Ich will Leben, übertreiben, die Verpflichtungen vermeiden.
Weinbrand - Amaru

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Ich will Leben, übertreiben, die Verpflichtungen vermeiden.
Weinbrand - Amaru
angesichts all dessen, mit was ich mich auseinandersetzen müsste, bleibe ich lieber stehen
Ich habe mein Leben verloren!
Mein Leben wurde mir gestohlen,... die Name der Übeltäter sind:
“Alltag”, “Verantwortung”, “Pflichten”, “keine Zeit mehr für mich”
und sie wurden alle angeführt von “Du”.
Dringende Aufgabe. Is lieb?
es steckt in jenem weckerklingeln,
das mich nicht ausschlafen und zu früh aufstehen lässt,
um meinen gesellschaftlichen pflichten nachzugehen,
in jedem peitschenden regenschauer,
in jeder stechenden irritation,
welche hinter pupillen liebervollster eltern schlummert.
so klammere ich mich an die erfindung,
wo die erlösung monotheistisch und die schuld polygam ist.
© j.k / gedankensprache
Dein wahres Glück oh Menschenkind, so denke doch mitnichten, dass es erfüllte Wünsche sind, es sind erfüllte Pflichten.
Johann Wolfgang von Goethe (yourwaytosucces)
Wir haben alle von unseren Eltern eine Reihe von Verhaltensregeln und Lebensweisen mit auf den Weg bekommen. Diese sehen etwa so aus: "Pass dich an, hör auf andere, geh zur Schule, lerne fleißig, schreibe gute Noten, studiere wenn möglich oder suche dir einen anständigen Beruf, heirate, ziehe Kinder groß, sorge für das Alter vor, mach es anderen stets recht, bezahle deine Rechnungen pünktlich, sei ordentlich, mach keine Schwierigkeiten, zieh dich sauber an, komm nicht mit dem Gesetz in Konflikt, denk an die Zukunft, spare, sei strebsam" usw. Ich verurteile diese Regeln nicht. Sie können durchaus sinnvoll sein. Wenn unser Leben jedoch ausschließlich aus der Befolgung solcher Regeln besteht, dann können wir keine innere Befriedigung und keinen Sinn im Leben finden. Wir leben dann genau nach Fahrplan. Dieser geht jedoch am Leben vorbei.
Die Deadline wär jetzt dann langsam rum
Meine Chefin und Professorin wurde irgendwann vor einem Jahr gefragt, ob sie für ein Buch ein Kapitel schreiben wolle - und sagte zu. Natürlich. Anfang Dezember meldete sich dann die verantwortliche verlegende Person bei ihr mit den Worten "Also die Deadline wäre jetzt dann langsam rum" und hätte damit andere Menschen wahrscheinlich in Verlegenheit gebracht. Nicht so meine Chefin. Es war über die letzten Monate anderes akut und wichtig und zu erledigen (und zu erleben). Natürlich; man hat genug um die Ohren und verlegt to-dos auf morgen, bis es zu spät ist.
Warum ich das erzähle? Für alle, die Aufgaben auf den letzten Drücker erledigen (und sich deswegen Selbstvorwürfe machen), für die Adrenalin-Junkies, die nur so arbeiten können, für alle perfektionistischen Master-Prokrastinatoren, für alle, die wirklich gerne tun, was sie tun (müssen), aber eben auch gerne schlafen und spazieren und sozial interagieren.
Wenn du nicht gerade GesundheitsministerIn während Pandemiezeiten oder Bundesregierung im Klimawandel bist, wenn nicht Leben und Tod und Gesundheit von Millionen davon abhängen, dass du ablieferst? ist es vollkommen okay, auch mal eine Abgabefrist zu versäumen, deinen Essay oder deine Präsentation oder dein Lehrbuchkapitel statt 5 vor 12 erst um halb 1 einzureichen. Wenn du nicht mutwillig über die Zeit und Energie von anderen verfügst und entscheidest, sondern es deine Energieressourcen sind, die es geballt kurz vor knapp zu mobilisieren gilt, wenn es deine Nerven sind, die die Hochspannung der letzten Sekunde brauchen, um deinen eigenen inneren Widerstand zu überwinden? wenn das nun einmal ist, wie du arbeitest (und niemand darunter zu leiden hat), oder es gerade einfach nicht anders ging? es ist okay.
Ich habe gestern Abend nach dem Radeln durch matschigen Schneeregen nach dem Gespräch mit meinem Therapeuten (durchnässt, nach dem Radeln durch matschigen Schneeregen) nun einmal lieber mit dem Hund gekuschelt als meine Präsentation zu erstellen. Und das ist okay.
Ich kann aus keiner Hand lesen und nur mit einer schreiben, mit zweien tippen, aber: Meine Lebenslinie durchkreuzt andauernd alle meine Deadlines.