102. Woche: Neal
Neal wischte über die Regale, obwohl es nichts zu wischen gab. Er wusste aber, wenn sein Chef überraschenderweise reinkäme, würde er ihn mit urteilenden Blicken strafen, weil dieser in seinen Augen nichts Produktives tat. Oder lediglich einen produktiven Anschein machte. Also wischte Neal. Er hatten den Job nicht lange, aber er konnte sich vorstellen für immer im Kiosk zu arbeiten. Nicht weil im Kiosk arbeiten sein Traum gewesen wäre. (Neal wüsste nicht, was seine Träume gewesen wären, wenn man ihn fragte, er vergisst sie stets kurz nach dem Aufwachen) Im Kiosk arbeiten war einfach nicht sonderlich fordernd. Er musste keine großen Entscheidungen treffen, kein großes Marketing betreiben, nicht übermäßig Interaktion erzwingen. Irgendwann könnte er, wenn er lang genug dort bliebe, wahrscheinlich auch den Kiosk übernehmen, dann müsste er sich auch nicht mehr darum kümmern wie er sich zu verhalten hat.
Da dieser Tag noch eine Weile auf sich warten ließ, begrüßte Neal die Kunden stets mit den vom Chef vorgeschriebenen zwei Sätzen: Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen? Für Neal waren das bereits ein Satz zu viel. Aber es ging hier nicht um Neal.
Es ging hier um die Kunden, unter anderen um den etwas übergewichtigen Herren mittleren Alters, welcher sich lange umschaute, um dann doch nur ein Sandwich zu kaufen.
„Ich glaube ich nehme ein Sandwich.“ Neal wollte gerade zum Sandwich greifen.
„Sie wissen doch gar nicht welches.“ grunzte der Mann. Für Neal spielte das auch keine große Rolle, welches Sandwich er raus holte.
Zwei simple Schritte, mehr musste Neal nicht tun. Produkt raus geben, Bezahlung annehmen.
Doch der Mann würde sich beschweren, das gäbe Probleme. Sein Chef würde ihn zur Rede stellen. Er würde eher kündigen wollen, müsste einen neuen Job finden, der annähernd passabel ist...also schaute Neal den Herren erwartungsvoll an während er seine Hand zurück streckte.
„War schon richtig. Salami Sandwich will ich. Ich esse hier.“
Noch ein Schritt.
„Das macht 3,20€.“
„Ich esse doch hier. Ich kann ja danach zahlen. Was für ein Service.“
Neal blieb stumm und drehte sich um. Er fing wieder an zu wischen. Noch ein Schritt. Diese ungelöste Situation machte ihn unzufrieden. Jetzt musste er sich merken, dass 3.20€ noch eingezahlt werden müssen. Er überlegte, ob er es sich aufschreiben sollte, damit es nicht mehr in seinem Kopf herum schwirrte. Nein, wenn der Chef das sehen würde, dann würde er Neal fragen, was es mit diesen 3.20€ auf sich hat, Neal müsste erklären, dass er es sich aufschrieb, um es nicht zu verdrängen, der Chef würde ihn irritiert mustern und werten, Neal könne sich keine Zahlen merken, wo das doch essentiell bei dieser Arbeit war. Neal würde kündigen...
Er wischte weiter.
Ein zweiter Kunde trat ein, Neal drehte sich erst mal nicht um. Wenn ihn jemand fragen würde, warum er sich nicht an die Sätze gehalten hat, würde er sagen, dass er immerhin die Regale wischen musste. Niemand wollte aus verstaubten Regalen einkaufen. Das stimmt doch wohl.
Die beiden Kunden schienen sich auch zu kennen, denn sie redeten miteinander über die Kinder in der Nachbarschaft. Umso besser. In Gespräche verwickelt zu sein hebt die Stimmung, gehobene Stimmung heißt unkomplizierte Gäste.
Für Neals Geschmack waren sie etwas laut.
Für den Geschmack anderer Gäste, die rein kommen könnten eventuell auch? (Und damit für den Geschmack des Chefs, er müsste sich erklären, würde kündigen...) Außerdem könnte der mittelschwere Mann mittleren Alters in seiner guten Laune vergessen, dass er noch 3.20€ zu zahlen hat.
Neal drehte sich um. Vielleicht würden sie somit merken, dass seine Aufmerksamkeit bei ihnen war und ihren Einkauf vollziehen und ihre Unterhaltung nach draußen führen.
Für eine nette Unterhaltung waren die beiden aber ziemlich wütend. Redeten sie über Politik?
„Ich habe....damit zu.... schwöre ich.“
„Halt....Du bist.....perverses...... Es haben....gesehen.“
Moment mal. Die beiden schienen sich zu streiten.
