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Silence is bold.
Leonard Cohen: Let us compare mythologies. 1956.
1956, als Cohen 22 Jahre alt war, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, "Let us compare mythologies" (!), bevor er Songs schrieb, sang und auch, bevor er mit Janis Joplin schlief, ein Gedicht darüber schrieb und sich später ärgerte, dass er so persönlich geworden war. Cohens erster Gedichtband ist bei ecco wieder veröffentlicht worden, mit dem Original-Cover und den Illustrationen der kanadischen Künstlerin, Freda Guttman, die auch bei der Erstausgabe mitgewirkt hat. Man kann sich vorstellen, wie das erste Büchlein, wahrscheinlich im Pappband eingefasst, ausgesehen hat. Eine alte Ausgabe wird abgegriffen sein, verlebt, wie Haut gezeichnet von Rissen, Furchen und Flecken. Cohen ist überraschend klassisch in seinem ersten Band. Viele Gedichte handeln - Balladen, Elegien - von Krieg, griechischen Schlachten, Christus, Helden, dem jüdischen Exodus, auch vom Mord an der Geliebten (fast hat man das Gefühl als hätte sich Nick Cave für "Where the wild roses grow" hier bedient). Manchmal auch Gereimtes, manchmal auch verhalten Lustiges ("Warning"). Manchmal scheint - in einem Satz, in einem Ende, einem Anfang - auch diese Einfachheit auf, mit der er kleine Wahrheiten in Worte fasst, diese Eleganz mit nur ganz wenigen Tropfen, Bilder, Ewigkeiten so genau zu beschreiben, dass sie sich einschreiben in Herz, Hirn und Haut. Das Englisch ist nicht einfach zu lesen, mit seinen vielen Anspielungen und klassischen Knoten, die in andere Zeiten entführen. Aber es lohnt sich. Es gibt Bilder, die sind besonders ("but the snow came thin, covering the ground like cheap gauze,..., preserving footprints in the mud.") Man stolpert über Diamanten. Hier ("but I remembered clearly then your insane letters and how you wove initials in my throat.") und da ("How you murdered your family means nothing to me as your mouth moves across my body..."). Es ist eben Cohen, der sich formt, der schreibt und fortschreibt, was in ihm ist. Und man denkt: Wohin es führen kann, wenn man nicht aufgibt. Wie wenig es verwundert, dass er aus Montréal stammt, der magischen Stadt mit ihren gotischen Altstadtwuchten und dem Sprachwirrwarr, den französischen Cafés, neben den amerikanischen Malls, dem Sprungbrett nach New York kurz hinter dem süßwolkigen Sirupwald, der sich golden färbt im Herbst. (Als ich am Schalter der Flughafenkontrolle in Montréal, meinen Paß zeigte, fragte mich der Beamte, warum ich nach Montréal käme und ich sagte, ich käme wegen Cohen und der Poesie. Er sah mich aufmerksam an. Dann beugte er sich vor uns sagte, ich solle in die Wälder fahren, wenn die Sonne am höchsten steht und ein Café aufsuchen, in der Nähe der université und dort Crèpes avec Erdbeeren et chocolat speisen. Dann stutzte er kurz, fiel zurück in seinen Stuhl und seine Rolle: "That's your boy-friend you're traveling with?" In dem Café aßen wir vorzügliche Crèpes und beobachteten ein rosa Schwein, dass an einer Leine auf dem Gehsteig Gassi geführt wurde. Es war sehr gepflegt und tänzelte leicht. Eine Straße weiter lag das kaputte Klavier im Vorgarten der bunt gestrichenen kleinen viktorianischen Holzhäuser, mit seinen gelben verrotteten Tasten, den abgerissenen Leuchtern, dem zersplitterten Loch und den moosbewachsenen Füßen. Aber das ist eine andere Geschichte.) Ein bekannter Musiker, hat einmal geschrieben, dass er mit der Tochter Cohens zur Schule gegangen sei und völlig perplex war, als sie ihn mit nachhause nahm und er Cohen - seinem Idol - zum ersten Mal begegnete. Cohen stand an der Spüle in der Küche, trug lange Feinrippunterhosen, ein altes T-Shirt, einen zerknitterten Hut und war dabei einen kleinen, nackten Vogel mit Brotkrümeln zu füttern, der aus dem Nest gefallen war. Man muß ihn einfach mögen. "I heard of a man who says words so beautifully that if he only speaks their name women give themselves to him. If I am dumb beside your body While silence blossoms like tumors on our lips it is because I hear a man climb stairs and clear his throat outside our door." Leonard Cohen: Let us compare mythologies. ecco/HarperCollins 2007. 19,99 $
