Wenn man schlauer ist als der Arbeitgeber
Vor zehn Monaten unterschrieb ich bei einer Firma einen befristeten Arbeitsvertrag. Ich war Zusteller für sämtliche Tageszeitungen. Der Job an sich ist eigentlich ziemlich easy. Man hat einen großzügigen Spaziergang, muss sich kaum anstrengen und wenn man erstmal zwei Wochen dabei ist, kennt man seine Abos auch auswendig. Hart an der Sache ist manchmal das frühe Aufstehen. Aber richtig hart ist die 6-Tage-Woche, denn Ausschlafen bedeutet für einen Zusteller, dass er sonntags um 7 Uhr putzmunter ist.
Reich wird man von dem Job nicht, aber trotzdem ist es ein fair bezahlter Job - auch wenn ein paar Cent mehr pro Zeitung noch ein bisschen angebrachter wären. Wer, wie ich, mit Hund unterwegs ist, der kann im Grunde auch von einer bezahlten Gassirunde sprechen.
Trotzdem war für mich schon bald klar, dass ich den Arbeitsvertrag nicht verlängern wollte. Das lag zu Beginn noch daran, dass ich für 2013 Pläne hatte, die ich im Winter 2012 jedoch wieder verwarf und ein Jahr hinten anstellen wollte, zum anderen aber auch daran, dass mein Arbeitgeber wirklich nicht sehr profitabel und schlau agierte.
An dieser Stelle muss ich den Begriff Arbeitgeber definieren, denn ich meine damit nicht meinen Chef. Im Grunde spreche ich von den Kollegen, die in der Zentrale im Büro sitzen und uns Zusteller koordinieren. Da wir aber vollkommen unterschiedliche Jobs machen, uns nie zu Gesicht bekommen und zudem meine eigentlichen Kollegen diejenigen sind, die ich morgens mit Zustellwagen und Regenjacke treffe, nenne ich die Mitarbeiter in der Zentrale eben Arbeitgeber.
Das Drama begann, noch bevor ich meinen ersten offiziellen Arbeitstag hatte. Zwei Tage zuvor sollte ich bereits mit meinem Vorgänger mitgehen, um das Gebiet und seine Tücken kennen zu lernen. Auch wenn das unbezahlt war, so erwies sich dies gerade für mich, da ich ja noch nie zugestellt habe, als sehr hilfreich. Ich musste gleich am ersten Tag feststellen, dass die Abonnenten-Liste, die ich von meinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt bekommen hatte, nicht korrekt war. Die Reihenfolge war durcheinander (was aber daran lag, dass die Liste eben von "Theoretikern" erstellt wurde und nicht von den Zustellern) und das machte es mir natürlich schwer, nachzuvollziehen, wo wir schon waren und wer als nächstes an der Reihe war.
Nach getaner Arbeit setzte ich mich also zu Hause an den Rechner und überarbeitete die Liste, fertigte meine eigene an und gab ihr eine sinnvolle Reihenfolge. Am nächsten Morgen lief das Zustellen gleich viel besser. Hatte ich am Tag zuvor überwiegend mitgemacht, überließ mir mein Vorgänger nun ganz das Steuer. Leider plante er nicht ein, dass ich als Neuling noch etwas länger brauchte, da ich ja erst auf der Liste die Namen nachlesen musste und so teilten wir etwa nach der Hälfte wieder gemeinsam aus. Ich wollte die eine Straße noch zu Ende stecken, er lief bereits zurück, um in der nächsten Straße weiterzumachen. Am letzten Haus in meiner Straße stand ich, las den Namen auf der Liste, denn die Namen an den Briefkästen. Keine Übereinstimmung. Ich lief die Stufen zu den Klingeln nach oben. Mein Abonnent wohnte hier nicht. Ich ging ums Haus rum, war mir allerdings sicher, dass wir das am Tag zuvor nicht getan hatten. Nichts. Also drehte ich um, um meinen Kollegen zu fragen. Der war mit seinem Stechschritt allerdings schon ein ganzes Stück weiter und ich musste ihn erstmal finden. Er sah sich die Liste an und meinte, dass der Name vollkommen falsch sei. Er nannte mir den richtigen Namen und erklärte mir auch gleich, welcher Briefkasten gefüttert werden musste. Ich dackelte also wieder zurück, steckte die Zeitung und traf meinen Kollegen schließlich zwei Straßen weiter. Super Einstieg.
