29.04.2021
Impflotto 3000
Während andere Länder stolz 100 Millionen vollständig gegen Covid-19 Geimpfte vermelden, ist es hierzulande immer noch für die meisten Einwohnys komplett unmöglich, einen Impftermin zu bekommen, und selbst für die Prioritätsgruppen 1 und 2 ist es alles andere als selbstverständlich, sich gegen Corona impfen lassen zu können.
Am 29.04.2021 wurden um 17 Uhr für die Einwohner Schleswig-Holsteins 22.000 Impftermine freigeschaltet. Das muss jetzt erläutert werden. Es gibt ein Portal, also eine Internetseite, über die Termine in den Impfzentren gebucht werden können (Impfzentren = Messe-/Sport-/Konzerthallen, die aus Gründen™ gerade halt sowieso für nichts anderes genutzt werden können, und wo dann verblüffend gut organisiert an 7 Tagen die Woche Anti-Covid-Impfungen ausgegeben werden.). Auf diesem Portal steht normalerweise “Derzeit sind keine Termine verfügbar”, aber manchmal gibt es eben doch mal wieder eine Vakzin-Lieferung, die dann unter die Leute gebracht werden kann, und um in ihren Genuss zu kommen, kann man dann versuchen, über besagtes Portal sich einen Termin zu klicken.
22.000 klingt erstmal viel, dazu muss man allerdings wissen, dass Schleswig-Holstein ungefähr 3 Millionen Einwohner hat. Gut, das ist weniger als Berlin, aber 22.000 Termine entspricht weniger als 0,01 Terminen/Einwohny. Deshalb gibt es die Impfpriorisierung, die besagt, dass nur Einwohnys jenseits des 70. Lebensjahres sowie Angehörigys bestimmter gefährdeter Berufsgruppen überhaupt versuchen dürfen, sich impfen zu lassen. Ich könnte hier jetzt meiner Frustration freien Lauf lassen, als springlebendiger 47-Jähriger weiterhin kaltlächelnd Ansteckungsrisiken ausgesetzt zu werden, aber was soll’s.
Jedenfalls, die Mutter, mit ihren knackigen 79,75 Jährchen (wird erst im Juli 80), gehört also immerhin zur Prio-Gruppe II und darf folglich um einen Impftermin ersuchen. Ich bin bei ihr vor Ort, und wir rufen um 16:05 Uhr auf den beiden im Haushalt vorhandenen PCs (dem von der Mutter + dem ihres Ehegatten, sprich meines Vaters, der aber schon versorgt ist, weil 80+) im Web-Browser (Firefox) die Impf-Seite auf, die, powered by Javascript und Zufallsgenerator, die Position in der Warteschlange anzeigt: auf dem einen PC Platz 17.564, auf dem anderen Platz 44.712. Um 17 Uhr geht es tatsächlich los: Die Position in der Warteschlange reduziert sich, und zwar erstaunlicherweise von allein. Und Bingo! Auf des Vaters PC darf dann um kurz nach 17 Uhr tatsächlich die Maske zur Vornamens-, Geburtstags-, Impfpriogruppenzugehörigkeits- und E-Mail-Adresseingabe ausgefüllt werden! (Während auf Mutters PC noch – sinnloserweise, denn was nützt Platz vierundvierzigtausendirgendwas bei 22k Terminen? Genau: nüscht – die Warteschlange abgearbeitet wird.) Erneut Wunder der Technik: Die E-Mail mit dem finalen Anmeldelink kommt denn auch prompt, doch ach, am falschen PC, an. Denn so schlau ist das Impfportal, da könnte ja sonst jedy kommen: wo eine Warteschlange abgearbeitet wird, ist auch mit einem konkreten Link kein Vordrängeln möglich.
Also muss die Mail mit dem kostbaren Link an den anderen PC, sprich die Mailadresse des Ehegattens geforwardet werden, wo sie dann tatsächlich auch ankommt und wo dann auch der Link zur Terminbuchung aufgerufen werden kann.
Die 22.000 Termine verteilen sich über ganz Schläfrig-Hohlstein, ein eher dünn besiedeltes Flächenland, und man möchte natürlich schon gerne im Wohnort dran kommen und nicht erst noch quer durchs Land fahren müssen. Deshalb: schnell das betreffende Impfzentrum ausgewählt, den erstbesten Termin angeklickt. Mist, Niete, Fehlermeldung: “Dieser Termin wurde soeben vergeben” (Wortlaut ähnlich). Zurück, den nächsten Termin angeklickt, und YAY! Gebongt!
Und: Da für den Schutz gegen die hierzulande gerade bekannten Covid-Viren zwei Impfungen erforderlich sind, wird der Folgetermin im 5-Wochen-Abstand automatisch hinzugebucht.
Der Rest ist dann ganz einfach™: vollständige Kontaktangaben eingeben (Nachname, Straße, Hausnummer, PLZ, Wohnort), PDF generieren lassen, 2x PDF mit Buchungsbestätigung mit QR- und Barcode (für Erst- und Zweitimpfung) ausdrucken, E-Mail mit weiteren auszudruckenden und zu unterschreibenden Unterlagen zusenden lassen, d.h. Anamnesebogen, Belehrungsbogen ausdrucken, und, da wir hier von der “Generation Internetausdruckys” sprechen, nochmal ausdrucken.
Die 22.000 Termine waren übrigens innerhalb von 36 Minuten vergeben. 1869: survial of the fittest (Darwin). 2021: survival of the nerdiest.
(schilderburger)