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LIS
Esther Dijkstra
Neil Gaiman: The Ocean at the end of the lane, Ransom Riggs: Miss Peregrines Home for Peculiar Children
Auf das neue Buch von Neil Gaiman habe ich lange gewartet. Am 18. Juni sollte es erscheinen. Leider war ich zu dem Zeitpunkt an einem Ort, an dem es keinen Buchladen gab. Als ich “The Ocean at the end of the lane” dann in den Händen hielt, war schon das (UK-) Cover eine leise Enttäuschung: Die Silhouette eines Jungen, der im Wasser schwimmt, von unten aufgenommen, in dunkelblau-schwarz, langweilig im Gegensatz zu den Sandman-Covern. (Besser ist das der amerikanischen oder der Deluxe-Ausgabe.) Aber man darf nicht erwarten, das immer, wenn Gaiman schreibt, ein Genie wie Dave McKean das Cover gestaltet. Wahrscheinlich ärgert es ihn sogar selbst. Bei seinen Geschichten, die als Comic oder Kinderbuch veröffentlicht wurden, ist er ja von guten Gestaltern immer sehr verwöhnt worden. Ein Luxus für jeden Autor. Um auf ein gängiges Buchformat zu kommen, ist “The Ocean at the end of the lane” großzügig gedruckt, große Schrift, großer Zeilenabstand. Wie bei einem Brief an die Eltern, den man künstlich streckt, weil man eigentlich nichts erzählen will. Ursprünglich entstanden aus einer Gute-Nacht-Geschichte für Gaimans Frau, wuchs es spontan zu einem Buch heran. So verkauft der Verlag das Ganze auch als Gaimans bisher persönlichste Geschichte. Wie man es von seinen Gute-Nacht-Geschichten gewohnt ist, sind sie voller Alpträume und Monster. Sympathische Kinder stellen sich dem Bösen entgegen, Monster in mannigfachen Gestalten tauchen auf (u.a. – mein neues Lieblingstier - ein Fellrochen mit Reisszähnen). Spannend, kurzweilig, ein Monstermärchen, erzählt im Achterbahntempo. Manchmal muss man an Stephen Kings’ "Es" denken, in dem auch phantastische Wesen aus uralten Zeiten auftauchen, denen sich eine Schar Kinder tapfer entgegenstellt. Dennoch bleibt “The Ocean at the end of the lane” eine Gute-Nacht-Geschichte. Es rockt, aber es ist schnell erzählt und schnell vorbei. Obwohl ähnlich kurz, ist "The Graveyard-Book" von Gaiman dagegen deutlich besser, da die Grundidee “Ein Junge wächst auf einem Friedhof auf und hält die Menschen für unnormal/furchterregend, weil er nur mit der Geisterwelt vertraut ist” tragfähiger ist. Leute, die Monstermärchen und phantastische Welten mögen ist, sollten “The Ocean at the end of the lane” auf jeden Fall lesen, sei es auf einer langen Zugfahrt (man vergisst die Welt um sich herum) oder auf dem Crosstrainer (es passt perfekt auf das Board). Auf Deutsch sollte man es auf keinen Fall lesen. Gaiman schreibt einfaches Englisch, das in der deutschen Übersetzung oft wie schlechter Stil wirkt. Im englischen Original kann man deutlich tiefer in die Geschichte eintauchen. Beim Auftauchen fühlt man sich herrlich erfrischt, als hätte man nachts in einem schwarzen See gebadet und die fiese Seeschlange mit bloßen Händen erwürgt, obwohl man gerade erst fünfzehn ist. Ein Buch, das genau die gleiche Zielgruppe anspricht, ist: Ransom Riggs: Miss Peregrines Home for Peculiar Children. Die Bücher sind nicht nur äußerlich wie Geschwister (schwarzer Einband), auch ihre erzählerischen Gestaltungselemente sind ähnlich. Riggs wühlt auf Flohmärkten gern in alten Fotokisten mit vergilbten Schwarz-weiss-Aufnahmen namenloser, längst gestorbener Menschen. Daraus wurde eine Sammelleidenschaft. Irgendwann hörte er seinen Bildern zu und sie begannen, Geschichten zu erzählen, die er zu dem Buch “Miss Peregrine” zusammenfügte. Ausgeblichene Augen auf alten Fotografien ließen die