Zwei Wochen später, die Liste hatte ich nur noch dabei, falls ich einen unerwarteten Vergesslichkeitsanfall haben sollte, bekam ich meine erste schriftliche Reklamation, die morgens an meinem Lieferschein hing. Ein Abonnent beschwerte sich, dass ich die Zeitung immer in den Briefkasten des Nachbars stecken würde. Bei acht Briefkästen kann das natürlich schon einmal vorkommen, was mich jedoch irritierte, war der Name des Abonnenten. Ich sah auf meine Liste. An der angegebenen Adresse stellte ich zwar die Zeitung zu, aber nicht an den genannten Abonnenten, sondern eben an seinen Nachbarn. An diesem Morgen legte ich die Zeitung also auf die Treppe, da ich nicht wusste, ob ich bisher immer einen Fehler gemacht hatte und wer denn nun tatsächlich der Abonnent war. Ein Telefonat mit meinem Arbeitgeber ergab, dass auf meiner Liste ein falscher Abonnent angegeben war. Ich dachte, es folgt jetzt eine kurze Erklärung, eine Entschuldigung - immerhin hatte ich eine schriftliche Reklamation erhalten - oder ähnliches, aber nichts. Mein Arbeitgeber meinte nur, ich solle das auf meiner Liste doch einfach ändern. Das tat ich auch und damit war die Sache offenbar erledigt.
Ein wenig später hatten wir unser Dorffest. Mein Arbeitgeber rief an und teilte mir mit, dass während dieses Festes die Zeitungen nicht wie gewohnt geliefert werden konnten, da unsere Ablagestelle mitten in diesem Fest wäre. Ich durfte die Zeitungen nun also bei meinem Nachbarn abholen, bei dem es ebenfalls eine Ablagestelle gab. Kein Problem. Unser Dorffest dauert nur vier Tage sodass ich am Dienstag ein letztes Mal meine Zeitungen beim Nachbarn abholen sollte. Keine Zeitungen. Ich dachte mir, dass sie dann wieder an der gewohnten Stelle liegen würden, stapfte bei strömendem Regen also über das Fest, das natürlich längst beendet war (ok, längst ist nicht korrekt), und musste feststellen, dass ich die Ablagestelle nicht erreichen konnte und weit und breit keine Zeitungen für mich waren. Ich rief den Nachlieferservice an - der einzige Mensch, der um diese Zeit bereits wach war und wissen musste, wo die Zeitungen waren. Er meinte, die seien an der Ausweichstelle. Ich erklärte, dass dort keine waren. Er forschte ein wenig nach und rief mich prompt zurück (ein Glück, dass es Handys gibt). Die anderen drei Zusteller, die mit mir an dieser Ablagestelle waren, ließen sich ihre Zeitungen an die dritte Ablagestelle liefern und dort waren auch meine. Warum auch immer. Strömender Regen, undichter Zustellwagen und ich weiter auf dem Weg zur Ablagestelle, die ich nicht kannte und erst einmal suchen durfte. Großartig. Die Zeitung kam natürlich viel zu spät.
Das Ereignis ließ mich allerdings realisieren, dass ich mit dem Zustellwagen, den ich von meinem Arbeitgeber gestellt bekommen hatte, die nächsten Tage nicht überstehen würde, denn es sollte regnen, regnen, regnen. Die Taschen, die ohnehin nach Urin stanken, hatten Löcher noch und nöcher ;) und ich war als Zusteller verpflichtet, die Zeitung trocken zuzustellen. Ich rief also bei meinem Arbeitgeber an und bat um einen neuen Wagen. Man teilte mir mit, dass ohnehin in etwa acht Wochen neue bestellt werden sollten und ich mich dann nochmals melden solle. Ich erklärte, dass ich so lange unmöglich warten könne, da die Zeitungen nunmal bei Regen nass werden und der herrschte nicht erst in acht Wochen. Mein Vorschlag, ich könnte selbst einen Wagen kaufen und man beteiligte sich an den Kosten, musste erst mit dem Chef besprochen werden. Ich erhielt nie eine Antwort. Also kaufte ich mir selbst einen Wagen. Wenn ich ihn selbst zahlen musste, konnte ich auch einen auswählen, der mir wirklich gefällt - ich entschied mich für einen Fahrradanhänger, den ich auch privat nutzen konnte. Diese Idee stellte sich als eher unbrauchbar heraus, aber immerhin war der Anhänger zum Zustellen mit Rad praktisch und noch dazu günstiger.
