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||| Balthus, Untitled (~1999)
||| Faces of Frankfurt/Offenbach [public transport] #1
||| Faces of Frankfurt/Offenbach [public transport] #2
||| Faces of Frankfurt/Offenbach [public transport] #3
||| Honoré Daumier, Don Quijote et Sancho Panza (~1868)
»Man könnte sagen, daß Don Quichotte die erste Gestalt in der Renaissanceliteratur ist, die durch ihr Handeln versucht, die Welt mit ihren eigenen Plänen und Ideen in Einklang zu bringen. Cervantes’ Ironie liegt in der Tatsache, daß sein Held zwar nach außen hin im Namen des Alten (des Feudalsystems) gegen das Neue (die ersten Erscheinungsformen bürgerlichen Lebens) kämpft, in Wirklichkeit aber versucht, einem neuen Prinzip Anerkennung zu verschaffen. Dieses Prinzip besteht seinem Wesen nach in der Autonomie individuellen Denkens und Fühlens. Die Dynamik der Gesellschaft führt zu der Forderung nach einer immerwährenden und aktiven Umgestaltung der Wirklichkeit; die Welt muß ständig neu gebaut werden. Don Quichotte schafft seine Welt neu, wenn auch in einer phantastischen und solipsistischen Weise. Die Ehre, für die er zu Felde zieht, ist das Produkt seines Denkens und nicht das Erzeugnis gesellschaftlich begründeter und anerkannter Werte. Er verteidigt die, die er seines Schutzes für würdig hält, und wendet sich gegen die, die ihm böse erscheinen. In diesem Sinne ist er sowohl Rationalist als auch Idealist. Trotz seiner feudalen Mitgift hat der Ritter einen weiteren Wesenszug mit dem modernen nachmittelalterlichen Menschen gemeinsam – die Einsamkeit. Seine Widersacher sind zwar auch isoliert, aber aus einem ganz anderen Grunde: ihre Atomisierung entspringt aus der Tatsache, daß jeder seine eigenen selbstischen Ziele verfolgt. Don Quichotte jedoch ist isoliert, weil er das Unmögliche möglich machen will: er will die Bösen niederhalten, die Gewalt abschaffen, die Menschen befreien und seine tiefe Liebe für das Menschliche in seiner Hingabe an Dulcinea verwirklichen.«
||| Leo Löwenthal, Das Bild des Menschen in der Literatur
||| Franco Mattichio, Untitled (2014)
»Die Emanzipation des akustisch vorgestellten Klangs aus seiner vergleichsweise untergeordneten Funktion in der alten Musik gehört zu den Errungenschaften der musikalischen Entwicklung in unserem Jahrhundert. Anstelle der alten, tonal bezogenen, konsonanten und dissonanten Klang-Auffassung ist heute die unmittelbar empirisch-akustische Klang-Erfahrung zwar nicht in den Mittelpunkt, aber doch an den Schlüsselpunkt des musikalischen Erlebnisses gerückt.«
||| Helmut Lachenmann, Klangtypen der Neuen Musik
»Mitten in der WĂĽste des Realen finden sich Orte, die einen Vorschein geben von der Welt, wie sie sein sollte, die Welt, wie sie wäre, wäre sie von Menschen fĂĽr Menschen Âgemacht: Paradies auf Erden, unerschöpflicher Strom von Waren und Dienstleistungen, verschwenderische FĂĽlle. Die Geschichten vom Schlaraffenland erscheinen nur denen kindisch, die sich schon eingerichtet haben in Plackerei und Entfremdung: Landschaften aus Obst und Kuchen, also die Natur noch einmal, aber nicht als Anlass von Qual und Arbeit, sondern Quelle von unmittelbarem Genuss; und die Menschen, die in ihr leben, nicht als unversöhnliche Konkurrenten, sondern als Vorbilder und Instrukteure des VergnĂĽgens der anderen. NatĂĽrlich, die wenigsten Kaufhäuser werden so gefĂĽhrt, und natĂĽrlich, umsonst und ohne Schuften gibt’s in ihnen nicht einmal die EinkaufstĂĽten. Aber schon jetzt sind sie ein Museum der BedĂĽrfnisse, dessen, was es zu gewinnen gäbe.«
||| Leo Fischer, Schwelgen im Ăśberfluss
»Wenn man heute eine Art Volksabstimmung über die wichtigsten philosophischen Kategorien veranstalten würde, so wäre sicher der Mensch an erster Stelle genannt. Und daß es nur auf den Menschen ankomme, das wird man ja heute überall, vom Betriebsausflug bis zu der Vorlesung, wiedergekäut finden, als ob nicht bereits die Wiederholung das tiefste Mißtrauen erwecken müßte. Ich glaube, daß diese unsägliche Betonung des Wortes Mensch – wie sie übrigens der Zeit der humanistischen Bewegung, etwa der Zeit von Wilhelm von Humboldt, gänzlich fremd gewesen ist; Sie werden weder bei Humboldt noch bei Fichte noch bei Hegel den Ausdruck Mensch mit irgendeiner derartigen Emphase, mit irgendeinem derartigen Tremolo ausgesprochen finden; sondern weil das Substantielle hier überall der Geist oder die Idee ist, erscheint der Mensch einfach als das was er ist, nämlich zunächst einmal als das biologische Gattungswesen –, und zu so etwas Geweihtem ist er dann