Abgebildeten zu blinden Monstern werden, die mit übersinnlichen Fähigkeiten begabt, – wie bei King, wie bei Gaiman, - nur von Kindern bekämpft werden können. Dieses Monstermärchen wartet mit noch mehr Versatzstücken auf, die man aus Horror- oder Geistergeschichten kennt: ein Großvater, der Geschichten erzählt, fliegende, unsichtbare und Kinder, die das Feuer beherrschen, blutrünstige Monster, denen Tentakel aus dem Maul hängen, ein altes, verfallenes Jahrhundertwendehaus auf einer einsamen Insel, das natürlich voller Geheimnisse steckt, eine Moorleiche, die wieder lebendig wird, ein alter englischer Pub (Könnte es Gaimans “Gasthaus am Ende der Welt sein”?) mit zwielichtigen Persönlichkeiten und einer geheimnisvollen Falltür – und: durch die Zeit reisen kann man auch, auf diesem großen, schwarzen Abenteuerspielplatz. Die Bilder, die Riggs inspiriert haben, sind in das Buch unaufdringlich eingefügt und zwar so, dass man sich nachher wundert, warum nicht in jedem Buch Fotos sind. Die englische Ausgabe ist mit schwarzen Jugendstilornamenten gestaltet, die das Herz jedes Gothic-Fans höher schlagen lassen. “Miss Peregrines Home for Peculiar Children” kann durch die Dichte an phantastischen Figuren und Situationen besser mit Stephen Kings "Es" mithalten als Gaimans “Ocean at the end of the lane”. Obwohl "Miss Peregrine" natürlich weitaus harmloser daherkommt. Einige Elemente erinnern zuweilen an Gaimans Sandman-Geschichten (das Kindermädchen, das sich in einen Wanderfalken verwandelt; die Zeitlöcher sind in Sandman die “Wirbel”…), aber das muss kein Nachteil sein. Vielleicht wird auch aus “Miss Peregrine” eine Serie: der Nachfolgeband ist im Buch schon mit zwei Seiten angekündigt und soll im Januar erscheinen. Natürlich eine Goldgrube für den Verlag und wahrscheinlich hat Riggs noch skurrile Fotos genug, die ihn zu noch monströseren Märchen inspirieren. Man darf sich darauf freuen. Ebenso freut man sich, dass jemand die uralten Phantastikelemente, einsames Haus, Monster, einsame Insel, Zeitreisen, Waisenhaus zu einer neuen wohlkomponierten Geschichte verwoben hat, die wunderbar unterhält. Außerdem offenbart der englische Titel noch eine ganz andere Weltsicht des Autors: Die sogenannten besonderen Kinder sind unsichtbar, haben am Hinterkopf einen zweiten Mund, können fliegen oder mit bloßen Händen Feuer machen. Wegen dieser Fähigkeiten werden sie von ihren natürlichen Eltern verstoßen, passen nicht in die Gesellschaft, treten auf Jahrmärkten auf und landen schließlich bei Miss Peregrine. Dabei werden im Roman gerade die besonderen Fähigkeiten dieser Kinder zu Superhelden-Fähigkeiten, mit denen es ihnen gelingt, Monster zu bekämpfen. Man könnte das auch auf Menschen mit Behinderung übertragen. Alles eine Frage der Perspektive. Leider ist diese Doppeldeutigkeit im deutschen Titel verloren gegangen. Der Verlag hat sich entschieden, nur die Gruselelemente – Topos “die einsame Insel” – zu vermarkten, auch noch mit einem schlechten Buchtrailer garniert, der wieder einmal deutlich macht, das Buchtrailer überflüssig sind wie ein Kropf. Eine gute Geschichte spricht für sich. Natürlich wird das Buch verfilmt, aber zu wünschen wäre ihm eine visuelle Mischung aus “Das Waisenhaus” und “Stadt der verlorenen Kinder” oder ein Regisseur wie Tim Burton. Immerhin ist das Buch so unterhaltsam und Neil Gaimans Geschichten so ähnlich, das sich der Verdacht aufdrängt, “The Ocean” ware nur publiziert worden, um einen Kontrapunkt zu setzen, Gaiman als Markt- und Media-Beherrscher musste da etwas in den Ring werfen, um dem phantastischen Erstling von Riggs, der wochenlang die Bestsellerliste der New York-Times anführte, etwas entgegenzusetzen. Unabhängig davon, ist es eine schöne Idee, die Totenbilder aus den Flohmarktkisten Geschichten erzählen zu lassen, seien es nun erfundene oder echte. Es ist an der Zeit, sie auszugraben. (Siehe auch Turn-of-the-century.)