Zwei Stunden, nachdem ich ihn bestellt hatte, rief mein Arbeitgeber an und fragte mich, ob ich für drei Wochen eine Urlaubsvertretung übernehmen könnte - im Industriegebiet.
Ich dachte über die letzte Urlaubsvertretung nach. Ich hielt nur zwei Tage durch, da ich mit dem Rad erst in den Nachbarort fahren musste, dort ein riesiges, mir unbekanntes Gebiet zustellen sollte und dann wieder nach Hause radeln, meinen Wagen holen und mein Gebiet zustellen sollte. Als ich auch am zweiten Tag erst um neun Uhr fertig war, überließ ich die Vertretung jemand anderem.
Jetzt sollte ich im eigenen Ort das Industriegebiet zustellen? Naja, ich hatte ja meinen Anhänger bestellt. Warum also nicht? Ein bisschen mehr Geld ist sicher nicht verkehrt. Ich erwähnte, dass ich eben einen Fahrradanhänger bestellt hatte, da der Zustellwagen nach wie vor ungeeignet war und als Antwort erhielt ich ein "Das trifft sich ja gut. Dann maile ich Ihnen die Liste, dann können Sie sich das Gebiet ansehen". Kein Ton von wegen Kostenübernahme. Nein. Ich besitze das gute Stück noch nicht einmal, aber schon profitieren andere davon. Was, wenn der Anhänger nicht rechtzeitig geliefert wird, oder defekt ist, oder nicht stabil genug, oder, oder, oder.
Wie dem auch sei, das Gebiet stellte sich als recht leicht, wenn auch nicht sehr günstig zu fahren heraus, ich sagte zu und mein luftverpestender Anhänger musste ohnehin an die frische Luft. Wer Vertretung macht, muss das Vertretungsgebiet immer zusätzlich zu seinem Stammgebiet zustellen - das vergessen viele Leute und verstehen deshalb häufig nicht, warum ein Ersatzzusteller länger benötigt als der Stammzusteller. Das liegt nicht daran, dass der neue Zusteller blöd ist, nicht lesen kann oder langsamer vorankommt. Es liegt einfach daran, dass zwei Gebiete innerhalb knapp drei Stunden zugestellt werden müssen während man sonst nur eines hat.
Neues Gebiet, alte Probleme. Eine fehlerhafte Liste. Um es kurz zu machen: Ich musste in der ersten Woche täglich eine Zeitung an eine Dame liefern, bei der ich ganz genau wusste, dass ich die Zeitung in ihren Briefkasten gesteckt hatte. Nach drei Wochen wussten wir, dass eine weitere Hausbewohnerin ebenfalls die Zeitung abonniert hatte, aber nicht auf meiner Liste stand und anstatt sich zu melden, morgens die Zeitung einfach geklaut hatte. Im Gegenzug gab es im Nachbarhaus eine Dame, die die Zeitung nicht abonniert hatte, aber dank der Liste drei Wochen die Zeitung zugestellt bekam - ohne sich zu melden. Es gab noch einige weitere Zwischenfälle dieser Art. Die Ablagestelle war sehr ungünstig und so lagen die Zeitungen direkt am Gehweg und jeder, der früh morgens vorbeiging, konnte sie mitnehmen. Da ich als Letzte dort ankam, ging ich lange Zeit davon aus, dass mir morgens immer Zeitungen geklaut wurden, denn ich hatte selten die richtige Anzahl vorliegen und war meistens zu spät, um beim Nachlieferservice noch jemanden zu erreichen. Mit der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass auch hierfür die Liste verantwortlich war.
