Vom Fujiyama bis nach Mordor – virtuell
Auf Instagram bekomme ich Werbung für den Mount Fuji Virtual Challenge. Weil die Anzeige mit einer wirklich hübschen Medaille bebildert ist, klicke ich darauf und erfahre, was ein Virtual Challenge ist: Ich zahle 35 €, lade eine App herunter, die sich mit diversen kilometerzählenden Fitness-Apps synchronisieren kann und wenn ich 74 km gelaufen bin – das entspricht einmal um die Seen am Fuße des Berges und dann zum Gipfel – kriege ich die Medaille. “Unterwegs“ werden mir dann auch ein paar Bilder von den Orten geschickt, an denen ich virtuell vorbeilaufe. Zuerst kommt mir das etwas doof vor. Laufen kann ich ja einfach so – ohne dafür zu bezahlen – und wer braucht schon so eine Medaille? Egal wie hübsch sie ist.
So zwei Wochen später merke ich aber, dass ich nicht mehr “einfach so” laufe. Im Sommer habe ich das tatsächlich regelmäßig geschafft, aber inzwischen kenne ich die Spazierwege in meiner Gegend sehr genau, kann Corona-bedingt mich nicht einfach in die öffentlichen Verkehrsmittel setzen um in anderen Gegenden zu spazieren und das Wetter tut sein Übriges, um “Draußen” nicht besonders einladend wirken zu lassen. Ich brauche Abwechslung und Motivation. Und wenn das durch Bilder von Orten, die ich in naher Zukunft nicht live sehen kann, und eine hübsch glitzernde Belohnung passiert, dann zahle ich dafür auch.
Wieder auf der Website stelle ich fest, dass es auch andere Strecken gibt: ich könnte auch auf den Mount Everest, am Hadrian’s Wall entlang, auf den Jakobsweg oder eine Reihe anderer Strecken mit Distanzen zwischen 33 km und 3669 km. Ich bleibe aber bei Mount Fuji. Die 74 km sind eine Herausforderung, aber auch nicht so viel, dass ich Monate brauchen werde, um sie zu schaffen und dann dabei doch die Motivation verliere. Ich bezahle also, bekomme dafür einen Code und gebe den in die App ein. Dann muss ich noch angeben, in welchem Zeitrahmen ich vorhabe den Challenge zu absolvieren, ich kann alles zwischen einer Woche und 18 Monaten wählen. Die App schlägt 84 Tage vor, ich habe das vage Gefühl, dass ich es wahrscheinlich schneller schaffen werde, aber da mir auch gleich mitgeteilt wird, dass ich das jederzeit (in beide Richtungen) ändern kann, bleibe ich erst einmal dabei. Dann muss ich der App nur noch Zugriff auf meine Fitbit gewähren und es kann losgehen.
Die Bilder von “unterwegs” gibt es auf zwei Arten. Einmal kann man sich zu jedem Zeitpunkt den Ort auf der Strecke, an dem man gerade ist, auf Google Streetview anschauen. Nun heißt das nicht umsonst eben nicht Schöne Wanderwege View und deswegen bekommt man oft Bilder, die nicht so anders aussehen als das, was man von zu Hause kennt:
Aber es gibt die Möglichkeit die Karte hin- und herzuschieben und damit kriegt man dann auch schönere Anblicke:
Außerdem gibt es noch “Virtuelle Postkarten” die man per Mail erhält, wenn man bestimmte Distanzen zurückgelegt hat. Wie viele man bekommt, hängt vom Challenge ab, für den Fuji gibt es 6 Stück, für längere Strecken teilweise über 20.
Am Ende schaffe ich die 74 km in weniger als einem Monat – dank Weihnachtsferien, in denen es wirklich wenig anderes zu tun gab – und knapp zwei Wochen später kommt dann auch die Medaille:
(die wirklich hübsch ist).
Nachdem ich einmal auf den Instagram-Link angesprungen bin, werden mir inzwischen noch sehr viel mehr Anzeigen zu ähnlichen Challenges eingeblendet. Die sind aber größtenteils eher auf Leute ausgelegt, die joggen/laufen. Die Strecken sind zwar kürzer, aber die Zeiträume, in denen sie zurückgelegt werden müssen, auch, meistens sehr viel kürzer. Manche Challenges müssen sogar an einem bestimmten Datum absolviert werden. Da ich eher spaziere/wandere, ist das nichts für mich ... und ich bleibe bei dem schon Bekannten und melde mich als nächstes für den Giza Pyramids Virtual Challenge an (einmal durch Kairo und bis zu den Pyramiden – 75 km). Da es wahrscheinlich noch etwas dauern wird, bis ich etwas anderes als meine direkte Umgebung sehe, werde ich mir auch noch ein paar Medaillen verdienen.
Zufällig stolpere ich dann noch über eine andere App die gar nichts mit diesen Challenges zu tun hat: Walk to Mordor. Dabei geht es darum die Strecke zurückzulegen, die Frodo und Sam in Der Herr der Ringe von ihrem Zuhause bis nach Mordor laufen: insgesamt über 3000 km. Diese App ist kostenlos und bietet auch nicht besonders viel. Man muss die Strecken die man gelaufen ist selbst eintragen und zu den “Meilensteinen” also den Stellen, an denen auf der Strecke etwas passiert, kann man den entsprechenden Absatz im Buch lesen. Aber sie spricht meinen inneren Nerd sehr an. Alleine würde mich das wahrscheinlich nicht motivieren, aber jetzt multitaske ich einfach und laufe gleichzeitig um den Ring of Kerry (die Pyramiden habe ich auch schon geschafft) und nach Mordor. Virtuell geht das ja.