Shel Silverstein. Poems.
Shel Silverstein. Der Name klingt nach einer seltenen Perle in einer Muschel. Gehört aber einem ehemaligen Playboy-Autor. Es gibt einen Tumblr-Blog mit seinen Gedichten und Zeichnungen. Er schreibt und zeichnet. Auf der Suche nach einem Gesicht, findet man einen glatzköpfigen Mann mit einem Vollbart. Auch das ist vielleicht schon ein Ausdruck seines unverwechselbaren Humors. Beziehungsweise war ein Ausdruck seines Humors. Denn er ist 1999 gestorben. Wegen des Reimes, fragt man sich? Shel Silverstein died nineteenninetynine. Das muss er doch gemerkt haben, der Fuchs. Seine Gedichte sind einfach gereimt, Kinderreime, sie bleiben im Kopf hängen, böse, charmant, weise, klug, witzig, zärtlich. Fantastische Gedichte, von denen man sich wünscht, man hätte sie im Englischunterricht auswendig lernen dürfen, von denen man sich wünscht, jemand hätte sie einem ins Poesiealbum geschrieben, seitenweise. Manche sind zeitlos, manche verspielt, manche zum Kaputtlachen. Vor allem durch das schöne Zusammenspiel mit seinen einfachen, witzigen Zeichnungen. Wort und Strich gehen Hand in Hand. Einige englische Ausgaben sind vor kurzem neu aufgelegt worden. Man findet sie in englischsprachigen Buchläden versteckt in der Kinderabteilung. Einige ins Deutsche übersetzte Ausgaben vom unvergleichlichen Harry Rowohlt sind erschienen. Harry Rowohlt ist natürlich der Beste dafür, es wundert überhaupt nicht, das er Silverstein mag und macht. Trotzdem sollte man die Gedichte im Original lesen. Der Sprachwitz glänzt einfach schöner. Bei Wikipedia kann man lesen, dass Silverstein auch ein sehr erfolgreicher Songschreiber war, u.a. schrieb er einige der bekanntesten Johnny-Cash-Songs, 25 Minutes to go und A boy named Sue. Ersterer ein schnelles Gedankenspiel über die letzten Minuten eines zum Tode Verurteilten (Cash singt es im Folsom Prison, besser geht es nicht), das die Minuten bis zum Todesvollzug herunterzählt, dreist, hoffnungsvoll und ironisch den tödlichen Ausgang phonetisch aufnehmend. Der andere erzählt vom Ärger mit Vornamen (Hallo, Chantal!). Auch das witzig, böse, balladenhaft, bedeutungsvoll. Silverstein hat seine Songs auch selbst gesungen. Interessant, aber anders. Cash ist eindeutig der bessere gesangliche Dramaturg. Silverstein, der bessere Schreiber (mit Verlaub). Eine Mischung aus Heinz Ehrhardt, Dorothy Parker, Gary Larson und Dr. Seuss. Silversteins Gedichte kann man nahtlos alle empfehlen. Bisher gelesen habe ich: Everything on it, A light in the Attic und The Missing Piece. Letzteres ist eine Geschichte über einen Kreis, der ein Teil vermisst, eine kleine illustrative Geschichte über das Zueinanderpassen, anhand von geometrischen Figuren. Die Idee ist nett illustriert, aber besser in der Ausführung von Norton Juster (Norton Juster: The Dot and the Line: A Romance in Lower Mathematics. Auch sehr empfehlenwert, der Film von Chuck Jones dazu.) Besonders gefallen hat mir die Gedichtsammlung “A light in the Attic”. Vor allem das Gedicht über die Biene, die mit ihren Stichen schreibt oder “Put something in” (ein Aufruf zum Ungehorsam) oder “Blame” (ein Gedicht über einen Ziegenbock, der das schönste Buch der Welt aufgegessen hat). Oderoderoder. Man will sie alle lesen. Und man muss sie alle kaufen. Leider nur außerhalb von Deutschland. // LIS
Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah.