erst geworden, nachdem etwas anderes Sinnvolles nicht mehr übrig ist und die Profanität gewissermaßen zu ihrem eigenen Sakralbereich verdoppelt werden muß. Ich würde sagen, daß eben deshalb, weil es in der Welt, in der wir leben, auf den Menschen – und schon dieses der Mensch, schon dieser Singular ist in einer Welt von gespaltenen Interessen und in einer Welt, in der es so etwas wie ein Gesamtsubjekt überhaupt nicht mehr gibt, eigentlich eine Ideologie und ein Schein – überhaupt nicht ankommt, eben deshalb ununterbrochen von dem Menschen und dem Dasein gesprochen wird; daß deshalb immer gesagt wird, daß alles auf den Menschen ankommt. Und jeder einzelne von uns, die wir hier sitzen oder stehen, kann es an sich erfahren, daß wir in einem unendlichen Maß herabgesetzt sind zu bloßen Funktionen einer übermächtigen Apparatur und daß wir das, was wir als unsere eigene menschliche Bestimmung betrachten können, überhaupt dieser Apparatur höchstens noch ablisten können – und was es dann mit einer solchen Bestimmung für eine Bewandtnis hat, die eine gewissermaßen gestohlene menschliche Bestimmung ist, das brauche ich nicht weiter auszuführen. Mit anderen Worten: alles das, das ganze Pathos, das sich an Worte wie Mensch und Daseinsanalyse und all das anschließt, ist im Grunde ein lucus a non lucendo im allerwörtlichsten Sinn, nämlich der Beweis dafür, daß es den Menschen eigentlich nicht gibt; er wird nur deshalb von der Philosophie sozusagen auf dem Markt ausgeboten, damit die Menschen auf diese Weise über ihre eigene Entmenschlichung sich betrügen können. Sie werden nur deshalb als Subjekte zum Sinn ihrer eigenen Existenz verklärt, weil sie in Wahrheit keine Subjekte, sondern weil sie Apparate sind.«
||| Theodor W. Adorno, Ontologie und Dialektik
»Was wir Ehrfurcht vor dem Tode nennen, die Mischung von Schauder, Beklemmung, Wehmut und Jenseitsgefühl, die wir beim Hinsterben eines Mitmenschen empfinden, sollte uns deutlich bewusst sein als Ehrfurcht vor dem Leben. Die Trauer um einen Toten ist die Bejahung seines Lebens, ist das Bekenntnis zum Diesseits als allein Erlebniswertem.«
||| Ehrich MĂĽhsam, Brevier fĂĽr Menschen
||| Moebius, Untitled (1994)
(Source: dop)
»Leben wenigstens so lange, daß man alle Sitten und Geschehnisse der Menschen kennt; das ganze vergangene Leben aufholen, da das weitere versagt ist; sich zusammenfassen, bevor man sich auflöst; seine Geburt verdienen; die Opfer bedenken, die jeder Atemzug andere kostet; das Leid nicht verherrlichen, obwohl man davon lebt; für sich nur behalten, was sich nicht weitergeben läßt, bis es für die anderen reif wird und sich weitergibt; jedermanns Tod wie den eigenen hassen, mit allem einmal Frieden schließen, nie mit dem Tod.«
||| Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod
»Fischer hat erzählt? – – Ach, nicht doch; das Ganze geht ungefähr so vor sich. – Du wirst oben geboren, und lebst – : nein; 1801 bis 77; iss doch egal ! –. Dann ›stirbst‹ Du; das ist ziemlich unangenehm; Beängstigungen, weißt Du, so Luftmangel : ahhhh ! Herz bleibt stehen. Aber das Bewußtsein setzt meist sehr rasch aus –« sie gab der Luft einen gleichgültigen Klaps : »Jedenfalls Du erwachst wieder. Dämmerungen und Stimmengemurmel. In einer Riesenhalle – ungefähr wie ne Reitbahn – in einer Menschenschlange. Wenn Du vorn am Schalter bist, füllen sie Karteikarten aus; Du erhälst Deinen Personalausweis; gehst weiter durch; wirst erneut abgestempelt; mit früheren Bekannten konfrontiert – darunter mindestens 2 Feinde ! –. Ein Omnibus fährt Dich zum Bahnhof; Du steigst in Deinen betreffenden Zug ein, kriegst Reiseverpflegung und so – und landest an dem Dir zugewiesenen Ort.«
Wählen? : »Hm – kaum ! – Du darfst wohl sagen, Du möchtest gern mit Dem und Dem zusammen sein; und wenn sichs irgend verantworten läßt, steht dem nichts im Wege. Aber es gibt eben doch Rücksichten : man könnte ja nie und nimmer Goethe und Bielschowsky zusammensperren. Nein, hier unten ist man wohl gerecht, aber nicht unnötig grausam. – Oder Dich dereinst mit Fouqué –« fügte sie hinterhältig hinzu, und zappelte sich vor Vergnügen die Beine lang, als sie mein Gesicht sah (das hätte sie aber besser nicht tun sollen !) –
: »Also die Länge ist ja geradezu polizeiwidrig !« entschied sie entzückt=entrüstet. (In der Tausendstundenuhr ringelreihten frohlockend die glitzernden Flaschenteufelchen. Sie sprach etwas zu einem Loch in der Wand; schloß die ins Unsichtbare tapezierte Klappe. Und entnahm gleich darauf einer Art Briefkastenschlitz 2 vorgewärmte Frotteehandtücher).
