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@haltedeinewortezurueck
Ich fühle mich ein bisschen einsam und niemand ist dafür zuständig.
Lieber Kollege,
Ich habe heute Nacht an deiner Jacke gerochen. Du hast sie über dem Stuhl hängen lassen und ich war dort die ganze Nacht und habe mit mir gerungen. Am liebsten hätte ich mich darin eingewickelt und ganz in deinem Duft gebadet. Doch auch sie da hängen zu sehen und so ein Stück deiner Anwesenheit zu spüren, war schön. Schließlich habe ich mich auf den Stuhl gesetzt und meine Nase in den Teil zwischen Kapuze und Schultern gesteckt, wo dein Hals sonst ist. Welch ein Glück die Frau hat, die ihre Nase jeden Tag dort haben darf. Was ich aus meiner Zeit hier gelernt habe ist folgendes: Es gibt keinen Grund mehr sich wie ein Schulmädchen zu fühlen. Außer man verliebt sich in verheiratete Männer, dann findet man sich im Nachtdienst wieder, wie man heimlich an Jacken riecht.
Mir war nie klar dass es für jeden Begriff, der ein Gefühl beschreibt, einen Augenblick des Verstehens im Leben gibt. In dem plötzlich die Erkenntnis kommt, was dieses Wort nicht nur bedeutet, sondern seine ganze Tragweite. Am Tag als ich von deinem Tod erfuhr, verstand ich zum ersten Mal den Begriff "endgültig". Denn niemals wird es für deine Geschichte ein anderes Ende geben. Es wird für dich nichts anderes mehr gelten als das, was du bis zu deinem Suizid erlebt hast. Keiner kann daran etwas ändern, dir mehr helfen. Es umschreiben. Oder fortsetzen. Ein Ende, das gilt. Für immer. Das ist endgültig. Ich wünschte, ich hätte es nie verstehen müssen.
Ich kann dich nicht vor dir beschützen und ich kann mich auch nicht vor mir beschützen und uns nicht vor der Welt. Alles wird seinen Lauf nehmen und wir sind ausgeliefert und erfüllen Skripte die längst geschrieben worden sind, keine Wege, keine Flüchte. Auf der Strecke, die wir gehen, bleiben wir zurück und arrangieren uns und nennen das dann unser Glück.
Nachruf
In meinem Kopf dreht sich dein Name. Die Erinnerungen an die Sonne, die du ausgestrahlt hast und all die Dinge, die du liebtest.
Das Bild in meinem Freundebuch, von dem Tag am Strand. Du grinstest gegen die Sonne, ein beiden Händen einen Krebs, für die wir Burgen bauten.
Du hast mich auf dem Schulweg immer gewinnen lassen beim Wettrennen. Nie hätte ich gegen dich eine Chance gehabt, also hast du das Spiel "Schnecke gegen Rennfahrer" genannt, damit ich mich nicht blöd fühlte.
Wie wir unsere Brüder ausspioniert haben und immer bei deren Abenteuern mitmachen wollten.
Einmal haben wir ein großes Nest gebaut für die Vögel, die um dein Haus flatterten. Und weist du noch, als wir versucht haben, ein Entenei auszubrüten??
Du mochtest K11 und Eminem und wolltest Kommissar werden.
Über dein erwachsenes Ich weiß ich nicht viel, seit dem Abi haben wir uns nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, dass dein Bruder grade Stunde um Stunde weinend auf der Couch meines Bruders liegt. Dass deine Familie nicht mehr weiß wo hin mit ihrer Trauer und Wut. Dass deine Freunde eine wunderschöne Nachricht in die Todesanzeige geschrieben haben: Die Liebe endet nicht.
Was auch immer deine Dämonen waren, welche Kämpfe du auch immer auszutragen hattest. Sie hatten nie das Recht, dir die Sonne zu nehmen. Du wurdest 23, und dein Leben hätte nie in diesem Schuppen enden sollen.
Mit dir ist ein Stück Kindheit gestorben, und nach Hause zu kommen wird nie wieder dasselbe sein. Du warst und bist ein sehr geliebter Mensch.
(.) 13.05.2020
Meine Erinnerungen an diese Zeit damals sind wie aus einem Film. Als wäre ich der Zuschauer und die Figur, die eine Fehlentscheidung nach der anderen trifft, hätte nichts mit mir zu tun.