Neal drehte sich wieder um. Das war ärgerlich. Aber es würde sich sicher irgendwie lösen. Wenn er jetzt dazwischen funkt, bricht das nur weitere Fässer auf. Sie würden es auf irgend eine Art und Weise klären. Ausgenommen... sein Chef kommt rein und bemerkt, wie Neal den Herren mit dem Rücken gegenüber steht, obwohl diese ihren Streit lauthals im Laden ausdiskutierten. Neal müsste sich erklären und kündigen.
Wie konnte Neal die beiden dazu bringen, dieses Gespräch vor der Tür weiter zu führen? Noch besser einige Meter davon entfernt, um niemanden einzuschüchtern, der herein kommen möchte.
„Hey! ICH WILL ZAHLEN. HEY, DREH DICH SCHON UM.“
Der zweite Schritt! Neal drehte sich wieder um und sah den mittelschweren Mann mittleren Alters gerade noch zu Boden fallen. Der zweite Mann schritt gerade aus der Tür. Neal schaute über den Tresen und sah, dass ein Zehn Euro Schein in seiner Hand lag, der mittelschwere Mann mittleren Alters jedoch war nicht mehr ansprechbar. Neal stand reglos da. Eigentlich wollte er nach dem mittelschweren Mann mittleren Alters rufen, wusste aber nicht was er sagen sollte, falls dieser gegen alle Erwartung doch antworten sollte. Sein zweiter Einfall war dem Anderen zu folgen, er wusste allerdings auch hier nicht, was er sagen sollte, falls dieser ihn gegen alle Erwartung anhört und in den Laden zurück folgt.
Die Situation war ausweglos. Er musste seinen Chef rufen. Er versuchte es zweimal.
Es nahm niemand ab. Irgendwer draußen musste die Polizei gerufen haben, denn Neal hörte Sirenen vor dem Laden. Zwei Polizisten stürmten rein, einer schaute sich im Laden um, der Andere untersuchte das Opfer.
„Haben Sie schon einen Krankenwagen gerufen?!“ Kam es in Neals Richtung vom Einen.
Kopfschütteln.
„Er muss unter Schock stehen.“ sagte der Andere. „Ich übernehme das.“ Er lief hinaus.
Der Eine blieb und fragte einige Sachen, während er um das Opfer herum lief.
Anschließend ging auch er raus. „...Absperrung...“ war das einzige Wort, das Neal noch vernahm, als der Eine vor sich hin blabberte bevor er hinaus ging. Absperrung. Das hieß kein Ein und Aus mehr. Keine Kunden. Und es fehlte immer noch der zweite Schritt. Die 3.20€.
Neal blickte auf den reglosen Mann. Anschließend auf seine Hand. Der Schein war noch nicht feucht oder rot. Die Polizisten waren draußen.
Theoretisch könnte er die zehn Euro schnappen und damit den zweiten Schritt beenden. Das Wechselgeld könnte er dem reglosen Mann in die Hand legen, dann würde es so aussehen, als hätte die Transaktion bereits stattgefunden. Ein Problem wäre damit gelöst. Niemandem wäre Unrecht getan. Neal müsste sich zumindest nicht mehr um die Kasse sorgen. Nach ein paar weiteren Sekunden war er fest überzeugt, dass das die einzige Lösung war. Er ging vor den Tresen, beugte sich zum Mann, nahm ihm den Schein aus den Händen und lief hinter den Tresen. Der Schein war in der Kasse, der zweite Schritt war getan! Mit dem Wechselgeld ging Neal zurück zum reglosen Mann. Gerade wollte er es ihm auf die Hand legen, als sie plötzlich auf zuckte. Die Position hatte sich geändert, die ganze Hand Lage war nicht mehr dieselbe. Neal lief zurück hinter den Tresen und hatte in seiner Rechten immer noch das Wechselgeld. Er stand reglos da. Jetzt begann er langsam zu schwitzen. Was war mit dem Wechselgeld? Der Plan war nicht aufgegangen.
Was wenn er dem nicht mehr so reglosen Mann das Wechselgeld in die Hosentasche legt? Nein, das war eine dumme Idee. Der Mann regte sich doch langsam wieder. Er war nicht ganz präsent, aber ihm würde sicherlich auffallen, dass da kein Schein mehr sondern plötzlich Wechselgeld in seiner Hand war. Er müsste sich vor ihm und den Polizisten erklären, diese würden den Chef benachrichtigen, er müsste kündigen...Er musste den zweiten Schritt wohl oder übel rückgängig machen, bevor der Mann ganz zu Bewusstsein kam. Flink holte er den Schein aus der Kasse und drückte dem nicht mehr so reglosen Mann den Schein in die Hand. Das Wechselgeld war wieder in der Kasse, Neal hinter dem Tresen und der zweite Schritt, der fehlte immer noch. Neal wartete allerdings in der Hoffnung, dass wenn der Mann bei vollem Bewusstsein war, er ihn auch bitten konnte, den zweiten Schritt endlich nachzuholen. Er wartete und wartete und obwohl der Mann sich zu regen schien, passierte nichts weiter. Für Neal fühlte es sich wie Stunden an und dann geschah es. Der nicht mehr so reglose Mann regte sich gar nicht mehr. Neal wurde wütend. Was sollte Neal denn jetzt tun? Der Schein war immer noch in seiner Hand, jetzt sogar etwas verschmiert, den konnte er jetzt nicht einmal mehr in die Kasse stecken. Wenn der Chef den Schein sehen würde, würde er Neal fragen, warum er einen rot verschmierten Schein annahm, Neal müsste sich erklären und kündigen.
