Der Aufstand der Sklaven
"Im Westen gibt es eine Vorsprung an Verblödung", sagte Heiner Müller kurz nach der Wende. Erst, wenn die Menschen genug konsumiert haben, werde man mit ihnen über etwas Aderes reden können, zum Beispiel über den Kapitalismus und den Kommunismus. Nun, das Thema ist nicht festgelegt, aber fest steht: wir werden reden müssen. Ob Westen oder Osten, die Montagsdemonstrationen erinnern durchaus an Brechreiz. Müller meinte, die Menschen müssten bis zum Erbrechen konsumieren: und in der Tat hat der Shitstorm, der Ausbruch der Kritik, der Empörung, ja des Hasses gegenüber dem etablierten Journalistische System mit dem Brechreiz vergleichbar (metaphorisch natürlich). Gebrochen wird hier der Konformismus einer selbstgerechten kapitalistischen Gesellschaft, die schon lange keine Qualitätssicherung und keiner Risikobewertung mehr unterzogen wurde. Und wie jedes Erbrechen, ist dieser Vorgang weder schön mitanzusehen, noch produktiv.
Was hier zu Tage befördert wird, ist halb-ernst gemeinte Kritik, sind Reflexe. Reflexhaft wird Russland mit seiner aktuellen Außenpolitik verteidigt, ein Land, international ein Raudi, ein militaristisch-kapitalistisches Regime, mit einer fiesen Krake vergleichbar, innenpolitisch bereits seit Langem auf dem Weg in die Diktatur. Die politischen Umstände der Ukraine-Krise werden ignoriert: wenn man im Affekt spricht und denkt, verlieren die Umstände an Bedeutung, wie die Art der Raumausstattung vollkommen unwichtig wird, wenn man bricht.
Unter dem Losungswort "Wir sind das Volk" wird das politische System der BRD prinzipiell verurteilt - ohne Rücksicht auf immerwährende Eigenverantwortung des Volkes für seine Regierung. Verurteilt werden "die Medien", der Lüge, der bösen Absicht bezichtigt. Alle, die nicht "das Volk" sind, sind auch korrupt, ihre Absichten falsch oder verwerflich, keine Leistungen scheint Anerkennung finden zu können. Die Ukraine ist der letzte Happen gewesen, den der fette, übersättigte Mann geschluckt hat, eher er brechen musste.
Die Verschwörungstheoretiker und ehemals eher apolitische Menschen, die Verdacht wittern, dass der Kapitalismus es nicht richten kann, schließen sich zusammen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie keinen Bezug zu den Entscheidungsträgern dieses politischen Systems und zu den Chefetagen in dieser Gesellschaft verloren haben. Sie haben sich einer Marke anvertraut - der Demokratie im Kapitalismus, und sie konsumiert, wie sie geliefert wurde: ob gern oder ungern. Die Empörung der Montagsdemonstranten ist die Galle der Enttäuschten und Betrogenen. Nur sind sie selbst für den Betrug verantwortlich.
Das Meiste, was dieses System an Nährstoffen und an Nebenwirkungen bietet, blieb unverdaut, ergo unverstanden. Die Montagsdemos zeichnen sich durch einen katastrophalen bildungspolitischen Mangel der Teilnehmer. Die grundlegenden Begriffe, deren Verständnis notwendig ist, um dieses System zu verstehen und in ihm Einfluss zu nehmen, sind den Menschen nicht geläufig. Das ist nur bedingt ihre “Schuld” - in einer Gesellschaft, in der man wohl oder übel gemeinsam Entscheidungen zu treffen hat, sind alle irgendwie füreinander verantwortlich.
Das zwangsfinanzierte Fernsehen schöpft seine Legitimation aus der gesellschaftlich-politischen Leistung die er erbringt. Dass es gerade diejenigen Menschen sind, die Öffentlich-rechtlichen als "Verblödungsmaschine" bezeichnen, zeigt nur noch eindrücklicher, dass sie ihre Aufagabe nicht erfüllen: denn ganz offensichtlich sind auch diejenigen, die nichts gelernt haben, lernbegierig.
Eine detaillierte Kritik der Öffentlich-rechtlichen ist aber hier nicht das Thema. Fakt ist, dass rechtlich gesehen mündige Bürger faktisch nicht wissen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Es braucht offenbar mehr als acht-neun Jahre (oder ein anderes Bildungssystem), um Medienkompetenz zu lernen, um zu verstehen, was Macht ist, was Lobby ist, was Diskurs ist, was Öffentlichkeit ist, wie Freiheit denkbar ist und wie sie in diesem Land realisiert und vereitelt wird. Es braucht offenbar mehr Bildung, um mit neuen Haltungen und Ideen bewusst umzugehen, um Informationen in den Kontext ihrer Entstehung und ihrer Stoßrichtung einzuordnen.
In einer Demokratie muss diese Fähigkeit die Sphäre sein, in der Menschen unterschiedlicher Prägung und unterschiedlicher Interessen doch noch im Diskurs zueinander finden:
Denn die Gesellschaft als kultureller Verbund kommt mit sich selbst nicht aus, wenn die Widersprüche innerhalb dieser Gesellschaft nicht artikuliert und auf einem mehr oder weniger einheitlichen Niveau verhandelt werden können.
Und wenn wenn alles beim Alten bleibt? Ist es denn wirklich ein so großes Problem? Können wir incht darüber hinweg sehen? Paar Spinner auf der Straße, was macht das schon? Kann Demokratie im großen und ganzen nicht doch funktionieren?
Zum Einen kann eine Demokratie, die Viele ablehnen, genauso defizitär sein, wie Kommunismus, der seine eigene Bevölkerung "kolonialisiert", wie Heiner Müller so schön sagte. Nur, weil "Demokratie" draufsteht, ist der Inhalt noch lange kein Weihwasser.
Zum Anderen bieten die charismatischen Kritiker aus dem Internet-Jungel ihrer Gefolgschsft ein beängstigend einfaches Selbstverständnis an: "Nicht links und nicht rechts", sondern unterdrückt und für den Frieden, heißt es immer wieder. Warum das ein "gutes", da einfaches Angebot ist, soll an einer anderen Stelle diskutiert werden. Zu der Frage warum diese Haltung gefährlich und falsch ist, findet sich im Internet genug.
Bis dahin sei gesagt: ich hoffe sehr, dass ich mich irre. Aber ich fürchte, die Zeit, in der es in dieser Gesellschaft zumindest einen anerkannten theoretischen Konsens moralisch-politischer Natur gab, sind vorbei. Wir werden uns den demokratischen Standpunkt aufs Neue erkämpfen müssen.