Noch ein Wort zum Nachlieferservice. Der Name sagt im Grunde alles: Wenn mir morgens Zeitungen fehlen, dann rufe ich diesen Herrn an und er liefert mir die fehlende Menge nach. Während er die einzelnen Ablagestellen abklappert, drehe ich meine Runde und hoffe, dass er schon da war, wenn ich zurückkomme. Nicht, dass ich, wie am Tag meiner mündlichen Abi-Prüfung, eine halbe Stunde frierend im Regen sitze und warten darf. Aber dafür hat man natürlich Verständnis, schließlich muss der Mann auch erstmal durch sämtliche Ortschaften fahren, anhalten und nachliefern. Die Sache ist nur die: Es besteht die 50:50 Chance, dass er gar nicht kommt. DAS haben wohl alle Zusteller schonmal erlebt. Ich ganz besonders häufig während meiner Urlaubsvertretung. Da ruft man rechtzeitig an, bittet um fünf Zeitungen und stellt dann erstmal sein Gebiet zu. Kommt man gegen sieben Uhr an die Ablagestelle zurück, findet man keine Zeitungen. Vertreibt man sich die Zeit mit der Briefzustellung und kommt erneut an die Ablagestelle: Keine Zeitungen. Holt man sich beim Bäcker ein Frühstück und isst es genüsslich, hat man immer noch keine Zeitungen. Also fährt man nach Hause, macht dies und das, kommt erneut an die Ablagestelle - ihr ahnt es. Stattdessen hat man eine Nachricht auf dem AB, dass bei Abonnent A, B und C die Zeitungen fehlen würde und man bitte nachträglich zustellen solle. Wenn man Glück hat, erreicht man telefonisch den Arbeitgeber und teilt mit, dass man bis neun Uhr gewartet hat, mittlerweile vergebens erneut zur Ablagestelle gefahren sei und keine Zeitungen bekommen hat UND dass man nun nicht noch einmal zwei Kilometer radeln würde, um aus eigener Tasche die Zeitungen zu bezahlen und zuzustellen. Schließlich habe man auch noch einen anderen Job.
Danke, lieber Nachlieferservice, dass Sie Ihren BEZAHLTEN Job nicht richtig machen - und das auf Kosten meines zweiten Einkommens!
Weiter in der Chronik. Meinen eingereichten Urlaub nach der Urlaubsvertretung schien ich mir verdient zu haben, doch zunächst sollte ich für den plötzlich erkrankten Urlauber eine weitere Woche zustellen - bevor dieser dann kündigte. Noch Fragen? Achso, ich lehnte ab.
Mein Urlaub war hingegen gefährdet, denn zunächst hieß es, er würde nicht genehmigt werden. Drei Tage vor meinem geplanten Urlaubsbeginn, der außerhalb der Ferien lag, dann die Bitte, den Urlaub um eine Woche zu verschieben. Gut, war machbar aber trotzdem total ätzend.
In diesem Urlaub zog ein Hund bei mir ein und ich hatte viel zu tun.
Unmittelbar nach meinem Urlaub bekam ich einen Anruf, dass der Zusteller, der nun in Vertretung das Industriegebiet übernommen hatte, erkrankt sei und man bat mich, für drei Tage einzuspringen. Ich erklärte, dass das nicht ginge, da ich nun mit Vierbeiner unterwegs wäre und das Industriegebiet nur mit dem Fahrrad halbwegs zeitig zustellen könnte. Einen Hund, der weder ein Fahrrad kennt, noch sein Frauchen so richtig kennen gelernt hat, lässt man selbstverständlich nicht neben dem Rad herjoggen. Das ist viel zu gefährlich. Alleine zu Hause lassen ging nach zwei Wochen und für eine so lange Zeit natürlich auch nicht und einen Hundesitter zu beauftragen war aufgrund der Uhrzeit nicht nur unmöglich, sondern auch noch viel zu teuer.
Das schien bei meinem Arbeitgeber aber auf wenig Verständnis zu stoßen. Sein Vorschlag schien wesentlich realistischer zu sein, schließlich musste es völlig normal sein, dass man Gesetze bricht und Gefahr läuft, sich zu verletzen - während der Arbeit!
Ich solle doch den Hund in den Anhänger setzen, die Zeitungen daneben und dann ginge das schon. Zur Info: Mittelgroßer Hund, kleiner Anhänger. Wenn Hund im Anhänger, dann kein Platz für Zeitungen. Wenn Zeitungen in Anhänger, dann kein Platz für Hund. Mein Arbeitgeber blieb der Überzeugung, dass das gehen müsse, ich wies vorsichtig darauf hin, dass ich keinen 2m langen Anhänger besitzen würde, sondern lediglich einen, in den nebeneinander zwei Zeitungsstapel passen würden. Dass mein Hund dort nirgends angeleint werden konnte, jederzeit aus dem Anhänger raus springen und in einem unbekannten Gebiet mit vielen schnellen Autos verschwinden könnte und dass es noch dazu einfach unverantwortlich und schwachsinnig wäre, erwähnte ich erst gar nicht. Schien wenig Aussicht auf Erfolg zu haben.