»Und jetzt gehen wir schlafen : morgen iss auch noch ein Tag. – Sonntag; da brauch ich nich rauf.« / Später »Nö, n Pyjama für Dich hab ich nich.«
Nebeneinander im Dunkeln. Nur die üblichen Abstrakta der Straßenlaternen kamen durch den dünnen Vorhang. Der Kunstwind jaulte vorbildlich. Draußen war auch der Nebel wieder verschwunden. Sie gähnte behaglich und leer.
»Nö – man kann sich den Körper aussuchen : fast Alle nehmen ihre Leiblichkeit, wie sie um die Anfang Zwanzig war, wo man gut in Form war. Manche Männer auch ihre 17 : wegen m Rasieren. – Oach.« Sie legte ein glattes faules Armtau über meinen Brustkasten; am Ende wars aufgedrieselt zu schlappen Fingern. Aus Schlaftrunkenheit die letzte Antwort: »Die ersten 10 Jahre wird meist nur ge ...« (und kicherte, als ich sie auf den Mund klopfte) : »Anschließend geht man gewöhnlich als Einsiedler – da gibt’s extra Buntsandsteinwüsten und Salzseen; Versteinertes und so –« (Sie versuchte vergeblich, die Faust tiefer in meine Achselhöhle zu bohren; fand aber doch keinen rechten Platz für ihren Arm und gabs murrend auf) : »Dann fangen sie meist an zu saufen; toben und lästern : auf die Unsterblichkeit; die ganzen Einrichtungen hier unten. Danach verfallen sie in ein bockiges Dösen; auch ein paar ganze Jahre – und dann werden sie allmählich wieder normal. Nehmen Stellen an. Kümmern sich um Arbeit. Und trösten sich mit dem Gedanken, daß ›ewig‹ eben schließlich doch nichts währt : schon Zweitausendjährige sind ja nicht allzu häufig bei uns.« Sie bewegte sich ungnädig, schnob schlafsüchtig ›Hn‹. Tat auch ihr linkes Knie noch zu den meinen; bürstete einmal mit dem Kopf meinen Hals (und entschlummerte. Auch ich beschloß, das Wundern auf morgen zu verschieben). –
||| Arno Schmidt, TINA oder ĂĽber die Unsterblichkeit. Mit Radierungen von Eberhard Schlotter
||| Kees van Dongen, Femme rattachant son jupon (1902/1903)
»Immer den gleichen Stein den immer gleichen Berg hinaufwälzen. Das Gewicht des Steins zunehmend, die Arbeitskraft abnehmend mit der Steigung. Patt vor dem Gipfel. Wettlauf mit dem Stein, der vielmal schneller den Berg herabrollt als der Arbeitende ihn den Berg hinaufgewälzt hat. Das Gewicht des Steins relativ zunehmend, die Arbeitskraft relativ abnehmend mit der Steigung. Das Gewicht des Steins absolut abnehmend mit jeder Bergaufbewegung. Die Arbeitskraft absolut zunehmend mit jedem Arbeitsgang (den Stein bergauf wälzen, vor neben hinter dem Stein her bergab laufen). Hoffnung und Enttäuschung. Rundung des Steins. Gegenseitige Abnutzung von Mann Stein Berg. Bis zu dem geträumten Höhepunkt: Entlassung des Steins vom erreichten Gipfel in den jenseitigen Abgrund. Oder bis zum gefürchteten Endpunkt der Kraft vor dem nicht mehr erreichbaren Gipfel. Oder bis zu dem denkbaren Nullpunkt: niemand bewegt auf einer Fläche nichts. STEIN SCHERE PAPIER STEIN SCHLEIFT SCHERE SCHERE SCHNEIDET PAPIER PAPIER SCHLÄGT STEIN.«
||| Heiner MĂĽller, Traktor
||| Ohne Titel (2013)