Oscar Schell. Ich saß mit Oscar Schell am Strand. Der Strand war weniger langweiliger als Oscar zu erzählen begann. Von dem Tag, als sein Vater starb, den er den Tag des großen Unglücks nannte. Ich mochte den Erzählton, das unaufhörliche Erfinden, die Ideen, die lange Sätze, plötzlich der analytische Erzählton eines Lexikons, der kindlich-krampfhaft Wissen als Stütze braucht gegen das Unbegreifliche, das Grausame, das mit Tod, Schmerz, ins Leben einbricht. Oscar hat Millionen Ideen. Was muss es Foer für einen Spaß gemacht haben, die Gedankenfunken Oscars sprühen zu lassen. Eine erkenne ich wieder als meine eigene. Eine als die von Shel Silverstein. Oscar schreibt Briefe an berühmte Leute. Ist nicht Tumblr auch eigentlich ein Brief an verwandte Unbekannte? Und was für ein Vergnügen, wenn diese berühmten Leute antworten. Im Buch ist es Stephen Hawking, Jane Goodall, wissenschaftliche Koryphäen, die der kleine Junge anschreibt und die reagieren, menschlich, zauberhaft, freundlich. Was für ein großes Gefühl, wenn man einen Stern so nahe heranziehen kann. Das Buch ist aus mehreren Perspektiven geschrieben, Oscars Erzählstimme spricht, die seiner Großmutter und ganz spät erst erkennt man es, die seines Großvaters, der verschwand, als seine Großmutter mit seinem Vater schwanger war. Die Stimmen haben alle eine ganz eigene Poesie. Der Großvater, in Dresden geboren, der seit der Bombardierung Dresdens nicht mehr spricht, sich nur schreibend äußert, mit Hilfe eines kleinen Buchs oder Zetteln oder den Tattoos von Ja/Nein in seinen Händen. Seine Großmutter, die den Jungen mehr liebt als sich selbst, und keine Tränen mehr hat, als der Großvater nach 40 Jahren zurückkehrt. Eine schöne Geschichte, verwoben in einer anderen, alle tragisch, traurig, eindringlich. Warum gibt es immer wieder Krieg, fragt man sich. Die Bombardierung Dresdens wird aus der Perspektive des Großvaters geschrieben, expressionistisch, in Feuerfarben, die Toten erscheinen vor dem inneren Auge, das Chaos, der Großvater, der die ausgebrochenen Zootiere erschiesst, mit verbrannten Händen, aber nicht verhindern kann – ein schlechter Schütze – das die Geier über die Leichenberge herfallen. Schreckliche, eindringliche Bilder, erzählt auch visuell als Spiel mit der Typographie, wenn der Großvater sich schreibend äußert, steht oft nur ein Satz auf einer Seite, wenn er mehr sagen muss als er kann, wenn die Gedanken rasen, verschwinden die Zeilenabstände, dieBuchstabendrängenzusammen. Fotos sind eingefügt. Das kleine Daumenkino, das versucht, rückgängig zu machen, was nicht rückgängig zu machen ist, der Sturz der Menschen aus dem World Trade Center. Der Schmerz kommt näher mit jedem Satz, den wir von Oscar Schell über seinen Vater hören, der Verlust wird fühlbar und die Ohnmacht. Aber es gibt auch Hoffnung. Die Fremden, die ihm Tür und Herz öffnen, die helfen mit Worten, die ihr Leben ausbreiten und ihre Zeit an den Jungen und seine Fragen verschenken. Ein Buch zum Weinen und Lachen, ein großes Buch. Ein verspieltes und ein grausames Buch. Ein Buch, das einen umgräbt. Ein Buch, das im Kopf bleibt. Die Figuren kommen so nah, als könnte man sie auf der Straße treffen vor dem Haus, in der Nachbarschaft. Ein gutes Buch, das deutlich macht, dass ein Band bestehen bleibt, auch wenn man es abschneidet. Ein Buch, das spricht und wieder soviel größer ist als der Fim, der danach entstand. // LIS
"Drei-Null-Drei sofort freiräumen, Sie haben 5 Minuten."