Am Ende einigten wir uns darauf, dass ich die Briefe zustellen konnte. Das ging zu Fuß, mit Hund und musste nicht um sechs Uhr morgens erledigt sein.
Es vergingen einige Wochen, in denen ich in Ruhe zustellen konnte. Keine besonderen Vorkommnisse.
Dann fing der Dezember an und damit auch das Weihnachtsdesaster. Jeden dritten Tag hatte ich eine Prospektverteilung. Das ist deshalb so nervig, weil es immer genau dann regnen muss und die meisten Prospekte a) völlig uninteressant sind ;) und b) so unhandlich geschnitten werden, dass sie entweder groß sind und nur aus einem Blatt bestehen, oder klein und superdick sind. Das macht es mit eisigen Fingern sehr schwer, die richtige Anzahl zu greifen.
Eisige Finger, das ist eine gute Überleitung. Der Dezember 2012 war recht kalt und brachte bereits früh einigen Schnee. Eines Morgens bekamen alle Zusteller den Hinweis, dass in den nächsten Tagen Weihnachtskarten zugestellt werden könnten. Diese würden uns von der Tageszeitung überlassen werden. Ich fand es nett, dass es uns überlassen war, ob wir die Weihnachtskarten zustellen wollten, wunderte mich gleichzeitig aber auch darüber. Meine Verwunderung verschwand jedoch, als ich die Karten sah. Ein schönes Bild von einem Kind gemalt, darunter ein typischer Weihnachtswunsch und dann der Hammer: Auf jeder Karte stand … wünscht Ihnen Ihre Zustellerin/Ihr Zusteller. Man machte sich nicht einmal die Mühe, den weiblichen Zustellerinnen und den männlichen Zustellern unterschiedliche Karten zu geben. Das mag für die Tageszeitung einfach sein, aber immerhin wurden die Karten in unserem Namen gefertigt, wir wurden nicht gefragt, ob wir diese so haben möchten und mussten nun diese oder keine nehmen. Denn uns wurde auch ausdrücklich gesagt, dass wir nur unseren Namen eintragen durften, keine persönlichen Nachrichten. Das ist ja ganz toll.
Aufgrund der eisigen Temperaturen nahm ich die knapp 100 Karten also erstmal mit nach Hause. Zeit, um alle mit meinem Namen auszufüllen und sie dann auch noch rechtzeitig mit der Zeitung zuzustellen, hatte ich ohnehin nicht. Ich wusste ja zuvor nicht, wann genau diese Karten unsere Ablagestelle erreichen sollten. Zu Hause lagen sie dann auf meinem Schreibtisch herum, bis ich sie am Ende der Woche zustellte. Einen Abonnenten ließ ich aus, da ich in der Zwischenzeit eine Veränderung in der Abozahl hatte und die Karten auf den damals aktuellen Stand abgezählt waren. Fünf in Reserve wären sicher auch nicht schlimm gewesen.
Jetzt kommt das, womit ich nicht gerechnet hatte: Nachdem ich die Karten eingeworfen hatte, bekam ich von etwa 25 Abonnenten Weihnachtspost. Karten, Geld, Süßigkeiten und kleine Geschenke sammelte ich fast jeden Tag ein. Viele waren kreativ eingepackt und am Briefkasten festgemacht, eine sogar in Zeitungspapier, was ich sehr lustig fand. Einige Abonnenten kamen sogar bei mir vorbei, um sich für die Zustellung zu bedanken. Zum ersten Mal bekam ich zu spüren, wie sehr sich diese Menschen offenbar freuten, dass es jemanden gab, der ihnen jeden Morgen die Zeitung in den Briefkasten steckte, sodass sie selbst - gerade bei Glatteis und Schnee - nicht zu so früher Stunde aus dem Haus mussten. Die Geschenke waren mir nicht so wichtig, viel mehr aber das Gefühl, dass meine Arbeit geschätzt wurde. Und so bekam jeder von mir eine handgeschriebene Karte mit einem individuellen Text. Mir war völlig egal, ob es meinem Arbeitgeber passte, dass ich nun doch persönlich etwas schrieb. Ich dachte mir, das sei freundlicher, als morgens um fünf Uhr an der Tür zu klingeln.
