen archaischen Narrativ. Indem Odysseus erkennt, dass es keine gewonnenen Kriege geben kann, sondern nur einen Verlust an Menschlichkeit, dringt er in den Kern von dem vor, was mit unserer Welt nicht stimmt - heute. Kein trojanisches Gold kann den Verlust des Gastrechtes des Zeus aufwiegen.
Dasjenige, was so rege Diskussion ĂŒber das woke Kino angeregt hat, ist dabei nur Kosmetik. Ein klarer Fingerzeig auf der Metaebene, woher der Wind weht â das hier ist kein Trump-Film. Dennoch bleibt Christopher Nolan einer der gröĂten Regisseure unserer Zeit, auch wenn er eben keinen woken oder auch nur emanzipatorischen Film dreht. Ja auch âDie Odysseeâ besteht, wie alle anderen Nolan-Filme, nicht den Bechdel-Test und man kann ihn zu recht dafĂŒr kritisieren. Aber immerhin wird in einem Mainstreamfilm das Problem der toxischen MĂ€nnlichkeit direkt adressiert, auch wenn der Fokus hier klar woanders liegt. âDie Odysseeâ ist ein weiterer extrem kluger bombastischer Sommerblockbuster, der sich trotz allem weitestgehend an den Homers Plot hĂ€lt. Indem sein Held jedoch mit der inhĂ€renten Logik dieser Geschichte bricht, bricht er genau mit der Art von Denken, die dafĂŒr sorgt, dass wir heute die Welt zerbröckeln sehen. Nolan nimmt den archaischsten Stoff ĂŒberhaupt und impft ihm auf subtile Weise seine eigene Antithese ein, um dadurch etwas kulturgeschichtlich Fundamentales zu erreichen. Bravo dafĂŒr!
Rico Handorf















