Meine Großmutter sagte immer, es gibt gute Geister und böse Geister. Rate mal, welchem ich begegnet bin.
Kennt ihr diese Kreuze, die am Straßenrand stehen? Die an der Stelle aufgestellt werden, an der ein Mensch tragisch ums Leben gekommen ist? Auf meinem Weg nach Hause befindet sich so ein Kreuz. Ein schlichtes Holzkreuz zwischen zwei spitzen Zypressenbüschen, davor stehen drei alte, vergilbte Grabkerzen.
Jedes Mal, wenn ich an dem Kreuz vorbeifahre, weiß ich, dass ich bald zu Hause bin. Nach dem Kreuz fahre ich noch 800 Meter geradeaus, dann kommt eine Brücke, nach der sich schon die Ausfahrt befindet, die ich nehmen muss.
Und auch wenn sich eine tragische Geschichte hinter diesem Mahnmal verbirgt, wurde dieses Kreuz zu einem positiven Symbol für mich – wenn ich es sah, wusste ich, dass ich in 15 Minuten zu Hause bei meiner Frau und unserer kleinen Tochter sein werde. Ich freute mich, und gleichzeitig fühlte ich mich schuldig; es kam mir pietätlos vor. Irgendwo ganz in der Nähe befindet sich eine trauernde Familie, die einen Sohn, eine Tochter, eine Mutter oder einen Vater verloren hat.
Eines Tages kam es auf der Strecke zu einem Unfall und ich stand im Stau. Und als wollte der Zufall es so, kam mein Wagen direkt vor dem Holzkreuz zum Stehen. Ich konnte zum ersten Mal den Namen auf dem Kreuz lesen: FINN LABOWSKI.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Und als ich unserer Tochter die Windeln gewechselt und sie wieder in den Schlaf gewogen hatte, setzte ich mich an den Laptop und suchte im Internet nach dem Namen, den ich auf dem Kreuz gelesen hatte. Finn war in meinem Alter, als er auf der Strecke verunglückte. Im Zeitungsartikel stand, dass er auf dem Weg nach Hause zu seiner schwangeren Frau war, als plötzlich ein Auto aus der Gegenrichtung von der Straße abkam und frontal mit Finns Wagen kollidierte. Sein Auto überschlug sich und krachte gegen eine große, alte Eiche. Das Foto in der Zeitung jagte mir einen Schauer über den Rücken – ein roter Kleinwagen, der sich um den Baum gewickelt hatte wie ein enger Schal. Finn starb noch am Unfallort. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs überlebte, und später fand die Polizei heraus, dass er 1,9 Promille im Blut hatte. In einem anderen Artikel erfuhr ich, dass er angeklagt, aber schlussendlich freigesprochen wurde. Er hatte genug Geld für einen teuren Anwalt, der einen Verfahrensfehler nachweisen und seinen Mandanten so heraushauen konnte.
Das Schicksal von Finn ging mir auch die nächsten Tage nicht aus dem Kopf. Ich musste ständig an sein ungeborenes Kind denken, das jetzt ohne Vater aufwachsen musste. Und das nur, weil so ein reicher Wichser sich besoffen ans Steuer gesetzt hat.
Dann kam der Herbst. Und mit dem Herbst kam das Unwetter. Es sind mehrere – für sich gesehen kleine – Ereignisse, die in der Summe zu einer Kettenreaktion geführt haben, an deren Ende ich dem Tod ins Auge geblickt habe – wortwörtlich.
Ich musste an dem Tag länger arbeiten und saß nach Feierabend erschöpft und mit schweren Augen im Auto, während der Regen mit einem metallischen Sound gegen das Dach hämmerte. Und eigentlich hatte ich an dem Tag allen Grund, mich zu freuen. Denn an diesem Morgen überraschte mich meine Frau mit der freudigen Nachricht, dass sie mit dem zweiten Kind schwanger war. Und nach dem Gefühl, das sie hatte, sollte es diesmal ein Junge werden.
Und dann geschah es – direkt nach der Kurve würde gleich Finns Kreuz kommen. Doch plötzlich stand eine Gestalt mitten auf der Straße: ein Mann, der wild mit den Armen fuchtelte. Ich konnte in der Dunkelheit ganz genau seine Konturen erkennen – wie der Regen an ihm hart abprallte, wie sein Gesicht von meinen Scheinwerfern reflektiert wurde.
Ich trat sofort auf die Bremse und mein Auto geriet ins Schleudern. Ich spürte, wie ich in den Sitz gedrückt wurde, und kurz hatte ich das Gefühl, dass sich mein Auto gleich überschlagen würde. Doch dann kam der Wagen zum Stehen. Ich atmete heftig, als ich plötzlich laute Sirenen hörte und im Rückspiegel das Blaulicht sah. Woher wusste die Polizei, dass ich einen Autounfall hatte? Oder waren sie nur zufällig in der Gegend? Ich schnallte mich ab und machte mich bereit auszusteigen, als das Polizeiauto an mir vorbeiraste, gefolgt von zwei Feuerwehreinsatzfahrzeugen, einem Krankenwagen und noch drei weiteren Polizeiautos. Erst das vierte blieb stehen und zwei Streifenpolizistinnen stiegen aus.
„Alles in Ordnung?“, fragte die größere von beiden. Ich erzählte, was passiert war, und während eine von ihnen mit der Taschenlampe nach hinten ging, um den Mann zu suchen, der plötzlich mitten auf der Straße stand, wollte ich von ihrer Kollegin wissen, was hier los war. Warum die ganzen Einsatzfahrzeuge?
„Die Brücke“, sagte sie und drehte ihr Funkgerät lauter, „sie ist eingestürzt.“
Es dauerte einige Sekunden, bis ich begriff, was sie damit meinte.
„Die Brücke …“, murmelte ich, „wann?“
„Vor nicht mal zwanzig Minuten.“ Dann blickte sie mich mit einem rätselhaften Blick an. „Sie hatten Glück, dass Sie dieser Mann aufgehalten hat. Die Stelle ist noch ungesichert. Gut möglich, dass Sie bei der schlechten Sicht mitten in den Abgrund gefahren wären.“
Ihre Kollegin kam wieder: „Sind Sie sicher, dass Sie jemanden gesehen haben? Ich bin bis zum Kreuz gelaufen, aber da ist weit und breit niemand.“
Als sich das Adrenalin legte, konnte ich wieder klar denken. Und nun wusste ich auch, warum mir das Gesicht des Mannes bekannt vorkam. Ich hatte es schon mal gesehen – in dem Zeitungsartikel über Finn.
Meine Oma sprach immer davon, dass es gute und böse Geister gibt. Die Bösen wollen dich in den Abgrund ziehen, die Guten wollen dich vor eben diesem Abgrund bewahren.
Am nächsten Tag brachte ich Finn frische Blumen und tauschte die Grabkerzen aus. Und wenn ich auch heute noch an dem Kreuz vorbeifahre, denke ich oft darüber nach, wie alles auf der Welt miteinander verbunden ist. Dass Freundschaften aus dem Nichts entstehen können und wir nicht alles verstehen können, was in diesem Universum geschieht. Und ich denke darüber nach, dass meiner Frau und mir der Name Finn gefällt. Denn so heißt jetzt unser Sohn.