Was blieb Neal jetzt übrig? Es schien, als würde der Krankenwagen bald ankommen und den wieder reglosen Mann mitnehmen. Er musste jetzt handeln. Als Neals Blick über die SIM Karten streifte, kam ihm ein anderer Einfall! Das Handy!
Wenn er die Nummer des wieder reglosen Mannes notieren könnte, dann wäre es möglich diesen anzurufen, sobald er im Krankenhaus wieder bei Bewusstsein ist. Seine Nummer müsste er auf dem Handy finden und da der wieder reglose Mann keine Tasche mitgebracht hatte, musste sein Handy in einer seiner Hosen – oder Jackentaschen sein. Das war es!
Neal schnellte vor den Tresen und durchsuchte mit größter Präzision alle Taschen bis er es in der linken Jackentasche des wieder reglosen Mannes fand!
Bloß wieder zurück hinter den Tresen, dort die Nummer notieren und das Handy zurück stecken!
Drei einfache Schritte. Neal meisterte den ersten Schritt gekonnt und suchte daraufhin im Handy nach der Nummer. Lang konnte es nicht dauern, irgendwo in den Einstellungen oder Kontakten muss seine eigene Nummer sein. Irgendeine davon muss es ja sein. Vielleicht am Ende der Kontakte. Irgendeine musste es -
Sie war nicht zu finden.
Neals Puls wurde schneller. Er wollte das Handy anbrüllen. Es waren doch drei einfache Schritte.
Neal wusste jedoch er muss die Ruhe bewahren, es gab noch eine weitere Lösung.
Er konnte eine andere Nummer speichern, eine die jemandem gehört, welcher dem wieder reglosen Mann nah war.
Neal notierte sicherheitshalber drei Nummern. Anne, Mahmut, Leyla.
Das Handy war wieder in der Jackentasche, Neal hinter dem Tresen und in seiner rechten Hand der Zettel mit den drei Nummern. Jetzt musste er nur noch abwarten. Bis der Krankenwagen kommt, den wieder reglosen Mann mitnimmt und im Krankenhaus dann gesund pf-
Moment.
Was wenn der wieder reglose Mann das nicht überlebt? Er hat sich jetzt seit einigen Minuten nicht mehr geregt. Was sollte Neal den Kontakten sagen, immerhin könnten sie ihm dann nur noch die Nummer eines toten Mannes geben. Neal brauchte einen anderen Plan, weniger Schritte, einfachere Schritte.
Als Neal so reglos da stand, mit dem Zettel in seiner rechten Hand, nun schon zusammen gedrückt, kamen die zwei Notärzte und der eine und der andere Polizist rein. Sie beugten sich alle über den wieder reglosen Mann, hantierten an ihm herum und drei von ihnen liefen wieder raus. Der übrig gebliebene Notarzt redete auf Neal ein und gab ihm eine Alu-Decke, bevor auch er den Kiosk verließ. Neal hatte keine Zeit mehr.
Beim nächsten Eintreten würden sie den wieder reglosen Mann mit sich nehmen.
Und da waren sie auch schon. Mit Trage und übermotiviert ihn mitzunehmen. Neal wurde nahezu zornig. Der Mann hatte immer noch kein Geld bezahlt für das Sandwich. Er tobte innerlich.
Sie können ihn nicht einfach mitnehmen! HEY! Neal wollte losbrüllen, er war blind vor Wut, fast zitterte er, doch er stand immer noch reglos hinter dem Tresen mit dem Zettel nicht mehr in seiner Hand sondern auf dem Boden, zertreten, zerrissen. Der wieder reglose Mann war auf der Trage, sie hoben ihn hoch und Neal wollte die Trage kaputt schlagen. Konnten sie nicht sehen, dass der wieder reglose Mann einen Schein in seiner Hand hielt? Was für hirnverbrannte Vollidioten waren das eigentlich?
Sie hatten den Kiosk fast ganz verlassen, da brüllte Neal so laut es ihm seine Kehle erlaubte, seine Stimme überschlug sich, seine Pulsadern wären ihm fast aus dem Leibe gesprungen.
Mehr als überrascht drehten sich die Notärzte und Polizisten zu Neal, welcher hechelnd, zitternd, fast mit Tränen in den Augen sagte:
„Das macht 3.20€.“