Kurz vor Weihnachten wollte ich meinen Resturlaub noch verbraten und reichte übers Wochenende Urlaub ein. Eine Vertretung hatte ich bereits organisiert und nannte sie auf meinem Urlaubsantrag. Mein Arbeitgeber meldete sich nicht. Ich sprach meine Kollegin an und sie antwortete, dass der Arbeitgeber mit ihr als Vertretung nicht einverstanden gewesen sei und dass sie stattdessen jemand anderes gefunden hätte. Ich war irritiert, denn es war nicht die Aufgabe der eigentlichen Vertretung, eine Vertretung zu suchen. Trotzdem bedankte ich mich natürlich und willigte ein, für sie im neuen Jahr die Vertretung zu übernehmen.
Eine Woche vor meinem geplanten Urlaubswochenende schrieb ich eine Mail - Telefonate waren hoffnungslos - und wollte wissen, ob ich denn nun frei hatte oder nicht. Ich bekam keine Antwort. An meinem ersten Urlaubstag saß ich zu Hause und war mir nicht sicher, ob ich nun hätte zustellen sollen oder nicht. Ich bekam keine Reklamation und fuhr übers Wochenende weg. Man schien mich aber nicht vergessen zu haben denn einen Tag nach meinem Urlaub erhielt ich der Ordnung halber (ja, so stand es im Brief) meine Urlaubsgenehmigung. Mir wäre gar nicht aufgefallen, dass ich in den vergangen Tagen nicht gearbeitet hatte, hätte ich die Genehmigung nicht vorliegen gehabt...
Das Jahr verging und ich fragte mich, wann ich denn über die Vertretung, die ich angeboten hatte, informiert werden würde. Als ich meine Kollegin sah, sprach ich sie darauf an und fragte nach, wann sie Urlaub haben wollte. Sie teilte mir mit, dass ihr Urlaub nicht genehmigt worden wäre und sie stattdessen für jemanden Vertretung machen musste, der sich kurzfristig frei genommen hatte.
Fassen wir die Situation zusammen: Ich biete ihr UND dem Arbeitgeber an, für sie Vertretung zu übernehmen. Ihr Urlaub wird nicht genehmigt. Stattdessen wird SIE zur Vertretung ernannt, obwohl ich immer noch als Vertretung zur Auswahl stehe, denn mir ist es letztlich egal, wo ich die Vertretung mache. Das war natürlich ein starkes Stück. Noch dazu, weil sie ihren Urlaub rechtzeitig eingereicht hatte, er ebenfalls außerhalb der Ferien lag und sie noch 20 Tage Urlaub aus dem Vorjahr hatte.
Zu Beginn des neuen Jahres wollte man dann die Urlaubspläne aller Mitarbeiter für das gesamte Jahr haben. Ich hatte noch sechs Tage zur Verfügung, da mein Vertrag im März auslaufen würde und nahm mir kurz vor Ende eine Woche frei. Die Zeit verging, ich hörte nichts. Einen Monat vor meinem geplanten Urlaub fragte ich nach. Die Antwort war typisch: Die E-Mail sei nicht angekommen, ich solle sie nochmals schicken. Aber bereits am Telefon wurde mir der Urlaub genehmigt. Na immerhin.
An dieser Stelle möchte ich auf etwas Verblüffendes aufmerksam machen. Mein Arbeitgeber scheint tatsächlich der Überzeugung zu sein, "die E-Mail ist nicht angekommen", sei eine realistische Ausrede. Früher, als der Bildschirm noch winzig und der Rechner umso größer war, da mag diese Sache noch häufig vorgekommen sein, aber mittlerweile gibt es sehr wenige verlorene Mails. Meine, scheinen allerdings zu jenen zu gehören, die ständig verloren gingen - aber nur bei meinem Arbeitgeber. Lag das wohl an den Mitarbeitern? Bestimmt nicht. Immerhin änderten diese meine E-Mail-Adresse in einer Rekordzeit von zwei Monaten. Nein, das musste an einem fehlerhaften Datenübertragungs-W-LAN-Kabel liegen, soviel war sicher.