Gefunden in einer Bücher-für-umsonst-Kiste in einem Trödelladen. Tolle 70er-Typo und Covergestaltung. Sofort mitgenommen. Vage Erinnerung, Arthur Hailey schrieb auch Hotel, das zu einer Serie wurde mit James Brolin. 80er. Lief zur Zeit als Magnum lief. Noch vager, es gab drei Airport-Filme. Unter anderem Airport 80 - die Concorde, mit Alain Delon und Robert Wagner. Es fängt auch an wie ein Film. Detaillierte Beschreibungen, die alles sofort wie auf Knopfdruck vor einem auferstehen lassen. Der Flughafen Lincoln International Airport. Verschiedene Handlungsstränge werden bis ins kleinste Detail aufgebaut. Der Flughafendirektor, Mel Bakersfeld, und seine Perspektive, privat und beruflich. Ein Monteur namens Joe Patroni mit großem Geschick, der Flugzeuge repariert und immer zur Stelle ist, wenn Not am Mann ist. Eine Flughafenangestellte, die beim Check-in hilft. Ein Pilot, der eine Affaire mit einer Stewardess hat, ein Kontroller, der sich das Leben nehmen will, nachdem er nicht verhindern konnte, dass eine Maschine unter seiner Regie mit einer anderen kollidierte. Am Funkgerät musste er die letzten Worte der verzweifelt schreienden Sterbenden, eine Familie, mit anhören und zerbricht darüber (Wie war das eigentlich 09/11?). Alle diese Geschichten sind einander verwoben. Der schönste Strang, der zum Schluss noch eine besondere Bedeutung bekommt: Eine 75jährige Schwarzfliegerin, die als blinder Passagier immer wieder umsonst zu ihrer Tochter nach New York fliegt - und in Lincoln International erwischt wird. Sie hat jedoch einige Tricks auf Lager und mogelt sich an Bord der Unglücksmaschine, an der sich das Flughafendrama schließlich zuspitzt. (Wer wusste wirklich, dass es Schwarzflieger gibt?) Der dramatischste Strang: Ein Familienvater, der bankrott ging und eine Lebensversicherung auf den Namen seiner Frau abschliesst und mit einer Bombe, entschlossen sich auf einem Flug in die Luft zu sprengen, auf dem Flughafen erscheint. Ein Schneesturm droht den Verkehr auf dem Flughafen lahmzulegen als die Handlung einsetzt. Im Zeitraum von sieben Stunden wird unfassbar viel Hintergrundwissen über Flughäfen und die Abläufe dort spannungsreich entfaltet. Erzählt anhand von Menschen und ihren Gefühlen, verdichtet wie es kein Film kann. Die Detaildichte ist manchmal anstrengend. Auch die Sprünge zwischen den Erzählsträngen bei denen einige Figuren mehr oder weniger sympathisch erscheinen, muss man nicht alle durchhalten. Ab der Hälfte des Buchs setzt die jedoch so Spannung ein, dass man alles um sich herum vergisst. Vergessen sind auch kleine, überaus seichte Einschübe, wenn die Figuren miteinander anbändeln. Das kann man alles überblättern. Ab 23 Uhr bis 1.30 Uhr - so sind auch die Kapitelüberschriften - setzt der Spannungssog ein, als hätte die Dekompression beim Leser eingesetzt. Ab da ist es auch ideal zum Vorlesen. Der Zuhörer sitzt gebannt da. Beim Vorlesen ist man immer wieder versucht, während man mit dem linken Auge das laut Vorgelesene erfasst, mit dem rechten Auge schon zu sehen, wie es weitergeht, weil es so spannend ist. Der Autor lässt keine dramatische Steigerung aus. Die Bombe. Der Schnessturm. Demonstranten auf der Rollbahn. Kontroller mit Selbstmordgedanken. Vereiste Rollbahnen. Bombenkoffer. Blinde Passagiere. Zerbröselnde Ehen. Sturzflüge. Fliegen im Flugzeug ist nach dem Buch anders. Für Langstreckenflüge eignet es sich nur, wenn man sehr starke Nerven hat. Beim Vorlesen hatte ich das Gefühl, ich hätte selbst die angeschlagene Boeing 707 runtergebracht. Man ist erschöpft und angespannt als wäre man gerade aus einem Actionfilm gekommen. Wahnsinn. Und alles kann man in einer Umsonst-Bücherkiste finden.