Wenn ich daran denke, dann bin es nicht ich, die des Nachts bei Regen im Straßenlaternenlicht spaziert, sondern die tragische Heldin, der ich dort auf dem Kopfsteinpflaster zusehe.
Auch das schöne scheint nicht mir passsiert zu sein. Im Theater die Hand der Person zu halten, die ich liebe und die mich liebt. Das Lachen und Funkeln zu teilen. Diese Szene muss sich ein Regisseur überlegt haben.
Die beiden, die dort im Lokal mit den blau-weißen Tischdecken mit Schwarzbier anstoßen, die Arme auf das Dunkle Holz gestützt. Das sind nicht wir, sondern zwei Charaktere deren Geschichte gerade erst begonnen hat.
War ich das dort im Hörsaal, auf der Bank unter der Weide am Juragebäude oder still in der Bibliothek? Oder war das eine vielversprechende junge Frau, die ihre Träume verfolgt?
Das alles liegt wie in einer Schneekugel. Bizarr und nicht real aber für den Betrachter berührbare Nostalgie. Ein kleines, durcheinandergeschütteltes Traumbild.
Meine Güte, was ist nur diese Sache mit der Scham? Da passiert mal eine peinliche Geschichte mit der falschen Person und schon stelle ich alles in Frage, was ich mir an Persönlichkeit erarbeitet habe. Es ist als wäre mein Charakter einer dieser riesen Wolkenkratzer. Stabil und Einschüchternd, aber nur solange nichts am Fundament rüttelt.
Weihnachten geht es um die Nächstenliebe. Ums Geben und Teilen. Im letzten halben Jahr habe ich jedoch so viel von mir gegeben, dass ich mir wünschte, jemand würde sich nun um mich sorgen. Diesem intimen Gefühl räume ich nun, nur für mich, etwas Platz ein und habe darum eine kleine Liste gemacht:
Dinge, die ich gerne einmal geschenkt bekommen würde.
Einen Liebesbrief (ich weiß, es ist kitschig und Klischee, aber ich habe schon einige geschrieben und selbst nie einen bekommen)
Karten für ein Sinfonieorchester (es wär einfach toll wenn jemand diese gewaltige Musik hört und dabei denkt, es würde mir gefallen)
Einen wunderhübschen Blumenstrauß (habe ich schon mal bekommen, aber nur zu Anlässen oder als Entschuldigung. Einfach so wäre schön.)
Ein Lied gesungen oder gespielt (Der Dramatik wegen)
Einen unverhofften Weihnachtskuss. Nicht weil wir betrunken irgendwo feiern oder weil jemand Lust auf Sex hat, sondern... nüchtern. Am Tage. Aus Zuneigung. Weil jemand mich mag.
Meine kleine Schachtel
Gäbe es doch einen Ort für all die verletzen Gefühle in mir. Eine kleine Schachtel wäre schön. Sie könnte gefüttert sein, mit weichem roten Samt. Wie ein gebrechliches Vögelein legte ich sie dort hinein, aus meiner hohlen Hand. Sie hätte ein verziertes silbernes Schlösschen, den Schlüssel an einer Kordel. Dann und wann höbe ich sie aus ihrem Grab in mir. Ich sähe sie an und strich mit den Fingern darüber. Gäbe ihnen ein wenig Zärtlichkeit. Schließlich gehören sie zu mir. Nur könnte ich sie nicht lange bei mir haben, denn das macht auch mich so zerbrechlich. An langen Seilen ließe ich die kleine Schachtel wieder hinab. Bis zum nächsten Mal. Hätte ich eine kleine Schachtel dafür, nähme ihnen das den Stachel.
Standartvokabular
"Ich lieb' dich", will ich dir sagen. "Ich denk an dich", will ich dir sagen. Und "ich freu' mich auf dich". Was ich stattdessen sage, ist belanglos. Und das nur, weil wir nicht selbst entscheiden können, was das heißt. Diese Sätze beschreiben das Gefühl, das ich für dich habe, wenn sie meinen Mund verlassen und haben eine ganz andere Bedeutung, wenn sie deine Ohren treffen. Weil irgendwo dazwischen mal jemand festgelegt hat, was sie bedeuten sollen. Dabei sollte unsere Sprache doch unserem Fühlen Worte geben. Es sind jedoch die Worte die bestimmen, welches Gefühl transportiert wird. Das ist sehr schade. Es geht so viel dadurch verloren.