Aber, man höre und staune: Ich erhielt noch in derselben Woche eine schriftliche Urlaubsgenehmigung!
Ich hatte also die Woche vor Ostern frei, musste dann noch fünf Tage arbeiten und war dann ein Ex-Zusteller. Aber natürlich nicht, ohne noch einen letzten Abschiedsgruß, ich sollte diesen Arbeitgeber ja in schlechter Erinnerung behalten.
Normalerweise bekommt man die Änderungen, die sich während der Abwesenheit getan hatten, an seinem letzten Urlaubstag mitgeteilt. Ich erhielt dieses Mal nichts. Ich wunderte mich allerdings auch nicht darüber, schließlich tat sich in meinem Gebiet recht wenig. Am Montag dann jedoch die Erkenntnis: Ich hatte zwei Zeitungen mehr zuzustellen und wusste nicht an wen. Leicht angesäuert nahm ich diese beiden Zeitungen mit nach Hause und schrieb um kurz nach sieben Uhr in der Früh eine E-Mail, in der ich mich nach den Änderungen erkundigte. Ich erhielt den ganzen Tag keine Antwort und es schien sich auch niemand zu beschweren.
Am nächsten Morgen nahm ich die beiden Zeitungen wieder mit und hoffte, dass ich die Änderungen auf dem Lieferschein vorfinden würde. Nichts. Erneut nahm ich also die Zeitungen mit nach Hause plus die beiden neuen Zeitungen. Aber dieses Mal bekam ich gegen zehn eine telefonische Reklamation. So erfuhr ich eine Adresse, an der ich neu zustellen sollte. Ich erkundigte mich nach der anderen. Mein Arbeitgeber war verwundert, warum ich nach den gesamten Änderungen der letzten Woche fragte. Ich erklärte die Situation und bekam kurz darauf einen Rückruf mit allen DREI Änderungen. Ich erklärte, dass ich die Zeitung nicht nachträglich zustellen werde, da ich es leid war, ständig die Fehler anderer ausbaden zu dürfen. Die schwache Argumentation am anderen Ende der Leitung war, dass der Zusteller nunmal dafür verantwortlich war, dass die Zeitung zugestellt werden würde. Ich sagte, dass ich alles getan hatte, was ich konnte, aber ohne Änderungen war es einfach nicht möglich, die Zeitungen zuzustellen. Man wollte mir die sechs Cent also vom Gehalt abziehen. Ich frage mich, wie ich über die Runden kommen soll, ohne diese sechs Cent. Ich werde Hungern müssen, aber ich habe die Zeitung an diesem Tag nicht nachträglich zugestellt. Ich habe schließlich noch einen zweiten Job, den ich auch irgendwann einmal erledigen musste.
Mein letzter Zustelltag verabschiedete mich mit ein wenig Regen. Ich genoss also ein letztes Mal die Ruhe am Morgen, mein Hund schien überhaupt keine Lust zu haben. Aber mein lieber Arbeitgeber musste natürlich noch einen drauf setzen und meldete sich an meinem ersten Werktag ohne Zeitungen bei mir. Der Chef war dieses Mal höchst persönlich am anderen Ende der Leitung und wollte wissen, warum ich in der E-Mail von der Beendigung des Arbeitsverhältnisses sprechen würde. Vollkommen verwirrt antwortete ich, dass mein Vertrag befristet gewesen wäre. Er hakte nach, ob ich nicht weitermachen wolle. Ich verneinte und wies darauf hin, dass ich bisher auch keine Verlängerung angeboten bekommen hätte. Die Ausrede ließ mich auflachen. Aufgrund des krankheitsbedingten Ausfalles EINER Mitarbeiterin, sei der Umstand, dass mein Vertrag auslief, übersehen worden. Was soll man dazu noch sagen? Eine Hand weiß nicht, was die andere macht. Und das auf allen Ebenen. Unglaublich.
Eine wunderbare Art, sich von einem Mitarbeiter zu verabschieden. Da freue ich mich wenigstens, endlich weg zu sein. Apropos. Man hat sich noch nicht einmal bei mir bedankt oder sich verabschiedet. Aber das kann ja noch kommen. Mein Arbeitgeber ist ja bekanntlich nicht von der schnellsten Sorte.