Rodriguez, Sugar Man (Cold Fact, 1970)
"Searching for sugarman" - ein sehenswerter Dokumentarfilm über die seltsame Geschichte des genialen Singer-Songwriters Sixto Rodriguez, der - ohne sei Wissen - in Südafrika zum Superstar wird. Sixto Rodriguez spielt in den 70ern in Clubs in Detroit eigene Songs, die stark an Bob Dylan erinnern. Das Interessante, er ist kein Kopist, sondern eher ein Vorreiter, ein Geheimtipp. Seine Texte sind poetisch, gesellschaftskritisch, intelligent, gehen stark ins Ohr. Er bekommt einen Plattenvertrag bei einem Mann, der auch als Motown-Boss Geschichte schrieb. Produzent und Plattenfirma glauben an Rodriguez, aber die Platte liegt wie Blei in den Regalen. Rodriguez beerdigt seinen Traum von der Musikkarriere und schlägt sich mit Jobs auf dem Bau durch. Irgendwann, Jahrzehnte später nimmt ein Mädchen, das seinen Freund besuchen will, ein Tape von Rodriguez' Platte mit nach Südafrika. Das Tape zirkuliert in ihrem Freundeskreis, in seinem Freundeskreis und weiter, immer weiter bis eine große, landesweite Kopiermaschine in Gang kommt. Die Nachfrage steigt, südafrikanische Plattenfirmen bringen Rodriguez-Platten heraus und werfen sie auf den einheimischen Markt, mit reißendem Absatz. Rodriguez wird ein Hype, ein Phänomen, seine klugen Texte beeinflussen die Antiapartheitsbewegung und sind bald in aller Munde. Viele behaupten in Südafrika sei er größer als Elvis. Aber er selbst bleibt ein Gespenst. Gerüchte ranken sich um seine Person: Er habe sich auf der Bühne verbrannt, sich in den Kopf geschossen, sei eine tote Legende. Bis ein Journalist auf den Gedanken kommt, genauer nachzufragen. Bis dahin sind ungefähr über eine halbe Million Rodriguez-Platten in Südafrika verkauft. Nach jahrelanger Recherche z.T. mit Fahndungsbildern auf Milchtüten wird er fündig. Zu seiner Überraschung gelingt es ihm, den noch lebenden Rodriguez in den USA aufzuspüren und mit ihm zu sprechen. Er arbeitet immer noch auf dem Bau, hat erwachsene Töchter, ist mit seinem Leben sehr zufrieden und ahnt nichts von seinem Ruhm in Südafrika. Geschweige denn, dass er irgendeinen Cent der Verkaufserlöse seiner Platten gesehen hat. Mit Hilfe des Journalisten spielt Rodriguez mehrere ausverkaufte Konzerte in Südafrika, verschenkt die Erlöse an Freunde und Bekannte und lebt sein Leben weiter wie bisher. Eine unglaubliche Geschichte und ein großartiger, absolut sehenswerter Dokumentarfilm mit sehr guter Musik und wunderbaren Texten. Auch ein Lehrstück über die Musikindustrie, die sich lieber selber in die Tasche wirtschaftet als Künstler am Umsatz zu beteiligen. Wer die Interviews mit den Plattenbossen, die sich an Verträge aus den 70er nicht mehr erinnern wollen, aber behaupten Rodriguez wäre ihre Entdeckung gewesen, sieht, wird versuchen, sich eher selbst zu vermarkten. Internet sei Dank ist das heute eher möglich. Amanda Palmer macht's vor. Bleibt nur noch zu fragen, ob man, wenn man den Filmsoundtrack kauft, auch wirklich Rodriguez unterstützt und nicht wieder irgendwelche dubiosen Machenschaften. Rodriguez - I wonder "I wonder how many times you had sex I wonder do you know who'd be next..." Rodriguez - Crucify your mind Rodriguez - Cause "the rain drank champagne..." "my heart became a crooked hotel..." Rodriguez - Can't get away Rodriguez - Establishment Blues "I opened the window to listen to the news All I heard was the establishment blues..."
malennachbruchzahlen:
Don't care what others think.
Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet. Fischer. Man muss nicht alles lesen, was alle lesen. Trotzdem habe ich dieses Buch gekauft. Zuviele Zitate daraus kreuzten meinen Weg. Das Cover ist ein Beweis, dass schöne Typographie nichts mit dem Inhalt zu tun haben muss, aber trotzdem helfen kann, ein Buch zu verkaufen. Anfangs habe ich mich schwer getan damit. Ich mochte die deutsche Übersetzung des radebrechenden Ich-Erzählers nicht. Er kommt aus der Ukraine und spricht ein sehr eigenes, falsches Englisch, dass auch so holperig ins Deutsche übertragen wurde. Ich mag es nicht, wenn jemand so mit Sprache umgeht. Auch der zweite Handlungsstrang aus einem jüdischen Schtetl war mir anfangs zu verworren, zuviel auf Modernität aus, wie sie Paul Auster auch fabriziert. Das Buch blieb erstmal ungelesen liegen. Dann kam die lange Bahnfahrt und die zweite Chance. Dann entdeckte ich den Humor, den Wahnsinn, die schönen Worte für Unsagbares, die Geschichte begann sich zu entfalten, ich gewöhnte mich an das Kauderwelsch, bekam Sympathie für den Sprachlosen, lost in translation, der dennoch lange Briefe an den Schriftsteller schrieb und sich mit unmöglichen Träumen trug. Jüdische Charaktere tauchen auf, absurde Handlungen, Seiten voller gleichlautender "Wir schreiben"-Sätze, plötzlich landet man seitenweise in Lexikoneinträgen, dann in Liebesbriefen, die Handlung treibt mit Spannung und Sprachfeuerwerk auf einen Höhepunkt zu und bricht abrupt ab. Dabei ist diese Art zu schreiben, mit kaum etwas anderem vergleichbar. Die Handlung wird einerseits in Briefen erzählt, die ein ukranischer Ich-Erzähler an Jonathan Safran Foer schreibt, der wiederum erzählt die Geschichte seiner Vorfahren als Roman, während der Ukrainer erzählt - als Roman - wie sie sich gemeinsam auf die Suche nach Jonathans Vorfahren in einem Dorf names Trachimbrod machen. Drei Erzählstränge, alle wuchern wild wie Pflanzen, zuweilen poetisch, zuweilen witzig, zuweilen derb (Sex, Sex, Sex), zuweilen tragisch und traurig (Holocaust). Stellenweise Anklänge an Henry Miller, an den großen Isaac Bashevis Singer, aber immer ein Stück absurder und poetischer verdichtet. Was für eine schöne Art sich von der Autorschaft zu distanzieren, in den integrierten Briefen die Kritik am eigenen Roman vorwegzunehmen und als Autor selbst aufzutauchen. Foucault hätte seine wahre Freude daran gehabt. (Der Film ist sicher ganz schlecht.)
Sehr schöner Blog. Ich freue mich auf mehr! :)
Merci pour la Motivation am Morgen : )
Ich bekomme so gut wie gar kein Feedback, auf die Dinge die ich schreibe. Umso mehr freue ich mich, dass du magst was ich mache. Mein Tag ist versüßt! Dankeschön.
Danke Dir. Geht mir genauso.
ich bins, tinostoma! :)
ah, oui, bonjour : )
gedichte von ingeborg bachmann sind auch sehr gut!:)
Wohl wahr : ) Auch lesenswert: Das Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" von Ingeborg Bachmann.
Wie heißt du eigentlich?
lis - mshyde mshyde - lis(beide schütteln sich die hände)
Lyrikedition 2000
Heinz Ludwig Arnold und Wolfram Göbel gründeten die Lyrikedition 2000, die später von Norbert Hummelt herausgegeben wurde. Sie ist eine Lyrikreihe des Münchner Allitera Verlags, die in Kooperation mit Books on Demand entsteht. Rund sechs Lyrik-Bände werden im Jahr veröffentlicht. Darunter Klassiker wie Georg Heym, aber auch neue Stimmen. Besonders schön: Die Leseproben als pdf (leider nur bei einigen Büchern). Manuskripte sind erwünscht.