Sich öffnen
Tag für Tag sage ich meinen Patienten, es wird leichter, wenn sie darüber sprechen. Jeden Tag predige ich Offenheit und Ehrlichkeit und ich bin der größte Heuchler von allen. Wenn ich nach Hause komme schließe ich die Tür, spreche mit niemandem, die Rollläden sind unten und die Verpackungen von Junkfood überfluten den Boden. Meine Freunde haben seit Wochen nichts von mir gehört. Selbst meine Familie bekommt nur milde Abfuhren. Morgens ist es das schwerste überhaupt aufzustehen, an freien Tagen geht das nur mit viel Koffein. An anderen Tagen hält mich der Job aufrecht, es ist das einzige, was mir eine Existenzberechtigung verschafft. Dort bin ich kompetent, gefragt, geschätzt und erfüllt. So richtig verstehe ich das selbst nicht. Es ist, als wäre ich es mir einfach nicht wert, ein Leben für mich selbst zu führen. In all der Anstrengung, die das kostet, sehe ich keinen Sinn.
Was ich meiner Familie sagen will..
Maaaaan ich will einfach gehen! Hab genug von eurer kleinen Welt, den immer gleichen Gesprächen und Ansichten und der Selbstgefälligkeit. Nächsten Sommer wenn mein Kredit abbezahlt ist, die Zulassungen eintrudeln und ich wieder frei bin, werde ich meine Koffer packen. Und wisst ihr was? Ja, ich werde wieder ans andere Ende des Landes gehen, so wie letztes Mal, nur um genug Abstand zwischen mich und dem zu bringen, was ich sicher nicht werden will. Es ist ja kein schlechtes Leben, das ihr führt. Es ist nur nichts für mich. Wenn ich jetzt nicht bald gehe, dann werde ich es vielleicht nie tun, aber dann geh ich ein.
Nachtschicht
Es ist leise auf dem langen Flur
Die Heizung summt
Die Decken ächzen
Und der Wind pfeift streng ums Haus
Nur ich bin wach
Und lausche hin
In diese reiche Stille
Wovon ihr alle träumen mögt?
Ich hoff' es ist nichts schlimmes.
Nun schleich ich in die Zimmer,
ganz leis und auf der Hut -
Erschreck' nicht,
Wenn du mich nicht kennst:
Ich bin das Nachtgespenst.
Phoenix
Dieses starke neue Ich. Selten habe ich mich selbst so genossen. Jetzt kann ich sagen, ich bin klug. Ich bin leistungsfähig. Energetisch und verdammt motiviert. Ich bin neugierig und belastbar. Ich bin gut in dem, was ich tue. Ich kann das. Hört mich, ich habe eine Meinung. Schaut mich an, ich mach das jetzt. Verdammt mutig bin ich. Ich will mehr. Lernen, wissen, handeln. Mich aufhalten? Mich kleinhalten? Haha, versucht das mal.
Es war ein langer harter Tag auf der Arbeit, so viele Menschen mit so schweren Problemen. Ich bin so müde und mein Gott, was würde ich jetzt darum geben zu dir ins Bett zu kriechen. Mich in deine Arme zu kuscheln, deinen Duft einzuatmen und mich zu Hause zu fühlen.
Neuanfänge
Neuanfänge sind hart, sie sind aufregend und anstrengend und wundervoll. Neuanfänge sind wo immer du willst, aber manchmal auch ganz klar. Neuanfänge erfüllen dich mit diesem Gefühl, Kribbeln im Bauch, Grinsen im Gesicht und Zappeln in den Beinen. Ja, ich bin verliebt in diesen Neuanfang, und warum auch nicht? Es gibt Zeiten zu grollen und es gibt Zeiten, die Welt zu umarmen. Spring in die Luft und fühle es!
Unsichtbares Kettenrasseln
Was tun, wenn man nicht schlafen kann, weil Erinnerungen wie unsensible Poltergeister im Kopf herumspuken? Hinfort, hinfort mit euch, ihr ungebetenen Gäste. Dieser Geist braucht endlich Frieden.